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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 31: Fado, Wagenheber und Zitrone

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Fado, Wagenheber und Zitrone

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Portugal und Berlin

Mein Blick suchte kein Ziel in der Ferne. „Das Ende der Welt. Weiter geht es nicht“, sagte ich in den auflandigen Wind, an der Klippe über dem Atlantik stehend.

Klar geht es da weiter, damals wie heute. Wie ein Seefahrer stand ich dort. Mit Geist und Seele in Europa verwurzelt. Dabei war ich überfrachtet mit Sehnsüchten nach Entdeckungen.

Wie sollte der gedämpfte Ton zwischen Hoffnung und Verlangen zur Melodie in einem Konzert werden? Wie befriedigt man Sehnsucht nach Freundlichkeit ohne Ziel, Höflichkeit, ohne dass jemand sich eingesperrt fühlt? Wie bewindet man Offenheit und Streit in der Sache und die unerschütterliche Liebe zueinander?

Und warum stehe ich immer irgendwo allein in der Natur rum, wenn ich mit mir Dinge ausmache, die nur in Gesellschaft zu klären sind? In Delphi oder auf der Akropolis käme ich nicht in die Nähe eines Zweifels. Entdeckungen gibt es auch im Kleinen. Einfach mal die Garage oder den Keller aufräumen. Der Vergleich mit dem Seebären hinkt. Wenn ich von Wogen und dem Auf und Ab spreche, hängt mein Magen einen Stock tiefer. – Genau wie am höchsten Punkt der Reise mit der Riesenschiffsschaukel auf dem Oktoberfest.

In Portugal hatte ich einen festen Grund, der mir gefiel. Am westlichsten Ort von Festlandeuropa stehend, war es einerlei. – Für mich. In den USA hatte ich meinen Ausbruch. Madeira und die Azoren sind mir unbekannt.

Jahre zurück lag ein Badeurlaub auf Gran Canaria. Maspalomas und die betonierten Konsum- und Sauftempel in Playa del Ingles brachten mir Augenzucken. Kein Moment hingebungsvollen Schauern. – Obwohl, auszuschließen ist es nicht. In den Dünen von Maspalomas verlustierten sich etliche Pärchen. Ich wusste nichts von dem Trendsport. Woher? Ich hatte das mit der Sandkastenliebe offenbar missverstanden. Meinen Schulfreund hatte ich geheiratet. Wie man’s macht. Ich spazierte außer Sicht des Treibens, von Schamdünen begleitet, nur an der Wasserkante des Atlantischen Ozeans entlang – allein. Sicherlich funktioniert ein Spaziergang am Steinhuder Meer oder dem Dümmer See genauso. Auch mein Blick auf das Meer wies nach Osten, Westsahara. Richtung der Neuen Welt hätte ich zurück durch die Dünen und den Rest der Insel gemusst. Wenigstens Schiffe? Kaum. Es blieb beim Namen: Ozean.

Meine Mayers waren am Hotelpool. Junior tobte in einer Clique von Halbstarken. Sein Vater arbeitete an seinem Image als Illusionskiller. Er war ökonomisch und trocknete mit seiner Art gleich den Pool aus. Andere Seiten hatte er auch. Aber auf Gran Canaria langweilte er sich.

Ich langweilte mich genauso – aber anders. Es war zu glatt. Die Fahrten über die Insel boten Landschaft. Mit einem Gruppenboot drei Stunden aufs Meer zu schippern, gefiel den Kindern. Kann man ja alles wiederholen. Ausprobiert hatte ich es. Es gab mir nicht den Halt, wo ich fruchtbaren Boden vorfand.

