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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 39: Versifft vom Glück

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Versifft vom Glück

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Wenn ein Teil des Kulturladens doch nur nicht den Hang hätte, so schrecklich zu verkrampfen.

Auf der Rückfahrt plauderte ich mit meinem Schnitty über die Eindrücke der vergangenen drei Tage. Eisenach, Weimar und Dresden sind ziemliche Festungen deutscher Kultur. Schon da hatten wir verschiedene Schwerpunkte. Mir war das Deutschsprachige inmitten von Europa einen Hashtag wert. Ich spreche die Sprache besser als andere Sprachen. Schnitty hatte es auf Leuchtturmeffekte abgesehen: auch in der Kultur Wettbewerbe zu veranstalten und zu zeigen, dass man vorne mitspielt. Namedropping mit Bach, Goethe, Schiller stand ihm gut zu Gesicht – meinte er. – Sogar mit Luther, mit dem Schnitty so viel am Hut hatte wie die Kirche mit Herrn Mayers Einkommenssteuererklärung.

„Liebling, warum bist du in Weimar so ausgerastet? Ein kleines Konzert eines Quintetts im Bach-Haus. Wir waren da und die spielen täglich und es dauert nicht lange. Du hättest in ein Café gehen können.“

„Anna, es ist immer das Gleiche mit dir. Kaum hast du in Sachen Kultur irgendwo Lunte gerochen, fängst du Feuer und frisst dich als Waldbrand durch die Landschaft. Du kriegst nicht genug. Du findest kein Ende.“

„Der Vergleich hinkt. Was soll ich dabei sein? Feuer, Holz, Sauerstoff? Was für ein Blödsinn. Du nimmst es gern mit, aus dem Land der Dichter und Denker zu kommen. Mach dir keine Gedanken. Es passiert auch mit dir, ob du willst oder nicht.“

„Anna, du übertreibst bei allem, was du anstellst. Ich habe nichts gegen Hochkultur. Deswegen verneige ich mich doch nicht vor jedem, der schmachtend auf der Mundorgel den Walkürenritt spielt.“

„Ausgerechnet Wagner. Du weißt, dass ich den Typen nicht abkann.“

„Der mit der Mundtrommel nützt keinem. Eine Marmorstatue ist ja okay. Die steht rum. Ein Springbrunnen und fertig ist der Stadtraum. Aber was ist, wenn jemand Fett zusammenkleistert oder ein anderer hingeballerten Sperrmüll in Kassel auf der Documenta ausstellt? Da weiß ich nur, dass Steuergelder zumindest dafür verbraten wurden, dass sie im Studium ihr Gefühl für Schrott entwickeln konnten. Das macht keinen Sinn. Das ist keine Kultur. Das ist therapeutisches Basteln.“

Mein Schnitty. Er dachte wirklich, seine Ablehnung würde dem ach so geliebten gesunden Menschenverstand entspringen. Sie würde helfen, Kontrolle über den Wahnsinn zu behalten. – Wie es ihm gefällt. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob Kunst ihm völlig wurst war, ob er sie hasste und sich auch dagegen wehrte. Von zweckgebundenen Errungenschaften bis zu gefühlt sinnlos ‚hingeballertem Sperrmüll‘, den jemand Kunst nennt: Der ganze Schrott sind wahrgenommene Teile von Kultur. Inspirationen für Wertung, Haltung und Erkennen, die uns begleiten.

„Schnitty, du kannst dich auf die Hinterbeine stellen und kommst nicht aus der Sache raus: Auch du bist Kulturträger. Prosit.“ Ich hatte eine Dose Cola im Anschlag, trank und stellte sie wieder in den Getränkehalter auf der Mittelkonsole.

