∞ Nessun Dorma
Bardolino
Nun, das ist Bardolino und nicht die Prärie. Ich latschte eine Runde durch den Ort. Staunend, aber wertfrei sah ich mir die Entwicklung an, die sich dort vollzogen hatte.
Es sind zigmal mehr Pizzerien als früher. – Hier hinter dem Turm gabs doch nichts, oder?
Die Straße war immer stockdunkel. Anlieferung. Einige Häuser waren kaputt. – Jetzt sind sie beleuchtet und von Kneipen genutzt.
Mehr Menschen sind es aber nicht. Händchenhaltendes Schlendern oder Flanieren ist nicht mehr im Trend. Italienischen Kleidchen auch nicht. Lächelnd die abendliche Wärme bei wohlgesonnener Beleuchtung genießen? Leider nein. Es wird laut gelacht – beim Selfie sowieso. Weniger Menschen und es riecht bissiger.
Ich käme im Blindflug hier durch – schnüffelnd den dünstenden Blasen von Deodorant ausweichen. Ein gewaschener Mann mit etwas Deo ist angenehm. Aber die Mannsbilder dieseln sich heute ein – „Meine Herren. Wollt ihr die Vögel vom Baum nebeln?“
Gardasee sind Familienerinnerungen. Es ist inniger als das Alleinreisen. Der Blumenstrauß an verschiedenen Meinungen und Träumen nährt mich. Gemeinsam einen vertrauten Ort zu besuchen und über Erlebnisse zu sprechen, ist ein sattes Plus. Es ist wie eine Mehrernte an Obst, für den Winter im Keller einzulagern. Die Orte sind geblieben. Sie haben sich mehr oder weniger verändert – wie wir.
Wieder auf der Piazza angekommen, setzte ich mich in eine Weinbar. Ich trank meinen Wein und sah mir die Szene erneut an. Die beleuchtete Kirche mit den vier Säulen gab Halt in der Orientierung. Auf der Treppe hinauf bewegte sich mehr als sonst. – Menschen verschiedenen Alters, gleich gekleidet mit schwarzen Hosen oder langen schwarzen Röcken, sammelten sich in aufgelockert zusammenstehenden Grüppchen. Sie trugen weiße Hemden. Dann löste sich der Pulk auf und sie zerstreuten sich, um wieder an gleicher Stelle zu erscheinen. Es war ein Kommen und Gehen auf der Treppe an der rechten Seite vor der Kirche. Die Geschäfte waren noch geöffnet und zufriedene Kunden kamen heraus. Passanten spazierten an mir vorbei. Darunter auch mein Paar, Arm in Arm. Allmählich kam es mir so vor wie früher.
Vielleicht ist das Runterfahren die Bedingung, um anzukommen, dachte ich. – Dennoch, wahrscheinlich bin ich heute zum letzten Mal hier. Wozu wiederkommen? Der Grund war die Familie mit Kind. Der Anlass: meistens ein Zwischenhalt auf einer langen Autofahrt. Allein fliege ich. – Und es gibt auch in Italien Orte, sogar in der Nähe, die meine Sinne mehr anregen. Venedig. Die Stadt fesselt mich, indem sie loslässt. Sie lädt mit Abertausenden Fixpunkten und Gelegenheiten dazu ein, sich an ihr festzuhalten. Nur wo? Oder wo nicht? Sie bleibt, bis ihr – es kann nur eine Frau sein – das Wasser bis zum Hals steht. Wer Venedig als Kulisse, als Motiv betrachtet, sieht sich unerfüllt wieder ausgespuckt.
Orte wie Bardolino sind gefälliger beim Durchmarsch der Egos als andere. Sie sagen: „Willkommen in deinem Spiel.“ Venedig mahnt: „Benimm dich oder geh spielen.“ Mittlerweile klingt es wie ein ächzendes Wimmern unter der Touristenlast. Ich fühle mich in Venedig willkommen.
