∞ Der Zahn, die Zeit
GardaWie wäre es mit einem kurzen Halt hier in Garda?“, fragte Junior zur Seite und in den Rückspiegel. „Nur kurz sacken lassen; ankommen. Cappuccino, Eis, Spritz. Ihr könnt euch frisch machen. Essen gehen wir in Bardolino, sobald ich zwei Zimmer bekommen habe. Schatz, wie sieht es mit deinem Bauch aus?“
„Ist viel besser gewodden. Ich kann maachen alles.“
Auch ich stimmte seinem Vorschlag sofort zu. „Gute Idee, auf der Rückfahrt kommen wir hier nicht vorbei. Lisa, du warst doch noch nicht am Gardasee.“
„Nein, Anna, ich würde gerne sehen.“
Die Hotelsuche könnte Stunden dauern. Hinter einem Busch hocken läuft hier nicht. Das ist nicht die Lüneburger Heide, und ich bin keine vierundzwanzig mehr.
Wir saßen in dem kompakten Örtchen auf der Piazza Catullo, links vom Hafen. Garda hatte sich nicht verändert, es war nur voller als früher. Die Gastronomie bewirtschaftete intensiver den Bereich und die Straße am Wasser. Mein Cappuccino duftete nach Italien. Das ist völliger Humbug – aber ich empfand es so. Wegen des verschlossenen Magens bei ungeklärten Angelegenheiten waren bei mir Eis und andere Speisen kein Thema. Sobald wir gesicherte Unterkünfte hätten, wäre die Speisekarte fällig. Ich begnügte mich mit einem Glas Weißwein nach dem Heißgetränk. Lisa aß wie ein Spatz an einem Eisbecher. Sie hielt immer wieder inne, sah zum Wasser und betrachtete ihr Eis vor sich. Ihre Haltung war alles andere als hingelümmelt, aber eine Ausgelassenheit überflog ihr Gesicht. Ich hatte den Eindruck, als würde bei ihr Anspannung einer neuen Form von Ruhe weichen. Ich schnappte einen kleinen Teil dieses Menschen auf und verstand, warum Junior sie liebte. Sie war schön, wie selbst ich mit meinem Satz Messlatten zur Schwiegertochterprüfung feststellte.
Hier saß ich auch mit seinem Vater.
Für einen Moment war alles, als würde die Vergangenheit nur fortgeschrieben. Wo ich als junge Frau und Mutter schon fest im Sattel sitzen musste, hatte sie noch diese Entscheidungen vor sich. Es sah so aus, als wäre sie nicht nur entschlossen, sondern auch bereit.
„Mann, Mann, Mann, das ist ja proppenvoll hier. Wo kommen die ganzen Leute her?“, sagte Lisas Verlobter, Junior, und soff wie ein Pferd die Hälfte der Mutter aller Apfelsaftschorlen. Es war seine zweite. Er saß mit dem Rücken zum See am Vierertisch, damit wir Seeblick hatten.
Die beiden Frauen an seinem Tisch sahen sich kurz an, ohne eine Miene zu verziehen.
Ich schnappte Bilder der Vergangenheit auf.
„Ach Junior, du hattest hier – da vorne am Steg – ein kleines Spielzeug-Segelboot. Es war rot-weiß mit einem gelben Segel. Wenn du es in den Händen hattest, verdeckte es dich ab den Knien komplett. So klein warst du. Kannst du dich daran noch erinnern? Und als du größer geworden bist, hast du uns mit dem Elektroboot vor dem Hafen auf und ab kutschiert. Hach. Am liebsten hast du Spaghetti Bolognese gegessen in der …“
„Cool war der Tresen in der Pizzeria, der wie ein Schiffsrumpf aussah.“
Mein Sohn hatte sich an den Gedanken gewöhnt, über seine Kindheit vor seiner Verlobten zu sprechen. Und wie er nun einmal ist, fand er keine Hemmschwelle des guten Geschmacks.
„Am allercoolsten war aber, als Dad der Weisheitszahn hochgegangen ist. Die Backe schwoll ihm an. Er konnte nichts mehr beißen, fluchte und ging mit mir dahinten zum Zahnarzt.“ Junior zeigte Richtung Seestraße.