Zeichnung einer Kaffeetasse mit dampfendem Kaffee Zeichnung einer Kaffeetasse mit dampfendem Kaffee

Kulturen entstehen, breiten sich aus, bekämpfen sich, verschmelzen, ohne zu zerfließen. Ich weiß nur, dass ich mich in der Natur am wohlsten fühle. Am vitalsten bin ich in den Brennpunkten verschiedener Meinungen und Orientierungen. Klar bin ich bei der Gartenarbeit und fluchend im Haushalt auch lebendig. Jeder Versuch, Urlaub, Wohnen und Sehnsucht an einem perfekten Ort zu bündeln, ginge in die Hose. Mein Bauernblut ist lieber in der Marsch am Ackern als auf dem Sinai. Ich würde auf Ziegen umstellen. Dann käme schon wieder Schwung in die Kolben. Die kleinen Stellschrauben verschaffen mir neue Perspektiven. Ich richte mich ein. Aber im Urlaub … Urlaubsorte sind geplante, fast tagesaktuelle Übereinstimmungen von Interessen und Gelegenheiten.

Was passiert mit den kleinen bis recht großen Sehnsüchten, die nicht aus Leid geboren sind? Was, wenn sie Alltag werden? Ist es dann eine Art befristetes Paradies mit der Angst vor dem Ende? Oder ist es das Aufwachen aus einem Traum, auf der Hast zum Nächsten, während endlich der Sand in der Uhr rieselt?

In Portugal, am Cabo da Roca ist die alte, meine Welt zu Ende. Dahinter liegen die Triebfedern vergangener Tage, die nie völlig erstarrt sind. Daran änderte auch ein privater Querschläger wie Carol aus Kalifornien nichts. Privat, weil er nur mich betraf und ich allein meine Interessen sah.

An einer Rundreise durch das westlichste Land des Kontinents kommt man eigentlich nicht vorbei. Ich war zuvor noch nie dort. Im Wohlfühltempo von vierzehn Tagen galt es, so viel wie möglich darüber zu erfahren.

Die Meinzeit

Zeichnung einer Kaffeetasse mit dampfendem Kaffee Zeichnung einer Kaffeetasse mit dampfendem Kaffee

Bildungsreisen sind ideal für mich. Die Zusammensetzung der Gruppe ist mir fast egal. Ich käme allein klar. Es ist die Mischung: Professionelle Leitung hilft. Um die Navigation und Öffnungszeiten kümmern sich andere. Die Wege und Zeiten bei Sehenswürdigkeiten verkürzen und verdichten sich. Dabei fällt die ‚Meinzeit‘ ab. Wie sie heißt, spielt keine Rolle. Dass es sie gibt, weiß jeder. Ihr Wert liegt gnadenlos über dem Schätzpreis, weil man sie meist als Zeitverschwendung wahrnimmt. Wer sie allein als Pause oder Freizeit sieht, kommt ihren Möglichkeiten und ihrem Zauber schwer auf die Schliche.

Ihre Aufgabe ist meine Chance. Die Meinzeit ist Keimzeit. Sie ist keine Auszeit. Sie schreibt nicht vor. Man misst sie nicht mit der Stoppuhr. Vieles geschieht. Jeder füllt und fühlt sie anders, mit eigenem Horizont, im eigenen Stil und Tempo. Der aufregende Ballast von Eindrücken aus Kultur und Natur verarbeitet sich in der Meinzeit. Man lässt sie sacken, verdrängt, erweitert oder nutzt sie. Es spielt keine Rolle, wie viele Stunden, Minuten und Sekunden es sind. Mit einem Ort einen gemeinsamen Klang zu finden und Menschen zu begegnen, hängt von mehr ab. Der Raum des Empfindens und unvorbereiteter Erlebnisse schafft Platz für andere Gedanken. Dann geschehen Dinge, die sich nicht mit Urlaubsfotos hinreichend erklären lassen. Schon gar nicht sind sie durch Fotos zu ersetzen. Jeder nutzt diese Zeit auf seine Weise. Gefangen in mir, falle ich immer wieder ins gleiche Muster: Ich laufe mir die Hacken ab. Abends, mit kränkelnden Füßen und gesundem Appetit in einem Lokal, merke ich, wie geschafft ich bin.

