Mit Schirm, frei von Charme und nicht ohne.
Eisenach
Fünfzehn Jahre nachdem er unseren Sohn auf der bayerischen Alm gejagt hatte, stand meine Fälligkeit an. Wir waren auf einem Kurztrip in Eisenach und Dresden. – Natürlich musste ich auf die Wartburg. Für eine Lutheranerin ist dieses Begehren nicht völlig untypisch. Auch unser Hotel war dort. Keine Musik berührt mich mehr als die von Johann Sebastian Bach. Daher war ein Besuch des Bachhauses gleichfalls verständlich. Mir kam in den Sinn, so viel aufzusaugen wie möglich. Ich sehe das so. Wie ein Schwamm sauge ich auf und gebe einen Teil weiter. Etwas bleibt immer hängen. Auswaschen kann man mich nicht. – Leider. Es gibt Tage, da würde ich mich gern wieder in die Werkseinstellung bringen. – Zumindest würde ich die Daten loswerden, die ich mir selbst zerschossen und in ihrer Gesamtlast hochgeschraubt hatte. Jedes Mal, wenn ich fühle, was hängenblieb, geht meine Temperatur hoch, und die alte Mühle Mensch rattert im Strom der gelösten und getragenen Teilchens unseres Daseins weiter und der Schwamm saugt weiter.
Bach hatte es ohne mein Wassertragen geschafft, ein paar Hits zu landen. Im Bachhaus habe ich alles gesehen. Rückblickend vermag ich die Ausstellungsstücke und Inhalte nur in Eindrücken beschreiben. Im Haus waren Hinweise, dass das nächste Konzert zwanzig Minuten später gegeben würde.
„Schnitty, gleich findet ein Konzert statt. Das würde ich gern hören“, sagte ich und dachte mir nichts dabei, außer eben, dass jene besagte Musikdarbietung stattfinden würde. Wir übernachten sowieso in der Stadt.
„Typisch du! Du findest einfach kein Ende. Hauptsache Kultur. Was spielen die, was du nicht auf CD hast?“, sagte er.
Meinen Mann als Schwamm in Sachen Kultur zu bezeichnen, träfe es nicht. Kulturträger schon. Teflonbeschichtet trug er alles dorthin, wo es ihm dienlich war. Nichts blieb an ihm kleben. Ich sah es wieder in seinen Augen. Das Konzert nutzte ihm nichts. Zusammen und doch vereinzelt. Wäre ich allein hier, hätte ich nicht bemerkt, wie fern wir uns sind. – Musik hin oder her. Du kannst mich von hinten sehen.
Vermutlich sah er meinen entzückenden Rücken mit dem Gesäß, an dem er mir vorbeiging. Ich war es, die ging und schritt wortlos in aufrechtester Haltung direkt raus. Das Bach-Denkmal ließ ich links liegen und stolzierte elegant und erhobenen Hauptes die Straße runter.
Dann kam er nobel angerauscht. Herr Mayer Senior, mein Schnitty. Er kam mit dem geschlossenen, an der Spitze gepackten Regenschirm und vorgestrecktem Arm angetrabt. Eigentlich sah der Träger gut aus. Edler Zwirn und doch locker-luftig. Mit dem langen, gewellten und grau melierten Haar hatte er was von einem Künstler – im Aussehen. Der Schirm passte wunderbar zu ihm, auch wenn er ihn am falschen Ende gepackt hatte. Der Griff aus Kirschholz drehte in der Luft seine herumgefuchtelten Bahnen.
Mein Schnitty, dachte ich, und die Wut war verflogen.
„Bleib stehen. Ich kriege dich“, brüllte er aus der Ferne, bezogen auf seine Geschwindigkeit und Reichweite. Er kam eifrig näher.
Ich stand. Es schien mir der falsche Moment für die gewünschte Nähe und Umarmung zu sein. Die romantischen Gefühle wichen meinem Überlebensdrang. Unter Verzicht auf jegliche Eleganz rannte ich los.
„Bleib stehen, Anna!“
Mir gefiel der Ton nicht. Zumindest brauchte ich mich nicht mehr bei den zahlreichen Menschen, an denen ich vorbeilief, vorzustellen. Mir ging schon nach einem kurzen Sprint die Puste aus. Ich hielt an und sah mich um.
Er bewegte sich noch in meine Richtung. – Nicht schnell, aber er kam näher. Den Schirm hatte er winkend in der Luft. Bei Schnitty war diese fast raus. Er keuchte. Passanten kamen ihm verhalten entgegen. Sie sahen suchend, fragend. Als versuchten sie, sich einen Reim auf uns zu machen. Er erklärte sich mit offenem Mund und vorgeschobenem Unterkiefer.
Ich kenne das Gesicht besser als mein eigenes. Es lebte nach eigenen Regeln, wenn irgendetwas daneben ging. Immer in der Endphase des Entwirrens der Weihnachtsbaumbeleuchtung. Die Konzentrationsphase war gekennzeichnet durch die helfende Zunge an der frischen Luft.
„Ich bring sie um“, erläuterte er den Mitmenschen mit schwingender Keule kurz und verständlich unseren emotionalen Beziehungsstatus. Er war noch zehn Meter weg und seine Beine waren schwer. Richtig schnittig sah er nicht aus. Er blieb keuchend und gebeugt stehen – und ich sammelte ihn ein. Andere Lustwandler und Liebhaber wohltuender Töne waren zurückhaltend bleich und beäugten uns.
„Sie braucht das“, sagte mein Mann schnaufend zu ihnen.
„Keine Sorge, der beißt nicht“, glättete ich die Wogen des Entsetzens über unsere expressive Streitkultur.
Weimar & Dresden
Als erzieherische Maßnahme fuhren wir auf dem Weg nach Dresden über Weimar. Seinetwegen. Er war es, der mich seit dem Kennenlernen mit Auszügen bedeutender Werke beeindrucken wollte:
„Das Lied von der Glocke“, „Die Kraniche des Ibykus“ und „Der Taucher“ von Schiller – „Der Zauberlehrling“ und Highlights aus „Faust“ von Goethe.
In Weimar war sein Interesse an den Dichterfürsten so groß – er konnte es kaum erwarten – weiterzufahren.
Bei unserer letzten Station, Dresden, entspannte sich mein Gatte auf den Elbterrassen und in der City. Ich preschte allein in Sachen Kultur rum. Am nächsten Morgen fuhren wir wieder nach Hause.
Ich ließ es mir vorher nicht nehmen, im Bademantel auf den Balkon zu schreiten. Eigentlich nicht mein Stil, denn ich war von der Straße aus zu sehen.
Aber, da ich schon mal hier bin. Schließlich hat es in Venedig auch funktioniert. Das wissen sie ja noch nicht.
In Hotelfrottee gehüllt, erhob ich die Hand und grüßte huldvoll das Volk. Die Leute scherten sich einen Dreck um mich.