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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 30: Carol aus Frisco

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Carol aus Frisco

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

San Francisco

Amerika, ich komme.

„Carol, ich bin auf dem Weg!“ Mein leiser Ausruf im Flieger klang ohne die Entschlossenheit einer Retterin. Es war nicht die beschwichtigende Antwort auf einen Hilferuf. Umgekehrt: Ich war es, die sich befreite. Die Wahrheit trat geseufzt zutage: „Amerika, ich komme. – Endlich.“

Es hatte mehr als zwanzig Jahre einer gefühlten Gefangenschaft gedauert, diese Worte ungelogen auszusprechen. Dieses Mal erhob sich der Traum ins Leben. Ich zog es durch. Einfach so. Es war unbezahlbar. – Ich tat es, ohne dass der Vater es verbieten konnte, ohne dass der Verlobte um die Beziehung bangte, ohne dass meine Mutterschaft oder sonst ein Umstand mich davon abhielten.

Der Flug von Hamburg über Frankfurt in Richtung des ersehnten Zieles San Francisco war ein Marathon. – Ich genoss jede Sekunde. ‚Mein‘ Jumbojet war einer von den Supergroßen. Die Zahl hinter dem Strich in der Typbezeichnung sorgte bei mir für zusätzliche Aufregung. Jemand im Flieger sagte, dass mehr Flugzeug nicht gebaut würde.

Ich spürte die Kraft der Triebwerke beim Start im Hals.

Oberhalb der Wolkendecke fühlte ich mich im unaufhaltsamen Flug über einem Bett voller Kissen. Allein zu wissen, dass ich in die USA flog, ließ mich mit dem Abheben bereits landen. Körper und Geist erschauerten in kurzen, nicht vorhersehbaren Intervallen. An Schlaf war nicht zu denken. Ich bin und war der überzeugte Gegenpol zu einem Adrenalin-Junkie. Es war anders. Ich drehte sitzend am Rad – und genoss es in vollen Zügen. – Jede Regung, jedes Geräusch, jedes Bild, genau wie Erinnerungen und akute Gedanken, bereicherten den beleuchteten, bunten Baum einer fein verästelten Gefühlswelt. Ich saß ruhig neben mir, und im Kopf packte ich Geschenke aus.

Erst zu jung, dann kam Junior.

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Bei Hamburg

Meine Eltern hielten mich für verrückt, zumindest bescheuert, dass ich als Kind ein Kennedy-Fan war. Sein Aussehen spielte keine Rolle. Den Wettlauf zum Mond empfand ich wie heute schwächlich. Im Wettrüsten sah ich Kriegsgefahr. Offenbar zeigen Kriege nicht, wie wir sind, sondern wie wir gewinnen oder verlieren.

Wenn Siege uns zu besseren Menschen erklären, sind Spielregeln Sperrmüll.

Es waren die Themen Freiheit, Demokratie und gesellschaftlicher Aufbruch, bei denen ich fieberte. Neben Langspielplatten – seine bekanntesten Reden – hatte ich einige Bücher über ihn und die Staaten der USA. Die Achtundsechziger waren im Werden und ich sah mich als Teil dieser Bewegung. Kiffen, Nacktheit und freie Liebe waren kein Thema für mich. Gleichberechtigung und die ungehinderte, unbestrafte Meinungsäußerung schon. Die allwissend ahnungslos verkrusteten Vorstellungen meiner Elterngeneration standen der Freiheit im Weg. Das Frauenbild allein war mir unerträglich. Vakuumiert lachende Heimchen am Herd, dienten sich mir gegen den Strich.

Es waren die Zeiten, in denen ‚Frau‘ bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr bei Entscheidungen zugreifen konnte, so viel sie wollte. Greifbar, aber nicht handfest. Wortlos, machtlos, abseits vom Geschehen. Bei Ausbildung, Beruf und allem, was gern Teil der Selbstbestimmung ist, gaben andere die Ziele vor. Sie ließen sich um die Starterlaubnis bitten. Entschieden haben sie in eigenem Ermessen und nach Lust und Laune. Eltern hatten das Sagen. Wenn sie einer Hochzeit zugestimmt hatten, bestimmte der Ehemann, selbst wenn er grün hinter den Ohren war.

Wir heranwachsenden Frauen schufen uns heimlich Freiräume. Als Sechzehnjährige habe ich mich mit meiner besten Freundin freitagabends vom Landleben weggestohlen. Wir flüchteten nach Hamburg in den Star Club und ins Grünspan. Wir beide waren Freigeister. Jungs spielten keine Rolle. Sie interessierten uns nicht. Männer eher, aber das stand nicht zur Diskussion. – Damals. Bei mir bewegte sich das Leben in allerengsten Grenzen.

Meine Freundin war die Klügste auf unserer Schule. Warum sie später im Job einer Edelprostituierten arbeitete, habe ich nie begriffen. Sie ließ sich von ihren Kunden zu ihren Treffen in aller Welt einfliegen. Ich hatte es nie ansatzweise nachvollzogen – und schon gar nicht verurteilt. Die kurze, knutschfreie Partyzeit gab weder Grund noch Anlass für ihren späteren Geschäftsbetrieb. Selbst Händchenhalten war in unserem Kosmos ausgeschlossen.

Stattdessen feierten wir die neue Musik. Den Star Tony Sheridan begleitete seine Newcomer-Band: The Beatles. – Wir sahen die Pilzköpfe gern. The Lords und The Rattles fanden wir noch besser. Es waren zwei deutsche Gruppen von Musikanten, die Englisch sangen.

Meine Liebe zu Amerika war nicht in der Sprache begründet. Sie trug den Rhythmus der Weite von Entfaltungsmöglichkeiten. Damals spielte es keine Rolle, ob die Bands aus Liverpool, Memphis oder Hamburg kamen. Die Musik war Ausdruck unserer Hoffnung auf nahende Befreiung.

Ich nutzte jede noch so kleine Gelegenheit, mich mit der Welt zu vernetzen. Eine von ihnen war schon damals altertümlich und gerade deshalb gesellschaftlich geachtet. In der gepflegten Kommunikation sah niemand ein Risiko, Teenager vom Weg abzubringen. Ich sage nicht, dass es absurd ist.

Bereits als Vierzehnjährige hatte ich die Brieffreundschaft zu einem gleichaltrigen Mädchen – Carol – in San Francisco. Es gab keine anderen Interessentinnen für diesen Volltreffer der Kontaktmöglichkeit in der Schule. Wir hatten uns in Rage geschrieben. Für mich war es völlig klar, sie bald zu besuchen – um dortzubleiben. Den Drang vermag ich heute so leicht zu wittern, wie ich es zu der Zeit empfand. Er ist nie verklungen. Mit Sicherheit war ich mit der Sehnsucht nicht allein. Viele junge Menschen hatten gefeiert und getanzt. Etliche, ohne dass die Eltern erkannten, wie nahe ihre Sprösslinge daran waren, den Absprung zu wagen.

Oder sie fürchteten es doch. Gerade die neue Musik betreffend gab es schon Spannungen. – Das war, bevor die Sechzigerjahre den Weg für die Achtundsechziger-Generation freiräumten.

Meine Jugend hielt mich untröstlich in ihrem lähmenden Griff. Leicht pubertierend unzufrieden nach der Ferne zu schmachten, ist eine viel kleinere Baustelle, als im Loch bei eindrückendem Wasser zu stehen. Es hätte sich nicht mit den Jahren zurechtgewachsen. Was heißt richtig? Mit welchem Recht? Wir waren, wie verdrahtete, beschnittene Bonsaibäumchen. Da tanzt niemand aus der Reihe. Erst in Unfreiheit, dann aus erfahrenem Unvermögen. Meine vornehmste Eigenschaft hatte mich unfreiwillig früh geprägt und half etwas: Ich kann warten. – Das heißt nicht, dass ich aufgebe. Die Ungeduld bleibt auch im Verborgenen erhalten. Was stellt die Maus im Gefängnis an, wenn die Katze vor dem einzigen Loch lauert? – Sollte ich darauf warten, dass ein großer Hund ins Haus kommt und den Kater vertrimmt? Mein Hund hieß: ‚Endlich 21‘. Er würde sicher kommen. Ich zählte bei jedem Aufwachen auf ihn.

„Wenn ich volljährig bin, mit einundzwanzig, kann ich machen, was ICH will. Endlich frei.“ Ich sagte es auch. Man konnte mich nicht der Meinung berauben. Meiner Zukunftsplanung hingegen mehr.

Die Perspektiven für die Zeit der Überbrückung waren nicht berauschend. Darauf achten, dass die Omas sich nicht verletzten oder das Elternhaus in Brand steckten? Das tat ich im Grunde, seit ich laufen konnte. Sie erreichten ein hohes Alter. Heute drehen sich auch hier die Uhren anders. Damals war selbst das Altern schleichender. Als Teenager waren das keine Beschäftigungen, die mit irgendwas leuchteten. Nur Pflichten. Dafür war ich weder dankbar, noch empfing ich jemals ein Wort der Anerkennung.

Eine begierig angestrebte Alternative war das Architekturstudium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.

Mit Geschick hatte ich bei meinem Vater eine Bewerbung für ein Praktikum in einem renommierten Architekturbüro durchgesetzt. Er war sich auch sicher, dass ich keine Chancen hätte. Im Bewerbungsgespräch sagten sie mir, dass die Bedenkzeit üblicherweise etwa eine Woche dauern würde. Das erschien mir überaus fair.