Wenn ich zu Hause den Müll zur Tonne bringe, entsteht häufiger ein Bild vor meinem Urlaubsauge: gegrillter Fisch mit olivenölglänzendem Gemüse. Ein Glas Wein auf einer Piazza oder am Meer. Es duftet nach Ruhe und Vitalität. Die eingespielte Bewegung trifft auf das drucklose Spiel selbst. In der Realität haut es genauso mit einem belegten Brötchen und einer Dose Limo auf dem Alpenpass hin. – Oder Ziegenkäse und eine ganze Flasche Wein bei den für mich unvergesslichen Beduinen in der Wüste. Völlig egal, was es ist, der stimmige Moment bleibt mir nicht als Aufnahme erhalten. Er ist Saat und Keimling von etwas, das weiterwächst.

Meine Vorbereitung war auch mein Wegbegleiter. Den dicken, roten Reiseführer hatte ich im kleinen, eleganten Rucksack. Der ist selbst auf einer Städtetour viel praktischer als eine Damenhandtasche.

Ist der Fluss geschafft, geht der Service nicht den Bach runter.

Es war dieses Mal eine Studienreise der gehobenen Art. Der Preisunterschied zur einfachen Reise lag hauptsächlich in den höheren Beherbergungskosten. In der Reisegruppe fiel ich durch eine lebhaft aufgeschlossene, geradezu als naiv eingeschätzte Jugend auf. Mit Anfang vierzig bei mir unmöglich zu behaupten, bisher kaum vor die Tür gekommen zu sein. Die Mitreisenden waren allesamt Ehepaare. Sie hatten die Zielgerade eines erfolgreichen Arbeitslebens in Sicht – oder sie hatten sie bereits überschritten. Etliche hatten den knallharten Übergang vom Macher zum Privatier hinter sich. Eine Frau erzählte mir von ihrem Mann: Er käme seit seiner Pensionierung vier Jahre zuvor immer noch nicht damit klar, dass er keinen Chauffeur mehr hatte. Mit wissender Gelassenheit betrachteten sie diejenigen, die sich anstellten, ihnen über die Ziellinie zu folgen.

Soweit es in zwei Wochen möglich war, sind wir durchs Land gefahren. Na ja, selbst ‚Portugal in vierzehn Tagen‘ ist beim Kulturknattern zwangsläufig mit Einschränkungen bei Regionen und Themen verbunden.

Wir kamen in der Hauptstadt an und fuhren ein Stück nach Süden. Die Algarve war nicht im Programm. Wir bereisten hauptsächlich den Norden bis zur spanischen Grenze.

Lissabon hat einen eigenen Charme. Abgebrannt oder nicht, der Fahrstuhl aus dem Hause Eiffel in die Altstadt hat mich mitgenommen. Genauso das entspannt urbane Treiben in den betagten Kaffeehäusern. Das ist etwas anderes, als sich einen Coffee to go zu holen. Es hatte ein anderes Ambiente als das Tamoselli in Salzburg oder das Hawelka in Wien. – Alle sind sie auf ihre Art wunderbar. Sie haben eine vergleichbare Funktion. Architektur und Einrichtungen sind verschieden. Ihr Leben in Unverwechselbarkeit verdanken sie jeweils ihrem lokalen Charme, der Tradition – den Menschen, die ihnen den Atem geben.

