∞ Essen mit Familie
Minsk
Bitte, bitte. Lass sie nicht jetzt schon Oma und Opa spielen. Meine Gedanken waren alles andere als fair. Das Gefühl der Bedrängnis, gleich bei einer Schauspielprobe teilzunehmen, schmeißt bei mir das Schnellladegerät für die Akkus an.
Junior und ich lernten endlich die zukünftigen Schwiegereltern meines Sohnes kennen. Wir hatten in ein Restaurant ihrer Wahl eingeladen. Die Einrichtung entsprach dem Inhalt der Speisekarte: gediegen, gutbürgerlich, Hausmannskost. Der Eindruck war geplant. Marketingleute und Dekorateure hatten den Laden mit den Gipskartondecken auf alt, urig und rustikal getrimmt. Die Preise waren wie das Essen: happig. Große Teller, riesige Portionen. Beilagen waren nicht im Fokus der Gastronomie. Der kulinarische Schwerpunkt lag auf Fleisch. Für die Feinabstimmung sorgte der Geschmacksträger Fett in respektabel glänzenden Mengen. Unappetitlich sahen die Speisen nicht aus. Auf Tellern und in Servierpfannen stapelte sich nur sehr viel totes Tier. Fernfahrerteller fielen danebenstehend in schwerste Sinnkrisen. Wir waren nicht da, um zu testen, durch welchen Anblick ich auf vegetarische Ernährung umstellen würde. Es ging um mehr. Das stand nicht auf dem Tisch, sondern saß an diesem. Neben dem Paar waren es Lisas Mutter, ihr Stiefvater und ihre Brüder. Die Zwillinge waren einer wie der andere. Freundlich, klug, aufgeschlossen – solange sie nicht beschäftigt waren.
Junge Männer bei der Nahrungsaufnahme: Mein Kühlschrank sang petzendende Lieder, wie Juniors Freunde über ihn herfielen. Alles gut bei Lisas Brüdern.
Ihr Stiefvater gab sich bemüht unterhaltsam. Er lachte viel – und ich kapierte nicht, worüber. Lisas Mutter war präsent, kräftig und nicht zu unterschätzen. Sie gab sich als ebenso unterhaltsamer Teil der Familie aus, hatte aber eindeutig … das Sagen. Außer Lisa trugen wir alle Hosen. Die Mutter dirigierte im Verborgenen und beobachtete genau. Unsere Gespräche waren kein schrittweises Herantasten, Erfragen und der gegenseitige Versuch des Verstehens. Null Infos. Inhalte? Fehlanzeige. Alles wurde verlacht.
Ich indes war verliebt – in meine zukünftige Schwiegertochter. Sie saß herausragend akkurat am Tisch und aß sehr wenig, sehr bewegungsarm, mit spitzen Lippen. Sie behielt den Kopf oben und bemühte sich um Austausch zwischen mir und ihren Eltern.
Der angeheiratete Vater schien perfekt in die Familie zu passen. Mein Sohn ist auch kein Kostverächter. Aber selbst ihm erschien die sehr praktische Art der Zuwendung zum Essen etwas ungestüm. So bodenständig es war, unterbrach es das Gespräch und tatsächliche Anliegen gingen in genüsslicher Heiterkeit unter. Ich komme damit klar. Es war nicht das erste Mal, dass ich die Nahrungsaufnahme rustikal erlebt hatte. Das Timing passte mir nur nicht.