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Presseinformationen und Medien

Kapitel 51: Nessun Dorma

Schatz-ich-denke-du-brauchst-das-nicht-1 ∞ Nessun Dorma Bardolino Nun, das ist Bardolino und nicht die Prärie. Ich latschte eine Runde durch den Ort. Staunend, aber wertfrei sah ich mir die Entwicklung an, die sich dort vollzogen hatte. Es sind zigmal mehr Pizzerien als früher. – Hier hinter dem Turm gabs doch nichts, oder? Die Straße war immer stockdunkel. Anlieferung. Einige Häuser waren kaputt. – Jetzt sind sie beleuchtet und von Kneipen genutzt. Mehr Menschen sind es aber nicht. Händchenhaltendes Schlendern oder Flanieren ist nicht mehr im Trend. Italienischen Kleidchen auch nicht. Lächelnd die abendliche Wärme bei wohlgesonnener Beleuchtung genießen? Leider nein. Es wird laut gelacht – beim Selfie sowieso. Weniger Menschen und es riecht bissiger. Ich käme im Blindflug hier durch – schnüffelnd den dünstenden Blasen von Deodorant ausweichen. Ein gewaschener Mann mit etwas Deo ist angenehm. Aber die Mannsbilder dieseln sich heute ein – „Meine Herren. Wollt ihr die Vögel vom Baum nebeln?“ Gardasee sind Familienerinnerungen. Es ist inniger als das Alleinreisen. Der Blumenstrauß an verschiedenen Meinungen und Träumen nährt mich. Gemeinsam einen vertrauten Ort zu besuchen und über Erlebnisse zu sprechen, ist ein sattes Plus. Es ist wie eine Mehrernte an Obst, für den Winter im Keller einzulagern. Die Orte sind geblieben. Sie haben sich mehr oder weniger verändert – wie wir. Wieder auf der Piazza angekommen, setzte ich mich in eine Weinbar. Ich trank meinen Wein und sah mir die Szene erneut an. Die beleuchtete Kirche mit den vier Säulen gab Halt in der Orientierung. Auf der Treppe hinauf bewegte sich mehr als sonst. – Menschen verschiedenen Alters, gleich gekleidet mit schwarzen Hosen oder langen schwarzen Röcken, sammelten sich in aufgelockert zusammenstehenden Grüppchen. Sie trugen weiße Hemden. Dann löste sich der Pulk auf und sie zerstreuten sich, um wieder an gleicher Stelle zu erscheinen. Es war ein Kommen und Gehen auf der Treppe an der rechten Seite vor der Kirche. Die Geschäfte waren noch geöffnet und zufriedene Kunden kamen heraus. Passanten spazierten an mir vorbei. Darunter auch mein Paar, Arm in Arm. Allmählich kam es mir so vor wie früher. Vielleicht ist das Runterfahren die Bedingung, um anzukommen, dachte ich. – Dennoch, wahrscheinlich bin ich heute zum letzten Mal hier. Wozu wiederkommen? Der Grund war die Familie mit Kind. Der Anlass: meistens ein Zwischenhalt auf einer langen Autofahrt. Allein fliege ich. – Und es gibt auch in Italien Orte, sogar in der Nähe, die meine Sinne mehr anregen. Venedig. Die Stadt fesselt mich, indem sie loslässt. Sie lädt mit Abertausenden Fixpunkten und Gelegenheiten dazu ein, sich an ihr festzuhalten. Nur wo? Oder wo nicht? Sie bleibt, bis ihr – es kann nur eine Frau sein – das Wasser bis zum Hals steht. Wer Venedig als Kulisse, als Motiv betrachtet, sieht sich unerfüllt wieder ausgespuckt. Orte wie Bardolino sind gefälliger beim Durchmarsch der Egos als andere. Sie sagen: „Willkommen in deinem Spiel.“ Venedig mahnt: „Benimm dich oder geh spielen.