Wenn alles so abläuft wie geplant, kommen wir morgen in der Lagune an. Ich hoffe, Lisa wird die Stadt lieben. Es werden nur ein paar Stunden sein. Aber wer weiß? Sollte sie länger bleiben wollen … Die Abruzzen sind auch noch meine nächsten Jahre da. Ich kann warten.
Ich hoffte, dass das Paar einen Ort fände, mit dem beide etwas verbinden würden und an dem sie sich gegenseitig entdeckten. Die Aktivitäten an der Kirche steigerten sich. Dann entsprang Gesang aus gesättigter Stille. Er durchstreifte die Luft als warmer Hauch, der einen geleitete und vermochte, Tränen zu trocknen.
Ich blickte zurück in die Vergangenheit und sah nach vorn. Weil ich nicht wusste, was kommen würde, sorgte ich mich um die Tiefe der Beziehung. Alles Aufschnappen und das Bewerten von Bruchstücken aus Erfahrungen ist weder Nostalgie noch Vorbild noch Wehmut. So sehr mir glückliche und verzweifelte Momente wachgerufen werden, geht es um einen verdammt langen Abschnitt eines Lebens. Meine Erinnerungen, dachte ich, seien für Ausblicke geeignet. Falsch, Anna. Die einzige Aufgabe, die ich in meiner Verantwortung wähnte, war die Beurteilung der Belastbarkeit einer erklärten Liebe. Und das war so ziemlich das Dringendste, wo ich gefälligst die Finger rauszuhalten hatte. Ich hoffte, dass es mir gelingen würde.
Der Chor mit dreißig Sängerinnen und Sängern auf den Treppen rechts vor der Kirche sang von Herzen. Mit Inbrunst und Würde trugen die einheimischen Sangesfreunde italienische Lieder vor. Mehr und mehr Zuhörer nahmen Teile des Platzes ein. Sie lauschten und klatschten. Der Chor mit lokaler Identität war so authentisch, wie es nur sein konnte. Die Gesangsqualität war untergeordnet. Umso schlimmer für jemanden, der davon ausgeht, dass Weltklassetechniker unschlagbar sind: Der Dorfchor sang bombastisch. Nicht nur einschlagend, sondern treffsicher und mitreißend.
Das Konzert endete. Ein Solist stand im Licht eines Scheinwerfers, der nicht brutal inszenierte. Er leuchtete. Der ganze Chor stand in diesem Schein und flankierte den unscheinbaren Mann vor einem Publikum aus brisant-vitaler Stille.
Als Zugabe sangen sie, worauf die, die es wussten, vorher gefiebert hatten. Nahezu alle anderen erkannten die Mammutaufgabe der Sangeskunst nach den ersten vier bis acht Tönen. Jubel der Begeisterung und der Hochachtung schäumte auf. Als der Tenor einsetzte: „Nessun dorma! Nessun dorma!“, war es um das Publikum geschehen. Ich hatte es noch nie in dieser Dichte erlebt: Ein stilles Beben: Freude am Musikgenuss und knisternde Spannung aufs Finale zugleich.
Der kleine Tenor berührte durch eine Wärme, die nicht gespielt sein konnte. Er war bei seinen Mitinterpreten behütet umgeben. Man spürte ihn selbst. Doch er spielte auch den liebenden Kaleb in Puccinis ‚Turandot‘. Sein Ausdruck war dennoch echt. Beides traf zu und gab ihm eine von der Gemeinschaft getragene Entschlossenheit. Das war jenseits der Möglichkeiten einer schauspielerischen Methode. Verinnerlichen und Abrufen und Befreiung von anderen ist das Gegenteil vom Augenblick. Er erlebte ihn. Die Hürde, auf die alle gewartet hatten, nahm er tapfer. Er sang es. Gesiegt wie besungen hatte er schon zuvor. Die Zuschauer applaudierten und feierten den Tenor. Er hatte sich getraut, rauszulassen, was er hatte, um im Ton hoch genug zu kommen. Er hatte Mumm und Stolz. Wie er den zweitletzten Ton traf, spielte keine Rolle.
