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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 40: Die Bretter, die die Welt erklären.

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Die Bretter, die die Welt erklären.

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Rottach-Egern

Meinen Mann zog es auf der Durchreise in den Süden und auch als Einzelurlaub an den Tegernsee. Er hatte einige Zeit als Kind in Rottach gelebt. Er kannte den Ort, die umliegenden Berge und Almen. Er muss stundenlang am Stück mit dünnen Knien und klappernden Zähnen im eiskalten Wasser der Weißach gestanden haben. Kindheit.

Auch seinen Sohn zog es in das von Klarheit und Kraft strotzende Gebirgswasser. Die unterschiedlichen Strömungen und Wassertiefen übten einen magischen Reiz aus.

Junior war in und an jedem Gewässer zu Hause. Sobald er nahe genug herankam, versuchte er, Fische zu erspähen. Er suchte nach dem Besonderen, nach Rekorden. In der Weißach interessierten ihn nur das Wasser und das Gestein. – Und das Licht. Es feierte die Strömung und die Schatten der Bäume verliehen Teilen des Flusses grünschwarze, mystische Tiefe. Ohne Rücksicht auf Kleidung und Knie sprang Junior über und zwischen den Felsen und Steinen herum.

Nun war das Kind mit seinem Vater in Rottach-Egern. Eigentlich die beste Gelegenheit, Gemeinsamkeiten zu entdecken und auszuleben. Bei Mayer Senior waren es mehr als allgemeine Urlaubserinnerungen. Es gab persönliche Gründe. Mein Mann ging langsamen Schrittes durch den Ort. Seine Augen erfassten alles, was sich nicht rührte. Unmengen an Kindheitserinnerungen quollen bei ihm hoch, doch sie kamen nicht raus. Er sprach wenig. Und wenn, erzählte er mit tiefer, ruhiger Stimme – als hätte er alles im Griff. Hatte er vielleicht. Manchmal blieb er stehen und sah sich um wie ein Heimkehrer. Ich verstand ihn, und er wusste es.

Sein Verhalten kann man ernst nehmen oder als gegeben einbuchen. Ich hatte ihn, an derselben Stelle schon quasselnd wie ein Wasserfall erlebt. Mal bescheiden, mal kommunikativ. Er spielte den einheimischen Rückkehrer und den, dem die Welt gehörte. Nichts passte und vielleicht doch alles – nur winziger. Es lag nicht an mir, zu entscheiden, welche Erkenntnisse, Träume und Wahrheiten meines Mannes wie zu bewerten oder gar zu fördern waren.

Die kleinen Bruchstücke aus der Vergangenheit sind Spiegel dessen, wer wir heute sind. Einige sind Juwelen in der Schatzkammer, Irrlichter im Gemüt oder Splitter in den Eingeweiden. Sie sind da – vergessen, verdrängt, gefeiert oder geträumt.

Ich bin seine Frau und nehme Anteil. In Rottach-Egern versuchte ich, meinen Mann in Landschaft, Objekten und Menschen wiederzuerkennen. Es gab eindeutige Reize – wie das Flussbett der Weißach.

Weniger deutlich trat für mich die Holzmaserung des uralten Bootsschuppens in Rottach-Egern hervor.

„Fass das Holz mal an“, sagte mein Mann zu seinem Sohn. „Als ich so alt war wie du, stand ich jeden Tag genau hier, sah auf den See und träumte davon, mit einem Segelboot zu fahren. Es sind noch dieselben Bretter. Es sind noch dieselben Träume.“ Langsam fuhr er mit der Hand die silbrig-verwitterten Grate und Furchen in den Brettern ab. Sie waren in den vergangenen zwanzig Jahren unverändert, wie er sagte. Ich ließ meine oft zu beweglichen Gedanken über seine Geschichte schweigen.

„Wie warm sich das Holz anfühlt. Das ist so viel mehr als ein Bootsschuppen“, sagte der Senior, und Junior probierte es. Akribisch machte er mit der Handfläche in Sachen Holz.

Da stehen sie nebeneinander, dachte ich. Vater und Sohn auf dem Weg zu Gemeinsamkeiten, die ein Leben lang bleiben sollen. – Woher soll Junior …?

