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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 32: Ankunft der Diva

Schatz-ich-denke-du-brauchst-das-nicht-1

Berlin

Ankunft der Diva

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Die Gelegenheit, einander zu treffen, ergab sich im darauffolgenden Jahr. Spontan? Das wäre gelogen. Unverfänglich war es sicher. – Zumindest bezogen auf den Umstand, dass unser Wiedersehen nicht der Hauptgrund meiner Fahrt nach Berlin war. Ich hatte einen mir lange bekannten Termin zu einer Tagung. Ein Verein, in dem ich Mitglied war, hielt sein Jahrestreffen für drei Tage am Gendarmenmarkt ab. Dementsprechend buchte ich auch dort mein Hotel. Kleinste Schübe von Aufregung durchfuhren mich vorher. Das hört sich als geplante Abenteuerreise alles andere als ambitioniert an.

Ich bin geboren, aufgewachsen und noch immer wohnhaft in der Ecke südlich von Hamburg. Wenn ein Landei mit dem Golf in die neue Hauptstadt fährt, ist das allein schon ein Abenteuer. Ich verließ mich auf eines der frühen Navigationssysteme mit Schwanenhals und gelben Pfeilen auf blauleuchtendem Grund. Das hat etwas von Heldentum und Opferbereitschaft. Problemlos karre ich säckeweise Hundetrockenfutter von der Kreisstadt durch die Wiesen in den Wald. Die gigantischen Hündchen wussten es. Vereiste Straßen und Schneewehen kenne ich. Frisierte Mofas, die mit siebzig Sachen hinter der Hecke aus dem Feldweg schießen, waren mir vertraut. Genauso wie Kühe und Hühner auf der Dorfstraße.

Zwischen den Sandbergen am Potsdamer Platz war ich verloren. Inmitten des neuen Berlin standen Herden von Baukränen. Die Straßenführung änderte sich mit jeder Baggerschaufel in einem Gemetzel von stehendem und galoppierendem Verkehr. Die Pfeilrichtung meines Navis sprang alle paar Sekunden um. Es warnte mich davor, abseits der Straße zu sein. Ich stellte es aus und fuhr nach Gefühl – und verlor Zeit.

Die Eröffnungsveranstaltung der Tagung rückte besorgniserregend näher – und mich erkannten und grüßten schon die Bauarbeiter. Zu Fuß wäre es ein Klacks gewesen. Ich kam wieder an den überraschend vertrauten Stellen raus: den Sandbergen vom Potsdamer Platz. Gut, da ab und an die Berliner Philharmonie auftaucht. Und in Gedanken erfrischten noch die Namen Scharoun und Karajan kurz das Gemüt. Da wusste ich schon: Nächste Durchfahrt Sandwüste. Nicht vergessen, den Bauleuten zu winken.

Höllisch genervt fuhr ich endlich in die Straße vom Hotel ein. Einbahnstraßen soll man eigentlich nicht in der Gegenrichtung befahren. Ich stand unter Anspannung und hatte Zeitdruck. Das Hotel lag in Schlagweite. Die Straße war bis darüber hinaus frei. – Und irgendeine Klugschwätzerei hätte in mir etwas losgetreten, für das es keine heimischen Worte gibt.

Beim Aussteigen wies mich der nette Wagenmeister auf eine Belanglosigkeit hin: „Guten Tag. Das ist eine Einbahnstraße. Sie sind falsch herum eingefahren. Ihr Wagen steht rückwärts vor unserem Haus. Das geht so nicht.“

„Danke für Ihren sachdienlichen Hinweis“, sagte ich, nachdem ich mich kurz neben meine austauschbare Hülle gestellt hatte. Der Schatten meiner selbst drückte ihm die Autoschlüssel in die Hand – und ich war wieder da: „Die Fahrt war die Hölle. Den brauche ich drei Tage nicht. Alles, was drin ist, aufs Zimmer! Anna Mayer ist mein Name. Ich habe reserviert“, sagte die Königin der Sandberge und eilte ins Hotel. Ich setzte mich nieder und bestellte mir erst einmal einen Cappuccino in der Lobby. Uff! Und noch ein Uff! Zigarette? – Keine Zeit. Ohne Umwege flitzte ich wieder raus, zur Eröffnungsveranstaltung, die ich nicht verpassen wollte. Mit etlichen Teilnehmern war ich bekannt, mit einigen davon freundschaftlich verbunden.

