∞ Italienische Gefühle
Fragile?
Einer ambitionierten Lebensplanung mischen sich zunehmend Rückblicke bei. Mir wurde trotz des klimatisierten Autos warm. Von innen. Aus dem CD-Player kamen seit Stunden dieselben Italohits. Meine beiden Kinderchen vor mir konnten schon recht überzeugend italienisch klingen. Ihre Imitationen waren weit entfernt davon, irgendeinen sprachlichen Sinn zu ergeben.
Warum hatte ich nur in Venedig die Sprache gelernt? Hätte ich es gelassen, würde ich jetzt nicht wissen, was ich nicht verstehe.
Lisa sang nur die einfachsten, unmissverständlichen Zeilen und Worte wie „Mutter“ oder „Liebe“ mit. Das Geheule in Endlosschleife aus den Lautsprechern trocknete meine Kehle. Junior schmetterte mir mit sinnlosem Silbenschrott Schluckbeschwerden obendrauf. Bei Störungen im Hals wird die Luft ganz dünn.
Nur Einbildung. Ich habe nichts gegessen.
Selbstbeschwichtigungen laufen bei mir über das Buchungskonto ‚Selbstbetrug‘. Der inneren Harmonie hilft das weniger. Selbst wenn ich nur das Hämmern der Schlagader spürte.
Vielleicht eine Wespe? – Bei der Suche nach Fremdkörpern werde ich stocksteif, fasse mir unter dem Kiefer an den Hals. Dann knete ich durch bis zur Luftröhre. Mit dem Verfahren hatte ich in Lüneburg eine Woche zuvor eine Minikartoffel zerquetscht. Es half. Seitdem greife ich lieber einmal zu viel zu, als japsend auf Luft zu warten.
Die Kartoffel war verdaut oder veratmet, jedenfalls weg. Nun zog sich mir der Hals von Juniors falschem Gekrächze zu. Einer rauchigen Stimme wäre ein verruchter Lebenswandel zuträglich. – Wenigstens eine Erkältung.
Weiß er nur eine Spur von dem, was er da singt? Er ist selbst ‚klein und zerbrechlich‘? – Bitte? – ‚Ich komme zurück NICHT‘? Zumindest bei ‚Verdammter Frühling‘ könnte ich diesmal ein Lied davon singen.
Was soll’s? Die Familie wird wachsen. Sie werden vielleicht selbst mit ihrem eigenen Tross aus Erinnerung oder Gewohnheit hier rumgeistern. Die andere Oma ist sicher gern dabei.
„Gleich in Österreich!“ – Der Ausruf kommt immer bei Kiefersfelden.
Abgleich und Erregung
„Wir sind am Brenner. – Italien!“
Muss jemand auf die Toilette? Gleich kommt die letzte Gelegenheit vor der Abfahrt“, fragte mein Sohn seine Verlobte und seine Mutter, als wir kurz vor Rovereto waren.
„Wirklich nicht?“, hakte er nach und sah uns munter auffordernd an. Lisa und ich schüttelten abermals den Kopf. Es hatte sich schnell eingespielt. Ich reagierte auf Juniors wartende Augen im Rückspiegel.
Wir fuhren von der Autobahn ab, um nach kurzer Landpartie zwischen Riva und Torbole auf die Seestraße zu gelangen. Die Weinreben übernahmen im Landschaftsbild seit einigen Kilometern zunehmend das Feld. Wir hatten die Täler mit Apfelbäumen nach Süden verlassen. Bei mir setzten die gleichen Regungen ein wie bei jedem Besuch. Die gefällige Landschaft begleitete mich bis über den Höhenweg des Monte Baldo Massivs. Es gab keine Bergwertung. Und doch war es erneut hoch genug, um eine Welt hinter mir zu lassen. Die neue war altbekannt. Das macht es nicht langweiliger. Es bleibt aufregend, frische mit verinnerlichten Bildern zu vergleichen.