Die begeisterte Menge löste sich auf und sie gingen ihrer eigenen Wege. Die Luft duftete nach einem festlichen Abend. Es roch leicht und doch geerdet im Alltag. Ein besonderer Moment war keine Flucht in eine Urlaubswelt. Das Konzert war kein Nebenschauplatz, keine Attraktion, sondern Teil des Ganzen. Neben etlichen anderen kam ein spezielles Paar in meine Richtung. Sie sehen aus, wie füreinander geschaffen. Vorher war es mir nicht aufgefallen. Sie näherten sich mir unaufhaltsam.
„Hey, Mutter, dürfen wir uns setzen, oder möchtest du allein sein?“
Ich war immer allein – irgendwie. – Klar, setzt euch. Seit wann fragst du?“ Ich sah zu Lisa: „Danke, Lisa. Du bewirkst Wunder bei ihm.“
Ein kaum sichtbares Zittern der Oberlippe begleitete Lisas lachende Augen: „Anna, ich denke, wenn er will, er kann.“
Mein Sohn roch sogar verändert: frischer, engagierter. Er war wie ausgewechselt.
„Und Lisa, wie gefällt es dir hier?“
„Es ist serr schönn. Der See, das Wetter, bunte und alte Häuser, die Menschen …“
„Die Menschen? Das glaube ich. Schatz, du meinst die Männer“, unterbrach Junior, und seine Hände trafen sich selbstsicher bei erhobenen Ellenbogen an seinem Hinterkopf.
Die Haltung war keine Ergebung. Nichts und niemand konnte ihm querkommen. Sein Stuhl schien unter ihm nach Luft zu ringen. Das Gewicht hielt er wohl aus. Ermüdungsbrüche kannte mein Sohn. Da reicht manchmal nur eine neue Last, unabhängig von der Masse, damit der letzte Faden des Zusammenhalts reißt. Junior war als junges Leichtgewicht mit dem Schlepplift abgeschmiert, weil das Seil seines Sitzes gerissen war. Auf der Piazza war die Belastung mit Junior zu einseitig für den Stuhl. Ich kenne das.
„Welche Männer?“, fragte ich.
„Keine Ahnung. Ich bin kurz zum Hotel gegangen, um mein aufgeladenes Handy zu holen. Als ich weg war, muss bei Lisa die Hölle los gewesen sein. Drei der Baggermeister standen noch bei ihr, als ich zurückkam. Sie spritzten auseinander, kaum dass sie mich sahen. Ich scheine ein Stimmungskiller zu sein. Dabei hatte ich Deo nachgelegt. – Nichts Neues. Das war wie letzte Woche in Lüneburg auf der After-Work-Party.“
„Was war denn in Lüneburg, Lisa?“
„Er war in Hoff, hat mit Bekaante geraucht und gesprochen über Frauen …“
„Seine Ehe war im Eimer. Tolles Thema. Und du, Schatz, hast drinnen mit fremden Männern gefeiert und getanzt.“
„Ja, Schatz. Und als du zurückgekommen, sie haaten grooßen Schreck. Einer fraggen: „Das ist dein Mann?“ Ich saggen: „Ja, das ist mein Maaan. Schatz, daan du hast mit ihm getrunken Bier aus Flasche.“
„Jupp. Jeder aus seiner. War ein netter Kerl. Nur zu spät.“
„Aana er war nicht eifersüchtig. Kein bießchen.“
„Kleines, darauf kannst du lange warten. Die haben ihn nicht interessiert. Dich liebt er. Und er vertraut dir.“ Tja, Junior ist fantastisch frei von Eifersucht oder Szenen zu machen. Toll. Aber spannender wird eine Beziehung durch sein Desinteresse auch nicht.
„Aber jetzt hier in Bardolino, es waren viel mehr Männer an Tisch. Sie geredet, wirklich viel.“
„Ich kannte es aus Garda. Waren es Italiener?“, fragte ich Lisa.
