Mittel gegen Flugangst
Korfu
Wir hatten nach der eigenwilligen Landung auf Ibiza wenige gemeinsame Flüge. Junior kam nicht mehr mit dem Verkehrsmittel klar. Beim Endanflug auf Neapel flogen wir durch die schwarzen Rauchschwaden von brennenden Autoreifen auf einem Müllberg. Die anschließende Überfahrt im verglasten Schneewittchensarg, dem Tragflächenboot zur Insel Ischia, sagte ihm ebenso nicht zu. Es folgten für ihn nur fünf weitere Flugziele, inklusive einer Geschäftsreise. Dann war er hart genug, sich wie ein Mann zu benehmen – und komplett das Fliegen zu verweigern.
Einen einzigen Flug hatte er genossen. So stelle ich mir den Adrenalinrausch bei Extremsportlern vor. Es war der Rückflug aus dem Familienurlaub von Korfu nach Hamburg.
Der Flughafen der Insel im Ionischen Meer ist sogar für unerschrockene Gemüter wie mich Anlass für ein Augenzucken. Die Start- und Landebahn endet im Wasser. Auf der Gegenseite kommen gleich die Berge. – Hübsch anzusehen, knifflig bis unmöglich zum Durchstarten. Sicher gibt es andere Gewichtsklassen von Flughäfen, was Risiken anbelangt.
Ein Angsthase wie Junior prügelt sich kleinste Abweichungen von einer idealen, windstillen Umgebung mit dem Presslufthammer ins Nervenkostüm. Auch hatte er registriert, dass die technische Ausstattung des Flughafens überschaubar war. Es hatte etwas von einem Freiluft-Hobbyraum. Junior war mit seinen Ängsten bis an die knirschenden Zähne bewaffnet. Die Landung zwei Wochen zuvor hatte er in Unkenntnis der Örtlichkeit weggesteckt. Unter hundert Metern störte ihn die Fallhöhe – die Zeit zur inneren Auseinandersetzung – nicht mehr. Fliegen ist fallen. 300 Sachen im entgleisten Zug und Junior sieht Potenzial.
Ein finales Ereignis, das sein „Verdammte Scheiße, das ist nicht euer Ernst?“ auslösen würde, empfindet er als kritisch belastend, aber überschaubar. Dann müsste aber mit dem Aufschlag Schluss – Ende – finito sein. Größere Fallhöhe bedingt mehr Fallzeit bis zum unverhandelbaren Effekt. Eine Chance mit absolut Nullkommanull ist für ihn keine Option. Technisch gesehen käme er mental klar. Er hatte es unzählige Male trocken durchgespielt und sich bei der Vorstellung, zu fliegen und abzustürzen, emotional voll reingehängt. Trotzdem – nur real ist wirklich echt. Die Unsicherheit bleibt ihm gewiss. Fallphase 2: Das „Warum ausgerechnet ich?“ – Junior? Mit Links. Er hatte es täglich, sobald der Wecker klingelte. Vorn derlei Betroffenheit ist er befreit. Die Qualitäten der Konsequenzen variieren, aber der Satz begleitet sein Leben. Je nach Schadensbild kann der Moment auch den unentdeckten Piloten und Experten in ihm wachrufen. Er wäre bis zum Aufprall beschäftigt. – Perfekt. Jede halbe Sekunde außerhalb dieses künstlichen Horizontes wäre Gift für seine Laune – unausstehlich. Am schlimmsten träfe die Selbstkritik: „Hätte ich doch …“ Es würde ihn als Hirschgeweih der Fehleinschätzung an die Pforte des Niedergangs nageln.
Beim Start hatte Junior alles noch vor sich. Eine nicht vertrauensfördernde Besonderheit auf Korfu war, dass sie die Hauptstraße neben dem Flughafen für startende Flugzeuge sperrten. Der rechte Flügel ignorierte den flatterigen Maschendrahtzaun, das in Toleranz rostende Symbol einer theoretischen Abgrenzung. Die Tragfläche ragte mit dem tief hängenden Motörchen der Boeing 737 weit über die Straße. Wir schienen den Platz zu brauchen, um die ganze Länge der Startbahn auszunutzen. Ausschöpfen wollte niemand die letzten Reserven der Strecke. Bäuchlings ins Wasser zu fahren, war vermutlich nicht geplant. Wir erwarteten nicht viel vom Start. Wie auch? Womit vermag ein Allerweltsflugzeug, der Urlaubs- und Cityhüpfer für Kurz- und Mittelstrecke schlechthin, einen Eindruck zu hinterlassen? Wir saßen im Luftbus.