Unser Zusammentreffen war einmal wieder wie eine frische Brise von Freiheit und ein geistiger Hort des Anstands. Die Umgangsformen waren von freundlichster Natur, größter Zurückhaltung und einem angemessenen Verständnis geprägt. Im Wald mit Kind und Hunden zu leben, hat paradiesische Momente. Abends auf den Mann zu warten, lässt auch das Herz höher schlagen. Kontrast verdichtete alles in dieser fantastisch anderen Welt. Feinfühlig und zart – und doch in der Sache strittig und reizbar. Wir diskutierten und wir herzten uns.

Vor der Abendveranstaltung eilte ich zurück ins Hotel und checkte dort formal ein. Ich begab mich aufs Zimmer und traute meinen Augen nicht. Noch während des Frischmachens lachte ich schallend. Bevor ich wieder aus dem Haus düste, blieb ich kurz beim Concierge stehen. „Entschuldigung, ich habe ihren Kollegen darum gebeten, dass er alles aus dem Wagen aufs Zimmer bringen möge.“

„Fehlt etwas? Ich kümmere mich sofort darum.“

„Danke, mein Gepäck ist da. Hätten Sie bitte die Freundlichkeit und veranlassen, dass die Dinge, die offensichtlich nicht auf ein Hotelzimmer gehören – wie, ich möchte nur ein Beispiel nennen, der Wagenheber – wieder in mein Auto gebracht werden? Das wäre sehr entgegenkommend von Ihnen.“

„Was hat er gemacht? Den Wagenheber?“, entglitt es dem Concierge in fassungsloser Manier, nicht imstande, sofort loszuprusten.

„Ich habe ihm gesagt: ‚Alles‘, und er hat es direkt umgesetzt, um mir eine zu geigen. Das Warndreieck und der Verbandskasten sind wohl noch im Wagen. Mein Benehmen war unhöflich und unnötig genervt.“

Nun lachte der Concierge befreit. Seinen feuchten Augen sah ich an, dass er so etwas bisher nicht erlebt hatte. Er, ein sehr zurückhaltender, sogar reservierter, höflicher Mensch, war in den drei Tagen mein Vertrauter. Es stellten sich zwischen uns freundliche kleinste Rituale ein. Schon am nächsten Nachmittag fand er einen Evergreen. Ich neige dazu, mir möglichst alles anzusehen und dementsprechend heftig die Füße abzunutzen. Wenn ich zurück ins Haus kam, war die Begrüßung durch den Concierge immer gleich: Mit einer Darstellergeste reichte er mir jedes Mal mit ausgestrecktem Arm ein einzelnes Pflaster über den Tresen. Beim ersten Mal hatte ich danach gefragt.

Mein Aufenthalt blieb unspektakulär ruhig. Fast, denn der zweite Abend war ein Geschenk. Eine andere Tagungsteilnehmerin hatte in meinem Zimmer übernachtet. Es war eine Freundin von mir. Einem geschenkten Gaul würde ich nicht aufs Maul sehen. Bei ihr hatte ich keine Wahl. Sie redete und redete. Jeder Scheiß wurde dramatisiert. Am sehr frühen Morgen bat ich sie, wieder zu gehen. Sie war supersinnlos beleidigt. Ich habe keine Ahnung, was ihr vorschwebte. Abends begebe ich mich ins Bett und schlafe. Nach einer ‚Beste-Freundinnen-Teenager-wir-erzählen-uns-alles-Pyjama-Party‘ stand mir seit meiner Mutterschaft nicht mehr der Sinn. Garniert und verfeinert war der Versuch mit nicht enden wollenden Beziehungsproblemanalysen ältlicher Ehen. Das labert sich in Bereiche der Belästigung. Nüchtern ist das nicht zu ertragen. Im alkoholisierten Zustand der Betroffenen kam eine emotionale Tiefe dahergeheult, die es nie gab. Ich war immer diejenige, bei der sie abluden. Als gute Zuhörerin komme ich mit Selbstgesprächen weiter.