„Und? Mein Sohn, wie fühlt es sich an? Daran wirst du dich immer erinnern.“ Mayer Senior sah zu seinem Kind. Meines Mannes Gesichtszüge waren weich und die Haut des erwachsenen Draufgängers pastellfarben verletzlich.

Junior nahm die zweite Hand zur Hilfe. Es nützte nichts, er hatte bereits seine eigene Welt: „Genau wie der Schuppen von Onkel Otto. – Wo der alte Güllewagen drinsteht.“

Er hat keinen Onkel Otto. Auf dem Dorf waren alle Bauern Onkels und Tanten für die Knirpse. Entfernte Verwandte waren es sicherlich. Zumindest dachte ich das damals. Irgendwie sind wir Menschen eine Familie. Vor mir standen Vater und Sohn. Ich muss es wissen.

Ein Kind der Liebe. Tja, Anna, überschätze nicht den Moment der innigen Verbundenheit. Vor allem unterschätze nicht seine möglichen Folgen. Vor mir steht mein Leben.

Es lag nicht ungewiss, aber voller Freiräume vor mir – mein Leben. Es waren die zwei Paar Beine, die direkt vor der Person, die sie zu verstehen suchte, am Schuppen standen.

Fies ist es schon. Da jubeln Körper und Seele entfesselt in einem nicht enden wollenden Traum der grenzenlosen Freiheit, und … – Tri-tra-trullala: Einmal freigelassen, treibt dein Boot auf dem Fluss, den du ein Leben lang nicht verlässt. Und du paddelst, um in der Mitte zu bleiben. Du schippst Wasser raus, damit es nicht sinkt.

Da stand er, der kleine Grund für mich, nicht aus dem Boot zu fallen, und verglich mit dem Anlass – seinem Vater – Holz mit Holz.

„Das ist doch kein Schuppen für einen Wagen voller Scheiße. Das ist ein Bootshaus“, sagte mein Mann.

„Ich seh kein Boot“, konterte Junior.

Ein Anflug von Nachlässigkeit floss in der Mimik von Herrn Mayer. Ich dachte kurz: Den Gesichtsausdruck kenne ich – von Schwiegermutti. Die Spannkraft in den Wangen lässt für einige Sekunden nach und die Augen sind leer. Ein sicheres Zeichen für gespielte Entrüstung, um ein Thema abzuhaken.

Er schüttelte es ab, ohne dass die Lefzen flogen: „Wie wäre es mit Eis und Minigolf?“

Ich folgte dem Dream-Team in die noch lange nicht untergehende Sonne. Minigolf, Eis und Limonade. Generationen im Dialog. – Was hatte sich Schnitty erhofft? Was sollte Junior empfinden? Er hatte schon ein eigenes Leben und würde einen eigenen Weg beschreiten. Was wäre, wenn Junior zur Freude seines Vaters lernen würde, dessen Gefühle für den Schuppen zu teilen? Sie wären da, echt, wahr – aber nicht verwurzelt.

Zu Hause hatte ich zu der Zeit einen Dackel, ein 9-Kilo-Zwergkaninchen, größer als der Hund, und mein heimlicher Liebling war das Streifenhörnchen, Fritzi. Sie wurden während unseres Urlaubs von meiner Mutter versorgt. Die drei und Junior verstanden sich bestens. Gemeinsame Neigungen hatten sie nur beim Toben und den Besitzanspruch an das Sofa. Drei Tage lang die Trommel von der Waschmaschine zu besetzen, war Teil von Fritzis Vorstellung über sein eigenes Leben.

Minigolf in Rottach-Egern gab für Vater und Sohn das her, was das Sofa für die Tiere zu Hause war. Eine Gemeinsamkeit.

Auch das Wandern auf den Wallberg am Tegernsee war ihr Vater-Sohn-Ding. – Später trugen sie den Aufstieg als Wettrennen aus.

Die Berge haben es auch mir angetan. Nicht im sportlichen Sinn. Schroffe Natur, Wetterwechsel. Und da bleibt das Wundern, wo überall der Mensch hingeht, um aus Gras Heu zu machen. Es sind für mich sinnliche Momente. Meine Männer waren weniger romantisch eingestellt.

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