Eines der Kaffeehäuser hatte etwas von einer Bibliothek mit Jugendstilelementen. Die edelsten Materialien reichten sich in floraler Harmonie die wohldekorierten steinernen und metallischen Hände. Dort erzählte mir ein Kellner, dass er und andere fast noch in der Nacht losfahren. Etwas früh, um morgens im Kaffeehaus zu arbeiten. Der Verkehr auf der Brücke über den Tejo kommt häufig vollständig zum Erliegen. Wenn sie gut durchkommen, haben sie nach der Querung des Flusses noch ein paar Stunden Zeit. Die nutzen sie, um im Wagen zu schlafen. Ein ‚paar‘ Stunden. Dementsprechend sind die Autos ausgestattet. Decken, Kleiderbügel mit frischen Hemden, Rasierzeug. Das Nötigste, um erfrischt und erleichtert bei der Arbeit zu erscheinen. Ich kannte zwar bereits die Golden Gate Bridge, aber die Brücke über den Tejo ist speziell.

Wir übernachteten in sogenannten Pousadas. Das sind alte Paläste, Klöster … jedenfalls historische Gebäude, die zu Hotels umgebaut worden waren. Die Kombination macht es aus. Bildungsreise und dann auch noch das Übernachten in geschichtsträchtigen Häusern sind für mich schwer zu toppen. Das Gefühl erfährt keine abrupte Unterbrechung. Ich fände es schade, wenn mich die Einkehr in eine Glas-Betonkiste mit Konferenzbestuhlung aus gelebten Träumen herausrisse. Das Umschalten von Kultur auf Kühltruhe ist wie ein Abstürzen. Lieber klein und sauber mittendrin als abgefrühstückt an der Autobahn.

Weitsicht und Wellenberge

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

In Nazaré stand ich am Leuchtturm und sah zu den Wellen, die für Surfbretter die Welt bedeuten. Sie brandeten links und rechts von der Klippe an die Strände.

Viele Bücher für Frauen bilden auf dem Titel eine sicher Gleichgesinnte ab, die aufs Meer hinausblickt. Es ist kein Wunder, fernzusehen, um bei sich anzukommen. Warum ist der Blick immer aus der Kiste: Fazit mit Schwermut? Die könnten auch eine gereizte Frau zeigen. Eine, die guckt, ob die Schwimmflügel von ihrem bis zur Weißglut nervenden Lieblingskind noch aufgeblasen sind. Dabei sammelt sie das Spielzeug ein, und irgendetwas sticht sie am Nacken. – Wende- und Scheitelpunkte kommen früh genug im Leben. Von der Sinnfrage bis zur Tetanusspritze.

Es bleibt wahrscheinlich, dass auch der nächste rauschende Wellenberg nur noch als dünner Film die hinten liegenden Sandkörner des Strandes benetzt. Reibungsverluste bleiben nicht aus. Ich werde es mit mir, dem Sand, klären müssen, wenn das Monster eigener Ängste und Ahnungen auf mich zurollt.

Einsamkeit hat mehr Gesichter, als die Sehnsucht zu erkennen gestattet.

Ich träume seit jeher davon, einen Leuchtturm auf einem Kleinstinselchen zu bewohnen. Allein – am besten noch bei Gewitter und Sturm. – Es muss einen umhauen. Schwer mit dem Boot erreichbar und mit einer für Monate auskömmlichen Grundversorgung. Ich würde gelegentlich, bei ruhiger See, zum Einkaufen schippern und in den Dorfpub stiefeln.

Ich weiß nicht, wie der Hase läuft, aber ich kenne das Tier – mein Leben lang. Wahrscheinlich würde mir beim Übersetzen in der Nussschale nicht einmal übel.

Schäumende Selbstreflexionen geben das Gefühl in Nazaré völlig unzureichend wieder. Mit den Augen über die kleinen Schwestern der höchsten Wellen der Welt zu streifen, war mehr als – ich. Sachlich gesehen, bewegte ich mich zuvor hundert Meter nach oben. Der Aufstieg selbst war ein sicheres Latschen. Kann man machen. Es gibt Alternativen, hochzukommen.

