Bandenkrieg mit Barbie
Dorfleben, Landkreis Harburg
Ein Makel bei dem Verwöhnen war, dass Junior seine Grenzen nicht kannte. In frühen Jahren war ihm Eigentum egal. Er teilte alles.
Ein entfernter Nachbar im Dorf vermutete, mir schadlos etwas erklären zu können: „Nein, das ist jetzt unser Kettcar. Dein Sohn hat es vorhin meiner Tochter geschenkt.“ Die Eltern des beschenkten Kindes waren nicht vollständig auf der Höhe. Bei Wertsachen zeigten sie brillante Reserven ihrer geistigen Fähigkeiten. Hallo? Ich kannte sie seit meiner Kindheit. Dorf hat auch was mit Gemeinschaft zu tun. Wer mitschwimmt und auf Vorteil bedacht ist, fliegt früher oder später auf. Es ist eine Frage des Willens, der eine 22-jährige Mutter toben lässt. Muttertiere sind dafür bekannt, stinksauer das Feld zu bereinigen. Ich hatte es am eigenen Leib erfahren. Auf Kindesbeinen war ich zwei Kilometer von der ‚Kettcar-Krise‘ entfernt vor einer Wildsau auf den nächsten Baum geflüchtet. Die Diskutierlatschen blieben unten.
Abseits von ‚dein‘ und ‚mein‘, Angriff oder Flucht liegt die moralische Erziehung. Bei Junior war da ja wohl – oder wehe – ich gefordert. Der Lichtkegel, der stets zur Unzeit auf die Kandidaten fällt, ließ mich nicht entkommen. Die Spielshow hieß: Hoffen wir mal, dass es glimpflich über die Bühne geht. Meine Spielaufgabe: ‚Junior – lebenslang‘.
Leichtes Spiel, dachte ich. Es ist jedem in die Wiege gelegt. – Au Sch****!
Mein Sohn war unbedarft und neugierig. Er juchzte vor Freude. Ich war vorbereitet und wartete sehnsüchtig darauf, seine Interessen für darstellende Kunst oder Musik zu fördern. Sein erster Wunsch, der nichts mit Stoffwechsel zu tun hatte, wurde direkt von mir zurückgewiesen. Die Gründe waren eindeutig – für mich. Im unbescholtenen Alter von dreieinhalb Jahren wünschte er sich eine Plastikpistole. Junior war hochmotiviert, mit seinen Freunden, die alle bereits eine Knarre hatten, ‚Rinderhirten und festlandamerikanische Ureinwohner‘ zu spielen. Sie nannten es anders. Geschossen wurde trotzdem. Mag sein, dass der neue Spielname auch den Pazifismus fördert.
In diesem Fall konnte ich bei der Wunscherfüllung nicht über meinen Schatten springen. Ich verweigerte die Förderung von Kriegslust. Haustiere sterben, Menschen genauso. Ich bewahrte dem Kind sein Gefühl der Sicherheit, unabhängig vom Leben einzelner Personen – auch mir.
Hatte ich überzogen reagiert? Habe ich ihn deswegen noch an der Backe? Wie man es macht …
Junior war frühzeitig dicht dran, das Ableben auf Erden, in der Sache, als endgültig einzuschätzen. Dass es jedem passierte, war ihm technisch klar. Mit fahrenden Autos legte er sich also besser nicht an. – Ich halte es für falsch, wenn der Tod Ziel eines Kinderspiels ist.
Mein Gegenangriff galt dem Kampf für dauerhaften Frieden auf Erden. Niemals wieder Krieg. Kritik an der getrennten Mann/Frau-Erziehung packte ich gleich mit an. – Darf’s ’ne Scheibe mehr sein? – Getränkt mit besten Absichten lag die Lösung in der Hand – und war total bescheuert.
Statt einer Knarre kaufte ich ihm eine Barbiepuppe.
Junior staunte wortlos. Genauso angeschossen glotzten seine Freunde und suchten Abstand von der Blondine. – Als wäre mit der Puppe ein Virus auf die Insel der Männerfreundschaften gelangt.
Die verwegen aussehenden Kerle – keiner älter als fünf – hatten bis dahin alles im Griff. Ihre grimmigen Gesichter waren von der täglichen Last gezeichnet. Sie trugen Kakao auf den Oberlippen und Schnodder dicht darüber. Die Milchzähne waren auf der Durchreise. Eines Tages verabschiedeten auch sie sich. Verwundungen nährten den Tag. Die rosigen Knie kannten nur einen Feind: die Schwerkraft. Es war ein Rennen gegen die Zeit, den Schorf runterpulen, bevor es geheilt war.