“ Mittlerweile klingt es wie ein ächzendes Wimmern unter der Touristenlast. Ich fühle mich in Venedig willkommen. Wenn alles so abläuft wie geplant, kommen wir morgen in der Lagune an. Ich hoffe, Lisa wird die Stadt lieben. Es werden nur ein paar Stunden sein. Aber wer weiß? Sollte sie länger bleiben wollen … Die Abruzzen sind auch noch meine nächsten Jahre da. Ich kann warten. Ich hoffte, dass das Paar einen Ort fände, mit dem beide etwas verbinden würden und an dem sie sich gegenseitig entdeckten. Die Aktivitäten an der Kirche steigerten sich. Dann entsprang Gesang aus gesättigter Stille. Er durchstreifte die Luft als warmer Hauch, der einen geleitete und vermochte, Tränen zu trocknen. Ich blickte zurück in die Vergangenheit und sah nach vorn. Weil ich nicht wusste, was kommen würde, sorgte ich mich um die Tiefe der Beziehung. Alles Aufschnappen und das Bewerten von Bruchstücken aus Erfahrungen ist weder Nostalgie noch Vorbild noch Wehmut. So sehr mir glückliche und verzweifelte Momente wachgerufen werden, geht es um einen verdammt langen Abschnitt eines Lebens. Meine Erinnerungen, dachte ich, seien für Ausblicke geeignet. Falsch, Anna. Die einzige Aufgabe, die ich in meiner Verantwortung wähnte, war die Beurteilung der Belastbarkeit einer erklärten Liebe. Und das war so ziemlich das Dringendste, wo ich gefälligst die Finger rauszuhalten hatte. Ich hoffte, dass es mir gelingen würde. Der Chor mit dreißig Sängerinnen und Sängern auf den Treppen rechts vor der Kirche sang von Herzen. Mit Inbrunst und Würde trugen die einheimischen Sangesfreunde italienische Lieder vor. Mehr und mehr Zuhörer nahmen Teile des Platzes ein. Sie lauschten und klatschten. Der Chor mit lokaler Identität war so authentisch, wie es nur sein konnte. Die Gesangsqualität war untergeordnet. Umso schlimmer für jemanden, der davon ausgeht, dass Weltklassetechniker unschlagbar sind: Der Dorfchor sang bombastisch. Nicht nur einschlagend, sondern treffsicher und mitreißend. Das Konzert endete. Ein Solist stand im Licht eines Scheinwerfers, der nicht brutal inszenierte. Er leuchtete. Der ganze Chor stand in diesem Schein und flankierte den unscheinbaren Mann vor einem Publikum aus brisant-vitaler Stille. Als Zugabe sangen sie, worauf die, die es wussten, vorher gefiebert hatten. Nahezu alle anderen erkannten die Mammutaufgabe der Sangeskunst nach den ersten vier bis acht Tönen. Jubel der Begeisterung und der Hochachtung schäumte auf. Als der Tenor einsetzte: „Nessun dorma! Nessun dorma!“, war es um das Publikum geschehen. Ich hatte es noch nie in dieser Dichte erlebt: Ein stilles Beben: Freude am Musikgenuss und knisternde Spannung aufs Finale zugleich. Der kleine Tenor berührte durch eine Wärme, die nicht gespielt sein konnte. Er war bei seinen Mitinterpreten behütet umgeben. Man spürte ihn selbst. Doch er spielte auch den liebenden Kaleb in Puccinis ‚Turandot‘. Sein Ausdruck war dennoch echt. Beides traf zu und gab ihm eine von der Gemeinschaft getragene Entschlossenheit. Das war jenseits der Möglichkeiten einer schauspielerischen Methode. Verinnerlichen und Abrufen und Befreiung von anderen ist das Gegenteil vom Augenblick. Er erlebte ihn. Die Hürde, auf die alle gewartet hatten, nahm er tapfer. Er sang es. Gesiegt wie besungen hatte er schon zuvor. Die Zuschauer applaudierten und feierten den Tenor. Er hatte sich getraut, rauszulassen, was er hatte, um im Ton hoch genug zu kommen. Er hatte

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Kapitel 50: Lisa kommt an. – Und taut sie auf?