Innere Einkehr? Quatsch. Ich spazierte unten in Nazaré locker los. Mit unsichtbar hängender Zunge kam ich eine Stunde später oben im Viertel Sítio angestapft. Nett war es da. Ruhig, wenig Menschen – bis auf die Leute, die dasselbe Ziel hatten wie ich: die Klippe mit dem Leuchtturm. An der Kante des Plateaus kommt man an den Häusern vorbei. Aus meiner Vorbereitung der Reise war es die Kante, die ich nicht kannte: Der berühmte Suberco bietet eine jedes Gelatsche vergessen machende Aussicht auf Meer, Strand und den Ort. Und hinter mir lag der hübsche Platz.

Klar gibt es weltbekannte Aussichtskanten nicht ohne Grund. Taormina, Capri, Tafelberg … Ich verteile keine Sterne, sondern genieße Überraschungen wie diese.

Weiter trieb es mich die letzten lockeren Meter Richtung Leuchtturm. Ich verzichtete nicht auf den linken Schulterblick zum Ort. Die Aussicht, doch zunehmend der Eindruck von Naturgewalten belohnte mich vielfach, ohne etwas geleistet zu haben. Orientierungslosigkeit mag den Anschein erwecken, dass der Weg mein Ziel ist. Dabei habe ich überhaupt nichts dagegen, tatsächlich anzukommen.

Leuchtturm ist ein großes Wort für das kleine, rote Lichthäuschen. Der Sockel, auf dem es steht, ist etwas beeindruckender. Vorne auf der Klippe hatten sie vor knapp fünfhundert Jahren das Forte São Miguel Acanjo erbaut. Das Gebäude, selbst, an anderer Stelle errichtet, hätte mich nicht vom Hocker gehauen. In Nazaré, auf der Landzunge, die wie ein Schiffsbug ins Meer ragt und den Wassermassen trotzt? Hey, wer würde dort oben nicht an den ‚König der Welt‘-Ausruf denken? Eisberge waren nicht in Sicht. Und wenn schon. Ich war an Land.

Die Wellen kamen in beachtlicher, aber nicht rekordverdächtiger Größe angerollt. Ich hatte nicht erwartet, dass sie so gewaltig wären wie zur Wellenreiter-Hauptsaison. Dann übertreffen sich dort die Weltrekorde für die höchsten mit dem Surfbrett abgerittenen Wasserberge.

Dennoch zogen die Fischer ihre Boote weit genug an den Strand. Zahlreiche junge Menschen tummelten sich sportorientiert vor Ort. Das spricht dafür, dass selbst die Wellen der Surfnebensaison durchaus sportlich attraktiv sind. Nazaré hatte sich auf die Reisenden zu Sport-Hotspots eingerichtet. In touristischer Betrachtung sind sie wohl wie saisonale Wallfahrer.

Die Ursache für die Riesenwellen ist der Grund. Der liegt weit weg, tief im Wasser, und er ist nicht potteben. Ein Graben verläuft Richtung Küste. Weil er flacher und schmaler endet, kommen die Wassermassen seitlich kaum weg und bäumen sich auf. Wo sollten sie auch hin? Hinter Ihnen rollen schon die Kollegen arglos heran. Bei meiner Düse am Gartenschlauch sieht das weniger imposant aus.

Ewig gestern oder heute morgen?

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Mit meiner Reisegruppe hatte ich außerhalb der Fahrten und Führungen eigentlich nur beim gemeinsamen Essen Zeit verbracht. Wir sprachen über Eindrücke, das Essen, die Qualität der Hotels und die Ausstattung der Hotelzimmer. Ohne es zu verallgemeinern, teilten die Männer mein kulturelles Interesse stärker als ihre Gattinnen.

