… und Krümchen kann schwimmen.
Bardolino
Den Badebetrieb hatte Herr Mayer Senior abrupt eingestellt. Eine dunkel-silbrige Riesenschlange hatte es auf ihn abgesehen, meinte er. Sie sei direkt neben ihm auf- und abgetaucht. Nur der helle Bauch kam aus dem Wasser. Er zog eine Kreisbahn, als würde sich fast untergetaucht ein silberner Autoreifen drehen. – Mir kann man viel erzählen:
„Was ist das? Was ist das?“, rief Mayer Senior, und ich hörte ihn aus meinem Klappstuhl am Ufer. Junior hatte das Monster vor ihm gesehen. Er griff sich den Hund. Der mayersche Schwimmkurs für Hundekampftaucher unter 4 Kilo schien beendet zu sein. Die Ausbilder übernahmen den Feind. Mayer Seniors Heldenmut war sicher irgendwo. Bei schlangenähnlichen Gestalten brauchte man danach nur nicht in seiner Nähe zu suchen.
„Junior, raus hier!“ Mein Mann hetzte durchs Wasser ans rettende Ufer. Junior kam mit Krümel im Arm langsam hinterher. Mayer Senior war einen Hauch blasser als zuvor. Seine Stimme und seine Worte schienen in Eile. Zuerst etwas heiser: „Mischi, Junior, habt ihr das gesehen? Was war das? Das Ding war riesig.“ Seine Tonlage kippte mit der Stimmung. Mit kaltem Atem knirschte er: „Ich leg’ das Vieh um. Was immer es ist.“
„Junior war da wirklich was?“, fragte ich meinen Sohn.
„Jupp, ein Prachtexemplar. Wenn überhaupt, wollte er sich deinen Hund schnappen.“ Mein Sohn veränderte die Stimme von coolen Sechzehn auf Babysprache. Er redete zum Hund auf seinem Arm:
„Und Krümchen kann schwimmen, so fein, ganz schnell – ja, ja – und er hatte gar keine Angst. Nur einer war gerade schneller aus dem Wasser. Das war der Papaaa.“
„Woher willst du wissen, auf wen es das Schlangenteil abgesehen hatte? Es tauchte direkt neben mir auf“, sagte mein Mann.
„Schlangenteil? Sicher, Nessi macht Urlaub am Gardasee. Dad, das war ein stinknormaler Wels. Aber ein richtig fetter Brocken. Zwei Meter dürfte er mindestens gehabt haben. Etwa. Eher mehr. – So viel Körper zog fast durch den halben Meter Bogen, der herausragte. Er tauchte ab. Ein Stör war es sicher nicht, und andere gibt’s nicht in der Gewichtsklasse.“
„Woher willst du das wissen?“, fragte mein Mann.
„Kinderbücher und Tierbücher. Du findest ja die Sterne interessanter.“
„Sind sie auch“, stimmte mein Mann zu. „So viele unbeantwortete Fragen …“
„Ob wir allein sind im Universum?“ Junior zeigte Mitgefühl auf seine ureigenste Art. „Hier hat zumindest ein fetter alter Fisch sein Revier. Keine Sorge. Der hat kapiert, dass du keine Ente bist.“
Mein Mann hatte vom Baden die Nase voll. – Wie ein 90-Kilo-Skianfänger, der auf dem Zielhang angeschossen kommt. Eine berauschende Abfahrt, die den Geist befreit – bis er mit Vollgas in die Warteschlange am Schlepplift kegelt. – So passiert. Seefeld, Tirol. Schussfahrt ist noch kein Skifahren. Das Letzte, was der Anfänger von seinem angeheuerten Skilehrer hörte, war: „Auf den Buckeln drehen!“ Das funktionierte schon nicht, aber er stand noch. Er war schnell und stand noch. Die Entscheidung für den Schluss-Hang links, anstelle der flacheren Ausfahrt rechts, war dem Irrsinn geschuldet. Er konnte kaum im Schneepflug bremsen. Am steilen Hang, im Schuss, hätte es ihn geschmissen, wenn er es nur versucht hätte. – Er hatte. Mit dem Kopf voraus schoss er, auf dem Bauch liegend, in so etwas wie ein Ziel. – Alle Neune. Die umgemähten Neun waren von den Socken. Hunderte Sonnenhungrige auf der Skialmhütte dahinter hätten die Nummer gern noch mal in Zeitlupe gesehen. Pech. Mayer Senior trat nicht wieder an, nachdem er sich kurz entschuldigt hatte. Vielleicht hatte er sie auch gefragt, warum sie im Weg rumstanden.
