Lauschkommando
Landkreis Harburg & Lüneburg
Technik, Trunkenheit und Tierliebe
Es gab auch damals nichts zu verheimlichen, als mich jemand in meinem eigenen Haus abgehört hatte. Wir hatten es zufällig mitbekommen. Juniors Vater suchte nach einer technischen Lösung. Es war ein Klassiker unter den Problemen in der frühen Unterhaltungselektronik.
Immer wieder gab es Bildstörungen im Fernseher. Mein Mann fummelte an der Sendereinstellung, überprüfte Kabel und Antenne. Alles war in Ordnung. Durch Ausschluss einzelner Verdächtiger kam er zu einem Ergebnis: „Es liegt am Videorekorder.“
„Liebling, daran kann es nicht liegen. Den benutzen wir doch überhaupt nicht mehr. Was ich sehen will, wird sowieso ständig auf den Dritten wiederholt. Im Hauptprogramm läuft pausenlos dein gewaltverherrlichendes Zeug.“
„‚Rambo‘ ist ein Klassiker. In zwanzig Jahren läuft der im Kinderprogramm. – Auch wenn der Rekorder nicht in Betrieb ist, geht das Antennensignal da durch und zum Fernseher. Richtig angeschlossen ist er, und der Empfang ist gut.“
„Dann lass ihn weg. Das Flackern nervt mich.“
„Kann ich machen, aber das ist keine Lösung. Es muss am Kabel selbst liegen. Ich besorge Samstag ein Neues.“
„Mach, was du willst, Liebling, nur bastel bitte nicht rum, wenn ich Herzkino sehe. Dann lieber mit Bildstörung.“
Von da an gab es keine Probleme mehr im Hause Mayer. Der Fernseher lief, und der Videorekorder war nicht mit ihm verbunden. Er stand aber noch an seinem Platz darunter. Eigentlich entsorge ich alles, was nicht funktioniert. Er zeigte mit den hellblauen Leuchtdioden zumindest die Uhrzeit an.
In einer Frauenrunde am Stint – beim Alten Kran in Lüneburg – hatte ich den störenden Rekorder erwähnt. Wir sprachen sicher über Belanglosigkeiten wie Männer und Technik. Eva, eine Freundin von mir, war nicht überrascht.
„Anna, ihr werdet abgehört“, stellte sie freiheraus fest.
„Unsinn, Eva, wie kommst du darauf? Er hat am Fernseher und am Videorekorder herumgestöpselt. Die haben wir schon ewig.“
„Stefan sagt, dass Bildstörungen nicht selten auftreten, wenn ein Abhörgerät im Rekorder versteckt ist.“
Die Runde verstummte und es war mucksmäuschenstill. – Ein Hinweis, dass mein Videorekorder Spannung versprach. Das wiederum ist ein noch deutlicherer Wink, dass alle Anwesenden aus dem Gröbsten raus waren. Unsere Alltagsdramen meisterten wir mit geschlossenen Augen. Hammer, Harke, Spaten, Zange, Rosenschere, Sekundenkleber, Spülmittel, Pflaster und eine Rolle Küchenkrepp unterm Arm. – So ein Universalwerkzeug wäre sinnvoll.
Eva liebt ihren Stefan nicht nur, sie bewundert ihn auch. Vier Jahre sind sie erst verheiratet, dachte ich.
„Klar, dein Mustergatte ist bei der Polizei und kennt sich mit Dingen aus, die Männer spannend finden. Aber ich glaube kaum, dass jemand einen gestörten Videorekorder bei deinem Mann vorbeibringt. Wozu? Damit die Polizei eine Wanze sucht und ausbaut? Wer sollte überhaupt ein Interesse daran haben, mich abzuhören? Du siehst weiße Mäuse.“
„Anna, die Polizei baut sie nicht aus. Sie bauen die Dinger ein. Du bist vielleicht naiv. Dir kann man ein Mikrofon in den Rauchmelder stecken. Du klebst ihn brav an die Decke.“
„Das macht die Welt nicht schlechter. Spielt sowieso keine Rolle. Wir hatten noch nie Polizei im Haus.“ Noch nie?