Etwas sauer im Abgang.

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Grunewald

Am Tag, an dem meine Urlaubsbekanntschaften vom Vorjahr aus Portugal mich abholten, wurde der Concierge ungewollt ein Puzzleteil von etwas, das mäßig aus dem Ruder lief und ein ungeplantes Gesamtbild ergab.

Ich beschönige automatisch. Die Vorstellung, dass in einer misslichen Lage ein träger Dampfer das Handeln erschwert, ist tröstlich. Das Geschütz direkt auf ein zerstörbares Ziel auszurichten, ist fragwürdig risikobereit. Dann alle Maschinen auf volle Kraft auf Kollisionskurs zu setzen, hat nichts mit Pech oder einem möglichen Rettungsversuch zu tun.

Es war der dritte und letzte Tagungstag. Meine Urlaubsbekannten wohnten in Berlin – im Grunewald. Feinste Ecke in nobler Lage. Ich erhielt den Anruf, dass sie in der Lobby warteten, und fuhr mit dem Fahrstuhl runter. Das Hotel schien ihrem Anspruch auf Status entsprechend angemessen zu sein. Wir stiegen in ihre geräumige Limousine und schwebten zu ihnen nach Hause, einer vortrefflich repräsentativen Villa. Wie man sich das vorstellt, so sah es aus. Filmreif. Ein Bild von einem Aufgang, der zum Eingang führte. Verfehlen? Unmöglich. Das monströse Portal zeigte überdeutlich, wo es langging, wo das Ziel ist, wo oben und vorne war. Logisch, dass der Vorgarten nicht einfach ein Gartenteil vor dem Haus war. Er präsentierte sich als das immergrüne Füllhorn gesellschaftlicher Stabilität. Akkurat geschnittene Hecken säumten den Weg zum Eingangsportal. Die ersten drei Meter hinter der Tür wirkten noch menschlich. Aber ich sah bereits das lichteinladende Zentrum des Hauses vor mir. In dem zweigeschossigen Foyer war eine zweiläufig geschwungene Treppe das Prunkstück. Mit dem samtig weich glänzenden Fischgrätparkett aus Eichenholz hatte der Raum alle Möglichkeiten. – Auch kulturelle Nutzung war denkbar. Oben gab es eine Galerie mit Balustrade. In der Decke, dem Dach über der Halle, sorgte ein Glaselement für Spannung zwischen alt und modern. Das begehbare Glasdach hatte bestimmt sechs Quadratmeter. Jeder Maler hätte liebend gern so ein Ding im Atelier.

Wow, so ein Ausblick im Schlafzimmer, ich würde…, dachte ich, und meine unsortierten Träume trieben Richtung Poesie. Dort zu liegen und die Sterne zu betrachten – wow. Und im Sommer, wenn es vor halb sieben hell ist, die Wolken ziehen zu sehen; die Blitze bei Gewitter – und den Regen prasseln zu hören …

Es war einer der zahlreichen „Hach“-Momente, die nicht gern zu Ende gedacht sind. – Sonst sterben große Träume an kleinen Wahrheiten.

Es sind ziemlich genau drei Minuten abends und 30 Sekunden morgens, die ich wach im Bett verbringe. Abends, oder wenn ich nachts wach werde – mag ja noch sein, dass ich hinsehe. Aber morgens den wartenden Tag begrüßen, indem ich mich einkuschele und durchs Dachfenster glotze? – Das ist wie angekettet zu sein. Da kriege ich so’n Hals.

Im Schlafzimmer war ich nicht, aber ansonsten bot das Haus das ganze Programm. Meine Bekannten wussten, wie toll es war. Sie zeigten es gern. Und ich schüttete mit aufrichtiger Zuneigung und Freude Komplimente der schwer beeindruckten Art aus. Die brutalsten Lobhuldigungen sind die Worte, die alles an der Zielperson berücksichtigen: Intelligenz, Aussehen, Talent, Fleiß und Fähigkeiten. Nicht zu vergessen die leuchtend gute Gesinnung. Falls die Person Kinder hat oder haben will, geht es um das genetisch geniale Grundmaterial, Tendenz Hochbegabung.. – Ein Paket, auf das ich generell keinen Bock habe, wenn es nicht stimmt.