Am nächsten Morgen rief ich dort an und ließ mich zum Chef durchstellen: „… Herr Professor, ich habe es mir gut überlegt und nehme den Job. Die Woche zum Nachdenken brauche ich nicht.“ Der Stararchitekt nahm es gelassen zur Kenntnis. Mein Vater war schockiert. Täglich fuhr ich von da an mit dem Zug nach Hamburg. Die freieste Zeit meines Lebens erhob mich aus der Asche, deren Herkunft mir so fremd wie vertraut vorkam. Vorher? – Das war nicht ich.

Die Arbeit erledigte ich mit Links. Der Umgang miteinander war ausgesprochen unaufgeladen und höflich. – Genau der Ort, an den ich zu der Zeit hingehörte – das würde auch heute noch passen. – In der Stadt, die nahe von zu Hause liegt. In der Sache, dem Leben, schien es für mich kaum erreichbar. Ich kam schnell zurecht und genoss jeden Schritt und jeden Blick aus dem Fenster der Hamburger Hochbahn.

Während des Praktikums hatte der Büroinhaber mich zu einem Studium der Architektur ermuntert. ‚Hochschule für Bildende Künste‘: Das klingt schon überzeugend.

Die Uni war nur zwei U-Bahn-Stationen vom Büro entfernt. Damals und gerade für mich war die Idee so abwegig wie in die Meisterklasse in Wien zu kommen. Mein Chef präsentierte mir wenig später eine erfolgreich beschiedene Empfehlung seinerseits. Ich war von den Socken.

Wow, das ist unfassbar.

Stimmt auffallend. Mein Glück fest zu umgreifen, funktionierte nicht. Ich war noch nicht einundzwanzig und es war mir nicht erlaubt, selbst zu entscheiden. Vater schon. Es war kurz, schmerzvoll – doch ich gab mir nicht die Blöße, sichtbar zu verzweifeln. Das Praktikum wertete er als verlorene Wette. Studium der Architektur? Er hatte mir bekannte und damals unbekannte Einwendungen: Er war Bauingenieur, blieb im Landkreis, hatte alles im Griff und behielt auch gern die Zügel in der Hand. Ich hatte ihn gebeten. Es war nichts zu machen. Mir half meine Würde. Ein Anker hat eine Kettenlänge. Alles darüber hinaus, das Zerren und Kratzen auf dem Grund des Ozeans, hielt ich gewohnt im Schlick verborgen.

Wer allein lebt, heult auch allein.

Ich war am Boden zerstört und ließ mir nichts anmerken. Zumindest den Triumph des siegreichen Gegners galt es zu schmälern. Mein Auftreten wird zu leichtfertig als Arroganz gewertet. Es ist nur die Gewissheit, dass die meisten reden, manipulieren und Schönheit kleinreden, um sich ins Spiel zu bringen. Da besteht nicht einmal ein Anlass, mich vor ihnen zu entblößen. Ich bin die Anna. Einen Seelenstriptease wird man von mir nicht erleben. Allein, dass ich viel las, beobachteten sie kritisch. Ein Studium konnte ich mir abschminken. – Zumindest bis zur Volljährigkeit. Ich liebte das Praktikum im Büro und lernte viel. Genug, um dort weiterzumachen.

Über einen mir völlig unbekannten Kanal, bot man mir aus dem Nichts mit siebzehn eine Au-pair-Stelle an. – Ausgerechnet in der San Francisco Bay. Alles wär geklärt, auch wenn die Villa auf den Fotos eher nach Steilküste zwischen Malibu und Carmel aussah. Leider, leider hatte ich zuvor meinen Freund und späteren Ehemann kennengelernt. Ich versicherte ihm, bestimmt zurückzukommen. Er vermutete, ich wäre weggeblieben. Und er hätte damit so was von recht behalten. Nicht im Leben wäre ich zurückgekommen.

Der Traum, in die USA auszuwandern, blieb mir erhalten. Bis zur Schwangerschaft und weit darüber hinaus war es mein Ziel. Ich hatte mich nicht getrennt, als es noch möglich war. Wie viele Frauen teilen das Schicksal? Zu dumm, dass ich ihn liebte. – Wie Frau es macht, es verläuft auf anderen Bahnen. Werbungen verschiedener Männer hatte ich widerstanden. Bei der freundlichen Ansprache eines wegen seiner mitgeführten Habschaft vermutlich Obdachlosen: „Ich will dich f***!“, entgegnete ich mit einem jungfräulichen: „Geht nicht, ich bin verlobt.“

Im Architekturbüro kündigte ich gegen meinen Wunsch. Mein Chef verstand es nicht und versuchte, es mir auszureden. Er sprach auch vom Studium.

„Das hätte ich gern gemacht, aber ich bin verlobt.“

„Mit dem jungen, schüchternen Mann, der abends unten auf der Straße vor dem Büro auf Sie wartet? Noch sind Sie nicht verheiratet. Überlegen Sie es sich gut. Sie sind jung und haben noch das ganze Leben vor sich.“

„Ich bin schwanger“, sagte ich weder in Verzweiflung noch in Vorfreude oder mit Stolz.

Jede Frau empfindet es anders und es sei ihr hoffentlich vergönnt, frei zu entscheiden. – Für mich war es endgültig. Erst der Schock, dann die Starre. In der Schwangerschaft reifte ich zum Muttertier. Als Mutter gab es zuweilen Bedauern, dieses und jenes ansonsten vielleicht … – Es ist müßig, alternative Lebenswege durchzuspielen, wenn der Entschluss steht. Was später käme, würde ich dann entscheiden. Jede Frau hat ihre Zeit, und alle sind anders mit Schwierigkeiten behaftet. Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und die Möglichkeit der Berufsausübung – das Recht auf Arbeit – sind kein Teufelszeug anarchistischen Zerstörungswahns. Das Thema Selbstverwirklichung war gestorben. Eine Auferstehung war nicht in Sicht. Die Träume vom Studium der Architektur und der schönen Künste klebten von einer Sekunde auf die andere am Fliegenfänger in der Meisterklasse der Verantwortung.

Mein Praktikumsgeber und Förderer, der Herr Professor, sah ermattet zu mir. „Mädchen, Mädchen, Mädchen. Was machst du nur? Setz dich erst einmal.“ Er redete nicht auf mich ein. Ich könnte jederzeit wieder im Büro arbeiten. Das Kind könnte ich mitbringen, aber auch Jahre später sei ich herzlich willkommen. Seine Tochter war fast im gleichen Alter wie ich. Sie studierte im Ausland. Er war blass um die Nase. Ich ließ ihn mit meiner Geschichte nicht unbesorgt für seine Zukunft zurück.

Im Flieger

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Amerika, ich komme! Ich komme wirklich“, sagte zwanzig Jahre nach Beginn der Brieffreundschaft zu Carol, die Mutter eines fast erwachsenen Sohnes – ich. Auf dem Flug gebetsmühlenartig vor sich herzureden, zwingt die Nachbarsitze zur Schweißaufnahme. Ich brauchte es, um es selbst zu hören und zu begreifen.

Mein Sitznachbar hatte zwar die Ruhe intus, aber hätte sie auch gern insgesamt in seiner Umgebung genossen. Er tippte mir gegen die Schulter und wartete, bis ich den Kopfhörer abnahm. „Wir haben alle das gleiche Ziel. – Auch wirklich. Deshalb sitzen wir auch im selben Flugzeug. Einige wollen schlafen. Ich zum Beispiel, wenn es dich nicht stört. Du sprichst laut und das mit dem Gedudel auf den Ohren.“

„Oh, sorry. Kommt nicht wieder vor. Ich bin die Anna und fliege nach San Francisco. Und du?“ Ich fand es toll, dass wir wie im Fluge gleich beim ‚Du‘ gelandet waren.

„Andreas. Hi. Auch Frisco. Wen wundert’s? Ich habe Termine im Valley. Ich wollte nicht unhöflich sein, Anna, aber einen Jetlag kann ich bei meinem Job nicht gebrauchen und nehme immer eine Mütze Schlaf vorher, um fit zu sein.“

„Verstehe ich total, Andreas. Bist du Sommelier oder Weineinkäufer? Die kalifornischen Weine sind ja mächtig im Kommen.“

„Anna, ich gehe nicht ins Napa Valley zum Verkosten. Ich gehe nach Silicon Valley, weil wir leistungsstarke Bauteile für Computer einkaufen. Ich muss häufiger hin.“

„Alles klar, Andreas. Schlaf gut.“

– Und er schlief. Er schloss nur die Augen und war weggetreten. Sein Mund war geöffnet.

Silicon Valley. Von Elektroschrott habe ich überhaupt keine Ahnung. Das hat sich bei mir auch kaum geändert. Napa Valley, das Tal des Weinanbaus, hatte mich interessiert. Landwirtschaft hat etwas weltumspannend Verbindendes. Egal, wo man was anbaut: Bei Wasser, Wetter, Ertrag und Familie hören die Gespräche kaum auf. Ich wünschte mir, ins Napa Valley zu fahren.

Die Zeit im Flugzeug vertrieb ich mir mit – Vorfreude. Unter mir lag die Wolkendecke – an einigen Stellen aufgerissen –, den Ozean preisgebend. Auf den Ohren klemmte der Kopfhörer eines Walkmans. Ein cooles Ding, und die Playlist war in festgelegter Reihenfolge auf einer Tonbandkassette aufgezeichnet. Damals war das Vorspulen noch wörtlich zu verstehen. Mit pfeifenden bis kreischenden Nebengeräuschen über den kabelgebundenen Kopfhörer spulte ich, oder ich ließ mich getragen treiben. Mein Sohn hatte mir eine Kassette mit neunzig Minuten Musik aufgenommen. ‚American Dream‘. Die Lieder der Hippies und Freigeister hatten seit ihrer Erstaufnahme bereits mehr als zwanzig Jahre auf dem Buckel. ‚California Dreamin‘ und ‚Let’s go to San Francisco‘ sangen mir aus der Seele.