Schatz-ich-denke-du-brauchst-das-nicht-1 ∞ Lisa kommt an. – Und taut sie auf? Bardolino Mit Lisa und Junior verlief der Abend in Bardolino entspannt und hagelfrei. Er zeigte ihr den Ort, den er kennt, wie früher das Nachbardorf zu Hause. Vertraut. Zu einigen Gesichtern fallen einem Geschichten ein, und man vermeidet, sich an den Wirt zu klammern, der einen wirklich erkennt. Anders Junior. Der ist schon froh, wenn er nur irgendjemanden wiedererkennt. Im Gespräch fällt ihm alles ein. Nur an Glanztagen dringt es gefiltert und geordnet aus ihm. Manches Mal erinnert er sich zu explosiv an zu viel. Ich beobachtete Lisa, wie sie die Eindrücke in sich aufsog. Sie konsumierte die Reize mehr, als dass sie mit ihnen umging und imstande war, ihren Anteil daran zu entdecken. Es muss eine ungeheure Anstrengung für sie sein. Nicht der Urlaub mit ihrem Zukünftigen. Den kann sie sich zurechtlegen. Sie verlässt ihre Familie und hier sitzt die angehende Schwiegermutter am Tisch. Junior kann man achtlos überall hinschmeißen. Er verhält sich immer gleich. Das halten manche in der Sache für originell, aber nicht jeder ist gern mittendrin. Distanz kennt er so wenig wie gepflegte Rücksichtnahme. – Bei Lisa verhielt er sich als Kavalier. Die Fahrt steckt ihm in den Knochen, dachte ich. Er kann noch so alt werden und ungenießbar bleiben: Junior ist mein Kind. Die Gedanken um ihn tauchen unangekündigt auf. – Aber er bewegte sich rund, plauderte und hörte zu. Wir besprachen die weitere Reiseroute. „Lisa, wo möchtest du morgen hinfahren? Venedig auf einen Kurzbesuch? Dann weiter an der Adria in die Abruzzen oder Richtung Florenz in die Toskana?“ Wir können auch in Venedig übernachten oder dort bis zum Termin bleiben.“ Ich zeigte ihr, dass ich flexibel war. „Ana. Ihr beide habt geplant Reise. Ich komme mit, wo mein Maan fährt.“ „Der fährt länger als er gehen könnte. Wenn wir aber irgendwo auch ankommen wollen, müssen wir es ihm sagen, sonst sitzen wir den ganzen Tag im Auto und er fährt und ändert dauernd die Route, während er am Navigationssystem spielt. „Ich denke, Venedig ist gut. Ich würdde gehen gern Meer in Adria und sehen Amaaalfi. Wenn Venedig ist zu kurz, wir können gehen nach Termin auf Fahrt zurück gaanzen Tagg.“ Das war so weit geklärt und Junior saß nur grinsend am Tisch. Er strahlte eine Gelassenheit aus, die mir neu war. Er heckte nichts aus, oder zumindest merkte ich es nicht. Weil ich mir nicht sicher war, fragte ich ihn – auf meine Art: „Junior. Könntest du dich bitte an diesem Gespräch beteiligen? Schließlich geht es um eure Reise.“ „Ihr macht das schon. Sagt mir einfach morgen, was euer nächstes Ziel ist. Die kommenden vier Tage könnt ihr verdaddeln. Dann sollten wir aber in einem Rutsch nach Pescara fahren. Ich liebe seine Diskussionsfreude. Da fühlt man sich als Mensch gleich ernstgenommen und spürt seine Begeisterung, an gemeinsamen Dingen mitzuwirken. „Und was willst du?“ „Oh Mutter. Deine Lieblingsfrage. Mit der haben wir mehr Zeit verbraten, als tatsächlich etwas zu unternehmen. Was ich will? Eine entspannte Zeit mit euch. Wo, ist mir vollkommen egal. Du kennst dich einigermaßen aus. Lisa hat sich informiert. Ich bin doch nicht bescheuert und mische da mit.“Zumindest in diesem Punkt unterscheidet sich Junior von seinem Vater. Es ist ihm wirklich egal – vermute ich. Anders verhält es sich unterwegs. Wenn er irgendetwas Vielversprechendes – einen Fluss, einen See, ein altes Dorf auf einem Hügel – sieht, spricht er gern von kleinen Abstechern. Dann beginnt meistens eine Odyssee über Land. „Schatz, ich denke, du brauchst das nicht.“ „Was brauch ich nicht, Schatz?“ „Du brauchst nicht saggen irgendwas, wenn es dir nicht wichtig.