Etwas Höflichkeit hingegen baut Brücken und schadet keinem: „Euer Haus zeugt von Geschmack und Stilsicherheit in einer bis ins kleinste Detail durchkomponierten, noblen Eleganz.“ Ganz so vom Schleim angeschwollen hatte ich mich garantiert nicht geäußert. Es wäre als zu kurz und trocken – als emotional kalt aufgenommen worden. Stattdessen verlieh ich meinem Staunen und meiner Anerkennung in Serie neue Akzente.

Wir pilgerten nun mal durchs Haus. Da bleibt man dran, äußert sich zu allem, stellt Fragen zu Details. Sie hatten den Aufwand und die Kosten. Ich wünschte mir, dass sie es genießen. Das kommt besser an, als rauszuhauen: „Alles eine Frage des Geldes. Wie viel habt ihr dafür hingeblättert?“ Oder ganz übler Unterton: „Wir haben es lieber gemütlich.“ Leider schon zu verbreitet, dass wirklich jeder den Braten riecht: „Wir könnten das nicht. Wir haben ständig Besuch und unsere Enkel kommen dauernd vorbei.“ Perfekt: Beliebt, nie einsam und nie durchwischen müssen.

Das wäre alles weder meine Wortwahl noch mein Stil und überhaupt nicht meine Interessenslage. Den Hinweis, dass der Innenarchitekt sogar zu den Sofas farblich passend eingewickelte Bonbons gefunden hatte, verkniff ich mir. Für die italienischen, stoffbespannten Sitzmöbel selbst fand ich angemessene Worte. Genauso für den Ausblick in den Garten mit Rasen und einem alten, flankierenden Baumbestand. Alles schien famos zu sein. Im dem im Grundton Creme gehaltenen und mit Farbakzenten inszenierten Wohnzimmer stehend, dachte ich, es sei nun allmählich genug mit den Konventionen. Ich respektierte die beiden und war ihnen wohlgesonnen. Wir könnten jetzt aktiv, vielleicht sogar mit Freude am Leben teilnehmen.

Als Überraschung – daher leider ohne auskömmliche Vorwarnungszeit – präsentierten sie voller Begeisterung ein Originalgemälde. Es war ein Stillleben von Obst; im Zentrum eine Zitrone von Paula Modersohn-Becker. Die Zitrone war nicht die Bildmitte, aber der kompositorische Schwerpunkt.

„Wie findest du es?“, fragte meine Bekannte, und er stand strahlend daneben. „Das Gemälde ist Ausdruck unserer Herzen. Ein Modersohn-Becker. Wie oft sehen wir hin und spüren die Kraft, die es aussendet? Das ist Kunst.“

Meine Gelegenheit! – dachte ich nicht. Schade eigentlich. Mit wenigen Worten wäre es tatsächlich ein Kinderspiel gewesen, einen schönen Tag mit glücklichen Menschen zu fundamentieren. Ich könnte mich heute noch säuerlich beißen, dass ich nicht den Mund gehalten hatte. Irgendetwas anderes hätte sicher zum Erfolg geführt: Quatschen, Jubeln, Heulen, Tanzen – völlig egal, was – alles hätte gepasst – nur nicht meine Meinung.

Ich hatte harmlose und geringe Kenntnisse über den künstlerischen Gehalt, wusste aber um den hohen Stellenwert ihrer Arbeiten. Damit war auch der Preis entsprechend üppig. Das interessierte mich überhaupt nicht. Ich mag ihre Malerei, weil sie mich tiefer berührt als die akkuraten Landschaftsdarstellungen ihres Mannes. Ihr Leben war von Sorgen, Krankheit und erleichternden Momenten geprägt. Ihre Freundschaft zu Rilke und ihr Verlangen, darzustellen und nicht nur abzubilden, berühren mich. Ich habe keine kultursportlichen Ambitionen. So frei von Talenten, wie ich bin, hätte meine Zuneigung und Zustimmung vollkommen gereicht. Die Anerkennung ihres Geschmacks und Kunstverstandes: ein Selbstgänger. In einem Streich wäre alles in Harmonie aufgegangen. Stattdessen knallte ich ihnen unwissend, aber treffsicher meine Meinung vor den Latz: „Eine spannende Frau. Ich liebe ihre Malerei, aber ihr wisst schon, dass die Zitrone auch bei ihr das Symbol von Vergänglichkeit und Tod ist?“

Unruhe machte sich breit. Ich spürte es, und ihre Blickwechsel waren nicht zu übersehen. Bevor ich realisierte, dass dies kein lockeres Geplauder werden würde, schnappte sie sich den Köder, der gar keiner sein sollte.