Gardasee-Urlauber erfassen vermutlich das Hochgefühl, dem Ziel nahe zu sein. Die lange Fahrt abzuschütteln, vor Sonnenuntergang das Zelt aufzubauen und die genervten Kinder endlich ‚zu Wasser zu lassen‘. Pizza, Pasta und ein Glas Wein mit Blick auf den See oder in mittelalterlichen Gassen … Alles selbst erlebt. Die Wiederholungstäter sitzen fest im vertrauten Urlaubsrhythmus und überlegen, was sie diesmal ändern und bereichernd ergänzen. Ich kenne beides.
Bei mir trat auch dieses Mal wieder ein, was sich meiner Kontrolle entzieht: Die Blase meldete sich mit einem nicht endlos aufschiebbaren Anliegen. Ich habe feste Zeiten. Vor den Hühnern aufstehen; dann ist alles getaktet. Urlaub und Kurven bringen mich von meiner geraden Bahn.
Auf der Straße runter zum Wasser, um auf der Seestraße ans Ziel zu gelangen, passiert es. Der See erweckt seine Wirkung aus den persönlichen Erwartungen, Erinnerungen und Idealen. Die Bilder waren über die Jahre fast identisch – und auch nicht. Ich war noch genauso wie beim ersten Besuch – und ganz genauso wieder einmal nicht.
„Wow, ist das schön“, war mein spontaner Eindruck. Die Ecke kannte ich. Die Aussicht, die sich mir bot, genoss ich zuvor etliche Male. Trotzdem – es haute mich wieder um. Möglich, dass der Gedanke in mir war und nur auf den Anlass gewartet hatte. Junior erging es, wie nur er es hätte sagen können. Er schwieg, sah auf die Straße und erfasste jede Regung, das kleinste Vibrieren von Stimme und Körper seiner Verlobten.
„Das ist sehr schön“, war der auf das Wesentliche reduzierte Kommentar von Lisa zur Traumkulisse. Und doch enthielt die klare Sprache eine Art Neuanfang. Anders als bei mir und Junior gab es bei ihr keine vergleichbaren Erinnerungen. Die Bilder waren neu. Ihre Umgebung – wir – war neu für sie und die Gesamtheit musste sich von ihren Erfahrungen an der Goldküste oder der türkischen Riviera unterscheiden. Lisa sammelte konzentriert Eindrücke. Ich war deutlich vorbelasteter.
Der Geist ist willig
Mit dem ersten Erblicken des Sees passierte es. Ich war völlig allein, weil in meinem Kopf ein Hirn sammelte, sortierte und verglich. Was ich sah, waren die gleichen Bilddaten, die alle Sehenden aufnehmen.
Einen unvollendeten Wimpernschlag – für ein Flattern eines Schmetterlings lang warteten die Bilder in mir auf einen Abgleich mit dem, was ich sah. „Wow, ist das schön“, lag ohne mein Wissen auf der Zunge bereit. Ein Schutz. Wenn mir eine vertraute Person ein Geburtstagsgeschenk macht, packe ich es nicht gedankenlos aus. Das wäre ein Abgrund des Gemeinwesens, der sich auftäte. Beim kritischen Blick auf das Paket und dem Spüren seines Gewichts bin ich nicht in technisch abwägenden Gedanken bei: irgendwas zwischen Buch und plattgedrückter – jedenfalls toter – Ratte.
Wir kamen aus einer Höhe von nicht einmal 300 Metern über Seeniveau aus den Hügeln. Der See erstreckte sich breit und lang zwischen den Bergen. Nach Süden öffnete er sich und manches Mal sah er endlos aus. Als siegreiche Eroberer schwebten wir in sanften Kurven hinab. Wir gelangten in die Heimat von Anmut wie in ein verwunschenes Tal – besiedelt und friedlich. Der Gardasee feierte auch unser Erscheinen mit tanzenden Reflexionen des Sonnenlichts auf der bewegten Wasseroberfläche millionenfach. Als Gastgeber öffnete der See uns die Tür seines Hauses.
Ich hatte keine geordneten Gedanken. – Es gab nur das Staunen in Augenblicken des Erkennens. Motorboote düsten vorbei. Segler, Windsurfer und mittlerweile auch Kitesurfer tummelten sich farbenfroh, bevorzugt in der windigen Ecke von Torbole. Ich bin jedes Mal erneut von der unaufgeregten Schönheit beider Seeseiten fasziniert. Da gibt es nichts Exzentrisches, Schroffes, Brutales, Überhöhtes, sondern nur pure, ausgewogene Harmonie. Karge, verwitterte Felsen und Bergspitzen taten sich nicht hervor. Sie waren Teil des gelungenen Arrangements vieler Solisten zu einer Melodie des Ausgleichs.
