Plötzlich wieder Mutter
Mailand
Am nächsten Tag hatten wir den Termin in Mailand. Junior war tatsächlich Gründer eines Start-up-Unternehmens und suchte Investoren. – Was das im Einzelnen heißt, weiß ich nicht, interessiert mich nicht, ging mich damals auch nichts an. Er hatte zuvor per E-Mail und Telefon Kontakt zu einem Vertreter einer internationalen Investorengruppe. Es war der benannte Karim. Eigentlich hatten die Investorenvertreter vor, sich in Madrid mit Junior zu treffen. Hätte er die Angelegenheit ernst genommen, wäre er dorthin gefahren. Der Kompromiss auf Karim in Mailand war ein Zugeständnis. Mag sein, dass Junior neugierig war, aber Vorbehalte hatte. Hundertprozentig sicher war, dass seine Flugangst noch ganz andere Bedenken geschürt hatte, nach Madrid zu gelangen.
Der Tagesplan war einfach: Wir würden den Termin gemeinsam wahrnehmen, weil wir keine Ahnung hatten, wie lange es dauern würde. Ich war nicht bereit, stundenlang irgendwo in der Stadt zu warten. Meine Fahrdienstzeiten seiner Kindheit sind vorbei. Wenn Junior Recht gehabt hätte, stünden Familiengespräche an. Das schaffe ich gerade noch.
Der Klassiker: Ich tobte irgendwohin, wo ich nichts zu suchen hatte. Dort sprach ich mit Menschen, die Interesse an etwas hatten. Leider wusste ich kaum, worum es sich überhaupt drehte. Ein erstes Kennenlernen auf privater Ebene. Toll, ganz toll, dachte ich mehr, als mir lieb war.
Für den Rest vom Tag gab es keine Planung. Ob wir noch in die Innenstadt fahren würden, stand in den Sternen. Es lag aber auch in der Luft.
Ich hatte Paulchen dabei. Der kleine Mischlingsrüde liebte das Reisen. Neue Eindrücke zu sammeln, war für ihn das Größte. Eigentlich unternahm er alles gern, solange er nur mit von der Partie war. Allein mit mir, Familie, Freunden – Paulchen war happy. Der drahtige, grau-beige verwuselte Cairn-Terrier-Mix hatte das sonnigste Gemüt, das mir je begegnet ist.
Noch nie in Mailand und kunstinteressiert? C’est moi! Natürlich hatte ich eigene Ideen. Das Heilige Abendmahl von Leonardo da Vinci in Santa Maria delle Grazie war in Rufweite. Wer würde sich das Meisterwerk entgehen lassen? – Ich. Das Reservieren einer Eintrittserlaubnis war für mich zu anspruchsvoll. Nur kurz hineinhuschen, damit das Werk nicht noch mehr zerstört wird? Ich habe volles Verständnis für Beschränkungen und würde selbst nur Restauratoren reinlassen. Wenn ich hingegangen wäre, käme ich mir später vor wie einer der letzten Betrachter, der das Meisterwerk todbringend anhauchte.
Der Geschäftstermin in Mailand entwickelte sich auch ohne mein naives Herumgeistern sofort zu einem der idiotischsten, die wir je hatten. Meine Verhandlung in Dubai in Sachen Sankt Petersburg war bescheuert, irgendwie witzig, aber nicht schräg. Wir verhandelten zumindest über die gleichen Inhalte. Junior hatte viele sonderbare Termine im Gedächtnis. Auch für ihn sollte das kurze Gespräch im Hofgarten des Mailänder Hotels zu den erinnerungswürdigsten „Nullnummern“, wie er es nennt, gehören.
Der angebliche Investorenvertreter war Mitte dreißig und hatte arabische Wurzeln. Er war sportlich-elegant in feinem Anzug und Hemd gekleidet, und er roch dezent gut. Sein Benehmen war bester Schule. Aufgeschlossen, zurückhaltend und höflich. Warum Männer Uhren mit den Ausmaßen und der optischen Wucht von Kofferradios am Handgelenk tragen? Ich verstehe es nicht. – Seine Sache.
Karim sprach Deutsch. Aufs Freundlichste und Belangloseste kamen wir ins Gespräch – aber nicht aus den Puschen. Junior kürzte auf der steilen Piste ab. Er erfragte die Geschäftsinteressen seines Gegenübers, bezogen auf das gemeinsame Projekt. Karim sprach über alles andere und nannte mich dauernd „Mutti“. Ich hatte keine Ahnung, was er damit bezweckte. So nahe waren wir uns noch nicht. Aber er benutzte es im Gespräch mit Junior. Das war recht originell.
