Leseposition speichern

"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 8: Schicksalhafte Fügung

Schatz-ich-denke-du-brauchst-das-nicht-1

Schicksalhafte Fügung

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Köln - Lüneburg

Dass ich die zurückliegende Zeit für mich komplett durchschaut hatte, behauptet keiner. Obwohl – schon das Anheben eines Deckels eröffnet zumindest neue Eindrücke. Muss aber nicht sein. Genauso hätte es einfach passiert sein können, dass sich zwei Menschen, Lisa und Junior, ohne Initialzündung getroffen hatten. Sie hätten Zuneigung füreinander empfunden und sich schätzen und lieben gelernt. Sie wären wie Kristalle unter dem Eis an getrennten Stellen des Gletschers unterschiedlich bewegt worden. Mit der Schneeschmelze gelangten sie auf verschiedenen Strömen in das gleiche Gewässer. Dort erkannten sie einander am Funkeln des anderen …

Na ja, Mineralogie ist nicht meine Stärke. Und wenn Junior ein Kristall ist, steckt er noch ummantelt von Gestein in einer Druse. So leicht bewegt die sich nicht von der Stelle.

Ganz zufällig war es nicht. Von langer, unwissender Hand hatte sich da etwas aufgebaut, das bei ihrem ersten Treffen ins Tal rauschte. Es gab keine Anzeichen, weil niemand damit rechnen konnte. Zu keiner Zeit wusste jemand, worauf man hätte achten sollen. Der Schnee für das Lawinenbrett blieb liegen, weil wir eine untätige Firma in Sankt Petersburg, Russische Föderation, hatten. Lisas Arbeitgeber zeigte Interesse, die namensträchtige Hülle zu kaufen. Der Kontakt kam durch gemeinsame Geschäftsfreunde in Köln zustande. Die Zeiten waren anders. Dabei war kein Jahr verstrichen.

Einer kommt, eine geht.

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Junior und ich waren auf einem Geschäftstrip. Der hatte nichts mit der Firma in Sankt Petersburg zu tun. Es war ein Positionierungstreffen. Beide Parteien wollten zusammenarbeiten und beschnüffelten sich, während sie über Inhalte sprachen und Konditionen ausspähten. Anlass war ein Samstagabendevent mit Musik und Tanz in der Domstadt. Meine Überlegungen zu dem Termin waren knallhart: Entweder wie üblich ein Wochenende zu Hause in Lüneburg verbringen oder Party in Köln und Sonntag in den Dom.

Der Abend war frei von Überraschungen. Ich habe aufrechte Geschäftsfrauen kennengelernt, die mich mitrissen, die ich anfeuerte, denen ich zusprach und die ich tröstete. Genauso traf ich Männer, die beschäftigt waren, für sich Interesse zu wecken. Wie üblich hatte ich wieder eine Prominente nicht erkannt. Versehentlich stellte ich im Small Talk eine Frage, die meine Unkenntnis entlarvte. – Etwa in der Gewichtsklasse, sich bei einer gut genährten Vertreterin des schönen Geschlechts nach dem Tag des direkt bevorstehenden freudigen Ereignisses zu erkundigen. Es war nichts Persönliches. Ich hatte sie nur nicht erkannt. Unsere Begegnung war absurd. Ich hätte sie kennen müssen – ihretwegen.

Nett war’s. Vor allem mit den jüngeren, auf Selbstbehauptung ausgerichteten Frauen kam ich offenherzig zurecht.

Nachdem die Veranstaltung beendet war, streiften wir durch die Altstadt und endeten in der Hotelbar. Fünf der Herren folgten uns. Es gelang uns nicht, sie mit zugeneigtem Desinteresse abzuschütteln. Es waren Junior sowie Freunde und Kollegen meiner Frauenclique. Sie waren geduldet und benahmen sich anständig. Einer witterte Morgenluft und parlierte in einer Charmeoffensive. Der Ball kam ins Spiel. Er flog – aber ins Leere. Sein Lachen war ansteckend – mehr nicht. Der Funke sprang zwar über, es flackerte, kurz bevor es verglomm. Die Ladys waren immun. Geimpft. – Von mir. Junior hatte keine Chance bei ihnen. Er saß da wie zwischen Cousinen.

Am nächsten Tag stand ich auf, frühstückte und zog los, um aus dem Hotel direkt zum Dom zu gelangen. Es war ein belebender Sonntagmorgen. Der Portier begrüßte mich mit den Worten: „Guten Morgen Frau Mayer. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Sonntag. Ihr Sohn kam jüngst zurück.“

„Danke. Das wünsche ich Ihnen ebenso. Mein Sohn? Was bitte meinen Sie mit ‚jüngst‘?“

„Vor einer Stunde etwa.“ Der Mensch mit der akkuraten Haltung behielt das Grinsen im Gesicht.

„Danke.“ Wahrscheinlich lüpfte ich die Augenbrauen.

Da war kein Anzeichen von dauerhafter Bindung bei Junior zu entdecken. Ich hoffte, aber suchte nicht. Er war schon irgendwie auf der Suche – oder auch nicht. Zwischen sich treiben zu lassen, Sprint und Langstreckenschwimmen entschied er nach Tagesform.

Das änderte sich schlagartig, nachdem diese Kölner Unternehmer den Kontakt zu Lisas Arbeitgeber hergestellt hatten. Als Lisa und ihr Zukünftiger sich das erste Mal trafen, war es um sie geschehen. Sie waren auf der verliebten Schussfahrt ins Glück. Der gemeinsame Wille, es zu bewahren, würde sie die Abfahrtsski in Schneeschuhe eintauschen lassen. So kämen sie durch alle Schneewehen – gemächlich, weniger wedelnd –, aber im geliebten, gelernten Einklang.

Den Buhmann bei den Kölnern zu suchen, wäre völlig daneben.

Ironischerweise war ich viele Jahre zuvor der Auslöser dafür, dass Mayer Senior besagte Firma in Russland überhaupt erst übernommen hatte.

Neugierde auf Menschen anderer Länder mit deren Kulturen blieb mir trotz Verboten in Jugendjahren und einer frühen Schwangerschaft erhalten. In Kindheit, Jugend und dem Leben als Ehefrau und Mutter war der Tellerrand das Ziel. Er gab die Chance, mich umzusehen, und löste den Reiz aus, zu springen – um abzuhauen.

Mein Zuhause: erst ein Dorf, Wald, später Stadt. – Überall gab es ein simples Mittel gegen Fernweh. Es ermöglichte mir, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Heute ist Social Media auf Zuruf zugänglich. Man ist in Echtzeit präsent. Schwer vorstellbar, dass es früher keine digitalisierte Anteilnahme gab. – Aber es funktionierte:

Zur Vermeidung von Spam und Verbreitung von propagandistischen Inhalten, Beleidigungen und unziemlicher Wortwahl, werden alle Beiträge vor Veröffentlichung geprüft. Gleiches gilt für Kommentare, die so überhaupt nichts mit den Textinhalten zu tun haben. Eine Zensur von kritischen Äußerungen, Wertungen und Emojis findet nicht statt.

4 3 votes
Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Meinungen
Inline Feedbacks
Alle Kommentare zeigen

aktuelle Leseproben

alle Kapitel