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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 3: Lesen mit Hindernissen

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Lesen mit Hindernissen

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Zu Hause

Mit Comics hatte ich ihm Jahre zuvor das Lesen beigebracht. Enten und Mäuse waren meine Rettung. Alle Versuche, es mit den üblichen Tricks wie Lob, Spiel oder Zwang durchzuziehen, scheiterten. Schule? Einem Mayer mit einem Regelwerk beizukommen, ist wie einen Fisch mit einer Zeitung aus dem Wasser zu locken: Es ist sinnlos. Das Lesen mit Bilderbüchern zu erlernen, lehnte er ab. Junior gab sich unterfordert. Ein paar Worte in einer lahmen Kulisse transportierten keine Handlung, die ihn packte. Ob Bilder ansprechend aussahen? – Es ließ ihn eiskalt.

Fragen und Wimmelbilder waren nicht herausfordernd genug. Zu einfach. Zu wenig los. Mein Sohn hielt sich für einen getarnten Überflieger. Bücher ohne Abbildungen erhielten andersrum null Zuspruch von Junior. Er fand es „doof“. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Was ich auch anstellte: Wenn er kein Interesse hatte, waren seine Begründungen beweglich und schlüpfrig wie ein sich windender Aal. Er war nicht der Aal. Er ist nicht der Typ, der nachts bei Vollmond, von einer inneren Uhr getrieben, über Feuchtwiesen das Land durchquert. Ich hatte Lust und Energie verloren, mit ihm darüber zu diskutieren. Die Debatte, ob das Lesen für Junior ein Vorteil sein würde, erstickte ich im Keim. Er hatte andere Vorlieben: Mit vollem Einsatz tobte er sich im Dreck aus. Zweifelhafte Mutproben mit den Kumpels aus der Nachbarschaft brachten ihn in Schwung. Stundenlang stand Junior im Mühlenbach – keine zweihundert Meter vom häuslichen Esstisch entfernt. Er behauptete hundertmal, fast eine Forelle mit der Hand gefangen zu haben. Das hatte mehr Biss, als in die erfundenen Geschichten anderer einzutauchen.

Ihm das Lesen beizubringen, funktionierte nur mit Brücken zu Nebenschauplätzen. Was für den Aal die Vermehrung ist, war bei Junior der Respekt – auch von Erwachsenen. Seine Sargassosee waren Supermarkt und Kiosk.

Weil er Gleichberechtigung forderte, kaufte ich für ihn genauso persönliche Luxusgüter. Wenn ich es für mich wöchentlich mit zum Beispiel Nagellackentferner krachen ließ, erhielt er Comics. Sie sind bunt, direkt, getragen von Handlung und Ereignis, Abwechslung und anschaulichen Weltenbildern. Junior forderte, dass ich sie ihm vorlese. Die Rabenmutter verweigerte die Leistung. Von da an entwickelte er sich in rasenden Schritten. Er verbiss sich nicht in den Handlungssträngen oder beschriebenen Landschaften und Objekten. Ihn juckte es, zu wissen, was die Enten planten, wenn sie sich zofften. Er las fix. Er las quer. Die gedruckten Bilder fingen an, ihn zu bremsen. Sie störten sein Kopfkino.

Zeichnung einer Rose bei kleinen Texteinschüben Zeichnung einer Rose bei kleinen Texteinschüben

Juniors Grundschullehrer kam zu mir nach Hause. Es war kein Arbeitsbesuch. Zwei Schulklassen Kinder – darunter mein Sohn – hatten einen Tag im Wald verbracht: heimische Pflanzen, Tiere, eiszeitliche Geröllkunde und steinzeitliche Grabhügel. Klar, dass die Gören Hunger und Durst hatten. Genauso vorhersehbar war, dass sie Toiletten benötigten. „Wer wohnt mitten im Wald?“ Juniors Familie, die Mayers. „Anna macht das schon.“

Anna machte es. Mehrfach. Und je mehr sie argumentierte – „Warum ich? Im Umkreis von zwei Kilometern findet ihr fünfzig kinderliebe, back- und kochbegeisterte Profimuttis. Die stehen morgens mit der Kittelschürze auf. Die kloppen sich drum“ – desto tiefer vergruben sich ihre durchdrehenden Reifen im Matsch. Egal, in welcher Rolle und Aufgabe ich stecke, bei mir fällt der Vorhang nicht seidenweich oder damastelegant zu. Er donnert krachend von der Decke – mit Stange und aller Technik und Dekoration.