Lisa folgte seiner Geste mit dem Kopf und sah in eine Richtung, der man die Verwurzelung Juniors mit dem Ort nicht ablesen konnte. Die bunten Häuser sahen so friedlich aus. Ihr langes, blondes Haar wusste nicht, dass es kurz davor war, ordentlich geschüttelt zu werden.
„Ich weiß nicht, warum Dad mich mitgenommen hatte. „Ich weiß nicht, warum er mich mitgenommen hatte. Fünf Stufen Außentreppe hoch und links rein. Wie alt war ich? Sieben, acht, egal. Auf jeden Fall war es ein Pferdedoktor. Er verpasste meinem Vater einen ordentlichen Schuss mit der Spritze. Nicht wie heute: kleine Piekser, schön verteilt. Nicht Einmalspritze oder mit Ampullen bestückt. Nein, er knallte ihm das Ding mit der Spreewaldgurke von Glaszylinder in den Mund. Mann, war das ein Kaliber. Die dicke, nicht mehr überall blanke Kanüle wurde nicht gewechselt. Mit einer Tankfüllung der Spritze hatte er locker das ganze Dorf einen Monat lang versorgt. Die Metallteile, Griffe und Halterungen hatte der Zahn der Zeit angefressen. Der Typ stellte das Ding einfach aufrecht zurück ins Wasserglas. Vielleicht war es auch Grappa. – Hoffe ich mal. – Ist ja nichts passiert. Jedenfalls hat er dann kurz gewartet, bis mein Vater sprach wie ein Frosch mit Wolldecke im Maul, packte das Zähnchen mit einer Zange, die ihren Namen verdiente, stützte sich mit dem Fuß am Frisierstuhl ab und riss den Zahn mit den Wurzeln und Teilen vom Kieferknochen raus. Das war ein Riesending.“ Junior zeigte seiner Verlobten mit Daumen und Zeigefinger eine schwer vorstellbare Zahngröße. Tatsächlich stimmte es. Der Zahn war ein Monster. Er sah aus, als würden vor Urzeiten winzige Gestalten in seinen Höhlen wie in einem Dorf gelebt haben.
„Schatz, mein Vater hatte den Zahn, an dem bei den Wurzeln noch Knochen dran war, jahrzehntelang in seinem Portemonnaie. Wer’s wusste, fragte ihn nie nach Münzgeld.“
Lisa verzog das Gesicht, schüttelte sich und schloss die Augen.
„Was hast du, Schatz? Kaum war das Biest an der frischen Luft, hatte mein Dad keine Schmerzen mehr. Warum er den Riesenbrummer aber mit sich rumschleppte, weiß keiner. Scheint ein Trend zu sein, verkalkte Begleiter zu haben. Mutter hatte eine Perle in Venedig eingesackt und sich gleich bei einem Kumpel von mir Schmuck daraus basteln lassen.“
„Er hat nicht gebastelt. Er ist Goldschmied. Die Perle bedeutet mir etwas. Mach Schönheit nicht immer runter! – Wofür rechtfertige ich mich hier?
„Ich löte dir Dads Zahn da ran“, sagte der aus Licht geborene Fürst des Feinsinns.
Seines Vaters Sohn. Da spricht man nichts Böses ahnend von einer netten Familienerinnerung. – Die Mayer-Männer holzen mit irgendetwas blödsinnig Robustem dazwischen. Man sitzt mit den beiden zu Pflaumenkuchen mit Schlagsahne im Café. – Sie erzählen, wie Sie aus Versehen deinen Obstbaum zerlegt hatten.
Das habe ich nicht verdient.
„Aaana, Perlen sind schöhn. Viel besser als alter Zann.“
Das sehe ich genauso.
Der Unterschied war Inhalt, nicht Wettbewerb. Sie ist nicht annähernd so imposant wie das geschundene, löchrige – jeder Beschreibung mit hässlicher Verachtung trotzende –Ding. Die Perle von San Marco ist Zeugnis einer seltsamen Begebenheit in Venedig. Sie ist ein kleiner Hinweis – an diejenigen gerichtet, die sich das Wundern verbieten.