Verwunschenes Tal? – Okay, das Südufer läuft flankenlos in die Ebene. Das ist mir genauso vertraut, wie mit dem rechten Fuß an einem Postkarten- oder Sonnenbrillenständer in einem der Orte hängen zu bleiben. In dem Moment, in dem ich den See sehe, ist es völlig wurstelpizzaegal.
Der Gardasee hat alles, was man braucht. Jeder findet Anlass, dort seine Art von Hochgefühlen zu entwickeln oder sie sich einzureden. Ostufer oder Westufer? – Was mich betrifft: Westufer. Weniger Tourismus, Blick über den See auf den Monte Baldo … Aber es betraf bisher die anderen. Außerdem war ich jetzt noch nicht angekommen.
Elf Stunden Rückbank hatten es in sich. Ich bog und reckte mich zwischen die Vordersitze, um das zu sehen, was ich kannte. Das Auto mit den langen Federwegen hatte die Person auf den billigen Plätzen – mich – ordentlich durchgeschaukelt.
Unternehmungslustig war ich dennoch. Meine Anwesenheit auf der Pärchentour ging mir nach wie vor gegen den Strich. Aber ich war neugierig, wie es sich entwickeln würde. Es hat alles mindestens zwei Seiten: Der Magen wollte sich von der Schaukelei durch den Hals von Ballast erleichtern. Die Aussicht ließ mein Herz sich mit Eindrücken beladen. „Lasst uns doch mal kurz in das Tal dahinten fahren. Eine Internet-Freundin hat da ein Haus. Sandra schwärmt von dem Dorf. Es sind nur ein paar Kilometer“, sagte ich. „Kannst du denn noch fahren oder bist du erschöpft?“
„Klar kann ich fahren. Von mir aus fahr ich durch bis Gibraltar. Ich werde gerade warm.“ Mein Sohn bog rechts ab und fuhr am Berg entlang taleinwärts.
Nach nicht einmal fünfhundert Metern sagte Lisa mit einem Hauch von Stimmchen: „Schatz, ich habbe Bauchschmerz von Fahrt. Können wir gehen Hotel?“
Der Held war gefragt und er reagierte: „Klar machen wir das. Wir müssen uns nur erst eins suchen.“
Ohne mich zu fragen oder einzubeziehen, ohne Blickkontakt im Rückspiegel, drehte er um. Er fuhr schnurstracks den See entlang Richtung Bardolino.
Das Bauchweh muss schlimm sein, dachte ich. Das übliche „Schaaatz“ kam diesmal leise, kurz und spitz.
Auf der anderen Seeseite erstreckt sich Limone am Berg und mir kamen zwei lieb gewordene Gedanken: Irgendwo dahinter, weiter links, hoch am Hang leben. Sich nicht sattsehen können an der Aussicht über den See und auf den Monte Baldo. Das wäre was. Der zweite Gedanke hat etwas von echtem Urlaubsgefühl: Ab hier wachsen Zitronen. Das darf man nicht so kleinlich sehen. Es gibt einigermaßen winterharte Zitrusgewächse, und nicht umsonst stehen die Limonen am Gardasee in Limoneiae. In den Gärten sind die wärmeliebenden Pflanzen im Winter durch Abdeckung von Schnee und Frost geschützt.
Zitruspflanzen machen mich glücklich – warum auch immer. Das satte, kraftvolle Grün der Blätter, die großen, leuchtenden Früchte und der sommerliche Duft der Blüten erfrischen mein Gemüt. Oft hatte ich zu Hause selbst probiert, Zitrusbäume zu ziehen. Ich brachte sie nicht über den Winter. Reinholen, zurückschneiden, draußen in Luftpolsterfolie einpacken – es ging nie gut. Zu warm, zu feucht oder Schädlingsbefall. Meistens kam alles zusammen.