In der Besetzung des Übergangs in einer Familie – Junior, Lisa und Anna – schlenderten wir an der Stelle der Wels-oder bayerisch, Wallerattacke vorbei. Alle Wege in Bardolino führen zur Hauptstraße hinter dem Bootshafen. Die Straße, eigentlich die Piazza Giacomo Matteotti, führt vom Hafen zur kleinen Kirche des vorletzten Jahrhunderts. Das schmucklose Gebäude hat einen Portikus – eine Vorhalle. Vier stattliche Rundsäulen tragen den Eingang. Der Portikus mit der Treppe davor zeigt, wo es langgeht, wo vorne und oben ist.
Auf der Piazza am Abend zu sitzen – hat was. Allein das Restlichblau des Himmels. – Das sind Farben, wie sie keine Lackiererei hinbekommt. Und wenn, dann würde man meinen, es könne in der Natur nicht so unwirklich schön sein. Kann es. Überall. In Bardolino wirkt es für mich unmittelbar – ohne Ablenkung. Der Gesamteindruck ist nicht überladen mit Objekten und Ereignissen. Die sich in Lagen wandelnden Bilder sind klar und voll von harmonischen Kontrasten. Alles ist sichtbar – nur die Luft nicht. Der Himmel strahlt wie eine blitzblanke lapislazuliblaue Glasscheibe. Vor der heben sich die beleuchtete Kirche und die in Pastellfarben gestrichenen Häuser der Straße ab. Wie verschiedene Ebenen.
Davor die Menschen. Sie wuseln, shoppen, flanieren, essen und trinken in einer einfachen, doch prachtvoll arrangierten Kulisse.
Auch morgens durch den Ort zu streifen, hat Qualitäten. Die Geschäfte öffnen in einem eigenen Rhythmus. Das Klirren von Glas beim Leeren der Container übernimmt den Weckruf anstelle eines Hahns.
Jeder hat seine Lieblinge in sonderlichsten oder belanglosesten Begebenheiten gefunden – auch an Urlaubsorten. Plätze, Speisen, Getränke, Menschen, Ereignisse – sogar Temperaturen und Wetter. Es ist das Erleben. In Bardolino ist mein Liebling ein abendliches Gewitter:
Es war gerade dunkel. Die Lichter der anderen Seeseite waren wie eine aufgelockerte, warmleuchtende Horizontlinie. Sie spiegelte sich im See mit gebrochenem Schein wie eine Einladung aus der Ferne. Darüber ein kalter, blauschwarzer Himmel mit sich auftürmenden grauschwarzen Wolkenbergen. Dort drüben, auf der anderen Seeseite Richtung Mailand, brach ein Sommergewitter der Extraklasse los. Die Blitze peitschten in rauen Mengen durch die bewegte Wolkendecke. Ganze Wolkentürme pulsierten kurz als Leuchtkörper. Sie erhellten den Himmel im unsteten Wechsel der Orte. An einigen Stellen war die Decke aufgerissen oder entleerte sich. Der Sternenhimmel gab dem Bild als Untermalung noch mehr Tiefe. Massen entluden sich davor zuckend mit scharfgezeichneten Blitzen. Es müssen Unmengen an Wasser heruntergekommen sein. Die Wolkenbrüche waren einzeln zu erkennen. Wo die Tropfenschleier fielen, fand das Blitzlicht Brechung und Widerhall. Die schönste Lichtorgel der Welt.
Ich saß im Trockenen bei einem Glas Wein in der ersten Reihe und genoss das Schauspiel. Auch über mir war es düster, aber es bestand kein Regenrisiko. Es war die Teilnahmslosigkeit, die ein Zuschauerraum braucht. Fokussiert verfolgte ich das Geschehen auf der Bühne, ohne Teil der Inszenierung zu werden.
Mit meinem Sohn und Lisa war ich zum ersten Mal allein in Bardolino. Klingt irre, aber ich war frei von Aufgaben. Das junge Glück war beschäftigt. Sie gingen ihre eigenen Wege. – Und ich fragte mich, was ich an diesem Ort sollte. Alleinreisend hätte ich ihn wahrscheinlich nie besucht.