“ „Sag ich doch“, antwortete Junior und griff nach einer Olive. Es dauerte ewig, bis er sie zu fassen hatte. Venedig war mein Wunsch und Lisa schloss sich mir an. Ich kenne keine Umfrageergebnisse, ob Venedig mehr ein Frauen- als ein Männerreiseziel ist. Aber ich habe eine Ahnung. Außer dem Meeting in Pescara waren wir frei in der Planung. Es einfach treiben zu lassen und auf Lisas Träume und Ideen einzugehen, erhöhte für mich die Spannung. Ich wollte beobachten, wie sie mit neuen Eindrücken umging. Würde sie weiterhin kontrolliert und, wie ich fand, wortkarg bleiben? Das Zünden eines mediterranen Emotionsfeuerwerks in belarussischer Brust erwartete ich nicht. Vielleicht hoffte ich auf ein erstes Glimmen einer winzigen Wunderkerze. Wir beiden eingeheirateten – es sollte mit Lisa wohl so kommen – Mayer-Frauen hatten mit Junior leichtes Spiel. Zumindest was die Ziele anbelangte. Ihm war es komplett egal. Er würde fahren, wohin wir ihn dirigierten. Nach dem Essen ließ ich sie allein und spazierte meiner Wege. nächstes Kapitel

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Kapitel 49: Dom und Dolce Vita

Schatz-ich-denke-du-brauchst-das-nicht-1 Dom und Dolce Vita Mailand Im dichten Verkehr fuhren wir in den engsten Stadtkern und fanden nicht gleich ein Parkhaus. Mein Sohn wäre in aller Ruhe etwas weitergefahren, bis auch das letzte Caffè geschlossen hätte. Mich zog es in den Dom. – Natürlich wollte ich es. Keine Frage. Junior hatte mit Zoff zu rechnen, wenn er es vermasselte. „Halt an, ich steig aus und frage ein Taxi. Da vorne steht eins. Fahr uns hinterher. Wenn du mich verlierst, ruf an.“ Auf den Widerstand vom Fahrersitz habe ich nicht mehr geachtet. Er grummelte irgendwas. Mir war schon klar, dass man zumindest damals nicht direkt mit fremden Fahrzeugen plauderte. Es galt nur eins: so schnell wie möglich widerstandslos aus dem Wagen zu kommen, um Ergebnisse zu produzieren. Ich flitzte zu dem Taxifahrer und fragte ihn, ob er mich zum nächsten Parkhaus bringen könnte. Er zog die Augenbrauen hoch und ließ sie sogleich wieder sacken. Der Mann mit dem windigen Gesicht sagte sofort zu. Er lächelte. Ich stieg auf dem Beifahrersitz ein und schnallte mich an. Bereit. Die rasende Fahrt durch das geschäftige, verkehrsüberlastete Mailand konnte beginnen. – Und sie endete, kaum, dass ich angeschnallt war und mich darauf eingelassen hatte. Er fuhr unmerklich hundert Meter und blieb stehen – genau vor der Einfahrt zu einer Tiefgarage. Eine Bezahlung lehnte er ab. Junior stand mit dem Wagen direkt hinter dem Taxi. Er ließ es unkommentiert. Weil ich schon mal dort war, folgte ich meinem Wunsch in den Mailänder Dom. … – Blödsinn, das war die knallharte Bedingung, falls es in die Stadt ginge. Wie könnte ich es nicht versuchen? Wir trennten uns auf der Piazza del Duomo. Ich bog links ab und hielt kurz inne. Er – wie sollte es anders sein – flanierte mit meinem struppigen Hund an der Leine nach rechts. Paulchen ist anpassungsfähig. Die beiden hatten ein Ziel, das sie nicht kannten. Ihre Witterung war eindeutig. Ihre Mienen waren gleichgeschaltet. Eine lässige Männertagstour. Und ich war noch keine zehn Meter in ihre Vergangenheit gerückt. Ich wusste, wo ich sie finden würde. Nun war der Dom dran. Meine Männer würden warten können. – Sie konnten. Sohn und Hund vergnügten sich in der Galleria Vittorio Emanuele Secondo bei je einem Kaltgetränk. Sie sind natürlich blindlings treffsicher im Camparino gelandet, um es sich gut gehen zu lassen. Junior erwies dem Lokal mit einem Campari-Orange seine Wertschätzung. Paulchen blieb bei Wasser. Er wusste es zu schätzen, dass sie am Platz servierten und keine Gemeinschaftstränke aufgebaut waren. Er bevorzugte, nicht mit jedem dahergelaufenen Hund zu dinieren. Paulchen war ein Snob. In Bozen hatte er in