Zwischen den essenden und tobenden Kindern schlenderte ihr Klassenlehrer mit einer Bratwurst in der Hand von unserer Feuerstelle in meine Richtung durch unseren Waldgarten. Der Ausflug war ein Erfolg, denn der grummelige Mann liebte es, das Interesse der Kinder für ihre Umgebung zu wecken und zu fördern. Er sprach kurz mit Rosa, dem frei herumlaufenden alten Gaul. Mit der Oberlippe bewegte sie ihre Nüstern, als wollte sie in der Luft Geheimnisse erschnuppern. Rosa hatte nachweisbar bei dem Geruch von Grillwürsten ihre vegane Ernährung hinterfragt. Vor mir stehend, mit der Welt im Reinen, kam der Lehrer aus ihm heraus. Er nahm die Elblotsenmütze ab, streckte den Bauch vor und zog seine Brille bis auf die Knollenspitze seiner grobporigen Nase. Er blickte über den Brillenrahmen und schmunzelte: „Frau Mayer, Sie müssen mir etwas erklären! Ihr Sohn kann lesen. Ich kam bei ihm nicht weiter. Er hatte es abgelehnt. Wie haben Sie das in der kurzen Zeit hinbekommen? Welchen pädagogischen Plan haben Sie verfolgt? Belohnung?“

„Micky Maus. Er hat jetzt auch seine wöchentliche Illustrierte und besteht darauf. Das als Leidenschaft zu werten, halte ich für verfrüht. Er kann es – und morgen kann er es nicht mehr – oder er verliert das Interesse. Er ist ein Mayer.“

„Ich bin auch ein Meier“, sagte der Lehrer Meier mit ›E I’.

Die beiden Klassen verabschiedeten sich mit einem Lied: „Wir danken der Frau Wirtin …“

So einen Haufen Gören zu erleben, ist ein Booster gegen jede Welle von Bedenken. Essen, Trinken, Toben und abschließendes Singen mit konzentrierten Mienen. Es zimmerte mir eine Gänsehaut der Rührung und des Mitfreuens ins Gebälk.

Comics waren Junior bald zu langweilig und wir führten ihn an Bücher heran. – Wir? – Es blieb an mir hängen.

Weder sein Vater noch seine Omas hatten Lust auf Kinderbücher. Das reichte ihnen schon. Von den Anforderungen, es muss pädagogisch sinnvoll, aber unterhaltsam sein, brauchte ich nicht zu sprechen.

Bei Junior waren die Brücken mit Sprechblasen gebaut. Lesen konnte er. Anlässe, gleichberechtigt bei den Erwachsenen mitzumischen, gab es wöchentlich. Antiautoritäre Erziehungsmodelle? Fördern, bis zehnjährige Klugscheißer ihren überforderten Eltern bejubelte Vorträge halten? Mir reichte, dass Junior lernte, sich zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu orientieren. Er hielt sich für entscheidungsfähig. Ich forderte von ihm die Kenntnis der Reichweite seiner Entscheidungen ab. Ob er das mit einer Sandkastenschlägerei, Fingerfarben, Comics oder einem Luftgewehr herleitete, war mir schnuppe.

Die jungen Eheleute Mayer waren verdammt knapp bei Kasse. Aber wir rauchten beide. Gleiches Recht für alle. Der Gegenwert einer Schachtel Zigaretten war ein Spielzeugauto. Jeder in der Familie erhielt etwas Gleichwertiges. – So war der Grundgedanke. Ich bestand auf Begriffe wie ‚Familienauto‘, ‚Arbeitskleidung‘ und ‚Hygieneartikel‘, damit Junior nicht auch noch an der Tanksäule das Rechnen nur lernte, um sein Budget in die Höhe zu treiben. Bei ‚Freizeit und Unterhaltung‘ fuhr Junior sowieso sein eigenes Rennen an der Spitze. Mann und Kind büxten samstags mit dem Wagen ins nächste Dorf oder die Kleinstadt zum Spielen aus. Offiziell waren sie ausschließlich Brötchen holen. Das Geschäft neben der Bäckerei führte Zigaretten, Presseartikel, Spielzeug und Bücher für Kinder und Jugendliche. Zunehmend griff Junior eher zu Büchern. Das lag nicht zuletzt an einem Fuhrpark an Kleinstwagen, der beim Anblick Besitzerstolz hervorrief. Sein dunkelviolettes Sammelköfferchen mit den quietschgelben, Einlegegitterboxen ging an den Plastikschweißnähten auseinander und die Pappe zog Wasser. Die Menge an Autos sorgte für eine ungeliebte Sättigung und war schwer zu bespielen, ohne dass sich ein Auto ungeliebt fühlte.

