Der Kenner schweigt – und leidet.
Bardolino
Der klassische Familienurlaub gestaltete sich mit dem heranwachsenden Junior auch in Bardolino schwieriger. Einmal verbrachte er die Abende recht wortkarg. Er saß im Stuhl, zurückgelehnt, mit lässig übereinandergeschlagenen Beinen. Natürlich ging kein Weg an einer der beiden etablierten Bars am Anfang der Piazza vorbei. Sonnenbrille war trotz fehlender Sonne Pflichtausstattung. Bei süßlichen, bunten Getränken und Knabberzeug ließ Junior die Damenwelt an sich vorbeiziehen. Ein leichtes Schmunzeln flog manchmal über sein Gesicht. Dann drehte er in Zeitlupe den Kopf, um die Kehrseite der Medaille zu begutachten.
Der Vergleich hinkt, denn es handelte sich um Menschen und keine Trophäen. Außerdem müsste man für eine Medaille irgendetwas leisten. Er war nicht erzogen, Frauen als Objekte zu werten.
„Die ist süß. Die mag dich“, sagte der Typ in gleicher Haltung und ähnlichem Outfit neben ihm. Vater und Sohn im Zwillingslook. Echte Womanizer.
„Meinst du? Sie kommt schon das dritte Mal vorbei“, sagte Junior. Seine Stimme vibrierte unpassend zu seiner Erscheinung.
„Ganz sicher. Was soll sie denn noch machen? Los, geh ihr nach!“, sagte der Frauenkenner.
„Meinst du?“
„Ja, los!“
„Was soll ich ihr denn sagen?“
„Sag ihr, wer du bist, dass sie dir gefällt und du sie gerne kennenlernen möchtest.“
„Einfach so? – Was, wenn sie Italienerin ist und kein Deutsch spricht?“
„Das soll in Italien vorkommen“, sagte die Person, die den beiden Schöngeistern gegenübersaß. – Ich. – Am selben Tisch, aber in einer anderen Welt. Action, Anna. Sag was. „Um Himmels willen, Junior. Ich habe nur ihre Rückseite gesehen. Sie ist hübsch und hat einen aufrechten Gang.“ –
Was mache ich hier?, fragte sich die anscheinend dauerhaft einzige Frau am Tisch. Und sie fand wie so oft keine Antwort, die sich nicht längst bei ihr eingemeißelt hatte.
„Jetzt ist sie bestimmt weg“, sagte Junior, und seine Haltung passte zu seiner Stimme. Er saß zusammengesackt, etwas schräg auf dem Stuhl, Beine nebeneinander, die Knie zusammen. Den einen Arm hatte er quer vor dem Bauch. Der andere Ellenbogen war davor an die schlaff geballte Faust angelehnt. Kinn und Mund waren geklaut – vergraben in der Handfläche.
„Ganz toll. Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Die Gelegenheit kommt nicht wieder. Ich hätte …“, legte der Platzhirsch los. Er reckte sich in seinem Lichtschein und breitete die Arme aus.
Typisch. Brust raus. Immer schön aufplustern, dachte ich. Einer versinkt. Der andere ploppt hoch.
„Nun ist gut. Du weißt, wie wir uns kennengelernt haben“, unterbrach ich den Mann, der bei der Hochzeit noch ein schüchternes Häschen gewesen war. Ich drehte den Kopf ein Stück nach rechts und räumte den Schotter aus meiner Stimme: „Du findest die Richtige. Lass dir Zeit“, sagte ich zu dem gequälten Junior. „Und du weißt, dass es überhaupt kein Problem ist, wenn du schwul bist. Das kannst du uns gerne sagen.“
„Was? Nein. Mutter!“, rief mein Sohn auf. „Und sprich nicht so laut.“ Er sah sich hektisch um, als wäre Damenwahl. Als kämen gleich aus allen Richtungen Männer mit Sträußen von Baccararosen auf ihn zu.
„Was? Muss nicht sein“, sagte sein Vater.