Endlich vereint!

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San Francisco

Auf dem Airport wartete meine Freundin Carol. Endlich vereint! Wir kannten uns ewig und wussten alles voneinander, weil wir es lückenlos beschrieben hatten. Zwei Kreise öffneten sich in diesem Moment und verschmolzen zur Schleife des Unendlichen.

Ich bin mir sicher, dass wir beide es gefühlt hatten. Es war ja kein Sprung ins kalte Wasser. Uns hatte nichts auseinandergehalten, außer den Meilen zwischen unseren Körpern. Wir waren gemeinsam erblüht und zusammen, nur räumlich getrennt, in die Zukunft gestampft. Trotzdem gibt es unausgesprochene Unebenheiten auf der Fahrbahn des Lebens. Die eine Radaufhängung steckt es federnder weg als die andere. Die feinen Unterschiede der Belastung in Kurven und einzelner Schläge und Hindernisse verändern die Nehmerqualität. Genau dafür ist es ja so wichtig, sich zu treffen. Sich in die Augen zu sehen, sich auszutauschen, erleichtert die Auswahl der Strecke und Geschwindigkeit. Es gibt unzählige Nuancen der anderen Person, die wir aus der Distanz nicht ergründen konnten. Papier ist auch nur ein Bildträger. Jetzt hätten wir Gelegenheit, in die Haarwurzeln unserer Beziehung vorzudringen, um zu wissen, was den Baum nährt.

Wir fuhren zu ihr nach Hause. Sie wohnte in Alamo, einer neubenannten Gemeinde mehrerer Siedlungen in der San Francisco Bay. Das weiße Holzgebäude war schick. Es passte in die saubere Gegend und machte einen bis ins kleinste Detail gepflegten Eindruck. Die Hecken waren in Schuss, der Pool lag hinterm Haus. Da gab es kein Unkraut in den Fugen der gepflasterten Vorfläche. Dort parkte auch der topgepflegte blaue Bajuware, mit dem sie mich abgeholt hatte. Draußen wie drinnen alles geleckt. Das hereinfallende Licht schimmerte friedvoll auf den dunkel gebeizten und geölten Holzdielen des Fußbodens.

Ich machte mich frisch. Wir aßen zu Hause und unterhielten uns bis tief in die Nacht. Irgendwann fielen mir die Augen zu. Die erschöpfte Aufregung kam mit Leichtigkeit zur Ruhe. Ich spürte es selbst im Halbschlaf: Ein uralter, bekämpfter und verkümmerter Ast von mir war schon im Flugzeug erwacht. Er sog nach zwanzig Jahren des Wartens endlich Wasser und Nahrung. Es dürstete mich und kribbelte heilend und wachsend. Weder vergaß ich meine geliebte Familie noch gab es Entscheidungen zu bereuen, die auch ich getroffen hatte.

Die Kraft des majestätischen Fliegers beim Abheben zu spüren, war keine Jubelfanfare für ein gelungenes Abhauen. Nichts von dem Ausbruch, wie ich es als Teenager vorhatte.

Spannend, was in mir passiert. Möglich, dass ich meine Ansichten neu bewerte, Prioritäten ändere, dass ich … Ich werde kein anderer Mensch sein, aber …

Am nächsten Morgen fuhren wir in der blauen Zuverlässigkeit deutscher Automobilkunst zu einem meiner Sehnsuchtsorte: Sausalito. Ein zauberhaftes, kleines Örtchen. – Wenn nur die Touristen nicht wären. Sie betrachteten die Golden Gate Bridge und die Hausboote der ehemaligen Freigeister. – So wie ich dieselben Anlaufstellen hatte. Einige der Einwohner hatten sicher noch den alten Spirit. Oder sie wandelten sich wie viele Achtundsechziger zu erfolgreichen Managern – vielleicht sogar beides.

„Sieh mal dort!“, sagte Carol. „Das ist das berühmte Alcatraz. Du kennst es bestimmt aus Kinofilmen.“ Sie zeigte auf den Gefängnisfelsen.

Mir schauderte angesichts des vom Menschen für seinesgleichen geschaffenen Sinnbildes von Ausweglosigkeit. Wenig später sah ich es anders – nicht mit neuem Standpunkt, aber von einem veränderten Standort. – Alle Blicke führen nach Alcatraz.

Von Sausalito cruisten wir zurück über die Golden Gate Bridge in die City von San Francisco. Dort zu einer der touristischen Hauptattraktionen der Stadt, dem Pier 39 in Fisherman’s Wharf. – Nun ja, es war schon recht viel los. Man müsste es mögen wollen, um es lieben zu können. Das ist anders als bei der Familie. Ich liebe Junior. Aber ob es was mit Neigung zu tun hat …

Kneipen, Buden, Reklamen, Menschen – und der Blick auf die Gefängnisinsel. Diesmal von der anderen Seite. „Das gefällt allen“, sagte Carol. „Hier fühlen sich Einheimische wie Touristen in ihrer eigenen Stadt. Alcatraz ist schon ganz nahe. Noch näher hieße, mit dem Schiff hinzufahren.“ Sie zwinkerte mir vielsagend zu.

Nein, danke, dachte ich. Touristenfalle, wusste ich. Ich bin unbestechlich! – Dachte ich. Von wegen:

„Oh, sind die süüüß!“, rief ich beim Anblick der Unmengen von kalifornischen Seelöwen aus, die vor uns auf den schwimmenden Holzplattformen lagen.

Man wird doch wohl noch mal fragen dürfen?

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Meine Freundin arbeitete bei einer amerikanischen Fluggesellschaft. Am Abend suchten wir in San Francisco eine Party ihrer Freunde auf. Sie waren allesamt Mitarbeiter dieser Airline. Bodenpersonal, Flugbegleiter und Flugkapitäne. Das großzügige, freistehende Haus steht in einer gering geschätzten Wohngegend der Stadt. Das Wort ‚Slum‘ fiel. Ich hatte es beim Durchfahren nicht so gesehen. Die Party war mit etwa zwanzig Personen voll im Gange. Auch zwei Kinder und ein Säugling feierten mit, ohne es zu wissen.

„Hi. Ich bin die Anna“, grüßte ich belasteter und verhaltener als üblich. – Man platzt irgendwo rein und stellt fest, dass es der falsche Ort ist. Die Adresse stimmte. Mich vorzustellen, war unnötig. Alle wussten Bescheid, und es ging viel zu schnell. Sie herzten und umarmten die Freundin ihrer Kollegin im Überschwang. Ich stand kurz im Mittelpunkt und Carol mit mir. Sie wirkte betrunken vor Glück.

Tatsächlich soff sie Hochprozentiges schneller als ein durchgerittenes Pferd Wasser.

Ich sah und erlebte dort mehr, als mir lieb war. Alles detailgetreu zu beschreiben? – Korrekt und ein Knaller für die Sinne. Aber unnötig – es wäre unklug, sogar unverantwortlich, es zu schildern. Es wird immer wieder Zeiten und Gelegenheiten geben, wo Menschen Verhalten, Erkrankungen und Meinungen populistisch ausweiden. Was ich sah, war genug Futter für eine Armada an leichtfertig selbstgefälligen Pauschalurteilen und sozialen Ausgrenzungen. Intoleranz ließen bei mir Freiheitsliebe, Überzeugung und jedenfalls mein Glaube nicht zu. Als Mutter bin ich berechtigt oder sogar verpflichtet, eine simple Frage nach dem Kindswohl zu stellen. Okay, die besonnene Tour mit den Diskutierlatschen hatte ich bei meinem drei- bis siebenjährigen Sohn. Bei sozialem Fehlverhalten blendete ich auch seine Sicht auf zappenduster.

Auf der Party war ich dem Ausrasten nahe und schnauzte einen Vater an: „Was machen die Kinder hier zwischen all den verdammten Drogen? Habt ihr überhaupt kein Bewusstsein für Verantwortung? Eure Kinder bekommen einen Schaden fürs Leben in dieser Umgebung.“

„Die Kleine ist sowieso schon krank. Sollten wir sie zu Hause lassen? Bei uns dürfen die Kinder alles machen. Sie sind frei. Misch dich nicht in Dinge ein, von denen du nichts verstehst.“

Meine unvorsichtigen Hinweise kamen ohne Beifall aus. Das mussten sie auch. Sie führten zu dem, was man heute wohl einen Shitstorm nennt – nur stürmte es direkt.

Carol’s Freunde beschimpften mich zweisilbig, nicht nur im Kern einfältig: „Nazi!“ – „Scheiß Nazi!“ – F*** off, du Nazi!“, dröhnten und gifteten sie hysterisch und drohend in weiteren, ebenso wenig kreativen Varianten.

Damals war ich fassungslos. Ich? Ein Nazi?

Es ist mehr als schauderhaft zuwider, wie gesellschaftsfähig die Taten zwangsläufig mit ihren Begriffen werden. Heute wird „Nazi“ als lockere Beleidigung ‚mal eben so‘ aus dem Ärmel geschüttelt. Als würde es nicht für die größten Verbrechen stehen, die der Mensch dem Menschen antat. Selbst ausgemachte Faschisten und Autokraten bewerfen sich gegenseitig mit dem eindeutigen Begriff.

Es hat was von Bluthunden, die sich einen vergifteten Knochen zuschanzen. Sie wissen es und sind trotzdem begierig darauf, reinzubeißen. Er sieht einfach zu lecker aus. Sie schieben ihn so lange weiter, bis er seine toxische Wirkung verloren hat.

