Bayerische Gemütslagen
Wir sind nicht immer in einem Rutsch bis zum Gardasee durchgefahren. Meist war ich der Bremsklotz. Junior tobte sich überall anders aus. Ob das nun Strand, Wiese, Bach oder Wald war – Hauptsache Natur. Die nicht geplanten Erlebnisse blieben bei ihm meistens mit mehr Wirkung hängen. Gegen einen Besuch im Freizeitpark hatte er überhaupt nichts einzuwenden. Er hatte seinen Spaß. Fahrgeschäfte fand er spannend. Aber es drang nicht zu ihm. Walderdbeeren und ein Feuersalamander im Schwarzwald brannten sich ein. Eine Wiese mit stängellosem Enzian und eine Gelbbauchunke in den Alpen bewegten ihn mehr. Angeln war für ihn ein Gemeinschaftserlebnis, und er legte es nicht auf einen guten Fang an. Für mich als Mutter war zumindest überwiegend trockenes Wetter von Vorteil. Dann beschäftigte er sich ausreichend mit seiner Umgebung. Dauerregen war Horror für den Bewegungsdrang. Vielleicht blühen deshalb Pusteln in meinem Gesicht auf, wenn ich nur in die Nähe von Gesellschaftsspielen, Spielkarten und Spielesammlungen komme.
Dreimal übernachteten wir am Tegernsee in Bayern als erstem Etappenziel. Bei einem vierten Besuch blieben wir eine Woche. Es war das gelebte bayerische Bilderbuch: der See, Essen, Moni Alm, Wallberg, das Wandern und Ausflüge in der ländlichen oberbayerischen Umgebung.
Wanderfrust
Jachenau am Walchensee
Wanderst du noch oder kletterst du schon?
Ruhiger war die Woche in der Jachenau am Walchensee. Dort wohnten wir beim Bäcker. Die Mayers angelten Forellen – erfolglos. Ich – nur eingeheiratet – lag im Kies oder auf der Wiese und las. Abends schleppten wir uns trunken vor frischer Luft in den Dorfgasthof und versanken wenig später in den bäuerlichen Federbetten. Wir waren keine ausgemachten Spaziergänger und Wanderer. Das tägliche, mehrstündige Latschen durch die Landschaft war anders. Wir veranstalteten es nur, weil man zu unseren Ausflugszielen nicht mit dem Auto kam oder durfte.
Es hat schon was, auf Sandwegen durch die Wiesen und Wälder zu streifen. Die Berge öffnen, verschieben und schließen Aussichtsfenster. Beim Gang auf einen Hügel verändert es sich weiter. Die Horizontlinie verschiebt sich und die entfernten Massive wachsen mit jedem Schritt aufwärts aus ihr hinaus. Ich sehe erhaben, was unter mir und hinter mir liegt. In Demut betrachte ich den Weg vor mir und die Gipfel, die ich nicht erreichen werde.
So viel zur illustrierten Theorie. Das kann klappen, wenn man fit und mit sich und den begleitenden Personen im Reinen ist. Mit Zipperlein fängt man am besten gar nicht an, zimperlich zu sein.
Ein kurzer Gang auf eine kleine Anhöhe entwickelte sich zu einer Tageswanderung.
Die Strecke verlief für uns zufällig durch Wiesen und Wälder, über Stock und Stein – und auffallend mehr Gestein. Völlig ungewöhnlich für ihn war mein Mann mürrisch und kurz angebunden. Er rief ständig Junior zur Ordnung und meckerte grundlos mit mir. Dabei war er in die Wanderkarte vertieft. An der Aussicht lag es sicher nicht. Total einsam, hoch oben, sahen wir auf Gipfel, als tummelten sie sich auf Augenhöhe. Ich liebe das Karwendelgebirge. Ich war später auch mittendrin, bin aber auf dem Boden geblieben – dem Ahornboden. Manche Momente muss ich erst mal sacken und reifen lassen. Wenn ich eins mit dem Ort bin, merke ich es sofort. Meine Fehlerquote bei der Einschätzung ist in belebten Umgebungen höher. – Venedig liebe ich. Aber eine Promihochzeit zu viel und sie können mich alle: das Paar, die Gäste und die Gaffer.
Abwarten, bei mir gären die Eindrücke mehr als die Aussichten – immer noch. Ich zerrte genug im Schweiße meiner Furcht, Junior sicher ans Ende des Trampelpfades zu bugsieren. Er besserte sich nicht. An steilen Hängen tasteten wir uns über Holzbohlen bei Abgründen. Treppen waren Leitern aus Eisen, in den Fels gesteckt. Mein Kind stellte sich besser und besonnener an als ich. Dem Berg und mir war es wurscht, dass ich überhaupt nicht schwindelfrei bin. Der Ausblick war grandios. Aber ich hätte liebend gern darauf verzichtet. Dass es so hoch oben so wenig Stellfläche für die Füße gab, konnte nicht gesund sein.