„Ihr habt meine volle Unterstützung. Du und dein Freund. Ich hätte so gern einen hübschen Schwiegersohn. Das wird total toll. Endlich wird die Familie größer.“
„Mal langsam. Du hast einen Freund?“, fragte der Senior seinen Stammhalter, als würde er als Cowboy Jungvieh nach Geschlechtern sortieren wollen und wüsste gerade nicht, ob er sich verzählt oder verguckt hatte.
„Nein, verdammt!“ Der Teenager wurde zweifarbig fleckig im Gesicht. Direkt neben den roten Flecken fielen andere Partien in vornehme Blässe.
„Eine Freundin aber auch nicht“, wusste ich zu ergänzen. „Das wüsste ich. Du würdest es mir nicht verheimlichen.“
„Es reicht.“ Junior nahm einen tiefen Zug durch den Strohhalm aus seinem sehr bunten Cocktail. Er zog das Stück Ananas vom gezuckerten Glasrand, biss rein und sah uns an. Sein Vater beobachtete ihn, als hätte er das Sortieren der Kälber aufgegeben. Junior sah auf sein Getränk und knallte das bauchige, hochstielige Glas wie einen Bierhumpen auf den Tisch. „Mum, soll ich schwul werden, damit du mit einem Schwiegersohn Weihnachten in Familie unter dem Baum feierst?“
„Weihnachten – oh ja, Weihnachten. Die ganze Adventszeit wäre netter. Ihr beide, dein Vater und du, habt die festlichen Gefühle nicht. Vielleicht habe ich mit meinem Schwiegersohn Glück.“ Ich sah meinen Mann scharf an: „Oder hast du etwa ein Problem mit einem Schwiegersohn zu Weihnachten oder überhaupt?“
„Liebling, wenn wir bisher Weihnachten mit unseren Müttern und den Nachbarn klarkamen, kann uns nichts erschüttern. – Anna, nun ist gut. Er ist nicht schwul, nur verklemmt. Er achtet Frauen zu hoch. Sie sind alle ätherische Schönheiten für ihn. Junior hat ein völlig falsches Frauenbild.“ Er lächelte mich beschwichtigend mit wissendem, kurzem Nicken an und wandte sich zu seinem Sohn.
„Glaub mir, Junior, das vergeht. Wir werden uns mal über Frauen unterhalten. Es gibt keinen Grund, sie zu hofieren.“ Er hielt kurz inne, ohne mich anzusehen. Aber er spürte es brodeln und setzte im Rückwärtsgang nach: „Junior, deine Mutter ist die einzige Ausnahme. Sie ist von edlem Geblüt.“
„Was bin ich bitte, Liebling? Ich bin doch kein Rennpferd, gezüchtet, um Galopper des Jahres zu werden.“
„Entschuldige, meine Liebe, ich meinte Gemüt, edles Gemüt. Aber der Sieg wäre dir zeitlebens gewiss, meine Holde. Wir Männer sprechen hier nicht von Anstand, sondern von Liebe und Lust.“
Während ich noch die scheinbaren Widersprüchlichkeiten zwischen Gefühl und Anstand versuchte zu ergründen, keimte bei Vater und Sohn die zarte Pflanze des Generationsübergangs auf. Genau, wie es in so manchen Liedern besungen ist. – Warum sehen sie dann so wichtig aus wie beim Vererben von Taschenspielertricks? Dazu gibt es den Klingelmantel für Taschendiebe. Ich hatte mir mit den Backenzähnen auf die Zunge gebissen. Wie mein Mann das Frauenbild seines Sohnes geraderücken würde, ließ mich erschaudern. Frauenkenner auf der Poolnudel. – Die Emanze in mir war kampfbereit. Irgendjemand musste den Kerlen erklären, dass Wertschätzung der Frauen überhaupt noch nicht durchgefochten war. Na ja, Juniors höfliche Zurückhaltung bis zur Unsichtbarkeit war nicht wirklich frei. Vielleicht war die Barbie, die ich ihm mit drei gekauft hatte, doch einschüchternder als gedacht. Ich bin raus, dachte ich damals.
