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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 34: „Schatz“ und „Schaaatz“

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„Schatz“ und „Schaaatz“

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Lüneburg

Refrain:

„Ich liebe dich!“, säuselte Junior bei jeder Gelegenheit.

„Ja tebja ljublju“, sagte Lisa zärtlich entsprechend.

„Ja deppja luppluuh“, kämpfte er sich liebend durchs Unterholz.

„Isch libbe disch“, gab sie ihm herzlich zurück.

In Lüneburg lief es wie am Schnürchen. Junior war tiefenentspannt und hatte ein lockeres Verhältnis zu seinen Schnürsenkeln. Lisa kannte sich aus und lebte sich ein. Mein Sohn und sie schlenderten Händchen haltend zur Ausländerbehörde und zum Standesamt. Sie verschafften sich einen Überblick: Anträge, erforderliche Dokumente, Fristen. Lisa kannte sich aus. – Und sie schufen Fakten. Unabhängig von den Gesichtsausdrücken anderer Beteiligter flanierten die beiden auf ihrer Promenade ins Glück unbeirrt voran. Auch die proaktive, ergebnisorientierte Familienplanung inklusive Arztcheck spielte eine Rolle. Sie überließen nichts dem Zufall.

Der Alltag hatte uns kurz wieder unter seine Fittiche genommen. Mein Sohn arbeitete. Seine zukünftige Ehefrau fand sich gut zurecht und vernetzte sich. Auf einem Grillabend bei Freunden übergab ich Lisa meinen eigenen Verlobungsring vor versammelter Mannschaft. Sie sollte wissen, dass sie willkommen ist. Genauso musste unser Umfeld begreifen, dass die Würfel gefallen waren. Es war nicht ihr Recht, sich heiß zu quatschen. Kreative Gedanken, ob das gut gehen könne, waren nicht ihre Aufgabe. Ich hatte am eigenen Leib erfahren, wie es sein kann, keinen aus dem heimischen Stall zu heiraten. Die schnellen, angeblich gut gemeinten Ratschläge sind völlig umsonst. Aber es tut weh. Niemand außer dem Paar selbst würde dafür bezahlen, wenn andere es schafften, ihnen das Glück auszureden.

Alles lief glatt. Alles flutschte. Ich sah die beiden nicht jeden Tag, aber es war dicht dran. So saßen wir auch unterm Ahornbaum, aßen gemeinsam und sprachen über ihre gemeinsame Zukunft. Über die kleine gemeinsame Reise nach Italien war alles gesagt: Wir ließen es drauf ankommen, wo wir außer unserem Termin in Pescara landen würden. Es war Kaiserwetter in der Stadt, die durch das Salz reich, ihre Stufengiebel ansehnlich und eine Telenovela beliebt wurde. Die Stadt war proppenvoll. Die Menschen bewegten sich in einem sommerlichen Strom. In der Fußgängerzone boten Junior und ich Unterhaltung für die Gäste der Kneipen und die Flaneure. Es muss irre ausgesehen haben: Ich aß ein ungeschältes Kartöffelchen mit Meersalz, bekam keine Luft mehr und sprang auf.

„Oh nein. Mutter, lern bitte, alles ordentlich lang zu kauen, egal wie klein es ist. Soll ich klopfen? Gut gekaut ist …“

Nur das nicht. Ich rannte keuchend auf die Straße. Es war unsinnig. Aber ich brauchte Luft – wie bei einigen wenigen Alleinreisen. Wie man’s macht: Hund und Sohn schossen mir hinterher. Lisa folgte ihnen mit den Damenhandtaschen. Das frische Marktgemüse in Korb und Jutebeutel hielt die Stellung. Junior packte mich nach zwanzig Metern.

„Warte. Bleib locker. Ich war Sani bei der Bundeswehr“, sagte er. Eine Erinnerung an damals durchfuhr mich. Von Halbwissen, Militär- und Sensationslust getragen, hatte er als Wehrpflichtiger mir ein verlockendes Angebot unterbreitet. Bei akutem Luftbedarf drohte er mir, einen Kugelschreiber in den Hals zu rammen. Auf den Luftröhrenschnitt meinte ‚Sanbo‘, bei ausreichend Schwung verzichten zu können. Es hatte auch sein Gutes. In Brusttaschen von Hemden und Jacken trägt er immer Stifte. Wenn ich mich nur leicht verschlucke, lächelt er erregt und greift sich an die Tasche. Seine wahrscheinlich nur gespielte Bereitschaft erhöht meine Konzentration aufs Essen.