Indem er nicht „Deine Mutter“ sagte, sondern „Mutti“, war er mein Sprachrohr gegenüber Junior und brüderlicher Vertrauter an dessen Seite. Das ging eine Weile. Mich amüsierte es. Zwischen Karim und mir entwickelte sich etwas wie freundschaftlicher Spielwitz. Mein Sohn rollte mit den Augen. Er stützte sein Gesicht in die Hand, als würde er ein Nickerchen machen.
„Junior, was ist los?“ Er war zu nichts zu gebrauchen. Ich plauderte mit Karim über seine Familie und Orte, an denen wir beide waren. Alles lief gut. Die Männer sprachen nicht übers Geschäft, aber das persönliche Kennenlernen hatte ich in die Hand genommen. Das lief so gut, dass Karim das gesamte Gespräch in seinen Wind drehte und absonderliche Ideen und Inhalte vorschlug.
Junior erwachte sofort aus dem Tiefschlaf: „Nein“, sagte er. – Und ich war gerade gepflegt im Plauderton mit dem Sohn, den ich nicht kannte. – Der mit dem einnehmend guten Benehmen.
„Sag bitte, warum bist du so abweisend?“, fragte ich mein unhöfliches Kind. „Wir sprechen von unseren Familien, vom Reisen und wegen dir auch von Geschäften. Zumindest dafür solltest du dich interessieren. Wir kümmern uns erst um Karims aktuelle Anliegen, und danach kommen deine dran. Du willst doch was bauen. Auf ein paar Monate früher oder später kommt es nicht an. Ist denn schon alles geplant?“
„Bitte? Mutter, bitte!“ Junior sah mich nur kurz an. Dann veränderte sich sein Blick in etwas Unheilvolles. Wer je daran gezweifelt hatte: Junior, das Spielkalb, ist seines Vaters Sohn. Andere Augen; noch viel weicher – von wegen Anna. Den hast du zur Welt gebracht. Er beugte sich etwas nach vorne, lächelte ins Nichts und sah Karim auch nur kurz an: „Karim, vergiss es. Nichts läuft da, wir machen überhaupt nichts miteinander.“
„Mutti möchte aber, dass wir zusammenarbeiten. Du kannst unsere Mutti nicht enttäuschen“, sagte Karim.
Ich hielt es zuvor für ein Spiel. „Was möchte ich? Ich habe keine Ahnung, wovon ihr sprecht. Autos und Uhren? Ist das überhaupt legal?“
„Nein, Mutter. Das ist es ganz und gar nicht, wenn es so ist, wie ich es vermute – und dein neuer Sohn endlich mal Klartext sprechen würde“, sagte Junior. Er warf einen verächtlichen Blick zu dem Bruder, mit dem er nichts teilen wollte. Karim beteuerte, dass alles super sei – als spräche er über die Wellenhöhe beim Surfen. Er forderte mich auf, den ‚ängstlichen‘, anderen, also den echten Sohn, zu überzeugen. Juniors Projekt hatte mit nachhaltiger Produktion von Nahrungsmitteln zu tun. Der Fremde, der mich Mutti nannte, schmuggelte Luxusgüter durch Europa. Wir waren beide überrascht, dass der große, schlanke Karim argumentativ nie die Kurve kriegte. Mein Sohn fragte noch einmal nach, ob er ihn auch richtig verstanden hätte. Er wiederholte dessen Vorschlag präzisierend. Karim bestätigte und Junior lehnte nicht dankend ab: „Nein.“
Dann drehte Karim auf und bearbeitete mich. Er bezirzte seine ‚Mutti‘ mit winselndem Gesang und fiel zusammen, als er sich kurz aufbäumte. Junior stand auf, wartete auf mein Folgen und wir verließen den Hotelgarten.
Wir gingen zum Auto. Juniors Gesicht war längst nicht mehr verfinstert. Er blickte auf die Uhr und sagte: „Hey, es ist noch richtig früh. Klasse. Was willst du jetzt unternehmen? Wie ich den Laden kenne, wirst du in den Dom gehen.“
„Warum musstest du mich zu so was mitschleppen?“
„Was willst du? Sei doch froh. Du hast einen neuen Sohn – Karim. Der kann wenigstens kultiviert spielen.“