Ich sagte es unüberlegt. Sicher hatten wir schon Besuch von Beamten. Bei einem Einbruchsversuch in unseren Keller über einen Lichtschacht rief ich bei der Polizei an. Eine halbe Stunde später kam der Rückruf aufs Festnetz. Sie fanden die Adresse nicht. Ich lotste sie am Telefon durch unser Dorf in den finsteren Wald zu mir.
Tja, da, wo die Straßen noch Sandwege sind, wo keine öffentliche Beleuchtung mehr ist, leben tatsächlich Menschen. Getröstet habe ich die Polizisten nicht.
Bei unserem Nachbarn war wenigstens ein bisschen Action. In der Weihnachtszeit warteten Beamte vor seinem Haus auf ihn. Die Gattin war da und unversehrt. Nun erkundigten sie sich nach dem Zustand ihres Mannes. Der Gute hatte seinen Wagen an der Autobahnauffahrt auf der Wiese stehen – besser gesagt – liegen gelassen. Auf dem Dach. Die unglücklich angeheiterte Flucht zu Fuß brachte ihn erst über dienstliche Umwege in die verschränkten Arme seiner Frau. Sie hatten ihn kurz zur Blutentnahme mitgenommen. Höflich bat man ihn auch, einige Zeit auf seinen Führerschein zu verzichten. Eine Weihnachtsgeschichte der rührenden Art. Nicht einmal die Augen blieben trocken.
In einem anderen Nachbarhaus sah ich, wie Fremde es heimlich ausräumten. Die Familie der Hauseigentümer war im Urlaub. Zwei Männer schleppten im Dämmerlicht Elektrogeräte aus dem Haus.
Was macht ein aufmerksamer, anständiger Bürger? Ich rief natürlich sofort – meine mannshohe Deutsche Dogge. Die Gefahr war offensichtlich. Nicht der Moment, das geringste Risiko einzugehen, bevor ich die üblichen Schritte einleitete. Ich sperrte das Riesentier ins Haus. Stinksauer, unbewaffnet, aber gewaltbereit tobte ich rüber, um mir die Bürschchen vorzunehmen. Arolino, mein zarter Hund mit der ungeheuren Beißkraft, war in Sicherheit.
Einen der Männer erwischte ich in flagranti. Wie angewurzelt, mit fassungslosem Entsetzen und dem Fernseher in den Armen, stand er in der Tür. Er war auf dem Weg zum Fluchtwagen. Ich startete eine verbale Attacke und zeigte körperliche Präsenz. Der Unhold ahnte garantiert, dass ich mein geringes Kampfgewicht mit Technik und katzenartigen Reflexen wettmachen würde. Bei solchen Momenten erinnere ich mich später selten daran, was ich gesagt hatte. Mit Sicherheit:
„Schämen Sie sich!“ Und: „Was machen Sie hier?“ – in der Reihenfolge. Das klingt zunächst unlogisch. Es ist höflicher, auch nach seinem Vorhaben zu fragen. Ich hatte mich schon nicht vorgestellt. Appelle ans Schamgefühl treffen oft, wenn nicht immer, die Richtigen.
Kein Wort der Reue fiel, als er sich zu Wort meldete: „Haben Sie noch alle Latten am Zaun? Ich bin der Bruder.“ Er stellte den Fernseher ab und sah mich an. Ein Erkennen wie Profiling huschte über sein Gesicht, während er mich musterte. Da bei mir Hopfen und Malz verloren sind, verflüchtigte sich seine Rage. Er sagt ruhig, was zu sagen war:
„Als Kommissar bei der Kripo erlaube ich mir, Sie darauf hinzuweisen, dass es nicht nur …“
Bis hierhin sprach er bewundernswert moderat. Nun kam er doch in Fahrt – grundlos: „… entsetzlich blöde, sondern auch verdammt gefährlich ist, einfach loszupreschen und selbst einzuschreiten. Dann auch noch allein; als Frau; mitten im Wald. Niemand ist in Gefahr, außer Ihnen. Geht’s noch? Ich glaub’s nicht. Wozu gibt es Telefone? Schaffen Sie sich wenigstens einen großen Hund an.“
Arolinomino war mit der Schulterhöhe von einem Meter drei vielleicht als ‚groß‘ zu bezeichnen. Süß, wenn er zwei Tennisbälle im geschlossenen Maul hielt und man nur wusste, dass sie da waren, ohne sie zu sehen. – Er war einfach zu zart für rüde Worte.