„Noi, eine, sonst Deutsche, eine aus Romania und eine aus Olland.“
„Tja, Lisa. Was soll ich sagen? Leg dir ein Kind zu, dann werden sie brav und es werden weniger.“
„Oh, jao, Schaatz!“ Lisa sprang zu Junior auf den Schoß und fiel ihm um den Hals. Sie grinste, als wäre da eine ganz frische Idee in ihre allgemein bekannte Familienplanung reingeschneit.
„Nee, oder?“, erwiderte Junior. „Es war eine lange Fahrt.“ Er streichelte ihr Haar und Lisas Mund vibrierte wieder, nur anders und ungestümer. Mit „Ich bestelle mir einen doppelten Espresso“ löste Junior sein Problem.
„Schatz, ich denke, du brauchst das nicht. Ich bin dein Espresso.“ Lisa zog mit ihrem Schmollmund alle Register. Doch es war unschwer zu erkennen, dass bei den beiden die Phase des Werbens umeinander längst vorbei war. Das Geplänkel war nur Spielerei. Ich betrachtete ihre Gesichter und ihre Augen-Mund-Bewegungen schienen sich im Gegenüber zu spiegeln. Sehen sie sich allmählich ähnlicher? Wie soll das denn ohne Jahre des Vertrauens funktionieren? Ohne die Diskussion um den berühmten Umgang mit der fast leeren Tube Zahnpasta oder eingeschleppte, gemeinsame Grippe? Schon wieder streikte mein eigenes Empfinden vor der erlebten Realität anderer. Bei ihnen war alles fraglos, leicht. Sogar die technische Seite der Familienplanung.
„Herr im Himmel. Kinder. Ich lasse hier gerade einen Teil meines Lebens Revue passieren. Das Thema Windeln auswaschen hatte ich bisher ausgeklammert.“
Meine zukünftige Schwiegertochter saß im Damensitz seitlich auf Juniors Schoß und strahlte mich an. So gelöst hatte ich sie bisher nicht erlebt. Er hielt sie bei der Taille. Der Stuhl hielt sie beide. Gut, ob Lisa dabei ist oder er ein Glas Wein anhob, es ergab in Summe keinen für die Tragfähigkeit relevanten Unterschied. Und doch war das Bild ausgewogener als zuvor. Eine neue Balance, die selbst dem Sitzmöbel zu einer scheinbar sichtbaren Stabilität verhalf. Das Stühlchen brauchte keinem leidzutun und hatte – irgendwie – an Wert gewonnen. Sie spielten sich ein, und ich konnte nicht vorhersagen, ob das gut oder schlecht für mich in ihrer Gesellschaft auf der Reise ausgehen würde. Zumindest kam Lisa mehr und mehr aus ihrer verschlossenen, übervorsichtigen und kontrollierten Art heraus. Da konnten Reibungen entstehen. Gut so, dachte ich.
„Aana, hast du gehört Musik? Das war seehr schönn.“
„Ja, Lisa das war es. Der Chor bestand aus Einwohnern des Ortes.“
„Ach daher“, sagte Junior und lehnte sich streckend, weiter zurück. „Den letzten Ton hat er nicht geschafft.“
Lisa hetzte dazwischen, bevor ich reagierte: „Schatz, Arie von Opper ist schwer, wirklich sehr, sehr schwer. Nicht viele können singen ganz genau.“
„Es war nicht der letzte, sondern der vorletzte Ton,“ sagte ich, und mir stockte der Atem bei dem Gedanken, mit Junior nach Venedig zu fahren.
„Letzter Ton, vorletzter Ton. Wo ist da der Unterschied? Ein Amateur hat sich an Nessun Dorma versucht und hat es versemmelt. Dicht dran ist auch vorbei.“
„Der letzte Ton ist gnädig mit dem Sänger und versöhnlich mit den Zuhörern. So weit sind wir bei mir noch nicht.“