Dom und Dolce Vita
Mailand
Im dichten Verkehr fuhren wir in den engsten Stadtkern und fanden nicht gleich ein Parkhaus. Mein Sohn wäre in aller Ruhe etwas weitergefahren, bis auch das letzte Caffè geschlossen hätte. Mich zog es in den Dom. – Natürlich wollte ich es. Keine Frage. Junior hatte mit Zoff zu rechnen, wenn er es vermasselte.
„Halt an, ich steig aus und frage ein Taxi. Da vorne steht eins. Fahr uns hinterher. Wenn du mich verlierst, ruf an.“
Auf den Widerstand vom Fahrersitz habe ich nicht mehr geachtet. Er grummelte irgendwas. Mir war schon klar, dass man zumindest damals nicht direkt mit fremden Fahrzeugen plauderte. Es galt nur eins: so schnell wie möglich widerstandslos aus dem Wagen zu kommen, um Ergebnisse zu produzieren. Ich flitzte zu dem Taxifahrer und fragte ihn, ob er mich zum nächsten Parkhaus bringen könnte. Er zog die Augenbrauen hoch und ließ sie sogleich wieder sacken.
Der Mann mit dem windigen Gesicht sagte sofort zu. Er lächelte. Ich stieg auf dem Beifahrersitz ein und schnallte mich an. Bereit. Die rasende Fahrt durch das geschäftige, verkehrsüberlastete Mailand konnte beginnen. – Und sie endete, kaum, dass ich angeschnallt war und mich darauf eingelassen hatte. Er fuhr unmerklich hundert Meter und blieb stehen – genau vor der Einfahrt zu einer Tiefgarage. Eine Bezahlung lehnte er ab. Junior stand mit dem Wagen direkt hinter dem Taxi. Er ließ es unkommentiert.
Weil ich schon mal dort war, folgte ich meinem Wunsch in den Mailänder Dom. … – Blödsinn, das war die knallharte Bedingung, falls es in die Stadt ginge. Wie könnte ich es nicht versuchen? Wir trennten uns auf der Piazza del Duomo. Ich bog links ab und hielt kurz inne. Er – wie sollte es anders sein – flanierte mit meinem struppigen Hund an der Leine nach rechts. Paulchen ist anpassungsfähig. Die beiden hatten ein Ziel, das sie nicht kannten. Ihre Witterung war eindeutig. Ihre Mienen waren gleichgeschaltet. Eine lässige Männertagstour. Und ich war noch keine zehn Meter in ihre Vergangenheit gerückt.
Ich wusste, wo ich sie finden würde. Nun war der Dom dran. Meine Männer würden warten können. – Sie konnten.
Sohn und Hund vergnügten sich in der Galleria Vittorio Emanuele Secondo bei je einem Kaltgetränk. Sie sind natürlich blindlings treffsicher im Camparino gelandet, um es sich gut gehen zu lassen. Junior erwies dem Lokal mit einem Campari-Orange seine Wertschätzung. Paulchen blieb bei Wasser. Er wusste es zu schätzen, dass sie am Platz servierten und keine Gemeinschaftstränke aufgebaut waren. Er bevorzugte, nicht mit jedem dahergelaufenen Hund zu dinieren. Paulchen war ein Snob. In Bozen hatte er in der Hotellobby, beim Rausgehen, gegen einen Schalenkoffer gepinkelt, nur weil ihn die Reisegruppe störte. Er strullte schneller, als ich ihn zerren konnte. Gekonnt ist gekonnt. Schließlich war er ein reinherziger Mischling aus exzellenten Linien. Seine Zeiten allein im Wald, verfolgt von den Tierhäschern, und die Monate im Heim lagen Jahre zurück.
Junior und Paulchen hatten die besten Plätze in der Lauflage der Galerie. Alles im Blick. Das Camparino hat den erarbeiteten Ruf, ein Füllhorn der Gastfreundschaft zu sein. So war es. Sie verwöhnten Paulchen und Junior nach Strich und Faden. Der eine hätte es nicht verdient. Der aus dem Tierheim war es nicht gewohnt. Gut, mittlerweile schon. Zum Getränk, das ihnen jeweils vor die Nase gestellt wurde, gab es Snacks. Eigentlich heißt das Gedeck Aperitivo. Sie servierten raffiniert zubereitete Leckereien, darunter Würstchen im Schlafrock und andere Variationen von „Schienkän?“ Das war Paulchens Lieblingswort. Schinken stand stellvertretend für fleischliche Nahrung, die kein Hundefutter war. Er beantwortete die Frage mit einem Kläffer. Mit dem Ton hatte er in München schon Promis die Wandungen von Fahrstuhlkabinen hochgeschreckt. Ein kristallbesetztes Smartphone demonstrierte dabei funkelnd seine losgelassenen Flugeigenschaften. Paulchen bettelte nicht. Das war gar nicht nötig. Bei seinen schönen Augen gab es kein Entkommen. Sein Lieblingsuntergrund: Gras. In der Galleria begnügte er sich mit den Marmormosaiken. Beim Essen und in einem gepflegten Ambiente ging er mit dezenten Mängeln großzügig um.
