Brieffreundschaften
Wald und Welt
Mein Weg zur Straße war eine ungezählt geringe Anzahl von Schritten. Ich erlebte sie mit sicherem Ziel und unsicherem Ausgang. Was erwartet mich? Wer?
Der Weg war der Ort, wo sich geballt abspielte, was mit mir zu tun hat: Familie, Freunde, Haustiere. Einzeln und zusammen. Wir feierten dort nicht nur Silvester. – Bis zu dreißig Menschen standen vereint, um das neue Jahr zu begrüßen.
Unser Neufundländer zog dabei eine Rakete mit brennender Lunte aus einer der Startanlagen. Warum er das schwerste Geschoss aus der Batterie von geleerten Sektflaschen wählte, blieb sein Geheimnis. Die Zündschnur brannte, und sein Hausrecht fing Feuer. Er kam aus dem Nichts angeschossen. Ansatzlos und ohne Rücksicht biss er zu und trug die Rakete zum Walnussbaum. Da stand er unbeeindruckt und uneinsichtig. Die pfeifende Entladung des Treibsatzes kam aus der einen Seite seines Mauls. Im Haus war die Stereoanlage voll aufgedreht. Dem Hund ploppten die Leuchtkugeln aus dem Papprohr auf den verschneiten Rasen. Seine Lefzen und Haare bekamen verschiedene Garstufen. Die bis zu vier Meter weit heraushüpfenden Feuerbälle hatten erbärmliche Flugkurven.
Händels Feuerwerksmusik feierte mit uns den Moment. „Baa – ba–baaa …“ „Fauch, plopp, plopp, zisch …“
„Kann mal einer Mobbel die Rakete wegnehmen? – Junior!“ „Immer ich. Er kann mich nicht ab. Außerdem ist es Mamis Schätzchen.“
„ …ba–ba–ba–ba–ba–ba – ba–baa.“
Der Hund blieb cool und roch verbrannt. Feuerwerk und Sprengkörper lagen ihm nicht. Als einen Pazifisten hätte ich die schreibtischgroße Maus dennoch nicht bezeichnet.
Junior kam mir auf den zehn Metern betongepflasterter Sicherheit unzählige Male entgegen. Einmal hatte er sich einen Blechschaden auf der Rückfahrt vom Wehrdienst eingefangen. Er war angefressen. Der Unfall: selbst verschuldet. Das Blech parkte er vor der Tür. Ich hatte beide Augen, aber kein Ohr für mein Kind.
„Ja, fein. Hast du Schmerzen? Ist dir schlecht? Zieh mal dein Hemd hoch. Sofort! Tut das weh?“
Reine Routine. Was er sagte, war das, was er sagen wollte. Für Unfallmärchen und ‚gerade noch mal mit dem Leben davongekommen‘-Heldenreisen mit Blechschaden hatte ich keine Zeit. Ich sah ihn mir an, um zu erkennen, ob er wirklich unverletzt war. Ein Mayer merkt manchmal so kleine Auffälligkeiten wie Wunden oder einen sich verfärbenden Bereich zwischen Brust und Hüfte nicht.
Innere Werte
Zehn Meter waren es bis zur Verbindung mit der nahen und der fernen Außenwelt. – Früher war sie nicht erhitzt von digitalen Datenströmen. Es gab Raum und Zeit zum Atmen.
Ich war unterwegs zu einer Wundertüte. – Sie ist meine Einladung an die Welt, sie täglich neu zu befüllen. Manche Inhalte waren Schätze über das Leben derer, die mir am Herzen lagen und liegen. Jedes Thema, die kleinste Regung, das zarteste Gefühl hatte und hat meine Aufmerksamkeit. In Zeiten der ach so spontanen, öffentlichen Worte und Bilder ist es für mich schwieriger. Das ‚Warum?‘ ging flöten.
Ich lese die Post mit Achtung und Anteilnahme. Alles zwischen den Zeilen zu raten, gelingt auch mir nicht. –
Sorry, Nurimitsu.
Die Post ist da! – Vier schnell dahingedachte Worte, die bei mir Wirkung zeigen. Es wäre eine weiße Wand, wenn ich nicht schon gelebt hätte. Vorgeschichten und laufende Beziehungskisten hinterließen Spuren, die nichts und niemand deckend überpinseln kann.
Die Box war eines dieser amerikanischen Hangar-Modelle. In Filmen mit einer Farm im Mittleren Westen tauchen diese Sinnbilder für endlose Weite gern auf. Die Box signalisiert: „Ab hier wird es privat, auch wenn du das Haus nicht siehst.“ Im Dorf, vor den Toren Hamburgs, ist das Bild etwas gehetzt. Die Zeitung ließ sich vor die Haustür feuern. Unsere Blechdose war in gelbem Lack. Sie hatte eine ebenso metallene, aber rote ‚Fahne‘, die der Briefträger zur Anzeige der Befüllung hochklappte.
Sie hatte viel miterlebt, die Dose der zu lüftenden Geheimnisse. – Innen wie außen. Bei der Montage hatte der damalige Jungspund Mayer Senior alles gegeben. Er fällte einen Baum neben dem Haus, rodete ihn und sägte zwei Meter des dünnen Stammes ab. Davon buddelte er einen vor dem Gartenzaun in der Erde ein. Die Box schraubte er mit einer Holzschraube durchs Blech auf das Hirnholz. Fertig! Bauwerke für die Ewigkeit: Mayer.
Der Gaul hatte sich am Briefkasten geschubbert. Voraussetzung war, dass es unserer Haflingerstute gelungen wäre, allein vom Grundstück zu kommen. Die Gartentür hatte einen ‚Hoch-und-zur-Seite-Kippriegel‘. Den Trick hatte Rosa schnell mit der dicken Lippe raus. Sie ging gern etwas spazieren und besuchte die saftigen, blühenden Vorgärten der Nachbarn. Die Box wurde von Besuchern an- und umgefahren. Kinder zündeten jedes Jahr Böller im scheppernden Blech. Der Briefkasten bewegte sich mit. Und wenn es gelungen war, flog er auseinander. Wir hatten Ersatz im Keller – Holz, Spaten und Schrauben sowieso.
Eine Schippe zu viel Pathos mit Heimatidyll über die postalische Bürgerpflicht? Mayer Senior war unterwegs, das Kind altersgemäß ähnlich. Ich blieb aus Gewohnheit zu Hause. Meine Präsenz stand für die Helden und Hunde außer Frage. Sie erkundeten zu unserem Fortbestehen die Wildnis. – Alle.
Vielleicht ist es Nadelya aus Sankt Petersburg. – Oder ihre Enkelin, weil meine hochbetagte Freundin letztens erkrankt war – hoffentlich kein Brief von der Kleinen. Ist es der Pastor aus Nigeria, von dem ich nicht weiß, ob es ihn gibt? Sammelt er wirklich Geld für Hilfsprogramme, um Brunnen zu bauen? Danuta aus Warschau ist mit ihrem Brief lange überfällig. Wird sie die neuesten Parteiparolen mit ihrer Feder nachplappern? Die polnische Regierung hat gewechselt. Wie schnell stellt Danuta sich darauf ein und zieht wieder mit? – Es könnte auch Nurimitsu sein.