Am Frauenstammtisch in Lüneburg im Café ließ die Spannung sichtlich nach. Meine Schusseligkeit im Vorwärtsdrang war bekannt. „Ich muss euch enttäuschen. Ansonsten gab es keine Polizeieinsätze bei uns. – Oder?“
Da war doch was. Mir fiel eine klitzekleine Begebenheit ein, die ich den Damen sogleich erzählte: „Na ja, genau genommen doch. Wir hatten einmal unangemeldeten Besuch. Sie kamen mit Sondereinheiten und Maschinengewehren angerauscht, um alles auf den Kopf zu stellen. Die hatten möglicherweise Interesse, uns abzuhören. Den Videorekorder haben sie aber nicht zu fassen bekommen. – Oder? …“
Die Damenriege regte sich. Mit aufgerissenen Augen und kurzen Ausrufen des Erstaunens kam ein anderer Schwung in die Bude. „Maschinengewehre?“, fragte Eva irritiert. „Das kann nicht sein. Wie groß waren die Handfeuerwaffen?“
„Warum? So etwa.“ Ich zeigte zwischen meinen Handflächen etwa die Länge eines mittelgroßen Rauhaardackels mit eingekniffenem Schwanz. Sie hatten sie vor der Brust.“
„Das waren Maschinenpistolen.“ Eva war in ihrem Element. Die anderen Damen waren nach dem Aufschrecken nun weit über den Tisch gereckt. Sie waren zu allem bereit. Sogar in den Flüsterton überzugehen und trotzdem jedes Wort zu verstehen.
„Also gut, Maschinenpistolen“, sagte ich. „In Israel hatte jeder Polizist so ein Ding. Hier habe ich so was vorm Supermarkt oder der Grundschule noch nie gesehen. – Sie kamen also angerauscht, als ich gerade zum Wagen gegangen bin, um …“
„Anna, warte!“, unterbrach eine der Damen. Sie bestellte noch eine Runde Getränke. Die Frauen erhofften sich eine spannende Geschichte. – Ein Ulk, eine Peinlichkeit, ein Verbrechen – irgendetwas, das sie nicht auf dem Zettel hatten. Spannung zu erzeugen, ist unter erfahrenen, verheirateten oder geschiedenen Frauen kein Hexenwerk. In einem ländlich geprägten Raum ist alles, was nichts mit Alltag zu tun hat, Zauberei. Sämtliche Themen, die ‚ach‘ und verständlicherweise so wichtig sind, wenn man frisch dabei ist: Kindererziehung, Interesse an den täglichen Dramen und Heldentaten des Partners im Berufsleben, Haushalt … Natürlich gehe ich mit, fühle mit, beurteile und wäge ab. Ein bewaffneter Ansturm auf mein Haus war die geeignete Geschichte zur richtigen Zeit. Die Frauen am Stammtisch mussten es bei einem Glas genießen. Es dauerte nicht lang. Ein gut gezapfter Pinot aus der Flasche mit Schraubverschluss braucht keine acht Minuten. Es sind acht Sekunden. Mit Schaumkrone hätten wir ihn zurückgehen lassen.
Ich erzählte den Damen von einer Reise ohne Rückfahrkarte. Das Ziel war bekannt. Der Ort sowieso.
