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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 41: Italienische Gefühle

Schatz-ich-denke-du-brauchst-das-nicht-1

Italienische Gefühle

Fragile?

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Einer ambitionierten Lebensplanung mischen sich zunehmend Rückblicke bei. Mir wurde trotz des klimatisierten Autos warm. Von innen. Aus dem CD-Player kamen seit Stunden dieselben Italohits. Meine beiden Kinderchen vor mir konnten schon recht überzeugend italienisch klingen. Ihre Imitationen waren weit entfernt davon, irgendeinen sprachlichen Sinn zu ergeben.

Warum hatte ich nur in Venedig die Sprache gelernt? Hätte ich es gelassen, würde ich jetzt nicht wissen, was ich nicht verstehe.

Lisa sang nur die einfachsten, unmissverständlichen Zeilen und Worte wie „Mutter“ oder „Liebe“ mit. Das Geheule in Endlosschleife aus den Lautsprechern trocknete meine Kehle. Junior schmetterte mir mit sinnlosem Silbenschrott Schluckbeschwerden obendrauf. Bei Störungen im Hals wird die Luft ganz dünn.

Nur Einbildung. Ich habe nichts gegessen.

Selbstbeschwichtigungen laufen bei mir über das Buchungskonto ‚Selbstbetrug‘. Der inneren Harmonie hilft das weniger. Selbst wenn ich nur das Hämmern der Schlagader spürte.

Vielleicht eine Wespe? – Bei der Suche nach Fremdkörpern werde ich stocksteif, fasse mir unter dem Kiefer an den Hals. Dann knete ich durch bis zur Luftröhre. Mit dem Verfahren hatte ich in Lüneburg eine Woche zuvor eine Minikartoffel zerquetscht. Es half. Seitdem greife ich lieber einmal zu viel zu, als japsend auf Luft zu warten.

Die Kartoffel war verdaut oder veratmet, jedenfalls weg. Nun zog sich mir der Hals von Juniors falschem Gekrächze zu. Einer rauchigen Stimme wäre ein verruchter Lebenswandel zuträglich. – Wenigstens eine Erkältung.

Weiß er nur eine Spur von dem, was er da singt? Er ist selbst ‚klein und zerbrechlich‘? – Bitte? – ‚Ich komme zurück NICHT‘? Zumindest bei ‚Verdammter Frühling‘ könnte ich diesmal ein Lied davon singen.

Was soll’s? Die Familie wird wachsen. Sie werden vielleicht selbst mit ihrem eigenen Tross aus Erinnerung oder Gewohnheit hier rumgeistern. Die andere Oma ist sicher gern dabei.

„Gleich in Österreich!“ – Der Ausruf kommt immer bei Kiefersfelden.

Abgleich und Erregung

Zeichnung einer Kaffeetasse mit dampfendem Kaffee Zeichnung einer Kaffeetasse mit dampfendem Kaffee

„Wir sind am Brenner. – Italien!“

Muss jemand auf die Toilette? Gleich kommt die letzte Gelegenheit vor der Abfahrt“, fragte mein Sohn seine Verlobte und seine Mutter, als wir kurz vor Rovereto waren.

„Wirklich nicht?“, hakte er nach und sah uns munter auffordernd an. Lisa und ich schüttelten abermals den Kopf. Es hatte sich schnell eingespielt. Ich reagierte auf Juniors wartende Augen im Rückspiegel.

Wir fuhren von der Autobahn ab, um nach kurzer Landpartie zwischen Riva und Torbole auf die Seestraße zu gelangen. Die Weinreben übernahmen im Landschaftsbild seit einigen Kilometern zunehmend das Feld. Wir hatten die Täler mit Apfelbäumen nach Süden verlassen. Bei mir setzten die gleichen Regungen ein wie bei jedem Besuch. Die gefällige Landschaft begleitete mich bis über den Höhenweg des Monte Baldo Massivs. Es gab keine Bergwertung. Und doch war es erneut hoch genug, um eine Welt hinter mir zu lassen. Die neue war altbekannt. Das macht es nicht langweiliger. Es bleibt aufregend, frische mit verinnerlichten Bildern zu vergleichen.

Gardasee-Urlauber erfassen vermutlich das Hochgefühl, dem Ziel nahe zu sein. Die lange Fahrt abzuschütteln, vor Sonnenuntergang das Zelt aufzubauen und die genervten Kinder endlich ‚zu Wasser zu lassen‘. Pizza, Pasta und ein Glas Wein mit Blick auf den See oder in mittelalterlichen Gassen … Alles selbst erlebt. Die Wiederholungstäter sitzen fest im vertrauten Urlaubsrhythmus und überlegen, was sie diesmal ändern und bereichernd ergänzen. Ich kenne beides.

Bei mir trat auch dieses Mal wieder ein, was sich meiner Kontrolle entzieht: Die Blase meldete sich mit einem nicht endlos aufschiebbaren Anliegen. Ich habe feste Zeiten. Vor den Hühnern aufstehen; dann ist alles getaktet. Urlaub und Kurven bringen mich von meiner geraden Bahn.

Auf der Straße runter zum Wasser, um auf der Seestraße ans Ziel zu gelangen, passiert es. Der See erweckt seine Wirkung aus den persönlichen Erwartungen, Erinnerungen und Idealen. Die Bilder waren über die Jahre fast identisch – und auch nicht. Ich war noch genauso wie beim ersten Besuch – und ganz genauso wieder einmal nicht.

„Wow, ist das schön“, war mein spontaner Eindruck. Die Ecke kannte ich. Die Aussicht, die sich mir bot, genoss ich zuvor etliche Male. Trotzdem – es haute mich wieder um. Möglich, dass der Gedanke in mir war und nur auf den Anlass gewartet hatte. Junior erging es, wie nur er es hätte sagen können. Er schwieg, sah auf die Straße und erfasste jede Regung, das kleinste Vibrieren von Stimme und Körper seiner Verlobten.

„Das ist sehr schön“, war der auf das Wesentliche reduzierte Kommentar von Lisa zur Traumkulisse. Und doch enthielt die klare Sprache eine Art Neuanfang. Anders als bei mir und Junior gab es bei ihr keine vergleichbaren Erinnerungen. Die Bilder waren neu. Ihre Umgebung – wir – war neu für sie und die Gesamtheit musste sich von ihren Erfahrungen an der Goldküste oder der türkischen Riviera unterscheiden. Lisa sammelte konzentriert Eindrücke. Ich war deutlich vorbelasteter.

Der Geist ist willig

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