∞ Lisa kommt an. – Und taut sie auf?
Bardolino
Mit Lisa und Junior verlief der Abend in Bardolino entspannt und hagelfrei. Er zeigte ihr den Ort, den er kennt, wie früher das Nachbardorf zu Hause. Vertraut. Zu einigen Gesichtern fallen einem Geschichten ein, und man vermeidet, sich an den Wirt zu klammern, der einen wirklich erkennt. Anders Junior. Der ist schon froh, wenn er nur irgendjemanden wiedererkennt. Im Gespräch fällt ihm alles ein. Nur an Glanztagen dringt es gefiltert und geordnet aus ihm. Manches Mal erinnert er sich zu explosiv an zu viel.
Ich beobachtete Lisa, wie sie die Eindrücke in sich aufsog. Sie konsumierte die Reize mehr, als dass sie mit ihnen umging und imstande war, ihren Anteil daran zu entdecken.
Es muss eine ungeheure Anstrengung für sie sein. Nicht der Urlaub mit ihrem Zukünftigen. Den kann sie sich zurechtlegen. Sie verlässt ihre Familie und hier sitzt die angehende Schwiegermutter am Tisch.
Junior kann man achtlos überall hinschmeißen. Er verhält sich immer gleich. Das halten manche in der Sache für originell, aber nicht jeder ist gern mittendrin. Distanz kennt er so wenig wie gepflegte Rücksichtnahme. – Bei Lisa verhielt er sich als Kavalier.
Die Fahrt steckt ihm in den Knochen, dachte ich.
Er kann noch so alt werden und ungenießbar bleiben: Junior ist mein Kind. Die Gedanken um ihn tauchen unangekündigt auf. – Aber er bewegte sich rund, plauderte und hörte zu. Wir besprachen die weitere Reiseroute.
„Lisa, wo möchtest du morgen hinfahren? Venedig auf einen Kurzbesuch? Dann weiter an der Adria in die Abruzzen oder Richtung Florenz in die Toskana?“ Wir können auch in Venedig übernachten oder dort bis zum Termin bleiben.“ Ich zeigte ihr, dass ich flexibel war.
„Ana. Ihr beide habt geplant Reise. Ich komme mit, wo mein Maan fährt.“
„Der fährt länger als er gehen könnte. Wenn wir aber irgendwo auch ankommen wollen, müssen wir es ihm sagen, sonst sitzen wir den ganzen Tag im Auto und er fährt und ändert dauernd die Route, während er am Navigationssystem spielt.
„Ich denke, Venedig ist gut. Ich würdde gehen gern Meer in Adria und sehen Amaaalfi. Wenn Venedig ist zu kurz, wir können gehen nach Termin auf Fahrt zurück gaanzen Tagg.“
Das war so weit geklärt und Junior saß nur grinsend am Tisch. Er strahlte eine Gelassenheit aus, die mir neu war. Er heckte nichts aus, oder zumindest merkte ich es nicht. Weil ich mir nicht sicher war, fragte ich ihn – auf meine Art:
„Junior. Könntest du dich bitte an diesem Gespräch beteiligen? Schließlich geht es um eure Reise.“
„Ihr macht das schon. Sagt mir einfach morgen, was euer nächstes Ziel ist. Die kommenden vier Tage könnt ihr verdaddeln. Dann sollten wir aber in einem Rutsch nach Pescara fahren.
Ich liebe seine Diskussionsfreude. Da fühlt man sich als Mensch gleich ernstgenommen und spürt seine Begeisterung, an gemeinsamen Dingen mitzuwirken. „Und was willst du?“
„Oh Mutter. Deine Lieblingsfrage. Mit der haben wir mehr Zeit verbraten, als tatsächlich etwas zu unternehmen. Was ich will? Eine entspannte Zeit mit euch. Wo, ist mir vollkommen egal. Du kennst dich einigermaßen aus. Lisa hat sich informiert. Ich bin doch nicht bescheuert und mische da mit.“Zumindest in diesem Punkt unterscheidet sich Junior von seinem Vater. Es ist ihm wirklich egal – vermute ich. Anders verhält es sich unterwegs. Wenn er irgendetwas Vielversprechendes – einen Fluss, einen See, ein altes Dorf auf einem Hügel – sieht, spricht er gern von kleinen Abstechern. Dann beginnt meistens eine Odyssee über Land.
„Schatz, ich denke, du brauchst das nicht.“
„Was brauch ich nicht, Schatz?“
„Du brauchst nicht saggen irgendwas, wenn es dir nicht wichtig.“
„Sag ich doch“, antwortete Junior und griff nach einer Olive. Es dauerte ewig, bis er sie zu fassen hatte.
Venedig war mein Wunsch und Lisa schloss sich mir an. Ich kenne keine Umfrageergebnisse, ob Venedig mehr ein Frauen- als ein Männerreiseziel ist. Aber ich habe eine Ahnung. Außer dem Meeting in Pescara waren wir frei in der Planung. Es einfach treiben zu lassen und auf Lisas Träume und Ideen einzugehen, erhöhte für mich die Spannung. Ich wollte beobachten, wie sie mit neuen Eindrücken umging. Würde sie weiterhin kontrolliert und, wie ich fand, wortkarg bleiben? Das Zünden eines mediterranen Emotionsfeuerwerks in belarussischer Brust erwartete ich nicht. Vielleicht hoffte ich auf ein erstes Glimmen einer winzigen Wunderkerze.
Wir beiden eingeheirateten – es sollte mit Lisa wohl so kommen – Mayer-Frauen hatten mit Junior leichtes Spiel. Zumindest was die Ziele anbelangte. Ihm war es komplett egal. Er würde fahren, wohin wir ihn dirigierten. Nach dem Essen ließ ich sie allein und spazierte meiner Wege.