Inflation bis zur Entwertung. Pöbeln bis zur Verfremdung. Im Warmbademodus für die Widerkäuer von Parolen wird das Grauen der eigentlichen Taten und der Gesinnung im schauderfreien Brei der Umgangssprache verharmlost.

Ich nutze es selbst zu leichtfertig. Wenn jemand heute die Leistungen und Ideale der Nazizeit lobt, urteile ich im Vergleich. Ich unterscheide nicht. Er ist Förderer der Idee von all den Millionen, die Teil eines Monsters waren: Sie steckten darin – trugen, feierten, duldeten oder ignorierten es. Und er applaudiert? Dann ist er es selbst. Damals, als ich Carol besucht hatte, gab es engere Nutzungsregeln. ›Nazi‹ war hauptsächlich auf Deutsche gemünzt. – Tätergeneration? Nachfolgegeneration? Egal. Sippenhaftung war das Mittel der Warnung und Mahnung. Es funktionierte noch, den vermeintlichen Träger des Bösen aufs Schwerste zu beleidigen. Ich bin Deutsche. Mit historisch bedingter Verantwortung lebe ich. Meine sittlichen Prinzipien und ihre Folgen in Tat durch Handlung oder Unterlassung – das bin ich allein.

Carol’s Freunde hatten mich schwer getroffen. Sie sahen mir das Entsetzen an. Sie nutzten meine Schockstarre aus, um im Blutrausch nachzutreten. Mit wildem Gefuchtel und Gebärden feuerten sie aus allen Rohren. Nichts war mehr da von der Freude, endlich die so geliebte Freundin ihrer Kollegin kennenzulernen. Mich – die ich extra aus Germany kam, um sie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu besuchen. Die Frau der Alten Welt, die ihr Haar in den Wind der Freiheit hielt.

Eigentlich sind derartige Momente wie Sirenen für mich. Weder sind es dann betörend tödliche Gesänge, noch ist es ein alarmierendes Geheule. Die Glocke auf dem Schulhof, die den Sportunterricht einläutet, wäre das passende Signal:

Kinder in die Badewanne, füttern und ins Bett bringen. Die Erwachsenen jage ich von mir unbetreut erst einmal aus dem Haus. Ich bin für deren Probleme nicht qualifiziert. – Dann volle Beleuchtung, Müllbeutel, Gummihandschuhe, Schrubber, Wasser und die Chemiekeule zum Reinigen und Desinfizieren. Wenn die Bude aussieht und riecht wie ein leeres Zimmer auf der Intensivstation, sehen wir weiter. – Und los geht’s. – Die Freund-Feind-Erkennung steht. Was die anderen sind, ist mir schnuppe. Der Freund bin ich jedenfalls nicht.

Das denke ich jetzt. Damals unmöglich. Schlimmste Beleidigungen oder die Schippe fällt um. Ich war benebelt vom gefeierten Untergang und suchte das Praktische:

Die Kinder haben in dem Umfeld keine Chance. Und ich kann hier nichts hinbiegen. Es sind zu viele, und sie sind sich einig. – Angriff oder Rückzug? – Sch*** drauf! Feigheit trage ich nicht. Sie steht mir nicht. Also:

„Well …“, griff ich nach der groben Kelle, um mit der Polizei zu drohen. Mich packte jemand am Arm. Es war Carol.

Meine Freundin sprang alkoholisiert dazwischen. Sie war auch außer sich und verstand die Welt nicht mehr. „Was passiert hier?“

„Das sind deine Freunde. Du solltest es wissen“, sagte ich. Der Hinweis, dass der Tanz auf dem Vulkan nicht unbedingt Ausdruck von Freiheit ist, stand in den Startlöchern. Dass Elternschaft mit Verantwortung verbunden ist, fand kein Gehör. Sie unterbrach vorher.

„Was fällt dir ein, so mit meinen guten Freunden umzuspringen? Die sind cool. Du machst alles kaputt“, schnauzte sie erbost – mit drückender Tendenz zum Wutheulen.

Upps, dachte ich, mit bei mir nur bildlich gesehen offenstehendem Mund. Mein Mundwerk hielt ich aus verschiedenen Gründen der Sicherheit und Hygiene geschlossen.

Wir verließen eilig das Haus der unbändigen Wut und verließen die Party – zum Auto. Carol bewegte sich nicht geradewegs, aber zielstrebig zur Fahrerseite.

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte ich. „Du bist betrunken, und ich habe keinen Führerschein dabei.“

„Willst du allen Menschen vorschreiben, wie sie ihr Leben zu führen haben?“, fragte sie, ohne aufzusehen oder ihr Vorhaben zu überdenken. „Steig ein!“

Sie ließ sich nicht davon abbringen, mit dem Wagen nach Hause zu fahren. Ich saß stocksteif, wachsam wie eine Schleiereule, neben ihr und starrte auf die Fahrbahn. Nur den Kopf drehte ich immer wieder zackig zu ihr. Wach nützte sie mir mehr. Meine linke Hand lag in Vorspannung auf dem Oberschenkel, zugriffsbereit, Richtung Lenkrad weisend. Carol verließen zunehmend die Sinne und die Konzentration. Die letzten Kilometer auf der zum Glück wenig befahrenen, nächtlichen Straße lenkte ich übergriffig. Mit harten Kommandos errang ich punktuell ihre Aufmerksamkeit. Wir erreichten das Ziel ohne Schaden. Niemand wurde an- oder umgefahren. Der blaue Bajuware stand wieder schnieke vor dem Haus. Wir waren okay.

Die Nacht legte sich in Ruhe auf den Abend. Carol schlief. Ich wälzte mich nicht im Schlaf.

Wie denn mit den weit aufgerissenen Augen? Zwanzig Jahre Brieffreundschaft und Sehnsucht. Lebte ich mit einem Wunschbild von ihr? Hatte sie mir die ganze Zeit etwas vorgegaukelt? Wenn sie daran glaubt, was sie mir geschrieben hatte, gibt es sie in mindestens zwei Welten. – Und ich habe ein Problem.

Ich schwenkte in den Modus ‚Haus hüten und auf die Omas aufpassen, dass sie keinen Mist bauen‘. Nicht, dass es inhaltlich vergleichbar war – insgesamt doch sehr praxisorientiert. Rosa oder schwarze Wölkchen der Betroffenheit hatten im Schussfeld nichts verloren.

Sie ist kleiner und schwächer als ich. Nur ihr Blutalkoholwert hat genug Wumms im Atem, um Mäuse zu töten. Der Kraftüberschuss geleitete mich mit in meine Träume.

Falsch motorisiert.

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Früh am nächsten Tag stiefelte ich aus dem hölzernen, weißen Haus. An Flucht dachte ich nicht. An Kaffee schon. Kaffeeduft am Morgen ist eines meiner Highlights. Es soll Frauen geben, denen bringt jemand ihn ans Bett. Ich beglückwünsche die Schwestern im Geiste – und beneide sie. Selbst zu kochen ist genauso gut, wenn man leidenschaftslos auf 70 Prozent aller möglichen Gefühle verzichtet. Carol trank offenbar keinen. Maschine, Automat, Pulver, instant – nein. Ich marschierte in Gedanken allein entlang der Straße zum nahe gelegenen Einkaufszentrum, einer Mall.

Ein Polizeiwagen hielt neben mir.

„Lady, was machen Sie hier? Brauchen Sie Hilfe?“, rief der sonnenbebrillte Beifahrer aus dem geöffneten Fenster.

„Guten Morgen, Officer. Ich bin nur dabei, mir einen Kaffee in der Mall zu besorgen. Was gibt’s denn?“

„Zu Fuß, Lady?“ Er verzog keine Miene und sah sich um.

Upps!, dachte ich. ‚Coffee to go‘ heißt nicht: ‚Walk for a Coffee‘. – Kurzstrecken bis drei Kilometer zu Fuß abzureißen, scheint hier unüblich zu sein. „Ich komme aus Germany“, erläuterte ich trotz akutem Kaffeemangel geistesgegenwärtig.

Auch bei uns wachsen die Supermärkte. Sie rotten sich mit anderen Filialisten vor den Toren der Städte zusammen. In den Altstädten sind dann nur noch Selfie Hotspots und keine Kneipen mehr. Den Hinweis auf mein Land nutze ich gern. Der Sonderbar-Bonus für Ausländer erstickt jede Fragerei. Germany heißt: ‚Mittelalter und Marktplatz‘. So griffen sie es auch hier auf. Vereinfachung ist überall anzutreffen. – Manchmal ist sie gefährlich. Immer aber ein Verlust erlebter Schönheit.

Der Officer war mit dem Thema der fußläufigen Einkäufe durch. „Dann guten Weg. Es ist nicht üblich, hier spazieren zu gehen, Lady. Haben Sie einen guten Tag!“ Er grüßte lässig mit dem aus dem Fenster ragenden Arm. Für eine saubere Schleimbeutelentzündung ließ er ihn draußen locker hängen. Sein Kollege trat aufs Gas und sie fuhren weiter. Ich liebe die Völkerverständigung.

Ich sah mir das Einkaufszentrum an. Jeder kennt Malls, dachte ich mit meiner durch Reportagen genährten Fernseherfahrung. Der Parkplatz allein wäre ein Grund, E-Scooter zu erfinden. Die Mall war kleiner, aber nicht mickrig im Vergleich zu denen mit Freizeitparks in ihren Herzen. Der Eindruck ist live völlig anders. Die dritte Dimension haut es gewaltig raus: Gänge, die meine Maßstäbe sprengten. In der Fußgängerzone Via Mazzini in Verona könnte sie die Platzangst auf die Piazza Brà jagen. Im Laden trank ich einen Americano. Die Zigarette fehlte. Wie man’s macht. Ich machte es richtig: Kopf hoch, Augen in eine Zukunft gerichtet, die darauf wartete, dass ich sie gestaltete. Neustart. Mit zwei Pappbechern Coffee Latte bewaffnet, spazierte ich zurück zum Haus meiner kindischen Freundin mit dem ausgewachsenen Haschmich.

