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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 33: Egal wo – es bleibt …persönlich.

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Egal wo – es bleibt ...persönlich.

Nutzpferde und Dorfkirche

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

New York

New York hat in meinen Vorstellungen von Großstadt einen Sonderstatus. Ich spreche ausschließlich von Manhattan. Newark und Queens habe ich nur gesehen, aber durch The Village tigerte ich süchtig nach Eindrücken. So vertraut mir die gebaute Realität vorkam, so unbekannt war mir das Leben dort.

Mein schickes Hotelzimmer hoch oben direkt über dem Times Square war kurz vor Weihnachten meine Basisstation. Bei allen geplanten Meetings, zu denen ich angemeldet war, erschien ich längst nicht. – Aber eine Broadwayshow besuchte ich. Sie stand im Programm für Begleitpersonen.

Sonderbar – in Manhattan hatte ich mich kein einziges Mal verlaufen. Mir liegen die durchnummerierten Straßen und die Aufteilung in Blocks. Den richtigen Weg nicht zu kennen, ist eine vollkommen andere Angelegenheit. Das hat nichts mit dem Verirren zu tun.

Am 1. Advent suchte ich mitten in der City eine Kirche. Die Gesuchte fand ich nicht. Die Stadt war wie leergefegt an jenem Adventssonntag. Zwei einsame Reiter kamen mir gemächlich die ‚Dorfstraße‘ – die 5th Avenue – entgegen. Die Männer von der berittenen Polizei New Yorks fragten mich, ob sie mir helfen könnten. Ich antwortete ihnen, dass ich zum Gottesdienst in St. Patrick’s wollte. Sie begleiteten mich einige Meter. – Es war nicht weit. – Sie zeigten auf die zwischen den Hochhäusern zierlich wirkende Kirche. Die Wolkenkratzer verzerren meinen gewohnten Maßstab.

In der tatsächlich riesigen Kathedrale war es gerammelt voll. Und sogar mehr. Der Raum war erfüllt von Lichtern, Menschen und feierlicher Stimmung. Sie rückten zusammen und boten mir einen Platz an. Nach dem Gottesdienst kam ich mit einigen ins Gespräch. Es war von gegenseitigem Interesse und größter Freundlichkeit geprägt. Die Atmosphäre hatte etwas Kleinstädtisches, wenn nicht Dörfliches. –

In Manhattan, ‚The Village‘.

Zweifellos ist das städtische Erleben in Berlin beeindruckend. Ganz sicher verstehe ich Großstadtmenschen, die keine zehn Pferde aufs Land brächten. Das sind verschiedene Welten.

Kreisstadt bleibt Kreisstadt.

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Etlichen neuen Nachbarn, die rausgezogen waren, um das Landleben zu genießen, hatten es nicht ausgehalten. Werbungen für Marmelade, Butter, Milch und Honig sehen klasse aus. Wer sich beeindrucken lässt, den überraschen die fehlende Infrastruktur und die Jahreszeiten. Man ignoriert es gern, aber die geringe Bevölkerungsdichte ist sogar direkt nicht nur vorteilhaft. Das Schwätzchen beim Bäcker kommt nicht automatisch, nur weil man da ist. Sollten sie einen sch*** finden, sind es im Ergebnis viele mehr. Wenn man die Nähe erzwingt oder erkauft, ist man sowieso unten durch.

Auf der Autobahn zwischen Berlin und Hamburg verschluckte sich auch mein Navigationssystem nicht mehr. Das mit der Zitrone ging voll daneben. Was hatte ich erwartet? Ich kannte sie kaum. Manchmal ist es vielleicht besser, wenn Urlaubsbekanntschaften nette Erinnerungen bleiben.

In diesem Fall lag der Fehler sicher bei mir. Eine Freundschaft hätte meine direkte Art ausgehalten. Das gegenseitige Erkennen unserer Eigenarten bringt Farbe und Inhalte ins Spiel. Aus Bekanntschaften, die sich im Urlaub ergaben, entwickelte sich bei mir nicht eine echte Beziehung. Wir waren einander nur bekannt, und es genügte uns – für den Moment. Das aufeinander Einlassen fehlte komplett. Wozu im Urlaub ein Risiko eingehen? Die beste Zeit im Jahr fordert Harmonie.

Junior veranstaltete es unbeabsichtigt umgekehrt. Die Lebensreise mit Lisa hatte ihren Beginn in einem verhaltenen Knall. Sie hatte ihn dreimal besucht. Nun holte er seine zukünftige Frau ab. Sie waren im Begriff, ihr Verhältnis zueinander im Urlaub zu vertiefen – auf dem Planeten namens Stressfrei. Sie würden ihrer Entscheidung Taten folgen lassen. Die partnerschaftliche Reise – ihre Liebe – mit Inhalten zu füllen, steckte noch in den Startlöchern.

Warum muss ausgerechnet ich das aus der ersten Reihe miterleben? Die Tage in Lüneburg bis zur Weiterfahrt mit dem Auto gaben mir eine Verschnaufpause. Ein wenig räumliche Distanz von den beiden fühlte sich an wie – Urlaub.

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