Beide Männer hatten sich fast wortlos ausgesprochen und nun eine veränderte Haltung eingenommen. Sie ermöglichte es ihnen, sich beim Gespräch – ja, wir unterhielten uns – in die Augen zu sehen. Die Luft war warm. In der vielfältigen Geräuschkulisse gab es keine kreischenden Spitzen – und die Sonnenbrillen lagen auf dem Tisch.
Die Mädchen- und Damenwelt musste für den Rest des Abends auf die beiden Mannsbilder verzichten. Auf einen, der nicht weitergehen wollte – und einen, der es nicht durfte. Für Junior war der Zug noch nicht abgefahren.
Einen Zug drohte er im Liebesrausch ein Jahr später von Verona nach Hamburg zu besteigen. Der junge Mensch war sterbenskrank verliebt. Er hatte die Angebetete ganze drei Tage nicht gesehen. Ich war so weit, ihn persönlich in den Zug zu setzen. Nicht, weil er mir leidtat. Ich wollte sichergehen, dass der sentimentale Jammerlappen, mit dem nichts anzufangen war, tatsächlich abhaute. Sein Vater sprach mit ihm und beruhigte mich. Die restlichen vier Tage brachten wir auch noch über die Bühne.
Mit meinem erwachsenen Kind fortgeschrittenen Alters war ich dreimal vor der Fahrt mit Lisa in Bardolino. Wir besuchten zuvor München wegen eines geplanten Umzugs. Bardolino ist nicht weit weg, und es lag auch nah, Abstecher in die Familienvergangenheit zu unternehmen. Nach dem Motto: „Wo wir schon mal in München sind, was hältst du von ein, zwei Tagen Bardolino?“, fragte Junior, und es war gegessen.
„Was sollen wir da?“
„Wie immer: Du Fisch, ich Pasta, beide Wein. Sonnenuntergang am See. Du gehst mit Paulchen eh früher und ich quatsche mit Mauro. Morgens bist du auf der Hunderunde und wir treffen uns bei Cappuccino und Zeitung am Café vor der Kirche. Ich weiß, du nennst es Caffè. Der malt dir auch ein Herz in die Milch. Danach einen kleinen Ausflug. Was fragst du? Wie immer eben.“
„Und wie lang ist die Fahrt von München?“
„Immer noch 4 bis 5 Stunden, je nach Verkehr.“
„Warum nicht?“, sagte ich und es sprach überhaupt nichts dagegen. – Für uns. Fast jeder mir mittlerweile bekannte Münchener – vorausgesetzt, er oder sie ist Bajuware – hätte uns als „Preißn“ oder als Verräter zu erkennen geglaubt.
Liebe Münchener Urgewächse,
Es ist mir nicht einmal schleierhaft vorstellbar, mit welchen straßengebundenen Fahrzeugen – ich kenne sie als Autos – ihr runter nach Bardolino donnert.
In ‚knapp‘ unter 3 Stunden? Am helllichten Tag? Zur Hauptsaison? Ohne den Führerschein zu riskieren? Mal ehrlich, es ist typisch. Einer hat ein wenig übertrieben. Ein anderer hat noch einen draufgelegt. – Und ein dritter Held, der das Spiel nicht kennt, hat so überzogen, dass sich alle auf die Zeit geeinigt haben. Möglich, dass es derselbe Renner war, der behauptet, in unter einer Stunde in Salzburg oder Kitzbühel zu sein. Derjenige, der in 6 Minuten von Unterhaching im Berufsverkehr zum Viktualienmarkt fährt.
Nach Bardolino fuhren wir in Reisegeschwindigkeit. Einmal passte es, weil mein Sohn einen Termin in Mailand hatte. Es war unsere letzte Mutter-Sohn-Fahrt, bevor Lisa in sein Leben trat.