Der Pilot begrüßte uns. „Liebe Fluggäste, hier spricht Ihr Kapitän Richthofen. Ich begrüße Sie an Bord unseres Fluges von Korfu nach Hamburg.“
Da war es um meinen Sohn geschehen. „Das kann lustig werden“, sagte der Angsthase erwartungsfroh. Junior? Das Kind, das behauptete, wenn er selber flöge, sei alles in Ordnung?
Er witterte beim Namen des Kapitäns eher keinen Luftkampf – aber Professionalität und Abenteuer.
Wir hielten in der unvorteilhaften Position auf dem Flughafen und über der Inselstraße. Die Triebwerke drehten hoch – und höher. Das Flugzeug bewegte sich nicht. Richthofen stand voll auf der Bremse. Die rauschenden Motoren an vor Erregung schwingenden Flügeln gaben ihr Bestes.
Das ist eine andere Liga als an der Ampel mit durchgetretener Kupplung. Da jault es nur beim Flippern mit dem Gaspedal. Richthofen ließ den kompletten Flieger ächzen und vibrieren. Ein Vogelpark der mechanischen Beanspruchung mit Erschütterungen und Geräuschen aller Wellenlängen.
Unser Vogel wollte los und schob ordentlich. Das Fahrwerk war wie festgenagelt. Was noch an Staub und unverbrannten Teilchen des Warmlaufens in den Rohren steckte, war ohne Rettung. Es verglühte, verpuffte und schoss im Abgasstrahl quer über die gesperrte Straße. Der Blick aus dem Fenster zeigte es deutlich: Wir waren ein Top-Ereignis. Locker dreißig Schaulustige, waren neben uns aus ihren Fahrzeugen ausgestiegen. Auch der Verkehrspolizist stand bei ihnen.
„Was soll das? Guckt mal! Wetten die auf uns? 20 für einen, dass es mit dem Startversuch hinhaut?“, sagte die dunkle Seite meines Sohnes.
Der Pilot zog den Fuß von der Bremse und der Vogel schoss mit irrer Gewalt nach vorne. Wasser spritzte von der vom Meer am Ende benetzten Startbahn auf, als das Flugzeug abhob. Wir saßen hinten.
Der Flug verlief normal. – Zunächst. Die Strecke über die Adria war unaufgeregt. Ich erkannte Venedig in den Umrissen und zunehmend in einzelnen Details von Plätzen und Kanälen. Erinnerungen erwachten. Mich ergriff erneut der Wunsch, noch einmal dorthin zu reisen. Eigentlich war es ein Verlangen, das sich nicht erlaubte, zu fordern. Sehnsucht; am Ende Heimweh nach Venedig? Alles streift, doch nichts trifft es genau. Ausgerechnet, aber nicht überraschend ist die Stadt Nahtstelle meiner belastbaren Mehrlagigkeit.
Dann kam die Durchsage vom Kapitän, die einen Einfluss auf die Gemütlichkeit haben sollte. Er fragte wegen eines Notfalls an Bord, ob sich ein Arzt unter den Passagieren befand. Dem war so. Ich hatte diesen Fall erst auf drei Flügen erlebt.
„Halb so wild“, sagte Junior. „Solange die Pilotenstimme nicht vom Band kommt.“
„Das kenne ich“, beschwichtigte ich meinen Sohn, bevor er sich reinsteigern würde. „Bisher war immer ein Arzt an Bord.“
„Es gibt ganz schön viele Ärzte. Das ist beruhigend. Nicht, dass sich Anwälte und Architekten zurückgesetzt fühlen.“ Junior war in Geberlaune. Sein Vater, der Verteidiger der schönen Künste aus Beton und Glas, saß vor ihm.
„Was haben die mit Notfällen in Flugzeugen zu tun?“, fragte ich.