„Unsinn, wie kommst du darauf?“, fragte meine Bekannte.

„Toter Schellfisch mit Zitrone, Selbstbildnis mit Zitrone. Ihr Leben, Krankheit, Paris, Rilke. – Tja, ins Wohnzimmer würde ich mir das nicht unbedingt hängen.“

Ups! – Meine Antwort war äußerlich kalt wie eine Hundeschnauze. Ich hatte mein Bild von der Frau Paula Modersohn-Becker. Es fällt mir schwer, Person von Werk zu trennen. Für Trophäenjubel war es mir zu ernst und zu nahe. Trotzdem falsch: Ich klang so charmant und diskutierfreudig wie ein TÜV-Bericht über meine Gastgeber: ‚Bremsen sind runter, Getriebeöl läuft aus, Spoiler nicht eingetragen und nicht zulassungsfähig. Sonstiges: Sonntagsfahrer.‘

Nun könnte man einen Kommentar ohne Eingeständnis problemlos als Ausrutscher übergehen. Man würde entweder über die Malerei allgemein reden, die Kritik am Kunstgenuss oder stilistische Fragen erörtern. Aber nein, ich hatte zwei Bekannte, die zu Freunden avancierten, einfach niedergemetzelt. Ich versuchte nicht, etwas zu retten. Wie?

Das harmlos begonnene Gespräch beerdigte in Säuernis den gemeinsamen Nachmittag, bevor er ins Rollen gekommen war. Die beiden maulten noch einen Moment unartikuliert. Tatsächlich waren sie restlos bedient.

Ohne Ausflüchte bugsierten sie die Nestbeschmutzerin aus dem Haus zurück in den Wagen und brachten sie zum Hotel. – Mich karrten sie, nicht die Zitrone. Es war eine Fahrt giftigen Schweigens – zitronenmäßig angesäuert. Sie versuchten, harmlos bissig gegenüber dem Landei, sich als Weltstadtbürger zu präsentieren. In der Lobby plusterten sie sich mit ihren Kenntnissen über angeblich bessere Hotels und Restaurants auf. – Läden, in denen das frische bretonische Fischfilet nur ein paar Sekunden in Nussbutter geschwenkt wurde. Ihre Hektik, das angestrengt elitäre Grinsen und die Lautstärke drückten übergriffig.

Ich fragte nicht, ob ein Spritzer Zitrone dem Fisch noch etwas Extrabums gäbe. Allein der Gedanke an die Frage entlastete mich: Selbst schuld. An der Angeberei vergeht ihnen nie die Lust. Gut, dass ich nicht wette. – Schon wieder hätte ich vergeigt, wenn auch nur halb. Dabei lag es nicht einmal an mir. – Nicht direkt:

Der Concierge stand hinter dem Tresen. Er hielt ein Pflaster zwischen seinen Fingern, streckte es mir entgegen und rief freudig: „Willkommen zurück. Geht’s gleich weiter?“

In diesem Zusammenhang machte für mich zum ersten Mal das Wort ‚fluchtartig‘ wirklich Sinn. Sie verabschiedeten sich kurz angebunden und stolzierten langsamen Schrittes mit entleerten Gesichtern zum Ausgang. Ihre Gemüter waren längst durch die Drehtür ins Freie gerauscht.

Gütige und Gaukler

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Berlin, Gendarmenmarkt

Der Concierge konnte es nicht wissen. Nicht, dass ich rücksichtsvoller hätte sein sollen, sondern dass ich kaum Strecke abgelaufen hatte. Das Pflaster habe ich zur Sicherheit trotzdem gesichert. Man weiß ja nie. – Und ich hatte noch eine Abendveranstaltung mit den von mir geliebten Menschen vor mir. Mit einem längeren Fußmarsch rechnete ich eher nicht.