Zugriff ins Leere
Meine Familie war, wenn auch nur auf kurzer Strecke, unterwegs zu einem Abenteuer. Das ‚Nötigste‘ hatten wir gepackt. Gut, ich wollte gerade los und mein Mann war drei Stunden vor mir abgereist. Wir hatten nicht vor, zurückzukehren. Der Zwanzig-Kilometer-Umzug nach Lüneburg war gut geplant und sollte glatt über die Bühne gehen. Klar würde ich wenig schlafen, weil ich ohne Ausnahme und immer fuhrwerke, bis der letzte Karton ausgepackt und entsorgt ist.
Aber dann das erste Mal mit Rückenschmerzen und hängenden Umzugsschultern aus der Haustür in die Stadt zu flanieren … Menschen direkt, ohne Anfahrt, zu sehen und zu treffen. – Wie ist das? Spontan einen Cappuccino zu trinken und auf dem Heimweg im Supermarkt einzukaufen. – Lasse ich mich darauf ein, es vorher nicht zu planen? Und dann die Haustür aufzuschließen … Das versetzte mich in neugierige Vorfreude auf meine Gefühle.
Alles war organisiert und es lief wie am Schnürchen. Aber irgendwas ist immer. Der Aus- und Einzug war nicht frei von Reibungen. Es gab sogar ein mögliches Motiv für eine Überwachung.
Mein Mann hatte auf Großbaustellen auch Unternehmer aus England beschäftigt. Die Gesetze innerhalb der Europäischen Union waren noch nicht eindeutig. Es gab ständig Ergänzungen und Änderungen. Schlupflöcher taten sich auf. Grund genug für Polizei und Zoll, sich mit Fragen an meinen Mann wegen seiner Baustellen zu richten. Motto: Lieber zu viel überprüfen und erst einmal annehmen, dass etwas krumm ist.
Am Umzugstag kurz nach Ostern hoppelten sie an. Mit sechs Kombis und Mannschaftswagen in Kolonne hüpften sie über den sandigen Waldweg mit ausgespülten Schlaglöchern. Kein Blaulicht, keine Sirenen. Für wen auch? Es hatte etwas von einem Krimi. Wie die fliegenden, vor Hormonen und Hubraum strotzenden Autos auf den buckeligen Straßen von San Francisco. – Mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit – bei der Verfolgungsjagd. Bei dem Bild, das sich mir bot, musste ich zumindest Abstriche in der B-Note vornehmen. Sie konnten nichts dafür. Die Piste bei uns gab nicht mehr Sprunghöhe als ein zittriges Wippen her. Es waren ja keine Buckel oder gar Kuppen. Unser Weg hatte kleine Dellen, die einen dennoch gut durchschüttelten. Eine Verfolgung war es – dann eher nicht. Eigentlich fuhren die sechs Autos zügig mit geringem Abstand hintereinander her. Sie wippten, als würde eine Welle durch sie ziehen. Bei Minibussen mit knatterndem Dieselmotoren von Testosteron zu sprechen, überlässt man besser Liebhabern.
Ich bewegte mich auf unserem Waldgrundstück zwischen unserem alten Haus und der noch undichteren Garage. Davor stand mein trockener Golf mit geöffneten Türen. Ich schleppte eine rote Plastik-Transportgitterbox. Darin waren wenige notwendige Dinge, die ich beim Einzug gleich zur Hand hätte.
Nur noch die Box rein, das war’s.
Die Hunde waren mit meinem Mann vorausgefahren. Junior, der schon einige Jahre in Lüneburg wohnte, wartete im neuen Zuhause seiner Eltern. Unser Grundstück war das letzte in der Straße mit acht Häusern. Ich beobachtete die hoppelnden Autos, bis sie bei mir ankamen. Sie stoppten zeitgleich in ihrer Reihung. Die Beamten von Zoll und Polizei stiegen aus und zupften noch etwas an ihren schusshemmenden Westen. Dann öffneten sie forsch, ohne zu fragen, die Gartentür und betraten das verlassene Anwesen. Darauf stand die umzugsgeplagte und leergeräumte Ruine eines vormals adretten Architektenhauses.
