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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 27: Freiheitskämpfer mit leichtem Gebäck

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Freiheitskämpfer mit leichtem Gebäck

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Minsk

Stimmungsbilder

Ich bin ungerecht, wenn ich Ansprüche stelle oder mir Urteile erlaube. Meine Vorstellungen entspringen weniger einem alten Geblüt als einer Überzeugung. Obwohl: Weiß man’s? Wer, wann – mit wem? Zwei Menschen, die sich lieben – nicht mehr. Was bei jedem Einzelnen in den Grundmauern oder im Gebälk steckt? – Unwichtig für den Moment. Alles ist so wenig zu ergründen wie meine offenen und verborgenen Neigungen. – Genetisches Gedächtnis? Schlimm ist es bei mir nicht. Im Gegenteil: Es wäre in Europa geerdet.

Das liegt mir. Völlig schnuppe, wo es herkommt. Aus einem Dorfgasthof oder dem klangvollen Wäldchen an der Biegung des Flusses: Es ist das, was ich von mir erwarte. Angemessen, sinnvoll – gar richtig? Es bleibt ein Restrisiko. Als Elterngeneration spielt meine Meinung sowieso keine Rolle.

Die Liebenden stehen in ihrem Zentrum. Deren Elternpaare verstehen sich, raufen sich zusammen und pflegen jedenfalls den Kontakt. Das junge Glück der erwachsenen Kinder und die Chancen nächster Generationen galt es nicht zu behindern. Wie es aussah, warteten meine Nachfahren schon auf ihre Planung. Oh mein Gott! Ich – eine Großmutter! Dann war Junior erst der Anfang. Nur das „Mami“ erobert die nächste Etage: „Oma hier“, „Oma da“. Bei jeder Gelegenheit parken sie die Kids bei mir dazwischen. Die anderen Großeltern sind fein raus. Sie sind Lichtjahre entfernt, und wenn wir uns besuchen, erleben sie nur die Sonnenseiten. – Egal, es ist entschieden. Aber auf heiße Tipps verzichte ich.

Lisas Koffer waren gepackt und bereits im Hotel. Sie hatte eine kleine Wohnung in Minsk, die ihrer Großmutter gehörte. Es war das saubere und aufgeräumte Apartment einer jungen Frau. Was sie hatte, liebte und pflegte sie. Das einzig Auffällige für mich war die doppelte Eingangstür. Eine zusätzliche Stahltür, Türspion und einen stählernen Sperrriegel innen hätte ich eher in Chicago erwartet. In Belarus vermutete ich keine Kriminalität, außer vielleicht Verzweiflungstaten. Ein Land, in dem sie Vergehen als Verbrechen verurteilen, wenn es der Obrigkeit genehm ist.

Lisas Katze war bei ihrer Großmutter. Sie ließ sie nicht gern zurück, doch ihr zukünftiger Ehemann hat eine Katzenallergie, genau wie ich. Sie hatte versucht, uns dazu zu bewegen, uns mit ständiger Medikamenteneinnahme behandeln zu lassen. Sorry, Kleines, da war nichts zu machen. Die Chance auf asthmatische Anfälle bis zum Erstickungstod hielt jede Begeisterung für Experimente in Grenzen.

Die häufig nur kurz erwähnte Großmutter hätte totale Ähnlichkeit mit mir, sagte Lisa. Angeblich sei sie eine strenge, korrekte Frau.

Was hat das mit mir zu tun? Ich bin nicht gleich der Henker, wenn ich nicht bei jedem Scheiß loslache. Das sagt nichts über mich und Lisas Oma aus. Kennengelernt habe ich sie bisher nicht. Das vermeintliche belarussische Pendant von mir schien in der Familie gefürchtet zu sein. Schon eigenartig: Kaum hörte ich, dass die verhasste Oma mein geistiges Ebenbild sei, war sie mir sympathisch. Vielleicht hätten ihre selbst ernannten Opfer und Untertanen den Hinweis auf die Ähnlichkeit besser unterlassen. – Oder man schiebt kurz das Feiern der Ablehnung für eine spätere Gelegenheit auf.

So aber weckte die Dame mein Interesse.

Der Held der Hörnchen

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Es kam der Abreisetag und wir saßen im Luxushotel beim Frühstück. Wie jeden Morgen brachte man die Hauszeitung mit internationalen Nachrichten in deutscher Sprache zu unseren Plätzen. Ich war täglich erfreut und überrascht. Nur diesmal sagte ich es. „Was die für einen Aufwand betreiben!?“

Junior wiegelte ab: „Kein Ding. Pressedatenbank und A3-Drucker im Keller.“

„Danke, das ist wirklich hochinteressant“, sagte ich und erwischte mich dabei, wie ich nach all den Jahren immer noch entsetzt bin. Jede Chance auf ein belangloses Gespräch würgt er beliebig ab. – Es sei denn, das Thema interessiert ihn. Dann stirbt die Unterhaltung, weil er nicht aufhört zu sabbeln.

Wir unterhielten uns über die bevorstehende Fahrt. Die Eindrücke von Minsk simmerten in Nebensätzen auf kleiner Flamme zum Eindicken. Die Ruhe dieser Großstadt würde mir und meinem Sohn in drückender Erinnerung bleiben. Es konnte nicht sein, dass die Gesichter, ohne jede Mimik, nahezu regungslos waren. Doch genauso war es. Die Menschen gingen ihren Tätigkeiten und ihren Gedanken in einer blutarmen, farblosen Hoffnungsverlassenheit nach.

