∞ Puppentanz
Minsk
Wir warteten mehr und auch minder gelassen auf Lisas Eltern. Sie hatten darauf bestanden, uns mit ihrem Wagen zum Bahnhof zu bringen. Nett – aber es war mir ein Splitter im Nagelbett eines geordneten Reiseablaufs. Die Gleise waren zum Greifen nah. Ein Taxi hätte sich als einfachste Lösung angeboten. Das bestellt man an der Rezeption rechtzeitig. Der Fahrer kennt den Weg und braucht keinen Stellplatz. Fertig. Alles läuft wie am Schnürchen. – So hätte es stressfrei funktioniert.
Von der Herzensseite geblendet und den Anstand im Auge, war es bei uns eigentlich genau richtig: Meine zukünftigen Mit-im-Boot-Sitzenden wollten uns zum Bahnhof geleiten und sich winkend am Bahnsteig verabschieden.
„Aber es gibt nur diesen einen Zug und unser Abreisetag liegt wegen der Visa fest. Wenn wir den Zug nicht bekommen, halten wir uns illegal in Belarus auf.“
Ich wollte es nicht übermäßig betonen. – Ich musste es. Und es war die Softeis-Variante, das kleine Schwesterchen der Eis- und Gerölllawine meiner Unruhe. Das Monster war am kritischen Punkt. Es drohte niederzugehen. – Tolle Sache. Ich führe Selbstgespräche, weil keiner sich für den Ernst der Lage interessiert. Jetzt sollen sie anrauschen und nichts und niemand soll bitte mehr dazwischenkommen.
Wir standen in der Hotellobby und warteten noch immer. Dann kam der nichts ahnende oder lebensmüde Sascha rein. „Meine Freunde. Ihr wart viel zu kurz hier. Lasst euch umarmen. Anna, pass gut auf die beiden auf. Ich freue mich auf die Hochzeit. Da sehen wir uns wieder, Anna. Meine Frau und ich kommen nach Lüneburg und danach treffen wir uns in Minsk zur Zeremonie hier.“ Er umarmte mich und überreichte mir ein Geschenk zum Abschied.
Es waren zwei Puppen. Sie sahen aus – wie Puppen so aussehen. – Ganz sicher eine tolle Sache für jemanden, der Figuren aus Kunststoff liebt. Sie waren lang wie ein Unterarm. Meine Aufmerksamkeit war geteilt: Abfahrtszeit im Kopf und hektisches Sehen auf die Armbanduhr. Der suchende Blick auf die Straße nach Lisas Eltern. Mein Nervenkostüm tanzte Kasatschok.
Und dann war da die Winzigkeit mit der doppelten Hochzeit, die Sascha gerade herausgerutscht war. Es war keine Doppelhochzeit, die er meinte. Von einem zweiten Paar war keine Rede. Die Hochzeit sollte auch amtlich in Minsk durchgeführt werden. Junior bekam es nicht mit. Begrüßungsumarmungen mit Sascha waren ziemlich weit unten auf der Liste der Dinge, die er wiederholen wollte. Mir graute davor, an die belarussische Rechtslage zu denken. Es war nur ein Funke Misstrauen. Ich sah meine vielleicht noch nicht einmal gezeugten Enkelkinder als Spielball zwischen den Eltern und den Systemen. Erschöpft, unter Strom und dazu stinkesauer hörte ich mir den Puppenscheiß an. Die in Trachten gekleideten und in Kartons verpackten Weltversteher lächelten nichtssagend verweichlicht durch ihre Sichtfenster.
„Danke, lieber Sascha, wie zauberhaft.“ Es war wirklich nett gemeint – hoffe ich noch immer. Meine Gedanken wusste ich zu verbergen, aber nicht zu verhindern: Um Himmels willen. Wo schmeiße ich den Mist hin? Keller!
Wertverlust? Unmöglich. Niemals bekämen sie die Gelegenheit, aus ihren Verpackungen herauszukommen.