„Gott zum Gruß, was ist euer Begehr?“, habe ich nicht gesagt, als sie den zeitlos fragwürdigen Schlossaufgang hochkamen. Immerhin zwölf Zentimeter Steigung hatte der zehn Meter lange selbstverlegte Pflasterweg aus Sechskant-Betonklötzen. Woher sollten sie wissen, dass der Weg viele Jahre Nahtstelle meines Lebens war? – Familie und die Verbindung zur Außenwelt und dem Briefkasten.
Die jungen Männer und Frauen waren einsatzmäßig üppig in ihre Uniformen gepackt. Ich weiß nicht, was sie erwartet hatten. Schusssichere Westen, schwer bewaffnet und nicht zum Plaudern aufgelegt, ließen sie nichts anbrennen. Sie hatten sicher von meinen beiden Hunden der 4-Kilo-Klasse gehört. Da ist Vorsicht geboten. Aber auch die Hunde hatten sie verpasst. Die Beamten hielten mir einen Beschluss zur Durchsuchung des Hauses vor die Nase. Überhitzt souverän teilten sie mir mit, dass sie legitimiert und nicht abgeneigt waren, den Laden auf den Kopf zu stellen.
Ich schloss die Haustür wieder auf. Bis sie drinstanden, verhielten sie sich angestrengt wortkarg. Das änderte sich bei dem Leiter sofort:
„Wo sind die ganzen Sachen? Verdammt, das Haus ist leer.“
„In Kartons auf dem Weg nach Lüneburg. Sie sind seit zehn Minuten weg, also in zwanzig da. Wir ziehen um. Sind Ihnen nicht zwei Umzugswagen entgegengekommen? Es waren ein sehr großer und ein kleinerer“, half ich aus.
„Verdammt! Kollegen, warum wissen wir das nicht?“, fluchte er und schritt weg, um zu telefonieren. Gute Entscheidung, denn ich hatte auch an jenem Tag nichts mit deren Einsatzplanung am Hut. Der Umzug reichte mir.
Ein anderer Beamter sagte zu mir: „Sie bleiben hier!“
„Und wenn ich nicht will und gehe?“
„Dann setzen wir Sie mit Handschellen da fest.“ Er zeigte auf ein angeschraubtes Regal, das im Haus blieb.
Voll Mitleid betrachtete ich das verlassene Möbel.
Es war ein Holzregal. Die Böden waren in Pfosten, die wie Leitern mit ihren Sprossen von der Wand abstanden, eingeschoben. In der Hütte mit dem modernen Look, aus der wir auszogen, war das super: Kiefernholz-Kellerregale der gehobenen Art. Bei uns standen sie in Wohn- und Arbeitszimmer. In den fünfundzwanzig Jahren hatten wir die meisten Möbel ausgetauscht. Es entwickelte sich ’designmäßig’ und vom Preis her hochwertiger – um es abzukürzen: teurer. Die Regale blieben. Ein einziges Mal erhielten sie einen lichtgrauen Anstrich. Wir renovierten das ganze Haus wegen eines Wasserschadens. Nicht die Leitungen waren defekt, sondern das gesamte Dach. Der Versicherung hätten wir mit dem Thema nicht zu kommen brauchen. Sie kannten den verantwortlichen Planer. Ich hatte ihn geheiratet.
In dem neuen, denkmalgeschützten Zuhause passten die Regale nicht zum Stuck und zu dem Kronleuchterambiente. „All in!“ Ich hatte mich dort kampflos durchgesetzt: Holzplatte statt Glastisch – Rosenmuster und Kaffeekanne gewannen gegen: japanisch, eckig und schwarz.
Die Regale blieben zurück und litten.
„Wo bitte wollen Sie mich anschnallen? Am leeren Bücherregal? Ist das Ihr Ernst oder Ihre Verzweiflung?“
Stresstest unter Jungs.