Wie auf dem Hinweg traf ich unterwegs keinen Fußgänger. Auf den Straßen war es anders. Autokolonnen schoben in geordnetem Fluss aus der Heimat der Schlafstätten.

Carol war gerade aus dem Schlaf erwacht. Und so sah sie auch aus. „Ein wenig verlebt“ träfe es kreativ höflich. Das Haar zeigte zwei Persönlichkeiten. Eine Seite haderte mit der Umgebung herausragend ungeordnet. Die rechte Flanke klebte wie ein schmuddeliges, schulterlanges Schwammtuch am Kopf. Sie war ein Abbild ihrer Schlafgewohnheiten. Alles andere entzog sich mir.

„Wo bist du gewesen?“, fistelte sie, während sie sich mühte, die Augen von der Nacht zu befreien. „Hast du mich bei den Nachbarn schlecht gemacht?“

Ihre Aussprache war ein Cocktail der Giganten: Den Ton gab die schleichend verstoffwechselnde Wirkung der abendlichen Betankung an. Eine lang gezogene, morgendliche Schlaffheit ließ sie wie eine überbeanspruchte, schmuddelige Häkeldecke aussehen. Der beleidigt-dramatische Ausdruck in ihrem Gesicht komplettierte das Ganze in Richtung Wahnsinn. Sie war noch ungehalten über meine zu begrenzte Haltung gegenüber ihrem coolen Freundeskreis. Carol zog die bereitliegende, schon gespielte Nazikarte nicht erneut. Sie schmollte. – Leider nicht wortlos:

„All die Jahre habe ich gut von dir gesprochen. ‚Meine Freundin in Deutschland, mit der ich alles teile‘. Sie dachten, du liebst die Staaten, bist locker, mit dir könnte man reden und feiern. Und dann kommst du und respektierst sie nicht. Du hast eine rote Linie überschritten. Wie stehe ich jetzt vor ihnen da? “

Wie solltest du schon dastehen?, dachte ich. Wie eine von ihnen. Du siehst genauso durchgeknallt aus. Besser: Du bist die Königin von etwas, auf das ich keinen Bock hatte, es mir vorzustellen. – „Ich habe Kaffee aus der Mall geholt.“

„Du nimmst meinen Wagen, ohne mich zu fragen?“

„Nein, ich bin zu Fuß gegangen.“

„Zu Fuß? Wie kommst du auf so etwas Verrücktes?“

„Ich wusste nicht, dass es so weit weg ist“, log ich.

Mit letzten Bemühungen rauften wir uns für einen gemäßigteren, spannungsarmen Neustart zusammen. Ich hatte längst abgeschlossen und spielte nur mit.

Testbeben und Weinprobe

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Als sie endlich komplett bekleidet aus dem Bad kam, präsentierte sie mir eine völlig unerwartete Idee: „Heute fahren wir nach Alcatraz. Ist das nicht toll? Was sagst du?“

Ach du Scheiße, sauste es mir durch den Kopf. In Hochdeutsch. Bei mir ungewöhnlich – nicht die Muttersprache an sich. Möglicherweise hatte die Kommunikation der Partygänger am Vorabend abgefärbt. Den zahlreichen ein- und zweisilbigen Ausrufen war es gelungen, ihre sinnlichen Spuren bei mir zu hinterlassen.

Aber es ist doch wahr: Da fliegt man aus dem Good Old Europe in die Neue Welt. Warum? Um die Luft an einem der ‚hottest‘ Hotspots von Liebe und Freiheit zu atmen.

Stattdessen nötigte sie mich, den klammen Schauder von Tod, Leid und Einsamkeit mit zurück nach Hause zu tragen.

Elektrischer Stuhl statt Blume im Haar.

Möglich, dass in dem Moment bei mir noch mehr durchs Hirn geschossen ist. Jedenfalls pfiff ich auf die Muße für eine wohlbedachte Reaktion. Es kam einfach raus:

„Hast du sie noch alle? Was soll ich in einem Gefängnis? Da haben Menschen gelitten.“

„Das ist ein Museum“, antwortete sie und kochte hoch. „Alle Touristen lieben es. Alle wollen dahin. Das gehört hier dazu.“

„Das gehört garantiert nicht zu mir. Museum oder Mahnmal? Ich fliege doch nicht in die Freiheit, um in den Knast zu gehen. Auf gar keinen Fall. Absolut nein. Da bleibe ich lieber hier.“

Hoppla! Damit hatte ich sie unbedarft doppelt getroffen. Eigentlich dreifach: Ich lehnte ein Aushängeschild ihrer Heimatregion ab, das sie als Programmpunkt ausgewählt hatte. Ich stellte infrage, dass sie mich kennen würde. – Und eins obendrauf: Ihre Bude, ihr Zuhause, nannte ich die nur etwas weniger üble Möglichkeit, den Nachmittag zu verbringen. Carol maulte – nur von Schimpftiraden unterbrochen: „Meine beste Freundin? Du hast mir all die Jahre was vorgemacht. Du kommst hierher in mein Haus und beleidigst mich, nachdem du es gestern mit meinen Freunden getan hast. Das werde ich dir niemals verzeihen.“

Bei kleineren und größeren Trinkpausen spielte sie immer wieder dieselbe Leier ab. Mit beschwichtigender Stimme versuchte ich, die Wogen zu glätten. Es hätte ein Erdbeben erfordert, damit sie endlich das Thema wechselte.

Plötzlich klapperte der leere Aschenbecher auf dem Glastisch. Der Schnurvorhang im Küchendurchgang zuckte und der Fußboden zitterte, bevor eine Stafette von Erschütterungsschlägen durchrollte.

„Los, geh in einen Türrahmen, da bist du sicher!“, rief Carol hastig. Nett, die Spannungserhöhung in einer Gegend, in der kleinere Erdbeben fast an der Tagesordnung sind.

Ob das so viel bringt, dachte ich. Was soll denn auf mich runterfallen? Tapete? Pappe? Die ganze Bude ist aus Holz. Kein Bauteil hier ist so schwer, dass es mich erschlagen könnte. Ich hatte nie behauptet, dass meine Gedanken sachlich sind. Nach reiflicher Überlegung fand auch ich, dass der Türrahmen der sicherste Platz im Haus war. – Warum latschten wir nicht einfach raus? Kaum war ich am Ziel, ebbte das Erdbeben ab und hörte auf, spürbar zu sein. Es gab weitere Stößchen an dem Tag, die mich nicht mehr interessierten.

Am Nachmittag fuhren wir ins Napa Valley und nahmen an einer Weinverköstigung teil. Der Winzer und ich verstanden uns blendend. Nicht, dass ich ein Weinkenner bin, aber der Funke seiner Leidenschaft für seinen Beruf sprang über. Die Liebe zum Boden und zum Ertrag einte uns. Natürlich war Deutschland ein Thema: Mosel, Rheingau – was auch immer. Er kannte sie alle besser als ich. Er erzählte begeistert und begeisternd.

Carol hatte das Alcatraz-Gesicht: inhaftiert – lebenslang, wenn die Flucht nicht gelingen würde. Sie gelang nicht, weil niemand von ihr Notiz nahm. Für alles, was sie veranstaltete, brauchte sie Zuschauer. Unbeachtet verwelkte sie an ihrer stillen Raserei.

Abends fuhren wir zu ihr nach Alamo. Sie war nüchterner als auf der Rückfahrt von der Party am Vorabend. Das änderte nichts an meiner Aufmerksamkeit.

Schlüsselfertig bescheuert

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Gerade angekommen, erlebte ich eine neue Höllenfahrt. Die Inhalte waren unverändert, aber die Intensität steigerte sich. Mein ‚Heimvorteil‘ bei der vermuteten krisenfesten Weinprobe fügte sich nahtlos in das Feindbild ein. Carol malte das Bild mit dem Eifer des Irrsinns: „Ich war so gut zu dir und du nutzt mich nur aus. Du willst mir alles wegnehmen“, sagte sie mit mechanischer Stimme. Sie war wie ferngesteuert. Es knisterte ein akustischer, energiefressender Hauch durch die verdichtete Raumluft. Er eiste mir eine Gänsehaut der schuppenden Sorte auf die Arme.

Es zu dramatisieren, wäre unfein. Um den heißen Brei herumzuraten? – Verlorene Zeit. Runterreden hieße zu lügen, zumindest mich selbst zu betrügen: Die Nummer mit Carol entglitt mir irgendwie, möglicherweise ein klein wenig.

Das reicht!, beschloss ich in Erinnerung an einen vollmundigen Abgang von Birne und einer Spur Zitrone. Die erdig-frische Basisnote von Marille konnte in der Erde bleiben oder sonst was anstellen. Carol war abscheulich und mir wurde es zu viel, und es gab nichts zu beschönigen: „Ich gehe ins Hotel und reise morgen ab. Ruf bitte ein Taxi.“

„Du gehst nirgendwohin!“, schrie Carol, sprang auf und hechtete zur Haustür. Sie drehte den Schlüssel um, zog ihn ab und steckte ihn ein. Ihr Gesicht verzog sich zu einer siegreichen Grimasse. Selbst auf dem obersten Rang würde man meinen, jede Pore deuten zu können. Ich war nicht im Theater. Ihre Stimme war wenigstens wieder menschlich. Nicht besonders einladend oder in der Klangfarbe attraktiv – aber menschlich. Das machte es nicht besser.