Einige der Herren der Schöpfung waren durch Vorbereitung so belesen, dass es wirkte, als seien sie vorbelastet. Alles musste raus – auf einmal. Es kam gestenreich und ungefragt. So hörte ich mir leidlich interessiert, diesen und jenen Hinweis oder Kurzvortrag an. Seefahrer, Altstädte, Kirchen und Tempelritter. Aber auch in die Veredlung besonderer Traubensäfte durch Lagerung gab es Einweisungen. Geschichten von besonderen Böden in speziellen Holzfässern unter noch spezielleren mikroklimatischen Lagerbedingungen … Natürlich gab es auch eine Portweinverkostung – in Porto. Mir gelang es sogar anhand der Farbe, das Leben des Getränks zu erraten. Es blieb beim Raten. Die kulturbeflissenen Männer schienen sich gerne mit mir zu unterhalten, während ihre Gemahlinnen das Gespräch weniger suchten. Anders bei einem Paar aus Berlin, mit dem ich mich auf Anhieb gut verstand. Für einen Macher seines Formats übte er sicherlich einen der interessantesten Jobs aus, die es zu besetzen gab. Die Position ganz oben würde er noch einige Jahre innehaben.

Ein anderes Paar, er Vorstand eines Konzerns, war auch nett – anfänglich. Mit ihr hatte ich es mir schnell verscherzt. Ich fragte sie, ob sie mit in eine Bar kämen. Dort würde der Fado, der traditionelle Gesang über und mit Leid und Liebe, vorgetragen und musikalisch gespielt. Der Gatte entschuldigte sich mit den Worten: „Ich würde ja gerne, aber meine Frau will shoppen.“

„Gut, das ist ein Argument. Einkaufen kann man ausschließlich in Lissabon. Zuhause in Berlin ist das unmöglich. Gerade Klamotten von Weltmarken finden sich nicht im KaDeWe oder im La Fayette“, rutschte es mir ungelenk heraus. Das Kaufhaus La Fayette gab es damals noch in Berlin. Die Dame war sauer und blieb es. Das ist der Mist, wenn man verkrampft ist und vorgibt, auf eine Art zu sein. Shoppingtour bei mir? Einmal Dubai, zwei Selfies und die Sache ist im Kasten? Wem es gefällt, möge es durchziehen. Ich nicht. Mich kann man damit jagen. Obwohl – ich gehe gerne shoppen. Zuhause. Unnütz, aber unterhaltsam. Von teuren Tretern erwarte ich, dass sie über die Laufzeit eigentlich günstiger sind als andere Schuhe. Zumindest beim Kauf würde ich es mir einreden, ohne kreativ zu werden.

Egal welche – nur nicht schäbig und abgelatscht. Ich bin auch gerne auf Schnäppchenjagd – ohne den Warenwert zu kennen.

Wir saßen beim gemeinsamen Abendessen in einer Pinte dicht bei unserem Hotel. Bei bekömmlichem Wein fühlten sich einige Teilnehmer der Reisegruppe genötigt, auslassend über Land und Leute herzuziehen.

„Habt ihr auch so beschissene Zimmer?“

Alle außer mir stimmten zu. Sie bestätigten vehement, dass die Hotelzimmer zu klein, zu schlecht und dürftig ausgestattet waren. Die Sicht aus den Fenstern hätte nichts von Urlaub, beschreiben sie noch unklarer, aber mit fäkalem Schmackes. Insgesamt ließ die Bleibe für zwei ganze Nächte die Herzen nicht höherschlagen. Sie war der fast einstimmigen Meinung nach: „eine Zumutung“.

Meine Unterkunft war possierlich und spärlich wie die der anderen. Ich hatte nicht zwingend vor, darin zu flanieren, zu tanzen oder damit anzugeben. – Nur darin zu schlafen und das mickrige, aber saubere Bad zu benutzen. Sie brachten ihre Gesichter und Gemüter zum Glühen. „In Deutschland ist alles besser. Da ist es auf Zack. Da funktioniert es.“

„Die wissen hier gar nicht, wie man arbeiten kann.“

„Die wollen doch gar nicht arbeiten. Alles Seefahrer. In der Sonne liegen und auf den Wind warten. Und wir zahlen für die wieder obendrauf.“

