Lumumba
Ibiza
Aus dem Shop der Klubanlage auf Ibiza latschten wir in weißen oder sehtestwürdigen Sommergewändern auf den rötlichen Keramikfliesen zum Hauptgebäude. Die Grillen zirpten. – Ich vermute es. Was hätte sie schweigen lassen? Da mir keine Veränderung auffiel, war sicher alles beim Alten. – Irre, mit welchem verborgenen Antrieb wir uns anpassen.
In der Gewöhnung liegen Segen und Fluch unserer Urteilskraft.
Ein Urlaubsgefühl, hervorgerufen durch Insekten.
Heimatliebe in der eigenen Wohnung.
Neben den Gleisen einer Hauptbahntrasse, wenn morgens um 5:17 Uhr der Güterzug vorbeirauscht.
Die Klubanlage auf Ibiza war lärmfrei. Mit sanft geformten, dicken Rauputzwänden geleiteten die weißen Wohnhäuschen ins Zentrum des puebloartigen Freizeitidylls.
Sobald wir nach zehn Minuten das erhöhte Poolplateau erreicht hatten, rollte alles wie geschmiert. Nirgendwo gab es einen Grund, aufzupassen, einzugreifen oder für Abwechslung zu sorgen. – Den ganzen Tag nicht.
Unsere engsten Bekanntschaften im Klub waren zwei Gäste mit präsenten Eigenarten. Quax hatte seinen Spottnamen von einem Film mit Heinz Rühmann. Er war Pilot wie sein ungewolltes Vorbild. Der groß gewachsene, athletische Kerl mit den zurückblickend leisen Augen verbrachte dort zwei Wochen alleinreisend. Für mich war kein Grund ersichtlich, warum er Kluburlaub buchte. Er beobachtete, hörte zu und ereiferte sich im Gespräch. Dabei verlor er nicht eine Sekunde die Kontrolle über sich. Sein wacher Geist blitzte deutlich sichtbar hervor und trat sofort wieder zurück in die Reihe. Wenn er mit uns in Rage diskutierte und lachte, war das gesamte Gesicht in Bewegung. Seine Augen kamen nicht aus der Deckung. Kinder oder eine dauerhafte Beziehung hatte er nicht. Quax war echt. Es gibt keinen Grund, eine Fassade zu vermuten, wenn sich jemand vor mir nicht ausbreitet.
Genauso glaubwürdig, doch als Typ völlig anders und in seinen Bann ziehend war Lumumba. Der Spitzname, den er trug, zeugte von seinem favorisierten Getränk: Kakao mit Rum. Das Zeug war nach dem ehemaligen Staatspräsidenten der Republik Kongo benannt. Warum? Da streiten sich die Rassisten und die Antiimperialisten. Der Kämpfer für die Unabhängigkeit war offiziell hingerichtet worden. Sein Name kam auf die Barkarten der Siebziger und Achtziger. Das Getränk selbst war nicht neu:
Es gibt eine korrekte, rücksichtsvolle Bezeichnung für die Mischung. Da entflammt einem das Herz, und man bestellt es gern im Kreis der Lieben. Auf der Nordseeinsel Föhr hatte ich Teile meiner Jugend verbracht. Dort heißt der schwere Trank ‚Tote Tante‘. Eine Urne in einer Kakaokiste hatte für die Namensgebung hergehalten.
Bei unserem Lumumba bestand keine Verwechslungsgefahr. Sein erfrischendes Äußeres hatte mehr von einem Seeräuber als von einem betagten Muttchen. Ein pfiffiger Typ, an dem das Leben in den 35 Jahren nicht spurlos vorbeigegangen war. Aufgeschlossen, zynisch clever, wortgewandt – und von einer punktuell schweißig-bissigen Verzweiflung begleitet.
Seine Körperhaltung war nach vorne geneigt und gedrungen. Ich weiß nicht mehr, ob er einen Bart trug. Wenn er ihn hatte, war es ein dünner Schnauzer, der am Mund vorbei bis zum Unterkiefer führte. Er hatte eine Dschingis-Khan-Optik, sofern es das gibt: die Form der Augen und ihre knisternde Verwegenheit? – Sein schwarzes Haar war schütter und zwei Millimeter lang. Die Tätowierungen, gerade die fast schwarzen an den schlanken Armen, kamen bei den Muscle-Shirts zur Geltung. – Das heißt, sie wären es sicher, wenn er Tattoos gestochen hätte. Ich weiß es nicht. Der Kerl war nicht nur für mich als Mensch kompliziert, spannend und emotional unergründlich. Sein genaues Aussehen und schon gar nicht seine Tapete hatte ich richtig bemerkt, erfasst oder bewertet.