der Hotellobby, beim Rausgehen, gegen einen Schalenkoffer gepinkelt, nur weil ihn die Reisegruppe störte. Er strullte schneller, als ich ihn zerren konnte. Gekonnt ist gekonnt. Schließlich war er ein reinherziger Mischling aus exzellenten Linien. Seine Zeiten allein im Wald, verfolgt von den Tierhäschern, und die Monate im Heim lagen Jahre zurück. Junior und Paulchen hatten die besten Plätze in der Lauflage der Galerie. Alles im Blick. Das Camparino hat den erarbeiteten Ruf, ein Füllhorn der Gastfreundschaft zu sein. So war es. Sie verwöhnten Paulchen und Junior nach Strich und Faden. Der eine hätte es nicht verdient. Der aus dem Tierheim war es nicht gewohnt. Gut, mittlerweile schon. Zum Getränk, das ihnen jeweils vor die Nase gestellt wurde, gab es Snacks. Eigentlich heißt das Gedeck Aperitivo. Sie servierten raffiniert zubereitete Leckereien, darunter Würstchen im Schlafrock und andere Variationen von „Schienkän?“ Das war Paulchens Lieblingswort. Schinken stand stellvertretend für fleischliche Nahrung, die kein Hundefutter war. Er beantwortete die Frage mit einem Kläffer. Mit dem Ton hatte er in München schon Promis die Wandungen von Fahrstuhlkabinen hochgeschreckt. Ein kristallbesetztes Smartphone demonstrierte dabei funkelnd seine losgelassenen Flugeigenschaften. Paulchen bettelte nicht. Das war gar nicht nötig. Bei seinen schönen Augen gab es kein Entkommen. Sein Lieblingsuntergrund: Gras. In der Galleria begnügte er sich mit den Marmormosaiken. Beim Essen und in einem gepflegten Ambiente ging er mit dezenten Mängeln großzügig um. Sein Lieblingslied war ‚Viva Colonia‘. Mein Sohn hatte es ihm vorgesungen. Junior meinte, dass Paulchen bei den von mir oft gespielten Bach-Kantaten geringfügige Vorbehalte hätte. Auch die Goldberg-Variationen hätten den Hund nicht „umgehauen“. Das war mir vorher nicht bewusst. Erst als ich es sah, erkannte ich verheimlichte Leidenschaften von meinem Paulchen: Bei dem Gassenhauer drehte er ab. Er schunkelte – der Hund schunkelte – und tanzte. Da wusste ich, dass mein Heranführen an Johann Sebastian Bach fruchtlos bleiben würde. Beide keine Kostverächter, ließen sie sich die Wartezeit in der Wandelhalle der Passage gern und gut gefallen. Sie knabberten das gleiche Essen und hatten verschiedene Getränke vor der Nase. Die Kellner und Kellnerinnen versorgten sie fortlaufend. Und sie hatten ihnen wohl angesehen, dass beide ihre vegane Phase hinter, sich jedenfalls nicht vor sich hatten. Ich kam schneller aus dem Dom als gedacht. Man hatte mich an der langen Schlange vorbeigebeten. Warum? – Ich habe keine Ahnung. Im Eingang der Galerie hielt ich kurz inne. – Natürlich ist das Gebäude prachtvoll, und den Vergleich mit anderen ähnlichen Objekten möchte ich nicht wagen. Ich kam auch nicht auf den Gedanken. Meine beiden Genusswesen lenkten die Sinne auf sich. Gut versorgt und umhegt betrachteten sie die Menschen und Vierbeiner, die durch die Halle an ihnen vorbeiflanierten. Dann sahen sie mich, und Paulchen bellte sich vor Freude in Rage. Es hallte, als wäre die Stadt voller Hunde. „Hey, du bist aber flott. Haben sie die Leute in Schüben in den Dom gelassen?“ „Nein.“ Ich sah ihn nachdenken. Mutter, sakrale Kunst, Kirche – Warteschlange. Wie lang war sie weg? „Sie haben mich durchgewunken. Frag bitte nicht, warum. Ich weiß es nicht.“ „Hatte ich nicht vor.“ Auf der Rückfahrt nach Bardolino gab es schon in Mailand ein Gewitter der Extraklasse. Im Auto war mir unwohl. Stromleitender Käfig hin oder her. – Ich mag Blitze nicht. Ich liebe sie … aber nicht direkt über mir. „Die sollen sich bitte versch … – Und du? Du …“ Das gibt es nicht. Den Schweißausbruch kenne ich zu gut. Das hektische Gestammel bis hin

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