Au, scheiße, dachte ich jetzt bereits in der englischen Kurzform. Vielleicht beruhigt sie sich wieder. Sie ist sehr impulsiv. Wer weiß, was sie alles durchgemacht hat?

Die Sorge um Carol war ein fehlgeleiteter Reflex. Ich hätte ihr sofort ordentlich eine scheuern sollen. Bei Männern bin ich weniger zimperlich. – Einfach nur zu der Niedergestreckten runterbücken, um an den Schlüssel zu kommen.

Halb so wild. Sie fängt sich wieder und wird froh sein, wenn ich gehe.

Da hatte jemand – ich – Kleinigkeiten unter den Tisch fallen lassen. Eine Person mit mächtigen Störungen hielt mich bei sich gefangen.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten war also auch das machbar. Ihre Freiheit war meine Unfreiheit. Oder teilte sie ihre Unfreiheit mit mir, um in die Freiheit zu gelangen? Völlig egal: Ihr Kopf schien einen Mehrpersonenhaushalt zu beherbergen. Das Problem war, dass die Leute darin sich nie begegneten. Im zumindest dreigleisig auf Schrott verlegten Mischmasch aus Worten und Gebärden schimpfte und triumphierte sie zugleich.

Eine schwere Kindheit!, dachte ich – nicht viel mehr. Sie hat einen kompletten Sockenschuss. Da mögen sich andere drum kümmern – wenn ich weg bin. Jetzt erst einmal raus!, sagte ich zu mir. So überblendete ich wenigstens in Gedanken die idiotischen Salven ihrer Befindlichkeit. „Anna, du kannst mich nicht verlassen. Ich habe nur das Haus und dich.“ Diese Aussage kam so sachlich, als erklärte man einem Kind, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass die Fische oben schwimmen, wenn man einen Tauchsieder ins Aquarium hält. Das Chaos schritt eine Weile mit wechselnder Besetzung auf der Gegenseite – Carol – voran. Nichts konnte sie stoppen. – Außer ihrer Blase.

Nachdem sie das Wohnzimmer verlassen hatte, suchte ich nach einer Außentür oder einem offenen Fenster. Denkste: Rundum abgeschlossen. Ich kam zu einer Ecke im Nachbarraum. Sie war von einem Vorhang verdeckt.

Um Himmels willen. Was geht denn hier ab? Ist das ein schlechter Film? Es war keine cineastische Umsetzung eines Psychothrillers. Ich sah eine idiotische Form von etwas, was schwer nachzuvollziehen war. Brauchte ich auch nicht. Kapiert hatte ich es auf Anhieb: In der Ecke an der Wand klebten fein säuberlich alle Fotos von mir. ALLE, die ich ihr in den Jahren geschickt hatte. Nichts sonst. Nur ich.

Ein irres Gefühl. Nach so viel Blödsinn zuvor war ich wieder allein in konstruktiver Rage und gesunden Wallungen unterwegs. Und dann sehe ich so was. Plötzlich schießt dir ein eiskalter Schauer deiner eigenen Fotos durch den Kopf. Es riecht gefühlt wie bei einem Kabelbrand.

Angst war es nicht. Eher Wut, Ekel und Schock. Sicherlich war Carol ein Volltreffer für Leute, die sich mit Dachschäden professionell beschäftigen. Bei aller Liebe für die Spielarten menschlichen Seins: Hier lag eine ansehnliche Störung vor. Eine Person veranstaltete den Zirkus. Nur eine Gegnerin und sie verhielt sich wie ein aufgewiegelter Mob.

Wie war das? „Anna, du kannst mich nicht verlassen. Ich habe nur das Haus und dich.“

Nur das Haus und ich also. Ach, du arme Scheiße. Ihre zerbrochene Ehe liegt Lichtjahre zurück. Wird das hier eine Abschiedsparty? Ein feierliches Abfackeln mitsamt der Bude? Der weiße Lack, der Hitzeblasen wirft, bevor die blaue Rolle der Flamme über die Flächen rast. Schwarzer Rauch, der sich wie ein Drache, von der Decke abgelenkt, auf mich stürzt. Carol, auf dem Sofa stehend, würde ihre Zigarette in dem Aschenbecher in ihrer Hand abaschen. Ein irres Lachen wäre das letzte, was … Carol lachte aus dem Bad. Die Show ist vorbei!

Der Ficus mit dem Alkoholproblem

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Ich hörte ihre Schritte und änderte den Plan. Mit den Vorbereitungen, dem Warm-up, brachte ich die Karre auf Vordermann. – Neue Reifen drauf, Carol auf Temperatur quatschen, dann volltanken und sie ihre Runden ziehen lassen. Als sie zurück war, empfing ich sie im Wohnzimmer mit veränderter Stimmung. Meine Tonlage war sanft und der Gesichtsausdruck so leer wie der meines Hundes beim Beinchenheben.

„Liebe Carol, du bist doch meine beste Freundin und es tut mir so leid. Ich mag deine Freunde, habe aber Angst in neuen Umgebungen und vor noch fremden Menschen. Ich werde mich bei allen entschuldigen. Ich habe totalen Respekt vor eurer Freundschaft. Ich bin einfach noch etwas überwältigt, hier zu sein und endlich bei dir. Ganz ehrlich: Ich war auch eifersüchtig, dich mit ihnen teilen zu müssen.“

Wow, es scheint zu klappen. – Oh, sie schweigt. Jetzt denkt sie – Langsam. – Zu langsam! Ich griff an: „Komm, Carol, wir trinken auf unsere Freundschaft!“

Unerwartet zögerlich sagte sie beim Reizthema Alkohol zu. Sie holte ein Getränk – hochprozentiger als Wein – und Gläser. Diese waren wie Wassergläser, nur etwa dreiviertel so hoch und breiter zu greifen. Ich habe keine Ahnung, was für ein Zeug wir tranken. Uninteressant. Nicht einmal der Geruch blieb mir in Erinnerung. Es bernsteinfarben zu nennen wäre nachträglich geschwafelte Protzerei. Ich arbeitete hochkonzentriert – und vollkommen nüchtern. In beständiger Wiederholung erhoben wir die Kelche wie in einer Tafelrunde. Geeint im Bild. Da fehlte noch was: Mit einem gemeinsamen Schwur leerten wir die Becher. Das glatt gelogene Bekenntnis riefen wir nach dem Anstoßen. Begleitet war es von dem tiefen Blick in unsere Augen: „Freundschaft!“

Sie trank – und ich kippte.

Der gesamte Inhalt meines Glases landete nach jedem frischen „Friendship“ unentdeckt im Blumentopf hinter dem Sofa. Ich füllte Carol ab – und ihren Ficus gleich mit.

Das technische Verfahren des elegant-fiesen Außer-Gefecht-Setzens ist nicht von mir. Ich hatte es sicher mehrfach im Fernsehen gesehen. Wo und in welchem Zusammenhang es war, erinnerte ich nicht. Die Idee hatte mir gefallen. Sie schien gut zu sein. War sie auch. Carol schlief besoffen ein, wachte wieder auf, zischte noch einen Drink und torkelte in ihr Schlafzimmer. Der Ficus benjamina steckte Unmengen an Sprit ein. Ich griff meine Tasche, begab mich zum Telefon und holte ein Notizbuch heraus. Zuerst rief ich am Airport an und erfragte die nächstmöglichen Flugverbindungen San Francisco/Frankfurt. Sie halfen mir nicht weiter. Alle Flüge waren belegt. Also erfolgte der Anruf bei meinem Mann in Hamburg, damit er mir einen Flug organisieren würde.

Um mich besorgt war er: „Geht es dir gut?“

„Ja, ich will hier nur sofort raus. Besorge mir bitte den nächsten Flug nach Hause.“

„Gibt es Ärger, Mischi?“

„Nur wenn ich in zwei Stunden noch in diesem Haus bin. Dann erschlage ich Carol mit einem nassen Lappen.“

„Du machst Sachen. Ich rufe gleich zurück.“

„Nein, ich melde mich in einer halben Stunde. Bis gleich“, beendete ich das Gespräch. Es gab meinerseits, trotz echter Bedenken, keinen Zweifel daran, dass es meinem Mann gelingen würde. Beim zweiten Anruf meldete er Vollzug. Er hatte einen Platz in einem Flieger für denselben Tag gebucht. Mit einem letzten Telefonat bestellte ich den Shuttleservice zum Flughafen.

„Welche Adresse? Wo sollen wir sie abholen?“

Ich nannte die Anschrift und fügte hinzu: „ …aber nicht klingeln. Ich stehe vor dem Haus oder in direkter Nähe an der Straße.“

„Unser Shuttle kommt in etwa einer halben Stunde bei Ihnen vorbei.“

„Ich danke Ihnen vielmals.“ – So. Ab der Haustür war alles geregelt. Mein Koffer stand bereit. Ein letztes Problemchen gab es. Ich vergeudete vorher keinen Gedanken an die Tür selbst. Mit einem Küchenmesser brach ich sie auf. Im Spalt zwischen Türblatt und Rahmen hebelte ich, bis sich mehr Spielraum für größere Wucht ergab. Es war ein Kinderspiel. Das Holz splitterte und der Schlosskasten riss aus der Zarge. So, als wäre diese aus Balsaholz oder brüchigem Pappmaché. Tief entspannt stolzierte ich zur regelmäßig befahrenen Straße und wartete. Als das Shuttle kam, ging der Albtraum weiter.