Auf der Fußgängerstraße in Lüneburg ging er weniger vollmundig zu Werke. Er stand hinter mir, umschlang mich mit den Armen und presste mir ruckweise die Luft raus. Dabei hob er mich in die Höhe. Ich wollte mich krümmen und lernte fliegen. Mir wurde schwarz vor Augen. Mit letzter Kraft schüttelte ich Junior ab, sagte aber noch: „Bleib mir vom Leib“ und massierte in wilder Hatz die Kartoffel zu Brei. – Alles direkt vor der Apotheke. Die Apothekerin hatte schon einen Rettungswagen gerufen. Der kam nach wenigen Minuten. Ich saß drinnen und plauderte derweil mit ihr über das Leben.

„Nö, Sie sind in Ordnung“, sagte der Rettungssanitäter. „Aber den da können wir mitnehmen.“ Er zeigte auf meinen Sohn: „Der ist kreidebleich. Nicht, dass er kollabiert. – Und was ist mit dem Hund?“

„Der wird schon wieder. Er ist aus dem Heim und Schlimmeres gewohnt“, sagte ich. „Der andere ist mein Sohn und kann gar nichts ab. Der sieht schnell so aus. Er will heiraten.“

Lisa war mit in der Apotheke und strahlte übers ganze Gesicht. Ihre Grübchen verschoben sich bis zu ihren Ohren:

„Ich denke, ich kann saggen, ich werde habben viel Arbeit mit meinem Maann.“

Wir machten noch einige Scherze auf Juniors Kosten. Er wehrte sich nicht, sondern saß zusammengesackt auf dem Apothekenstuhl. Sein beigegrauer Leidensgefährte Paulchen lag mit trockener Nase darunter.

Junior ist für die Dinge gut, bei denen er das Für und Wider nicht abwägen muss. Ein flüchtiger Gedanke, eine großartige Vision, eine spartanische Bewegung, führen zu einem Ergebnis, das sich selbst genug ist. Das war immer so mit den Männern in meinem Haushalt.

Zeichnung einer Rose bei kleinen Texteinschüben Zeichnung einer Rose bei kleinen Texteinschüben

Ich sah aus dem Küchenfenster, wie eine Ratte an meinem Neufundländer schnupperte. Er lag und ich dachte, er würde schlafen. Ich rannte raus. Zu spät – für die Ratte. Er verpasste ihr einen Schlag mit der Pranke und brach ihr das Kreuz. – Der Hund blieb liegen. – Ein Mayer bewegt sich nicht gern. Und wenn, kracht es.

Zwei Tage vor der Abreise nach Italien saßen wir drei gemeinsam unter dem Ahornbaum in der Fußgängerzone. Wir freuten uns auf die Reise, wobei ich bei Lisa mitfieberte. Sie wirkte cool, aber ihre Oberlippe vibrierte leicht beim Gespräch über verschiedene Reiseziele. Für meinen Sohn war bis dahin die Fahrt zum acht Kilometer entfernten Baggersee ein ausgedehnter Strandurlaub. Er würde umdenken müssen und die Vorstellungen seiner Frau mehr als nur berücksichtigen. Er würde sie und ihre Ansichten ernst nehmen wollen.

Glückwunsch, Junior: Das ist Neuland für dich, dachte ich mit Hoffnung, aber nicht ohne Häme.

„Und? – Seid ihr so weit fertig? Alles für die Fahrt vorbereitet?“, fragte ich, mehr plaudernd als forschend.

„Jupp! Nur noch flott die Koffer packen“, antwortete Mayer Junior. „Alles im Lot. Alles im Plan.“

„Dein Wagen hat hoffentlich noch TÜV?“

„Bestimmt“, sagte er zögerlicher, als mir lieb war. Ein Blick in den Fahrzeugschein genügte. „Jupp. Es geht gerade noch“, bestätigte er, und ich war erleichtert.

