Gigolos
Garda
Damals in Garda war ich eine junge, attraktive Frau. Mein Mann und sein fünfjähriger Sohn spielten am Wasser. Ich nutzte die Gelegenheit, um Sonnencreme fürs Kind aus dem nahen Hotel zu holen. Es war unmöglich. Ich kam nicht durch. Aus allen Ecken sprangen mir kontaktfreudige italienische Männer entgegen. Lautstark und gestenreich zeigten sie ihr Interesse an meiner Persönlichkeit. Sie führten sich auf wie … Es gibt nichts Vergleichbares außer dem tanzend nachgeahmten Balzverhalten in Musicals. Ich hatte das Original. Für den nervösen Haufen in ekstatisch guter Laune war ich für einige Minuten wie das einzig verfügbare Stück Kuchen. – Modell Kirschsahneschnittchen. Heute hieße ihr Verhalten sicherlich zu Recht Belästigung. Aufdringlich war es auch damals.
Meine höfliche Zurückhaltung war nicht falsch, aber dennoch fehl am Platz. Wer fährt schon lachend ohne Helm mit dem Motorrad durch einen Schwarm Eintagsfliegen? Ich. Gut, sie hingen mir nicht zwischen den Zähnen, und verschluckt hatte ich auch niemanden.
Es war bei den jungen Männern in Garda kein Durchkommen möglich. Ich kämpfte mich ohne Sonnencreme zurück zur Familie. Dort zog ich mein Kind an, nahm es an die Hand und wir hatten freie Bahn.
Dieselben Männer riefen zehn Minuten später anerkennend und mit noch mehr Begeisterung: „La Mamma“, und alles war in Ordnung. Sie riefen es mit tieferem Atem und gebenden Händen, bei zugewandtem Körper. Wie ausgewechselt. Die balzend, sich in Höhe und Breite vergrößernden Hähnchen waren nicht wiederzuerkennen. Ich sah ihnen den Respekt für die Familie an und es berührte mich. Junior und ich bummelten zum Hotel und wieder zurück.
Die Gigolos waren eine neue Erfahrung. Ich wechselte in eine härtere Gangart und kam auch ohne Kind an der Hand problemlos durch. „Permesso!!!“
So oft hielt ich den Gardasee zwar für bezaubernd schön. Er war genau richtig für uns als junge Familie. Nicht immer, aber wiederkehrend. Ich allein hier? Sicher käme ich nicht auf den Gedanken. Auf der Rückbank bei Lisa und Junior hatte ich keine aktive Rolle wie früher auszufüllen. Ich agierte nur, wenn ich es für notwendig hielt. Es schlichen sich mehr Erinnerungen und Bewertungen in meine Gedankenwelt.