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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 35: Die A7 – Besinnlich?

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Die A7 – Besinnlich?

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Erinnerungen sind wie Enten im Kurpark. – Fütterst du eine, wird sie fetter, und es kommen mehr.

Die Bundesautobahn 7 verbindet Skandinavien mit dem Mittelmeer, und sie ist wie meine Parkbank am Teich im Kurpark. Die Zeit vergeht einfach nicht, während man auf der Bank oder dem Schnellweg festsitzt. Statt der Uhr im Kirchturm wird die endlose Fahrzeit an Erfahrungen mit Streckenposten gemessen. – Abfahrten, Kali-Abraumhalden, Raststätten und rote, gelbe oder blaue Industriehallen. Die Markierungen selbst spielen bei mir in den meisten Fällen keine eigene tragende Rolle. – Sie sind nichts weiter als vertraute Anknüpfungspunkte an größere, persönliche Erinnerungen. – Keine Wegweiser, sondern nur die Bestätigung der Verbindung zwischen gestern und heute.

Wir gurkten in einer Tour runter zum Gardasee. Sicherlich aßen wir irgendwann auf einer Raststätte etwas. Aber ich erinnere es nicht mehr. Familienurlaub auf der Rückbank war ein neues Fahrerlebnis. Es schaukelte im SUV mehr. Die Sicht nach vorn war nicht nur wegen der Vordersitze eingeschränkt. Es fühlte sich auch so an, als würde man in zweiter Reihe am Meer wohnen. Gut für diejenigen, die es lieber ruhig haben. Als Beifahrerin in der ersten Reihe achtete ich automatisch mit auf den Verkehr. Ich fuhr auf etwas, meine Umgebung zu. Nun zog sie als Endlospanorama an mir vorbei. Was ich in der Nähe sah, verschwand rasend an der Seite. Ich ließ es nicht hinter mir, sondern die zweidimensionale Kulisse zog unaufhaltsam weiter. Das Flackern eines alten Filmprojektors passt für mich dazu. Aufschnappen statt erleben. Wenn ich mich jetzt von außen betrachte, hatte es schon etwas Leeres im Ausdruck. Der Blick aus dem Fenster, gedankenbetäubt nach schräg vorne gerichtet, hat was von einer schlechten Nachricht. Stimmte aber nicht: Die Gedanken waren ein Trost, denn auf der Rückbank war mir scheißlangweilig.

Weil alles an mir kontaktlos wie ein entgegenkommendes Motorrad aufblitzte und verschwand, holten mich Erinnerungen aus dem Trott, Werbebanner von Kleinstgewerbegebieten neben der Autobahn zu lesen.

Es waren die bekannten Orte und Gebiete, die bei mir allgemeine Erinnerungen auslösten. – Keine speziellen, mich betreffenden Ereignisse, sondern einfache Bedingungen für einfache Empfindungen zum Urlaub: „Wir sind unterwegs. Wie spät ist es?“ – nach etwa zwei Kilometern.

„Nein, wir haben nichts vergessen. Türen und Fenster sind zu“ – bei der Auffahrt auf die Autobahn.

„Oh, wir sind schon hier. Leute, wir fahren in den Urlaub. Habt ihr Hunger oder Durst? Ich habe die Tasche voll“ – Fahrt durch die Kasseler Berge.

„Kirchdorf“ – Kirchdorf? Es weiß niemand, warum ich das in der Vorbeifahrt immer sage.

„Familie, wir sind im Süden“ – sobald das „Baba baba baba baaa“ des Verkehrsfunks von Bayern 3 ertönte.

„Junior, wenn du pieschern musst, nimm das hier“ – wenn wir die Staumeldung aus dem Radio unterschätzt hatten. Ich sagte das, bis mein Sohn fünfzehn war. Der heranwachsende Mann war immer entsetzt über die Frage. Mit sieben hatte er es einmal genutzt.

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