Sie waren in Geberlaune und kotzten sich aus. Endlich hatten sie ein Thema der Einheit. Die Entlastung war wie eine Droge für sie. Bildung, Intelligenz, Erziehung, Anstand, Würde – spielten alle keine Rolle. Sie gaben sich, wie sie sich fühlten: überlegen – und dennoch betrogen. Aber sie waren nicht allein. Sie waren dort angelangt, wo ihre Gesinnung ohne Mühe das Universum, zumindest einen Kuppelbau für ein Volk, aufspannte. Ihre Meinungen waren Eingebungen. Ihre Gefühle kamen Gesetzen gleich. Weil wir an mehreren Tischen saßen, wandten und beugten sich ihre Körper ihren Kopfdrehungen hinterher.

Unsere Reiseleiterin war nur Kunststudentin und stammt aus einer alteingesessenen Familie aus Frankfurt am Main. Sie zog die Augenbrauen hoch. Vermutlich sträubten sich beim portugiesischen Busfahrer die Nackenhaare.

Nach anfänglichem Schock zeigte ich vollen Einsatz und setzte mich an die Spitze. „Ja, genau, wir Deutschen können es. Schließlich haben wir auch die Autobahnen gebaut.“ Ganz böse Falle: Kulturinteressiert oder nicht, beim Thema Auto und seinem Umfeld waren die deutschen Männer anfällig. Es war die von Hubraum und Pferdestärken genährte Blütezeit der Verbrennungsmotoren. Das berührte sie sogar tiefer als Fehlentscheidungen von Trainern der bevorzugten Fußballmannschaft.

Ein Teil der Herren, die auch vom Geschmacksträger ‚Kultur‘ durchzogen, marmoriert oder getränkt waren, stimmte mir sofort zu. Sie übertönten mich mit den giftgefüllten Blasen ihrer leichtfertigen Meinung. „Unter Adolf wäre das hier nicht passiert. Die würden arbeiten oder könnten gehen.“ Wie sie es sagten, so meinten sie es. Anerkennend.

Unsere Reiseleiterin jüdischen Glaubens verlor an gesunder Gesichtsfarbe. Im Gegensatz zu ihren Gästen saß sie kerzengerade am Tisch. Der Busfahrer schien angespannt zu dampfen; der Kopf gesenkt, die Augen düster auf seine Fahrgäste gerichtet.

„Scheiß Nazis!“, rief ich in die Runde. „Mit euch esse ich nie wieder zusammen.“ Ich stand auf, verschwand und hatte mich nie mehr zu ihnen gesetzt.

Meine neuen Bekannten waren leider oder zum Glück nicht da. Sie waren in der Stadt beim Shoppen. Das scheint Trend bei Bildungsreisen zu sein. Eigentlich schade. Nicht, dass jemand gerne auf dem ganzen Planeten zum Einkaufen jagt und überall tolle Shoppingerlebnisse hat. Es ist nur überflüssig, dann leidenschaftslos Kultur zu spielen. Wie eine Rechtfertigung für Freunde und Nachbarn.

Mein Sohn war mal in Wien auf Partytour. Seinen Kumpel zog es ins Museum, damit er seiner Freundin einen gesellschaftlich anerkannten Reisenachweis erbringen konnte. So jung und schon so verkrampft.

Fado mit Upgrade

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Coimbra

In Coimbra saß ich allein zwischen zumeist Einheimischen in einem Gewölbe. Von einer Gitarre begleitet, sang eine Frau herzzerreißend den Fado. Ich hielt mein Glas Rotwein, betrachtete es und genoss das bewegende Bild. Im Glas spiegelte sich der von Kerzenlicht beschienene Raum. Die Ergriffenheit der Musik und der Stimmung schien durch den Wein zu leuchten. In fremden und vertrauten Tiefen und Facetten nahm ich das Leben in dem Lichtermeer meines Glases wahr. Der Abend war von einer wohligen Melancholie gewärmt. In ausschweifender Zurückhaltung standen immer wieder einzelne Gäste auf, um selbst eine eigene Strophe beizutragen. Wie in den Liedern hallte die Stimmung auf dem Heimweg wiederkehrend nach.