Mit zwei Banden teilten sie den Süden Hamburgs unter sich auf. Streit, Verhandlungen und Krieg waren an der Tagesordnung. Ihr Gebiet von über einem Kilometer im Quadrat war frottiert umkämpft. Sie bewarfen sich mit Speeren aus Holunderzweigen, wenn sie sich nicht von ihren Heldentaten berichteten. Ich schnaufte durch, weil im Dorf Unmengen an Holunder wuchsen. Kein Grund für die Knirpse, sich auf Bauschutt zu einigen. Sie hatten eine Menge Mist gebaut. – Kleinen Mist. Die ehemaligen Windelträger waren knallhart. Ihre Hauptbeschäftigung war das Abhauen. Jeder im Ort sah sie rumflitzen. Die Bewohner dirigierten sie zu Essenszeiten durch Wiesen, Felder und durchs Dorf nach Hause. – Wie zwei ungestüme Herden Jungvieh donnerten sie durch die Vorgärten. Mit dosiertem Meckern und Schimpfen waren sie präzise zu steuern. Alle hatten dabei ein Auge auf die Knirpse. Essen hätten sie überall können.
„Stampede“, den Warnruf für eine panisch rennende Rinderherde, gebrauchten wir nicht. Wie auch? Weder kannten wir das Wort noch galten unsere Milchkühe im Dorf als leicht aus der Ruhe zu bringen. „Kohja-kohja-komm“ hörte man, wenn der Viehtrieb im Frühjahr und Herbst von und zu den Weiden direkt am Ort stattfand. Das war alles, nur nicht wild.
Ein einziges Mal kam mein Sohn nicht zurück. Ich hatte ein komisches Gefühl und fegte durchs Dorf. Mit jedem Meter sorgte ich mich mehr. Es gab wenige, aber klare Regeln bei uns. Eine betraf den Mühlenteich und die Eisdicke. Eine weitere besagte, nicht an oder über die Bahnhofstraße zu gehen. Alle anderen Straßen waren kaum befahren. Das Bürschchen war weg. Ein Dorfbewohner – klar, dass ich mit ihm aufgewachsen war – hielt mich auf.
„Moin, Anna. Alles gut. Dein Junior kam gerade hier auf dem Plastiktrecker vorbei.“
„Moin Peter. Wo will er hin?“
„Er ist stinksauer auf dich. – Sagt, er will zum Bahnhof und mit dem Zug nach Hamburg fahren. Der will hier wech. Dass das deiner is, is klar.“
„Warum hast du ihn nicht abgefangen?“
„Wo soll er denn hin?“
„Danke Peter. Tschüss.“
Ich fing den Auswanderer wenige Meter später ab. Dann dauerte es. Ein nicht fahrtüchtiges Kind auf einem Plastiktraktor vor sich zu haben, ist die langsamste Fortbewegungsart der Welt.
Juniors Bande traf sich auf dem Mini-Bauhof neben unserer Wohnung. Mein Sohn debattierte mit der nutzlosen, ungeliebten Barbie mittendrin. Schlimmer: Er war der Bandenboss mit Barbie. Wie er das gebogen hatte …
Über Spätfolgen bin ich mir nicht im Klaren. Zumindest hinterließ es keinen akuten Schaden. Es gelang ihm, den anderen klarzumachen, dass die Puppe nicht seine Idee war. Seine Mutter sei eben ein Mädchen. Ich kam ohne professionelle Hilfe darüber hinweg, von einer Horde Machos mit Stützrädern belächelt zu werden. Barbie war strapazierfähig. Alle Belastungstests hielt selbst sie nicht aus. Rohe Gewalt, Werkzeuge und die Elemente Feuer und Wasser hinterließen deutliche Spuren. – Und Junior? – Eisern trug er sie mit sich.
Der naive Versuch, aus einem Mann einen Menschen zu formen, endete eindeutig. Schleichend trugen wir es in einem Zermürbungsduell aus. Wir zogen Dritte, die ihr Überleben in der Flucht sahen, in den Strudel. Meine Kapitulation sicherte den Frieden. Eine der Verliererinnen landete in der Mülltonne. Die andere ergab sich lebenslänglich.
Ich besorgte dem Sieger eine Erbsenpistole. Die Dinger gab es überall zu kaufen. Dass aus Erbsenmunition neues Leben entsteht, gibt ein schönes Bild der Hoffnung ab. Ein Dorf voller Erbsensträucher des Neubeginns. Der Gedanke birgt die Gefahr, Evolution in die eigenen Hände zu nehmen: „Der Vollstrecker ist gleichsam Schöpfer.“
So weit kam es nicht. Ich kaufte Standardmunition. Die behandelten Geschosse waren als Nahrungsmittel haltbarer und günstiger. Weil das Leben nun einmal der natürliche, nichtparadoxe Feind der Haltbarkeit ist, ging es zulasten der Keimfähigkeit der Erbsen. Dass ich die Projektile im Reformhaus gekauft hatte, wäre glatt gelogen.