„In Fenster von Auto ist Loch – großes Loch. Er weiß es“, sagte Lisa zu mir. „Schatz, ich denke, du brauchst es nicht, wenn es wird noch größer“, wusste sie dann ihrem Schatz eine mögliche Entwicklung aufzuzeigen. Sie half ihm, den holprigen Weg zur richtigen Entscheidung zu meistern.

„Ein Loch? Wo?“, interessierte mich.

„Da ist kein Loch“, entgegnete der Mensch, den ich geboren und erzogen hatte. Wenn es nach sofort erforderlichen Maßnahmen riecht, geht er in Deckung.

„Was ist es dann?“, hakte ich nach, und es langweilte mich.

„Windschutzscheibe, Steinschlag, halb so wild. Das ist kein Loch. Damit kommen wir locker durch. Gib der kleinen Eisspinne im Glas einen Namen und beobachte, wie sie wächst, wenn ich mit Vollgas über kaputte Straßen rase“, sagte er entspannt, aber mit dem Klang von Verzückung.

Da ist er wieder, der angehende Ehemann und verantwortungsvolle Vater, wenn die Planungen aufgehen. Er macht das so hübsch, dachte ich. Das Thema der angeschlagenen Autoscheibe mit einer irren Rallye zu überblenden. – Es beeindruckte mich wenig. Mayermäßig zauberte er ein Gegengewicht, um die Balance an Blödheiten als ausgeglichen hinzustellen. Man brauchte das erfundene Elend nur zu unterlassen, damit das Drohende nicht eintritt. Mayermänner lieben das Spiel: ‚Ausgleich durch Chaos. – Das Leben ist bunt!‘, sagt er so gern wie: ‚Das kleinere Übel – Glück gehabt!‘ Bemerkenswert daran: Sie unterscheiden nicht in der Art von Problemen, solange sie steigerungsfähig sind. Einem abgerissenen Knopf stellen sie eine offene Hose gegenüber. Einer durchfeuchteten Wand den Komplettabriss. Das betreiben sie noch viel schlimmer …

Mayermänner sind da frei von Würde und Pietät. Mayer Senior war konzentrierter bei der Sache. Es klang plausibler und er blieb bei einem eingeschlagenen Weg. Anders Junior. Der bringt alles durcheinander. Er kippt jede Manipulation über Bord, wenn er das Bild greller, triefender und ekliger malen kann. Im Ergebnis sagte er, dass er vermutete, die Scheibe würde halten.

Darauf wollte ich nicht wetten: „Lass die Scheibe bitte reparieren. Sofort!“ Sicher war, dass er es nicht rechtzeitig schaffen würde. – Ich irrte mich.

Rücksitze, Rückbänke oder wie bei unserer Italienreise, eine Rücksitzbank sind meine stille Leidenschaft. Bei Junior war es eine zweigeteilte Sitzkombination zum Klappen. – Im Taxi sitze ich gern hinten. Bei einem Profi mitzufahren, verlangt keine Aufmerksamkeit für den Straßenverkehr. Abends durch eine Stadt chauffiert zu werden und mit den Lichtern die Gedanken vorüberziehen zu lassen, hat was.

Auf Familienausflügen oder Reisen wird mir hinten übel. Dazu kommt das ohnmächtige Gefühl, im nächsten Moment entmündigt im Kindersitz zu stecken. Wichtiger war mir, dass Junior den Kopf nicht ständig bei der Fahrt für Liebesbekundungen umdrehen würde. Lisa auf dem Rücksitz hieße Lebensgefahr. Ein „Ich liebe dich“ an der falschen Stelle zur falschen Zeit: Die Liebe wäre auf einen Lkw geknallt oder einen Abhang hinuntergekegelt. – Mittendrin die werdende Schwiegermutter auf dem Beifahrersitz mit Top-Aussicht.

Egal, es wird ja nicht auf der ganzen Fahrt so sein. Wenn er sich beruhigt hat, tauschen wir die Plätze auch mal, dachte ich. – Und es war schon wieder ein Irrtum.

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