Killerinstinkt

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Das Shuttle war eine furchtbar alte und ungepflegte Rostlaube von Minivan. Selbst der Fahrer war mir unheimlich. Es nützte nichts, dass er bestens gelaunt im gebrochenen Englisch mit mir plauderte. Er lud den Koffer ein und quasselte irgendetwas. Ich setzte mich direkt hinter den Fahrersitz. Die Tasche hielt ich an einem der Tragriemen beidseitig vor mir auf dem Schoß. Im Bedarfsfall brauchte ich nur den Riemen in einem Schwung über Kopfstütze und Kopf zu schlagen. Die Füße am Vordersitz abgestützt – und dem fuchtelnden Fahrer wären irgendwann die Lichter ausgegangen. Mit dem Riemen um den Hals hätte ich ihn mindestens bis zur Ohnmacht japsen lassen. Ich war wurfbereit. Sein Gequatsche lenkte mich nicht ab. Ich beobachtete alles. Und so fiel es mir auf, dass er in eine völlig falsche Himmelsrichtung schaukelte. Das ist kein Irrtum.

Wir fuhren in die Berge und die Gegend wurde mit jedem Kilometer einsamer. Dann hielt er an einem kleinen alten Haus, umgeben von Bäumen. Ich musste handeln, bevor er aussteigen würde und die Tür öffnen, um mich niederzumetzeln. Meine Angst nährte meine Vorahnungen und die lieferten Brandbeschleuniger für Panik. Es rappelte so in mir – dagegen waren Carol’s Ausraster der reinste Kindergeburtstag. Der Fahrer machte tatsächlich Anstalten, auszusteigen.

Zu spät. Sein Hals ist schon außer Reichweite meiner Tragriemen. – Er steigt aus. Ein westernmäßiger Showdown in den kalifornischen Hügeln stand mir bevor. Sicher ist es eine Bande, eine Gang. Da kommt jemand.

Eine entschlossene, leicht nach vorne gebeugte Person schlich auf das Auto zu. Die Oma achtete auf ihre Füße, während sie den schweren Rollkoffer hinter sich herzog. Unser gemeinsamer Fahrer half ihr und verstaute das Gepäck. Die Oma setzte sich neben mich.

Es war eben ein Shuttledienst. So eine Freundlichkeit wie in diesem verrosteten Fahrdienstwagen habe ich selten erlebt. Der mexikanische Fahrer bestätigte mir mit unsicherem Kopfnicken zwar, mein erschreckendes Aussehen – aber damit hatte er recht. Er fragte mich, wie mein Aufenthalt sonst so war – und konnte auch die Antwort an mir ablesen. Lachend und voller Zuspruch und Erzählungen von seiner Familie in Mexiko. Er schwärmte von seiner Frau und seinen beiden Töchtern. Sie lebten in der Nähe von Oakland. Er plauderte über das Wetter, die Golden Gate Bridge und den Verkehr am Flughafen. Im Nu waren wir selbst dort angekommen.

„Um des Himmels willen, sie sehen vielleicht scheiße aus! Was ist Ihnen denn passiert?“, war die freundliche Begrüßung der perfekt frisierten und genauso top geschminkten Mitarbeiterin der deutschen Fluggesellschaft am Check-in.

„Ich bin ausgebrochen. Jetzt darf absolut nichts mehr schiefgehen. Ich muss weg.“

„Das war wirklich mal eine Last-Minute Buchung. Was immer es war, es ist vorbei. Gleich sind sie im Flugzeug. Erholen Sie sich, und lassen Sie sich verwöhnen.“

In der Wartezone holte ich mir einen großen Plastikbecher Kaffee und plumpste auf einen Sitz.

Es war alles verkorkst. Irgendwie fühlte ich mich von Carol um die jahrzehntelangen Gefühle und Illusionen, nur sie betreffend, betrogen. In meinem Inneren sah es so aus, wie das Äußere es zum Ausdruck brachte, nur unauffälliger.

Von der Seite kamen fremde Blicke, und ich ahnte ein Getuschel. Okay, ich sehe übel aus. Aber ist das ein Ereignis?

Als ich realisierte, wer tuschelte, war alles klar. Es lagen Wirklichkeiten zwischen mir und der Gruppe von Topmodels. Sie waren im Schlabberlook gekleidet, top gepflegt und nicht einmal zurechtgemacht. Wie lässige Rennpferde stolzierten sie auf ihren Beinchen im Stand. Als hielten sie für das nächste Rennen entspannt geschmeidig. Jede von ihnen trug eine Plastikwasserflasche in der Hand oder unter dem Ärmchen. Sie führten diese ständig zum Mund, um jeweils einen winzigen Schluck zu trinken. Ich kam mir uralt, versifft und hölzern vor.

Den Rückflug verbrachte ich nur in ungereimten Episoden im Schlaf. Immer wieder schreckte ich auf, unfähig zu begreifen, was da passiert war. Die Anspannung ließ nach und eine Traurigkeit übernahm. Eine realistische Vision hatte sich als Blauäugigkeit und Illusion herausgestellt. Es war schlimmer, als einen alten, bis zuletzt geliebten Film erneut zu sehen. Mich fragen zu müssen, warum ich ihn damals so toll fand, schmerzt meistens. Der Film hatte sich nicht verändert. Meine Haltung zu ihm war eingefroren, und ich entfernte mich, ohne es zu berücksichtigen.

Ich war an der Drehscheibe des europäischen Festlandes angekommen. „Wie sehen Sie denn aus? Wo kommen sie bloß her?“, rief der bundesbeamtete Zöllner auf dem Frankfurter Flughafen. Er sagte dies in der Art, als hätte er gewartet und ich mich verspätet.

„Es war wirklich schlimm“, erwiderte ich. Und das war es: Schlimm. Ich war gefangen – in dem Holzhaus allerdings nur eingesperrt. Gefangen war ich so viele Jahre in der Hoffnung auf eine Realität, die meiner Vorstellungswelt entsprang. Selbst ein aus dem Hut gezaubertes Kaninchen hat vorher irgendwo gegessen, geschlafen und geködelt.

Wenn ich nicht dabei, mittendrin bin, sind es alles nur Momentaufnahmen. Wie Urlaubsfotos, auf denen die Autobahnbaustelle bitte nicht aufs Landschaftsfoto soll. Es gibt für mich nur eins: aufstehen, weitermachen und dranbleiben. Der nächste Unsinn kommt bestimmt.

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Minsk

Da kommen sie endlich angetrabt, dachte ich. „Gott sei Dank.“ Der silbergraue Wagen sah aus wie aus dem Ei gepellt. Eine Familienkutsche, nicht Kombi, nicht SUV und nicht Van. Vielleicht war es das, was man heute als Minivan bezeichnet. Meines Sohnes zukünftige Schwiegereltern stiegen aus. Volles Programm. Mit ausschweifenden Mustern herzlicher Begrüßung griffen sie an, lachten und erjubelten sich das Leben. Bei mir verjubelten sie ihre Glaubwürdigkeit. Ihr sonniges Gemüt war einnehmend, aber nicht ansteckend. „Ja, ich freue mich auch, euch zu sehen. Wir müssen los, dringend. Alle ins Auto.“

„Nein Aaana, es ist alles gut. Wir sind früh. Und der Weg zum Bahnhof ist seehr kurz, wirklich serr kurz. Ich denke, du kannst sein ohne Sorgen“, sagte Lisa.

Bloß nicht überbewerten und nicht reinsteigern. Die Bestätigung eines Arguments durch dessen Wiederholung störte mich. Ich bin doch kein lahmer Gaul, auf den man einredet. Wenn ihr mich auf die Palme bringen wollt, seid ihr auf der Gewinnerstraße. Mein Puls gab mir recht. Ich hasse so etwas: Wir hätten schon längst am Bahnhof gestanden, wie es abgesprochen gewesen war. Mir bei Gefahr eine Schlaftablette zu verabreichen, hat ein starkes Echo. Ich jage den Willen und den Puls hoch, bis das einflussnehmende Ding verbrannt und ausgeschwitzt ist. Ich bin der Gaul, der weitergeht, bis sich die Koliken von den überreifen Birnen erledigt haben.

Zitrone, Anna, Zitrone.

„Das kann ja sein. Ich wäre nur froh, auf dem Bahnsteig zu stehen.“ Ich hatte mich voll im Griff.

„Es kann nichts passieren. Zug kommt iiimmer spätt. Viiel zu spätt. Anna, du musst nicht sorgen.“

Woher ist sie sich so sicher? Lisa hat keine Flugangst. Sie fliegt. – Meinen Respekt hast du sowieso. Junior an der Backe und auf das Fliegen verzichten. Sie klang geradezu therapeutisch. Als säßen wir in einer betreuten Gruppe überpünktlicher Choleriker.

„Ich habe schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen“, habe ich nicht gesagt. Zu Späßchen fehlte mir die Zeit.

Mit dem silbergrauen Familienglück gondelten wir zum Bahnhof. Dort angekommen eilte ich voraus Richtung Bahnsteig. – Durch die Halle, ohne Blick nach links oder rechts. Schnurstracks zerrte ich mein Gepäck zu den Gleisen. Der Zug war nicht da. Der Rest der Familie trudelte später ein.

„Schatz, du siehst, Zug ist nicht da. Er hat Verspättung. Wie immer“, sagte Lisa zu Junior.