Saschas belarussische Seele sprach wieder Bände. Ich verstand es und liebte die Geste. Ich behaupte, alle namhaften russischen Dichter gelesen zu haben. Und ich bin ganz sicher nicht ausschließlich pragmatisch orientiert. Aber bei einem Gegenbesuch? Ich hätte ihm für die Rückreise im Stinkezug auch keine Kuckucksuhr mit vollem Geläut in die Hand gedrückt. – Zumindest hatte er seine Gitarre nicht dabei.
Als Sascha weg war, legte Lisa los und führte mich in die Trachtenkunde ihrer Heimat ein. Sie erklärte die Bedeutung der Puppen in ihrem historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang. – Mir kochte das Blut und dampften die Augen. Die Abfahrt des Zuges rückte näher. Ihre immer so lachenden Eltern waren nicht da. Sie hätten uns vor einer halben Stunde abholen sollen. „Lisa, ruf bitte deine Eltern noch einmal an und frage, wo sie bleiben. Sie wollten schon vor zwanzig Minuten hier sein. Wir verpassen unseren Zug.“
„Keine Sorge, Aaanna. Sie kommen gaaanz siiiicher.“
Sicher ist nur, dass die Nummer mit den lang gezogenen Vokalen System hat. Ich hatte wirklich Dampf auf dem Kessel. „Wir sind verabredet, und sie wissen, dass wir den Zug ohne Wenn und Aber kriegen müssen.“
Mein Sohn schritt helfend ein: „Schatz, abgelaufene Visa wären mir egal. Stress in der Familie ist es nicht. Wenn sie in fünf Minuten nicht hier sind, nehmen wir ein Taxi. Alle einverstanden?“
„Schaaatz. Zug kommt immer zu spätt. – Iiimmer.“
Es ist eigenartig. Diese Aufregung, Entrüstung bis zur Panik habe ich nur, wenn ich in Begleitung reise. Alleinreisend sind Momente mit Schreck und Unruhe auch keine Seltenheit. Aber da gehe ich frei damit um. Das Gefühl der kompletten Starre steht mir nicht. Ich vermag es nicht zu tragen. Mich auf die schuldhaft beteiligten Menschen einzustellen, klappt gerade noch. Falsche Rücksichtnahme obendrauf gibt meinem Gemüt weißglühenden Charakter. Das versengt die Umgebung in einer Schneise des Feuers. Reisen ohne soziales Gepäck wie Familie ist härter und direkter. – Leichter.
Bei einer kleinlichen Kontrolle auf dem Flughafen von Palma de Mallorca war ich in Eile. – Und genervt. Da kann man den Mund ein wenig vollnehmen: „España, olé?“ Nein. „España, adé.“ Eine vollständige Durchsuchung meines Körpers, inklusive aller Öffnungen, war die Folge. Für mich kein Anlass, die Stimmung zu verbessern. Damals war ich selbst schuld. Ich kam spät am Flughafen an. Die Verabschiedung von Bekannten in der Hotellobby in Palma hatte zu lange gedauert.
Wenn bei mir allein etwas mit Volldampf in die Grütze schießt, wird es lustig. Irgendein Türchen steht meist noch offen: umbuchen, abhauen oder sogar ausbrechen. Alles schon erlebt. Das mit dem Ausbruch klingt nach mehr Abenteuer, als es war. Imposanter aufgepeppt, wenn ‚The Rock‘, das legendäre Alcatraz, dabei eine Rolle spielt. Meine Flucht aus der Gefangenschaft hatte sogar etwas mit der Gefängnisinsel zu tun. Sie selbst war nicht einmal direkt beteiligt.
Die Spannung in Minsk am Tag unserer Abreise reichte mir. Den Felsen des hoffnungslosen Festsitzens in der San Francisco Bay sah ich Jahre zuvor. Für die Erfüllung eines langgehegten Traums brach ich auf und irgendwie auch aus. Es war keine Flucht – zumindest auf der Hinreise. Ich öffnete eine Tür, die mir nicht mehr verschlossen war.