„Nichts. Sie werden nicht aufgerufen. Da geht noch was. Wer weiß, wen er gleich noch aufruft? IT-Spezialisten, Sprengstoffexperten, Videospiel-Piloten … – katholische Geistliche mit Megafon? Einer für uns alle?“ Junior strahlte mich an. Sein Vater fand den Architekten- und Anwaltshinweis sicher nicht erbaulich, auch wenn er es nicht zeigte. Ich war stinksauer, weil mein Sohn aus Ängsten blöde Sprüche formte. Das war nicht einmal witzig und kreativ, so anspruchslos wie ein Comedian mit Fäkalsprache. Auf nichts und niemanden nahm er Rücksicht. – Nur, um von sich abzulenken.
„Oh, bitte. Lass die Cola weg.“
Fünf Minuten später kam eine erneute Meldung: „Liebe Fluggäste, hier spricht Ihr Kapitän Richthofen. Wir haben einen medizinischen Notfall an Bord und werden in München zwischenlanden. Wir fliegen direkt. Der gesamte Luftraum über den Alpen ist für uns freigehalten.“
Die letzte Bemerkung hätte er sich eigentlich sparen können. Ich sah bisher kein Problem darin, Platz am Himmel zu finden. Nun hatte er die ganze Luft über den Alpen für sich allein. Er klang nach souveräner Erleichterung, der ein Spieltrieb oder eine Besessenheit innewohnte. – Als sei für ihn eine Chance aus dem Nichts entstanden. Er war gefordert, den fliegenden Bus wie einen Kampfjet zu behandeln.
Von Reisegeschwindigkeit keine Spur. Der Vogel zeigte mächtige Reserven, die in ihm geschlummert hatten. CO2-Abdruck? Klar. Alles muss raus.
Richthofen gab Vollgas. Die Berge kamen näher – unter uns sah ich nichts. Wir hockten nicht naturversessen in einem Glasbodenboot, und wir schipperten nicht durch ein Korallenriff in einer Lagune. Der Touristenbomber nagelte durch die Täler, tief und schnell. Unser Gastgeber knabberte an der Schallgeschwindigkeit. Neben und über mir: mehr Gipfelkreuze, als ich sehen oder greifen wollte.
Mein von Todesängsten gepeinigter Sohn war – auf dem Rummelplatz. Von ‚Hose-voll-Mayer‘ zu ‚Adrenalin-Junkie‘ – in Minuten.
„Über uns liegt Schnee“, rutschte das Entsetzen mir heiser und ungeschmeidig durch die Stimmbänder.
„Bleib locker, Mum. Sicherer als hier bist du nirgends. Nur wenn Richthofen scheitert, ist es Pech. Pilotenfehler? Überforderung? – Bei dem? – Kannst du vergessen.“
Er lehnte sich zurück in den Sitz der herumkurvenden Rakete und genoss die Aussicht. „Der kann fliegen“, sagte er anerkennend.
Junior hat diese gewöhnungsbedürftige Eigenart, negative oder eklige Bilder übertreibungsfreudig auszuschmücken: „Wenn jetzt was daneben geht, wird das kein einfaches Runterplumpsen, dann knallt es richtig.“ Zum Glück war er nicht in der Betriebsart: ‚Komm schon, soll das alles sein? Mehr hast du nicht drauf? Lass mich mal.‘
Wir landeten in München. Das Flugzeug preschte an die Stelle, wo schon Arzt und Sanitäter mit Rettungswagen warteten. „Guckt mal. Toll, wie das funktioniert. Alles ist organisiert.“ Mit diesem Beitrag über ein intaktes Rettungswesen erntete ich weder Beifall noch Widerspruch. Mein Mann flog nicht gern, aber er tat es. Er las schweigend – auffallend wissensdurstig bei Turbulenzen. Start und Landung regten seine Lesebereitschaft ebenso an. Für das Beiprogramm – und wenn es Notfälle waren – interessierte er sich nicht.
Junior blieb unverdrossen und leidenschaftlich im Adrenalinrausch. „Was kommt als Nächstes? Vogelschlag? Oder die Tür hinten fällt raus. Gibt es alles.“
Der Patient wurde weiter versorgt und abtransportiert. Die Tür ging zu. Sie verharrte bis zu unserem Ausstieg an Ort und Stelle. „Wir haben Starterlaubnis.“ Der Pilot fuhr Richtung Startbahn. Auf dem Weg dahin beschleunigte er in der Kurve. Ohne vorher anzuhalten, hob er ab. Etwa auf Höhe Kassel kam eine erneute Durchsage: „Sehr geehrte Passagiere, hier spricht Ihr Kapitän. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir keinen Zeitverlust haben und planmäßig in Hamburg landen werden.“