Als Familie hatten wir uns frühzeitig für die Ostseite des Sees entschieden. Wir waren dabei geblieben. Schnell von der Autobahn aus erreichbar, Bademöglichkeit und Kiesstrand für das Kind, Cafés und Restaurants überall. – Ich sitze nie lange in einem Café – in Italien ‚Caffè‘.
Junior ist es egal, wie die Kneipe mit Außenplätzen von wem genannt wird. Wenn die Atmosphäre locker ist und er mit den Leuten an den Nachbartischen quatschen kann, hält er es aus. – Und andere ihn.
Wir fuhren auf der Ostseite des Sees. Linker Hand zogen die Anhöhen und Gipfel des Monte Baldo vorbei. An seinen Hängen kleben die Häuser. Man kann ihnen ansehen, wie wichtig es war, dass sie Seeblick ergatterten. Die hohen Zypressen mag ich mir im Gesamtbild der Fahrt am Wasser nicht wegdenken. Die Seestraße am Ostufer war immer wieder stumme Zeugin der Bewegungen in meiner Familie. Ich dachte an die verschiedenen Gründe, in Garda und in Bardolino Zeit zu verbringen. Mehrfach galt es, auf dem Weg nach Varigotti an der italienischen Riviera einen Zwischenstopp einzulegen. Garda war ideal.
Ach, der Busparkplatz von Malcesine. Auf den könnte ich verzichten. So schön der Ort ist, so überlaufen ist er von Tagestouristen. Bei der Durchfahrt durch Torri del Benaco sticht mir jedes Mal ein winziges Ladengeschäft ins Auge. Vor ihm ist fast kein Fußweg. Die Straße verjüngt sich. Mit einem kleinen, gebauten Schlenker ist der Laden Teil der alten Häuserschlucht. Ein kurzer Schulterblick zum Hafen. Dann kamen wir nach Garda.
„Weißt du noch“, sagte ich zu meinem Sohn. „Hier hast du das Schwimmen gelernt. Du warst mit dreieinhalb Jahren zu Hause im Schwimmkurs. Du konntest es dann auf einmal nicht mehr, weil du inzwischen Angst vor dem Wasser bekommen hattest.“
„Lisa, das hast du bitte nicht gehört“, sagte Junior, auf seine Frischverlobte auf dem Beifahrersitz blickend.
„Schaaatz! Mein Maan hat Angst vor Wasser. Ich denke, du bist riiichtiger Maaan.“ Lisa erblühte und kam aus sich heraus. Ihre Augen strahlten meinen Sohn an. Langsam, aber hör- und sichtbar, kuschelte sich ein in die Familie der gegenseitig aufgetischten Peinlichkeiten. – Ich fand es nicht peinlich, eher komisch. Junior kokettiert gern. Ansonsten lungert er nach Geschmacklosigkeiten. Beim Panzerquartettspiel hätte er den Supertrumpf: ‚Peinlich? Hab ich schon.‘
„Danke, Mutter, vielen Dank.“ Junior blickte kurz in den Rückspiegel zu mir.
Spielst du oder rückst du dich in das rechte Licht?, fragte ich mich. Nun badete er es planschend aus. – Das Schwimmen beherrschte er eine Weile, knappe zwei Jahre nicht mehr.
„Hier hast du das Vertrauen zurückgewonnen. – Und bei uns im Freibad. Es war ziemlich nervig, dich für alle zehn Meter zu loben, die du freigeschwommen bist, bevor du dich wieder am Beckenrand festgeklammert hattest. Das Kleinkinderbecken war dir lieber.“
„Mutter, bitte.“
Meine Gedanken wanderten: Lang ist es her. So viele Ideen. Eine intakte Familie, fast sorglos im Urlaub. Alle drei waren wir verschieden gestrickt und nahmen darauf kaum schweigende Rücksicht.
Unser Zusammenhalt lag im Verstehen der anderen und in der Auseinandersetzung. Wir feierten keine Kompromisse. Wer etwas weniger Gänsehaut bei einem Ort oder Zeitvertreib hatte, freute sich bei dem Blick auf die Wallungen der Lieben umso mehr.
Es gibt Wallungen und Wallungen. Manche vergisst man vielleicht, weil das Fell verteilt war.