Meine Mayers – Ehemann und Sohn – waren in Lüneburg und empfingen die Umzugswagen. Wenig später kam auch dort eine Truppe mit Maschinenpistolen angerauscht und hineingeplatzt. Dass sie vorhatten, beim Einzug zu helfen, ist ein Gerücht.
Mein Mann hatte eine nicht unbelastete Beziehung zu Ordnungshütern. Nicht, dass er nicht rechtschaffen gelebt hätte. Als Student sei er auf einer friedlichen Demonstration von Polizisten „niedergeknüppelt“ worden, behauptete er. So hatte es sich angeblich im von Aufständen verwöhnten Buxtehude zugetragen.
Nun waren zwanzig schwer bewaffnete Männer bei ihm. – In seinen Händen, die er brav unten hielt. Es juckte ihn dennoch und er wechselte in körperlose Zermürbung. Mayer Senior erweichte und verdampfte die Gemüter der Gesetzeshüter.
Junior erzählte mir später mit gebotener Coolness alle Details. Sein Vater, der Kerl, den ich viele Jahre zuvor geheiratet hatte, fand und nutzte jede Gelegenheit. Er versetzte den Leiter des Kommandos leidenschaftslos kalt in Stress. Mein Mann spielte mit ihm nach seinem Belieben. Ich war immer wieder ungläubig überrascht, wenn er aus dem Nähkästchen die Daumenschrauben anzog.
„Wie? Womit?“, fragte ich Junior. Schwer bewaffnete Leute hatte ich auch bei mir. In Lüneburg waren es fast zwanzig. „Was hat er schon wieder angestellt?“
„Was schon? Ein Teil seines Könnens blitzte auf. Dad hat ganz schön was rausgehauen, außer hinzulangen. Er ging durchs Haus und ließ den Einsatzleiter hinter sich her tigern, duzte ihn, verhöhnte sie alle, lachte, telefonierte und fragte sie nach Namen und dem Grad der fachlichen Inkompetenz. Es aß demonstrativ einen Apfel, als wäre der das Hirn seines Feindes. – Danke übrigens Mum, dass du ihm Getränke, Obst und Kekse mitgegeben hast. Er kam hier an wie auf dem Klassenausflug in der Grundschule. Mit dem Apfel hatte er seinen Spaß. Tolle Requisite“, sagte mein selbst von gern genutzter Rundumversorgung an Leid gewöhnter Sohn.
„Vier Äpfel lagen in der Einkaufstasche, und alles war für euch beide gedacht, falls ihr lange warten müsstet“, sagte ich. Natürlich motzten sie gemeinsam und futterten auch das ungeliebte Zeug zusammen. Auf beides war Verlass.
„Danke, Mutter. Jedenfalls war der Beamte so fertig, dass nicht nur seine Stimme zitterte. Sein Gesicht bekam Ausschlag. Glückwunsch, dein Mann ist ein Sonnenschein.“
„Wenn ihr euch einig seid, muss es wohl wahr sein.“
Das Büro in Hamburg hatten sie auch durchsucht, genauso wie Baustellen in München und Frankfurt. Dort standen tausende Aktenordner bis unter die Decke. In Lüneburg waren zumindest die Umzugskartons zum Durchsuchen.
Nur bei mir im Wald war wenig los. Ich wollte weg, schritt auf den Wagen zu, und sie griffen haltlos nach Strohhalmen.
„Was ist in dem Auto?“, fragte der nette, junge Mann in Schutzzeug und gepflegter Bewaffnung barsch.
„Mist!“ – Kalt erwischt. Ich hatte vor, mich vom Acker zu machen, mich wegzustehlen, um … Warum wohl? Jemand musste sich um die Hunde kümmern. Die kläffenden Zaubermäuse kamen leidlich mit meinen Männern klar, sie waren aber verwöhnt und ordnungsliebend. Ich brauchte mich keinen Illusionen hinzugeben: Für die gesicherte Fütterung war ich als fester Baustein im Haus ihrer Vorstellungswelt eingemeißelt. Ich hoffte, dass die Frage nach dem Wagen die letzte Detektivarbeit war.