Es war eine Filmvorstellung zu dem Thema, das wir bearbeiteten. Wir hatten den Inhalten unsere Zeit und Auseinandersetzungen seit Jahren – einige von uns seit Jahrzehnten – gewidmet. Den Film erwarteten wir in Aufregung. Jeder hatte eigene Vorstellungen. Es ging um Aussage, Kraft und Balance, den Grad an historischer Genauigkeit, Echtheit und die Fülle an zu filternden Informationen und Darstellungen. Wo wurde verdichtet, wo weggelassen? In dem Themenfeld bin ich belesen. Systematisch, sogar wissenschaftlich konnte ich mitreden. – Aber – mein lieber Herr Gesangsverein – ich hatte noch die Milchzähne.

Auf der Tagung wuselte ich inmitten etlicher der schwersten Geschütze der ‚Branche‘. Das Treffen war auch ein Event. Schauspieler des Films waren kurz dabei. Mit manchen der Veranstaltungsteilnehmer bin ich eng verbunden. Einer hatte sich für seine Verhältnisse extra großstädtisch gekleidet. Mit seiner Ausdrucksweise hatte er noch Luft nach oben. Massentauglichkeit klingt anders. In einem Berliner Kiez wäre ein Gespräch mit ihm schräg angekommen. Aber er war ein verdammt guter Schweiger – sehr gut sogar – im Grunde ein Profi. Sein Outfit wählte er seinem Alter entsprechend aus. Jung-dynamisch – in Jeans und T-Shirt, um nicht unbedingt gleich als Hardcore-Geistlicher aufzufallen. „Anna, den Mönch sieht man mir doch nicht an, oder?“

Ich musterte ihn lange. „Nein, ganz und gar nicht. Wie kommst du nur auf den Gedanken? Barfuß in geschnürten Sandalen ist hier absolut üblich. – Und das riesige Holzkreuz, das du vor der Brust trägst, fällt überhaupt nicht auf. Als Kapuzinermönch erkennt dich hier keiner, und eine Sabbeltasche bist du wirklich nicht. “

Ein mittlerweile verstorbener Freund war begeistert vom Film und bat einen Schauspieler um ein Autogramm. Er hätte sich auch über ein Gespräch bezüglich der Einarbeitung in die Biografie der Rolle gefreut. Er, der Sprachwissenschaftler, Ende siebzig, war umfassend interessiert; nicht nur in seinem Fachgebiet, den alten Schriften.

„Wenn da jeder käme? Nein, dafür habe ich keine Zeit“, kanzelte das Bürschchen Mitte vierzig meinen Freund ab.

Nur so viel sei gesagt: Den Mimen habe ich dann so gebügelt, dass sein Gesicht noch nach dem Gegenwind gestaltgebend flatterte. Das Flattern wäre eine schauspielerische Glanzleistung, wenn er es seinerseits gewollt hätte. Ich hoffe, er konnte die emotionale Erinnerung für die Zukunft nutzen. Bei den Grundlagen – den emotionalen Erfahrungen – für Method Acting helfe ich gern. Die Gefühle des Momentes kann er jederzeit für seine Rollen nutzen.

Mit einem bunten Strauß an eigenen Erinnerungen und neuen Lieben gurkte ich zurück Richtung Hamburg. Der Gendarmenmarkt, Unter den Linden, aber ehrlicherweise auch die tolle Lebensmittelabteilung vom Kaufhaus des Westens, KaDeWe, blieben auch bei mir als besondere Orte hängen.

Nun ja. – Ich war mit der Freundin, die bei mir im Hotel nachts Probleme wälzen wollte, im KaDeWe. Es zog sie ins Austern-, Champagner- und Hummerrestaurant oben im Haus. Ich zerrte sie erfolgreich an die Selbstbedienungstheke. Vielleicht hatte ihr Gesichtsausdruck etwas von meinen Urlaubsbekannten aus dem Grunewald. Ich vertraue darauf, dass auch Großstädte kleinteilig bleiben. Es sind die kleinen Dinge. – Ich weiß immer noch nicht, warum Brot schneller schimmelt als früher.

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