Sein Lieblingslied war ‚Viva Colonia‘. Mein Sohn hatte es ihm vorgesungen. Junior meinte, dass Paulchen bei den von mir oft gespielten Bach-Kantaten geringfügige Vorbehalte hätte. Auch die Goldberg-Variationen hätten den Hund nicht „umgehauen“. Das war mir vorher nicht bewusst. Erst als ich es sah, erkannte ich verheimlichte Leidenschaften von meinem Paulchen: Bei dem Gassenhauer drehte er ab. Er schunkelte – der Hund schunkelte – und tanzte. Da wusste ich, dass mein Heranführen an Johann Sebastian Bach fruchtlos bleiben würde.
Beide keine Kostverächter, ließen sie sich die Wartezeit in der Wandelhalle der Passage gern und gut gefallen. Sie knabberten das gleiche Essen und hatten verschiedene Getränke vor der Nase. Die Kellner und Kellnerinnen versorgten sie fortlaufend. Und sie hatten ihnen wohl angesehen, dass beide ihre vegane Phase hinter, sich jedenfalls nicht vor sich hatten.
Ich kam schneller aus dem Dom als gedacht. Man hatte mich an der langen Schlange vorbeigebeten. Warum? – Ich habe keine Ahnung. Im Eingang der Galerie hielt ich kurz inne. – Natürlich ist das Gebäude prachtvoll, und den Vergleich mit anderen ähnlichen Objekten möchte ich nicht wagen. Ich kam auch nicht auf den Gedanken. Meine beiden Genusswesen lenkten die Sinne auf sich. Gut versorgt und umhegt betrachteten sie die Menschen und Vierbeiner, die durch die Halle an ihnen vorbeiflanierten. Dann sahen sie mich, und Paulchen bellte sich vor Freude in Rage. Es hallte, als wäre die Stadt voller Hunde.
„Hey, du bist aber flott. Haben sie die Leute in Schüben in den Dom gelassen?“
„Nein.“ Ich sah ihn nachdenken. Mutter, sakrale Kunst, Kirche – Warteschlange. Wie lang war sie weg?
„Sie haben mich durchgewunken. Frag bitte nicht, warum. Ich weiß es nicht.“
„Hatte ich nicht vor.“
Auf der Rückfahrt nach Bardolino gab es schon in Mailand ein Gewitter der Extraklasse. Im Auto war mir unwohl. Stromleitender Käfig hin oder her. – Ich mag Blitze nicht. Ich liebe sie … aber nicht direkt über mir.
„Die sollen sich bitte versch … – Und du? Du …“
Das gibt es nicht. Den Schweißausbruch kenne ich zu gut. Das hektische Gestammel bis hin zum unflätigen Motzen entwickelt sich zu echter Abneigung, wenn ich an die Biester über mir nur denke.
Der Himmel wurde schwarz, es regnete, und der Regen ging in Hagel über. Wie Zorn knallten und prasselten die murmelgroßen Hagelkörner auf uns nieder. Die Aussicht war umgekehrt. Die unbewegte Stadt war ein Durcheinander von herabfallenden Puzzleteilen unterschiedlicher Größen. Dahinter blendete uns Scheinwerferlicht aus zahlreichen Quellen. Wo ich im Vordergrund etwas erkennen konnte, waren Puzzleteile zu Hindernissen von Fahrzeugen als unscharfe Warnung zueinandergelegt. Ich wäre wie sie mit Warnblinklicht sofort stehengeblieben. Junior dachte überhaupt nicht daran. Er saß kerzengerade, umfuhr die Autos und summte die Musik aus dem Radio mit. Ein kurzer Blick von ihm auf das Navigationssystem:
„Ich fahr hier in die Seitenstraße. Wundere dich nicht, Mutter. Auf Nebenwegen kommen wir schneller durch.“
Ich war schneller durch – mit Junior: „Wie kommst du darauf? Du kennst die Stadt nicht. Du siehst nicht, wo du hinfährst. Die Karre schwimmt auf der Straße – und du summst italienische Kalendersprüche. Mach das Radio aus und konzentriere dich auf die Straße, oder fahr rechts ran wie die anderen.“
Als konstruktive Beifahrerin bin ich eine Granate. Männer lieben mich dafür. Bei Frauen am Steuer habe ich nichts zu meckern.
Das Unwetter beruhigte sich, und ich tat es ihm gleich. Es blitzte und schüttete als normales Gewitter weiter. Wir waren raus aus Mailand, auf der Autobahn. Auf Höhe des südlichen Beckens des Gardasees riss der Himmel auf. Unter den sommerlichen Blau fuhren wir auf knochentrockenen Straßen. Das Gewitter tobte weiterhin nur auf der Westseite. Begleitet wurde die gesamte Fahrt von Italo-Pop im Radio. Besonders beim Blindflug meines Sohnes durch Mailand ging mir die gute Laune der Musik gehörig auf den Keks.