Nicht beschwingt, aber beseelt spazierte ich zurück zum Hotel – und bekam meine Zimmertür nicht auf. Ich versuchte es einige Male. Es ging nicht. Also wieder runter zum Portier. Ich sagte ihm, dass mit meiner Tür etwas nicht stimmen würde. Er lächelte mich an, griff nach einer Schlüsselkarte und erwiderte zustimmend: „Ich verstehe. Bitte folgen Sie mir.“ Ich folgte ihm. Das Hotel war ein ehemaliger kleiner Palast. Man sah ihm die Geschichte an den Mauern an. Aber weder seine Ausstattung noch der Service war erhaben. Wir kamen in mein Stockwerk. – Und wir wanderten weiter. „Mein Zimmer ist dort.“

Er lächelte mich an. „Bitte folgen Sie mir.“ Ich folgte ihm. Ein Geschoss höher angelangt, öffnete er eine Tür, ging vor und blieb im Raum stehen. Wir waren an seinem Ziel, in einer prunkvoll ausgestatteten Zimmerflucht. So hatte ich es bisher nicht erlebt.

„Das kann nicht sein. Das ist nicht mein Zimmer.“

Er lächelte abermals. An der Seite lag mein Koffer auf einem Kofferboard. In den antiken Schränken war meine Kleidung akkurat aufgehängt und untergebracht. Im Bad war alles, was ich in meinem vorherigen Zimmer hatte. Schminkutensilien und sonstiges, natürlich unverzichtbares Zeugs waren ebenso griffbereit. Und es war exakt so aufgebaut. – Genau in der gleichen Anordnung, wie ich es hinterließ. Das Zimmer war der Hammer; der Ausblick grandios. Ich sah die beleuchtete Altstadt und die Studentenkneipen unten in der Straße. Ein riesiges Himmelbett thronte mitten im Nachbarraum. Es war alles sauber und alt. Ich wähnte mich in einer anderen Zeit. Blumen steckten arrangiert in einer Vase auf dem Tisch. Frisches Obst lag in einer Schale auf der Anrichte an der Wand.

„Was bitte soll das?“

„Ihr Zimmer, Madame“, antwortete er. „Ein Upgrade. Eine Anweisung der Reiseleitung. Gefällt es Ihnen?“

„Es ist ein Traum“, sagte ich.

Er lächelte, wünschte mir eine angenehme Nacht und verneigte sich als Gentleman mit einer hauchzarten, nicht erlernbaren, sondern gelebten Geste des Respekts.

Beim Frühstück hörte ich vom Nachbartisch die andauernden Beschwerden meiner Mitreisenden. Sie sprachen von Unfähigkeiten, Unhöflichkeiten, Schadensersatzforderungen und was auch immer. Ich sagte nichts, denn ich konnte mich wirklich nicht beschweren.

Mit dem nicht eingeschnappten Paar aus Berlin hatte ich weiterhin einen guten Umgang. Sie war etwas verhaltener. Doch es gelang mir, das Gespräch auf die schönen Künste zu lenken. Da schien sie bewandert zu sein und sprach mit Vorliebe darüber. Wir waren uns sympathisch und tauschten die Adressen aus. Über ein Wiedersehen – sei es bei mir, im Süden Hamburgs oder bei Ihnen in Berlin – hätten wir uns gefreut. Beiderseits war nicht das dringende Verlangen, sich extra auf die Reise zu begeben. Mehr als nur höflich dahergesagt war es schon. Wenn alles passen würde – bei Gelegenheit – träfe man sich ‚ganz spontan‘. Und so war es.

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