Das Eis in Richtung Literatur war noch dünn. Auf beständiges Wetter durfte ich mich nicht verlassen. Die Brücken waren kurz vor der Fertigstellung.

Er wird die Krücken und Stützräder, die seine Last verteilen, wegfeuern. Aufrecht schreitet mein Kind zu neuen Ufern und Sichtweisen, dachte ich.

Das klingt nach einem supergeschmeidigen Masterplan. Das Rüstzeug hatte er. Der Rest würde sich ergeben. Ich könnte nach der Zündung mit Sonnenbrille im Klappstuhl Erbauung finden. Mit Siegerlächeln befreit, hätte ich einen beschirmten Cocktail in der Hand und würde sehen, wie die Rakete abging. – Von wegen: Ich war die Gejagte. Die Zeit spielte gegen mich: Wenn er dreizehn ist, sind die meisten Würfel gefallen. Es würde ihm schwerer fallen, sich ohne Vorbehalte auf etwas zu stürzen, und andere Felder übernehmen schleichend die Regie: Sport, Frauen, Arbeit, Ehekrise, Alkohol, Midlife-Crisis, wieder Sport, jüngere Frauen, Golf und Käseplatte … Für erhebend Neues würde er keine Zeit finden und keinen Sinn darin sehen.

Auf der stabilen Welle der Lesebereitschaft meines Kindes hatte ich später unter Umständen vielleicht ein klein wenig übertrieben. Möglicherweise war ich geringfügig übers Ziel hinausgeschossen.

Er hatte alles im Griff und las Bücher, in denen zum Beispiel ein pummeliger Junge einen Propeller auf dem Rücken hatte. Das ist völlig in Ordnung. Dass er sich in einem der Charaktere wiederfand, war ausgeschlossen. Junior las und beobachtete, während er durch die Bücher bretterte. Ich versuchte, seinen Schwung und sein Interesse für neue Geschichten auszunutzen. Ohne Vorwarnung jubelte ich ihm Werke über Sklaverei, Rassendiskriminierung und soziale Notstände in verschiedenen Ländern unter.

Junior roch den Braten sofort. Er zog es dennoch durch und kommentierte altersgemäß:

„Warum soll ich mit erfundenen Problemen wildfremder Leute meine Zeit verbringen?“

Vielleicht hat er recht, dachte ich. Aber nur, wenn er später die realen Verzweiflungen und deren Ursachen kapiert, auch ohne sie sich erlesen zu haben. Das Risiko gehe ich nicht ein. Wie bekomme ich ihn auf die Spur? Er kann lesen. – Die Schule hat die Pflicht, ihn zu fordern.

Junior hatte eine selbstlose Ader, wenn es sich um seine Bildung drehte. Da er selbst nichts anschob, brauchten sich auch andere nicht um seine Fortschritte zu bemühen.

Sein Urteil über ‚Problembücher‘ färbte auf die gesamte Belletristik ab. Kindergeschichten waren ihm zu kindisch, Heldengeschichten zu aufgeblasen und lahm. Problemgeschichten hatte er selbst genug. Er legte eine kompromissarme Lesepause ein. Von dem schweren Schock, dem eine ernüchternde Erkenntnis folgte, scheint er sich nicht komplett erholt zu haben. Abhandlungen über Mikrobiologie wurden sein Trost.

Wir sind verschieden. Ich bin eine angeheiratete Mayer und er teilt nur halb meinen zweifach sonderlichen genetischen Fußabdruck.

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