Wir hatten uns verlaufen. Beim Erreichen einer Alm in einer Senke wie ein Krater, umsäumt von Fels, kamen Wolken auf. Vor uns war eine Hütte mit Unterstand. An der Seitenwand hing ein Seil. Dahinter war ein Schild: „Bitte hier ziehen.“
Mayer Senior zog und über seinem Kopf entleerte sich ein Eimer Wasser. Junior hechtete zur Seite. Mein Mann war klitschnass. Sein Sohn lachte nicht. Ich schon. Auch wenn einige Witze bei mir ins Leere laufen. Den verstand ich nicht wegen des Gusses, sondern wegen der ausdrucksstarken Gefühlspalette meines Mannes. War er beleidigt, sah er so echauffiert wie seine eigene Mutter aus. Ihr Enkelsohn, Junior, hatte bereits im frühen Kindesalter die charmante Art, Finger in offene Wunden zu legen:
„Papi, warum machst du dich jetzt schon nass? Warte doch, bis das Gewitter kommt.“
„Gewitter? Kommt ein Gewitter?“ Ich sah die Wolken, aber konnte sie nicht werten. Am Himmel war Bewegung.
Junior legte bei seinem Vater nach: „Und wir hocken hier oben an der Benediktenwand. Den Klettersteig wolltet ihr nicht zurückgehen, weil er unten schon scheiße war. Ich habe dir doch gesagt, dass es oben hundertpro noch beschissener wird.“
Als verantwortliches Familienoberhaupt und ebenso selbsterklärter Bergführer riss bei Mayer Senior irgendetwas. Es war nicht der Geduldsfaden. – Vielleicht Stressabbau? Yoga für Choleriker? Mit der Entladung einer überspannten Klaviersaite hechtete er auf seinen eigenen zehnjährigen Sohn zu. Junior stand schon in den Startlöchern, obwohl es die erste und letzte Jagd der beiden war. Mit der gerollten Wanderkarte in der Hand versuchte mein Mann, sein Kind niederzustrecken. Senior rannte wie entfesselt hinter dem Knirps her. – Keine Chance. Junior ließ seine Beine rotieren und schlug Haken wie ein Hase.
Mayer Senior hatte verloren und es niemals wieder probiert.
Nie wieder?
Bei Junior jedenfalls nicht. Die beiden sollten noch genügend Spielfelder für die Austragung von Generationskonflikten vor sich haben. Im edlen Wettstreit würden sie sich aufs Sonderlichste messen. Alles war möglich. Sie hatten verschiedene Fähigkeiten.
Junior genoss den Triumph, uns vom Berg hinunterzuführen, indem wir den normalen Almweg wanderten.
Essen ist ein schwer wiegendes Thema.
Na ja. Gegen mich hatte mein Mann in jungen Jahren nie Wettlaufen gespielt. Seine 53 Wochen Altersvorlauf waren ein Vorteil in Kraft und Ausdauer. Es hätten deutlich mehr sein müssen. Vielleicht wäre unser gemeinsames Boot ‚Ehe‘ insgesamt gemächlicher geschippert.
Mit der Zeit traten die Unterschiede männlicher und weiblicher Adern ans Tageslicht. Das Altern kam in die Phase, wo es wieder mehr als eine fettere Zahl auf der Geburtstagstorte ist. Unsere Körper befanden sich auf ihren vorbestimmten Wegen. Ich war mich unverändert maßhaltend frisch. Er half mit seinem Anspruch an Leben zur rasanten Verkalkung nach. Der Schlaks, den ich geheiratet hatte, entwickelte sich einnehmender und etablierter in Gemeinschaft und Körper. Ich bin nicht die erste und werde nicht die letzte Frau sein, die sich an einem Anfängerfehler versucht hat: Den Speiseplan des Ehemannes zu ändern, kann voll in die Hose gehen. – Ich hatte nicht einmal einen, sondern kleine Hinweise, Varianten und Angebote. Egal, ob man auf lauten oder leisen Sohlen unterwegs ist, man steht als Hindernis zwischen einem Erwachsenen und seiner Gewohnheit. Der hart auf dem Bürostuhl arbeitende Gatte denkt nicht gern an seinen tatsächlichen Kalorienbedarf. – Mit hängendem Gesicht und wässrigen Augen träumt der stolze Recke von seinem Planeten ‚Kindheit‘. Auf dem war alles echt.
‚Essen wie bei Muttern‘ ist eine fiese Falle. Da wird das männliche Hirn gleich viermal ausgehebelt. Versorgung eines Kindes und der Bonus des Mutterbilds. Muttis Kocherei fiel in die prägende Phase des heranwachsenden Menschen. Falls das nicht reicht, egal. Der Filter der Schönfärberei der Vergangenheit kommt obendrauf. Das sitzt – tief. Dagegen ist die Supermarktbeleuchtung in den Noten frisch, edel und saftig – die Spielecke der Kundenbindung.
Das Thema ‚Muttis Kochkunst‘ beim Essen zu verhindern, ist kein Problem. Einfach das Paar mit sieben bis neun Jahren einander versprechen. Wenn sie sich als Kinder schon gegenseitig bekochen, halten die Ehen ewig.
Ich gab auf. Also weiter dick paniert, fettig und Soßen, die nicht tropften oder kleckerten, sondern klotzten.
Sein wöchentlicher Besuch in der Muckibude lief unter dem Decknamen ‚Gesundheit‘. Ich war nie mit von der Partie. Es schien zumindest auch was von einem Stammtisch zu haben, oder es hatte bei ihm Urlaubsgefühle ausgelöst. Gesehen habe ich keinen Effekt. Stark war er schon vorher.