Mein neunjähriger Junior sympathisierte mit beiden. Lumumba lag für ihn dennoch deutlich vor Quax. – Ein Bruder im Klub der Freigeister und Lebenskünstler. Jemand, der sich nicht um Benimmregeln scherte und trotzdem korrekt blieb. Ein Mann, der direkt und erwachsen mit einem Kind sprach und selbst kindliche Gedanken produzierte. Er war brüchig, aber nicht gebrochen, eingerissen, doch nicht entzweit, besoffen und klar. Junior war hin und weg von so viel Mensch. Lumumba betrachtete ihn auf Augenhöhe. Mein Sohn kapierte längst nicht alles, fragte nach und versuchte, es sich zusammenzureimen.
Die Männerfreundschaft endete eines frühen Abends mit der Brisanz, Tiefe und Tragweite manch einer Trennung: sinnlos, hohl und ohne Belang für das Fortkommen der Menschheit.
Lumumba stand unter der Wirkung einiger seiner Namensvettern. Diese genehmigte er sich bei jedem Wetter, unabhängig von Sonnenstand und Temperatur. Mit mäßiger Betankung und ohne zu lallen, haute er Junior an. Er hatte dabei den Oberkörper über den Rattantisch gebeugt. Die Ellenbogen der verschränkten Arme schob er Richtung Tischmitte nach vorne. Mein Sohn saß ihm zierlich mit knöchernen Schultern gegenüber.
„Na, Junior, wie lebt es sich, mit dem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen zu sein?“
„Goldener Löffel im Mund? Was meinst du damit?“
„Du bist versorgt. Du hast nichts auszustehen. Dir wird jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. Deine Mutter kümmert sich um dich. Ist doch so, oder?“
Dem hatte er weder eine weitere Erklärung noch mildernde Worte hinzugefügt. Was auch? Wozu? Ich war so unerschrocken, dass ich mich nicht daran erinnern würde. „Wie kannst du so mit und von meinem Kind reden? MEIN Sohn ist nicht für deine Bitterkeit verantwortlich.“ – Der Klassiker der gespiegelten Verteidigung kam mir nicht in den Kopf. Wozu sollte ich den mit Schattenboxen beschäftigen? Lumumba hatte recht.
Dennoch weiß ich es, weil die Frage woanders Erschütterungen ausgelöst hätte. Kinder und Betrunkene sagen angeblich die Wahrheit. Da saßen am Nachbartisch beide Vertreter der leichtfüßigen Konfliktbereitschaft.
Haut rein, Jungs. Gebt’s euch reichlich, dachte ich.
Junior ist klein. Aber Lumumba, du hast eine kritische Dünnhäutigkeit. Mit der ginge ich gegenüber meinem Sohn nicht hausieren. Zumindest nicht, wenn ich ihm einen geigen wollte, ohne dass das Kind den Spieß umdrehte und aus dem 3/4 Walzer etwas schwer Tanzbares zaubert.
Ich war zwar nüchtern, aber es gab keinen Grund, irgendjemanden zu belügen. Sicher habe ich mich um unser Goldstück gekümmert. Das hielt ich für meine Aufgabe. Natürlich hatte keiner gefragt, ob mir das alles Spaß bereiten würde. Der Muttertag wurde später familienintern zu einem militärischen Leistungstest hausfraulicher Fähigkeiten und Kampfkraft erklärt. Es hatte für mich weder in der Aussage noch in der Auswirkung einen unterhaltsamen Charakter. Juniors Erziehung hatte keine Hintertürchen. Es gab nicht mal Wände: Wenn die erforderliche Zeit und die Mittel sich im Rahmen bewegten, formten sich Regeln zu Hinweisen. Ich hatte seine Interessen und Wünsche auf einem der vorderen Plätze meiner Aufgabenliste. Er hatte mehr, als er brauchte. – Eigentlich unwichtig. Es gibt wenig, was man nicht mit einer Kinderschere, ausgedienten Kartons, Eierpappen und Fingerfarben gleichwertig zu ersetzen vermag. So ist er erzogen. Mit materiellen Abhängigkeiten ist ihm schwer beizukommen.
Wie man es biegt, irgendwas bleibt krumm – oder geht beim Richten schief.
Nachdem Lumumba ihm die Wahrheit aufgetischt hatte, stand mein Sohn auf. Er verließ wortlos den Raum und sie sprachen nicht mehr miteinander. Junior hatte nicht auf ihn reagiert oder sich zu uns gesetzt, wenn er bei uns war. Lumumba bot an und bat sogar darum, mit ihm zu reden. Der Seebär tat mir leid. Ein Gespräch unter Männern?
Nichts zu machen. ‚Tote Tante‘ eben. Erledigt. Dabei war Junior nicht einmal schwer getroffen – meine ich. Mein Sohn neigt dazu, sich umzudrehen und zu gehen. Er bleibt weg.
Er bereut heute etliche seiner Entscheidungen. Das ändert auf Gedeih und Verderb nichts an seiner Einstellung.