„Was soll da schon drin sein? Ich fahre jetzt. Sie halten den ganzen Laden auf.“ – Mit einer blühenden Fantasie gelänge es, mein Drängeln als Vorsatz zum Abhauen zu interpretieren. Vielleicht hatte der Beamte zu viele Krimis gesehen. Der Golf war aus seiner Sicht ein frisierter Fluchtwagen mit Lachgaseinspritzung, damit er richtig Schub bekäme. Der Polizist verharrte ohne auch nur das kleinste Anzeichen von Humor.
Die Truppe hat wirklich gehofft, etwas zu finden.
„Kaffeemaschine, Kaffee, Filtertüten, Hundefutter, Kotbeutel, Toilettenpapier, Putzmittel.“ Ich hatte eben alles dabei, was man auf der Flucht so mitführt. Wenn es drauf ankommt, bin ich vorbereitet. So auch auf eine wilde Verfolgungsjagd auf der Bundesstraße 4. Das Überholen landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge ist meine Spezialität. Die gefährlichen Stellen mit überirdisch viel Fahrschulanfängern? Ich kannte sie alle. Beim Anfahren im Gefälle und bei abknickenden Vorfahrtsstraßen konnten sie fies und unkalkulierbar sein. Ich war bereit.
„Und?! Was ist im Handschuhfach?“
„Das ist persönlich und hat auch mit meiner Überzeugung des menschlichen Zusammenwirkens zu tun.“
Er öffnete das Fach. Ein kurzer Blick in die nur fast leere Truhe mit meiner ’Bewaffnung’ genügte ihm. Das Thema war so auskömmlich gegessen, dass er wiederkäute.
Nun stand bei mir zu Hause fest, dass sich aus dem Krimi eine Komödie entwickelt hatte. Zumindest hatten wir einen kompletten Tag lang Besuch. Eine gefühlte Hundertschaft war zu Gast. Es waren dann doch nur vierzehn Leute des Zolls und der Polizei im frisch restaurierten Denkmal.
Der Einzug war originell. Natürlich hätte dabei jemand Gelegenheit gehabt, da eine Wanze zu verstecken. Im Videorekorder war sicher noch Platz. Die Beamten waren die gesamte Zeit dabei. Sie liefen frei herum, als die Möbelpacker alles dorthin stellten, wo es hinsollte. Im Ergebnis war die Erstürmung und Durchsuchung – inklusive der eingeleiteten Lauschnummer – eine Lachnummer. Wir hatten nichts zu verbergen. Es gab keine Anklage oder einen offiziellen Bericht – nichts.
Gut, zumindest das Mikrofon im Videorekorder zeugte von einem Jagdtrieb.
Das für alle Beteiligten unnütze Gerät schenkte ich meiner Reinigungshilfe. Im Betrieb hatte es uns das Fernsehbild verhagelt. Unsere Ehegespräche nagten an den Zuhörern wie Biber an einem Baum. Zunächst nervt das Nagen die Basis nur. Oben im Kopf, der Krone, fällt derweil schon das Laub.
Vor dem Verschenken des Gerätes machte ich im Wohnzimmer stehend eine Durchsage:
„Liebe Mithörer. Das Programm wird an anderer Stelle fortgesetzt. Wir danken Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünschen gute Unterhaltung und viel Spaß.“
An solchen Gelegenheiten labe ich mich und nutze sie, wenn sie sich anbieten. Meine Haushaltshilfe hatte kein Geheimnis aus ihrem aktiven, wechselhaften und lauten Sexualleben gemacht. So hatten jetzt auch andere zumindest akustische Teilhabe.
Was will der Staat Belarus Bewegendes hören? Meinen Sohn und seine zukünftige Braut fünf Nächte im Hotelzimmer? Geheimnisse von einem Kerl, der keine hat? Der Mann, der sowieso alles ausplappert? Zwei Unverheiratete bei der Familienplanung? Oder wollen sie unsere Problemchen bei der Abreise erraten?