Er ist die Ruhe selbst – bis ihn meine Unruhe nervt. Ich unterbrach: „Ist der Zug schon weg?“

„Nein. Da steht, er kommt eine Stunde später.“

Die Anzeigetafel signalisierte es. Ich erinnere mich nicht mehr, in welcher Schrift, aber die Zahlen waren sicher auf Arabisch. Die las ich. Bestimmt stand auch ‚Berlin‘ auf der Tafel. Ich kochte, und meine Wahrnehmung war eingeschränkt. Ein uncharmantes Gelächter der in Vollkommenheit entspannten Anvertrauten setzte auf dem Bahnsteig ein. Sie zeigten mir mit guter Laune, dass allgemeine Befürchtungen und Aufregungen unberechtigt und übertrieben waren. Die hatten keine Ahnung, dass das bei mir überhaupt nichts änderte. Unpünktlichkeit gewinnt nicht an Charme, nur weil es einige zum Kult erklären. Mir reichte es. Erst die Sorge, es nicht zum Zug zu schaffen, gefolgt von dem Gelächter der anderen. Und wir saßen immer noch nicht drin.

Was wäre, wenn er ausfallen würde, dachte ich. Die Visa laufen heute ab.

Die neue Familie um mich herum war in Abschiedslaune. Wir stiefelten gegen meinen Willen zurück in die Halle. Das war so ziemlich das Bescheuertste, was vorstellbar war. Hoch oben auf der Empore standen wir am Geländer. Die anderen tranken Kaffee aus Bechern und unterhielten sich prächtig. Ich war unter Hochspannung und starrte auf die Anzeigetafel. Es ist mir nicht mehr in Erinnerung, ob ich etwas erkannte oder mich nur ablenkte.

Meines Sohnes zukünftige Schwiegermutter eroberte Terrain für einen letzten Anlauf der Familienzusammenführung. – Über meine Wenigkeit.

Der Brummer stürzte auf mich zu. Sie umarmte ihr Opfer mit den kräftigen Schraubstöcken liebender Gewalt, lachte und sagte: „Aaanna, du bist viel zu nervös.“

„Fass mich nicht an!“ Meine Stimmung war mordsmäßig aufgelegt. Beinahe hätte es ebenso geendet. Mein vehementes Fortstoßen als ein bloßes Schubsen zu verniedlichen, käme der Realität nicht gerecht. Obwohl – ich hatte den Vorgang schon kurz danach aus dem Gedächtnis gestrichen. Jeden Hinweis darauf betrachte ich als üble Nachrede. Ich bleibe dabei: Der sehr präzise Satz von mir war ein Schreckausruf – und meine Abwehrhaltung ein im Grunde passiver Reflex.

Leider waren Zeugen anwesend. Die Hundertschaften in der Halle sowieso. Angeblich hätte ich die andere zukünftige Schwiegermutter heftig gestoßen. So stark, dass sie in das für einen sauberen Überschlag etwas zu hohe Geländer der Galerie in der Bahnhofshalle rauschte. Sie federte zurück und drehte ab, anstatt erneut zu versuchen, mich zu umarmen. Beinahe wäre sie in die Tiefe gerauscht. Ein bisschen mehr Schwung und die Folgen hätten Gesicht gewonnen. So hatte es sich angeblich zugetragen. Ich glaube kaum. Und wenn schon? Es reichte nicht. Nicht einmal, um einen echten Eindruck zu hinterlassen. Das Geländer hatte nichts abbekommen. Sie lachte unentwegt weiter. Was Wissenschaftler als soziale Resilienz entdeckt hatten und entdeckt hatten und zum Trendbegriff erklärten, hatte Frau Kollegin von der rüstigen ‚Omaseite‘ längst intus.

Der Zug kam. Die Verabschiedungen gingen …weiter und durchlebten die heiße Phase. Wir stiegen ein.

Uff!

Es gibt sicherlich bessere Rollen. Die Herbergsmutter in einem Abteil mit zwei frischverliebten, zwitschernden Vögelchen zu spielen, ist sonderbar. Aber sie gaben sich Mühe. Wir sprachen über Minsk und Italien, das uns bevorstand. Durch die Hinfahrt war ich ein alter Hase für das Gefährt aus ungewollt nostalgischem Schrott. Es gab keine Überraschungen oder unüberlegte Handlungen. Der Toilettendeckel blieb unten. Proviant hatten wir in Minsk in einem Supermarkt eingekauft. Da gab es eine gigantische Auswahl an Waren. Dabei waren viele luxuriöse Nahrungsmittel, die ich bisher nicht kannte. Es gab aber auch das, wonach wir suchten: stinknormale Wegzehrung, weil es im Zug ja nichts gäbe. Die Rückfahrt rollte ereignislos. Zumindest gab es keine Überraschungen.

Fast, denn die Kontrolle durch die belarussischen Grenzbeamten verlief eigentümlich. Für mich nicht ungewöhnlich war ihr Eintritt ins Abteil. Sie sahen grimmig, fordernd und möchtegern-angsteinflößend aus. Je häufiger ich es sah, desto armseliger wirkte es. Entweder war ich noch in Fahrt vom Bahnhofstheater oder aber ich schützte das Nest mit dem Küken drin. Ich hatte so viel erlebt von Männern, die sich vor mir als junge Frau aufgespielt hatten. Lisa würde ich vor dummen Sprüchen und Schikane beschützen. Ich musterte ihre Uniformen und ihre Schnürsenkel. Das mögen sie weltweit gar nicht. Als sie Kommandos zur Dokumentenherausgabe gaben und schon nach den Koffern griffen, passierte etwas Unerwartetes.

Lisa, meine kleine, zarte, zukünftige Schwiegertochter, wandte sich ihnen mit dem Engelsgesicht zu. – Und Juniors Schatz schnauzte die Zöllner kurz angebunden zusammen. Drei bis vier harte belarussische Sätze kamen aus ihrem Schmollmund. Ihre Hinweise klangen wie… Befehle. Die Beamten glotzten nur alibimäßig auf unsere Pässe, nachdem sie sich wieder rühren konnten. Ansonsten wurde nichts kontrolliert und sie flüchteten. Lisa ließ es unkommentiert.

Mein Sohn und ich sahen uns an. Was war das?, dachten wir beide. Er bestätigte mir später seine Überraschung, die nicht von langer Dauer war.

Ich verschwendete keine weitergehenden Gedanken an ihren kurzen, knallharten Befehlston gegenüber Beamten eines nicht als zimperlich bekannten Regimes. Junior schon – aber er trug es gelassen und schien nach kurzer Überlegung nicht mehr verwundert.

Möglich, dass alle Befürchtungen bezüglich ablaufender Visa in unserem Fall völlig unnötig waren.

Die Kleine legte eine Konfliktbereitschaft an den Tag, die ich ihr nicht zugetraut hatte. Sie war häufig still, zumindest leise, zart – fast zerbrechlich. Da kann einer etwas erleben.

Wir waren fünf Tage der vergangenen Woche in Minsk. Nun hockten wir mit Lisa in meinem Lieblingszug. – Nicht, dass ich mich je an das Ding gewöhne. Eine Heimfahrt nach einem Raubzug mit der Schwiegertochter als Beute ist anders. Erfüllter. – Wie ein Haken in einer Einkaufsliste, wenn man einen Kuchen backen will.

Ich backe nicht gerne. Schnell ein Blech Obstkuchen zusammenschustern, weil die Früchte im Garten reif sind, macht vom Geruch her Spaß. Jedes Mal, wenn Junior im Chemie-Leistungskurs etwas zerbrochen hatte, den Ofen anzuschmeißen – weil es eine Regel gab: Bei Scherben: Kuchen für alle – pulste mein ansonsten hausfrauliches Herz nicht einen Schlag erregter.

Über Lisas Familie hatte ich wenig erfahren. Die Frau, die mich am meisten – außer Lisa – interessierte, war der angebliche Drache von Oma. Wir hätten uns einander sicher nichts vorgespielt. Wahrscheinlich wäre es sogar egal, wo auf der Welt wir uns begegneten.

Wie es in Minsk ablief, war es – vorhersehbar, wie solche Schnuppertreffen häufig ausfallen – und doch nicht ein bisschen durchsichtiger. Mit den beiden im Zug war es anders als auf der Hinfahrt mit Junior allein. Er wirkte gesetzter, ruhiger. Er ging auf uns beide – auch auf mich – anders ein. Er ging überhaupt auf uns ein. Seine schnellgeschossenen Fakten und die sinnfernen Einlagen, für die er bei mir sowieso nicht auf aufnahmefähigen Boden trifft, waren wie weggeblasen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, mir vorzustellen, wie er später mit seiner Frau zu einem befreundeten Paar geht und bei einem Spieleabend über Kinderkrankheiten, Urlaub und den Beruf plaudert. Am Ende geht er noch ins Kino, Theater oder gemeinsam mit Lisa einkaufen.

Die Fahrt verlief so normal wie das langweilige Brummen der Klimatisierung im Supermarkt. Man weiß, dass die da ist. Das ist gut. – Das war es aber auch schon mit der emotionalen Raserei. Im Zug wäre eine vorhandene Klimaanlage natürlich ein Aufreger gewesen. Junior war zuvor eine Menge: aufbrausender Sturm bis tropfender Wasserhahn. Nun hatte er eine direkte Präsenz wie die See, von oben betrachtet – von sehr weit oben. Wenn er so bleibt, wird Italien wunderbar frei von Spannungen.

Etliche meiner Reisen hatten eine viel höhere emotionale Dichte. Da ging in mir und mit anderen viel mehr ab. Herzenswärme, Streit, glaubhafter Gesang von Liebe und Leid, Ärger im Hotel, Irrtümer und Fettnäpfchen. In Minsk mit Familie? Nichts. Allenfalls ein kleines Schubserchen, das völlig übertrieben von den anderen dargestellt wurde.

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