„‚Der Puls der Stadt.‘ Dass ich nicht lache. Es ist, als ob sich hier keiner was zu sagen traut. Die sind völlig ausgelutscht“, sagte mein Sohn in einer seiner brillanten Analysen.

In kritischer Sozialbetrachtung biss er in das gut gebutterte, noch warme französische Croissant. Das Hörnchen der elitären Anteilnahme hatte er sich am gigantischen Buffet gegriffen. Hierzu standen ihm im Übermaß vernickelte Gebäckzangen bereit. Den selbstverliebten Anlauf zur Systemkritik nahm ich beiläufig wahr. Hoffentlich ist seine Bindungsfähigkeit von längerer Ausdauer als seine guten Vorsätze. Von seinem zelebrierten Ritual mit dem gesunden Obstsalat hat er sich rasant verabschiedet. Junior ist ein Genussmensch.

„Schatz, das hast du gestern Abend von Balkon geruffen“, sagte Lisa in der kurzen Vokallänge des gegenseitigen Kosenamens.

Für mich war etwas ganz anderes noch nicht einleuchtend und schon gar nicht geklärt: Variiert sie „Schatz“ auch in scheinbar gleichen Stimmungsbildern oder bei ähnlich gelagerten Absichten? Ist der gestreckte Vokal, als würde sie ein Kind vom Spielplatz zu sich rufen? Eine Ermahnung? Ich dachte, dass die kurze Variante für Hinweis und die lange für Respekt steht. – Passt auch nicht immer. – Die Anerkennung als eine eigene Unterordnung, wenn sie einen Wunsch hat? Er kann genauso ihre Zurechtweisung bei einer seiner Dummheiten sein. – Als sage sie: „Respekt für deine Offenheit, aber so etwas sagt oder tut man nicht.“ – Oder ist es doch einfach: Das kurze „Schatz“ signalisiert, dass alles im grünen Bereich ist? – Markiert „Schaaatz“ einen wie auch immer gelagerten Tritt neben den gemeinsamen Weg? – Warum zum Henker folgt dann ihr „… ich denke …“ nur nach dem kurzen „Schatz“?

Es passt alles nicht. – Wo war ich? Zurückspulen bitte. – Was war los? Er kläffte vom französischen Balkon aus dem Hotel in die Innenstadt von Minsk? … „Was hat er angestellt?“, hätte ich auch sofort fragen können – oder es besser sein lassen.

„Nichts Verwerfliches. Ich habe Resümee gezogen und angemerkt, dass die Leute mir zu bedrückt herumlaufen. Noch toter, und sie gehen locker als Zombies durch.“

„Schaaaaatz!“, kommentierte sie sofort.

Oha, jetzt zog der Vokal lang und zudem brummte er in den Keller Richtung Bassschlüssel. Das ist keine Respektbekundung mit diesem Grollen auf dem Nebengleis. – Oder gerade? Bei Gangmitgliedern wird mieses Benehmen honoriert. – Es reicht, wenn Junior sie versteht.

Junior reagierte zumindest: „Es hat mir gestunken. Und dann bin ich auf den Balkon und habe angemerkt: „Sascha, komm her. Wir müssen reden.“ Ist doch wahr. Das kann nur am System liegen. Sascha unterjocht sein ganzes Volk.“

„Sein Volk? Du bist ein Held“, sagte ich mit von Blödsinn geprägter Begeisterung zu meinem Sohn. Es ist an Risikobereitschaft im Kampf für demokratische Werte kaum zu überbieten. – Vor seiner Freundin gut dastehen wollte er.

„Schatz, es war spätt, wirklich serr spätt. Du hast sehr laut gerufen. Wirklich, Anna, seehr laut. Ich denke, er braucht das nicht machen mit Nammen von Präsident in Naacht.“

„Er sollte es direkt im Präsidentenpalast hören. Wer weiß, ob er die normalen Mitschnitte überhaupt bekommt?“

„Zumindest scheint ihr per ‚Du‘ zu sein. – Wovon redest du? Welche Mitschnitte?“ Mein Sohn kam mir merkwürdig vor. Nicht dass er von seinem Frühstück einen Cholesterinschock durchlebte, wenn es so etwas gibt.

„Tonaufnahmen. – Sicher auch Video. Die ganze Bude ist verwanzt. Das ist sonnenklar. Würde ich auch machen.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte ich mit beginnender Sorge. Hat er jetzt Verfolgungs- oder Größenwahn?

„Hallo? Sozialistischer Überwachungsstaat? Das Hotel ist eine Devisenschubse, und die westlichen Geschäftsreisenden fühlen sich in dem Haus sicher. Sie spielen Casablanca. Jeder hält sich hier für Bogart. Wenn ich in Osteuropa etwas verwanzen würde, dann wäre es diese Bude. – Ach, und natürlich den Pole-Dance-Stripschuppenpuff, in dem wir am ersten Abend waren. Da hätte ich überall Kameras. Nichts bringt schnellere und höhere Erträge als verheiratete Männer auf fremden Matratzen“, sagte er und malte das Bild aus Mitgefühl und Schadenfreude gern aus.

„Das glaube ich nicht. Was hier auf den Zimmern gesagt und veranstaltet wird, interessiert niemanden. Das ist lächerlich“, sagte ich, aber hielt es nicht mehr für unmöglich.

„Aaana, doooch. In gaaanzes Hotel wird siicher gehört. Das ist normall. Statt will wissen aaalles, wirklich alles.“

Obwohl ich nichts zu verbergen habe, gefiel mir der Gedanke nicht, dass mich jemand abhört. Über die fremde Teilhabe an meinem Privatleben würde ich gern gebeten werden.

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