„Anna, Mischi. Ich kann entscheiden, welchen Unsinn ich mir antue und ob ich es einfach ignoriere. Trotzdem nervt es mich, wenn eine bekleckste Leinwand für Millionenpreise gehandelt wird. Die Kleckserei ist keine Arbeit und mit der Leinwand kann man nicht einmal mehr Gold schürfen, weil sie vollgeschmiert ist. Ich bleibe beim Bau. Wenn es normal läuft, können wir gut davon leben. Denkmäler brauche ich nicht. Da hat man nur Ärger mit. Einfache Funktionsbauten. Da kräht kein Hahn nach. Das ist einfach nur praktisch.“

Zeichnung einer Kaffeetasse mit dampfendem Kaffee Zeichnung einer Kaffeetasse mit dampfendem Kaffee

Da war nicht viel zu machen. Mein Schnitty sah seine Aufgabe darin, die Familie zu ernähren. Wenn Anerkennung seiner Arbeit auf anderen Ebenen käme, wollte er, dass sie ihm bitte schon zu Lebzeiten zuteilwürde. – Er steckte in der Klemme, die ihm selbst nicht bewusst war: der Sterbliche und der schlagkräftige, wenn nicht handfeste Nutzen von Kunst in Kultur.

Praktisch im Ausdruck ihrer Zeit sind die Via Dolorosa in Jerusalem und die Seufzerbrücke in Venedig. Aber auch der Gefängnisfelsen Alcatraz in der Bucht von San Francisco. Auf unserem Weg tragen wir einen Teil der Erfahrungen und Strukturen der Geschichte und des Umfeldes. Kreativ-schöpferisch Tätige sind wertende Spiegel ihrer Zeit und Umgebung. Sie betrachten sich selbst oder sind sogar Ausdruck einer neuen Anschauung, einer schwelenden Idee.

Genauso gibt es immer solche, denen danach dürstet, Gesellschaften und das Leben anderer zu verstehen. Auch heute ist dies in den Geistern der Zeiten und Wenden vergangener Epochen zu lesen. Mengen, Verschiedenheiten und Qualitäten verändern sich. – Ob Hochkultur, Tanz auf dem Vulkan, Unterdrückung, Aufstand oder Auferstehung in neuem Gewand. Die Vergangenheit wird verarbeitet – und es schreitet frisch belastet voran.

Einen besessenen Künstler kann ich irgendwie verstehen. Deswegen trinke ich noch lang keinen Kaffee mit ihm. Als Kulturträger nehme ich es locker. In Ruhe gucken, was ich da im Vorübergehen vor das Hirn gelegt bekomme.

Ich bin ein glücklich versiffter Schwamm als Träger und Teilnehmer. Kultur ist für mich nicht nur der breite Strom. Ich sauge das kulturbelastete Wasser auf, wo es mir begegnet. Die Quasselstrippe erzählt und entleert sich im Flussbett. Es bleiben Essenzen im Schwamm zurück, die Teil von ihm werden. Was zwar stimmt, aber weder Grund zum Ekel, Angeben noch zur Sorge ist: Was darin steckt, macht mich mit aus. Das Vollsaugen ist berauschend, und das Ausdrücken hat tatsächlich etwas vom Goldschürfen. Ich freue mich, wenn was hängen bleibt. – Anders als bei der Wirkung eines Nasensprays.

Mein Schnitty sah die Sache anders. – Frei, wie er meinte. Und er war ungefragt Teil eines Kulturbetriebes, dessen Wesen es ist, sich als Betrieb infrage zu stellen.

Solange es Menschen gibt, kommen wir schwer an Ergebnissen unseres Schaffens vorbei. Egal, ob wir den Umgang mit Verurteilten betrachten oder ein Bild.

Wir kamen zu Hause an. Ich war wieder inmitten meiner Klassik-CDs und Poster geliebter Werke: von Botticellis Primavera, dem Wagenlenker von Delphi, Max Liebermann bis zur Taube von Picasso. Meine Mutter behauptete, dass sie den Vogel schöner malen könnte.

Schnitty hatte auch Kunst im Haus. Originale. Zwei Ölgemälde von Ort und Meer unseres Hoteliers in Varigotti. Wir waren dort dreimal mit dem kleinen Junior im Familienurlaub mit Zwischenstopps am Gardasee. Herr Mayer steigerte sich im Urlaub hinein und kaufte die Bilder beim geselligen Plausch mit dem Maler auf seiner Hotelterrasse.

In dem Umfeld war Junior aufgewachsen und bediente sich nach Herzenslust im Spielzeugladen menschlicher Selbstverortung.

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