∞ ›Lecker! Suuupe.‹
Landpartie Minsk
Sascha, meines Sohnes Geschäftspartner und Lisas Arbeitgeber, holte uns nach einem spärlichen Frühstück im Hotel ab. Ich konnte einfach nichts essen. Lisa aß generell viel zu wenig und sogar Junior ignorierte Rührei, Speck und Mini-Rostbratwürste. Seine Starter in den Tag waren Kaffee, Grapefruitsaft und Obstsalat. Meine Anerkennung für gesunde Ernährung wäre ihm sicher gewesen. Aber nur, wenn es kein flatterhafter Vorsatz war, an Schlankheit zu gewinnen. Wie lange er es durchhalten würde, stand in den Sternen.
Seine Französischlehrerin der neunten Klasse sagte mir strahlend, dass er eine gute Klausur hingelegt hatte. Ich bremste sie aus Gewissensgründen.
„Freuen Sie sich nicht zu früh.“
„Aber nein. Seine Leidenschaft für Französisch ist entfacht.“
„Glauben Sie mir: Entfacht ist sein Wille, nicht länger zur Schule zu gehen, als unbedingt nötig. Er will nicht sitzenbleiben. Die Zwei ist ein Ausrutscher.“
Sie glaubte mir nicht. – Aber so schlug der Hase seine Haken, und er kam trotz der nächsten Fünf durch.
Nun arbeitete er am Projekt ‚Obstsalat‘ und hatte Startschwierigkeiten. Sein Blick auf das Schälchen vor ihm sprach Bände. Ich kenne ihn: Er hielt sich für heldenmütig und leidensfähig.
Das Eintreffen von Lisas Arbeitgeber rettete Junior vor einem zu frühen Rückschlag. Sascha war tatsächlich heiß darauf, uns sein Büro in Minsk zu zeigen. Dann zu Frau und Kindern bei ihm zu Hause vor den Toren der Stadt. In dem schneeweißen SUV einer japanischen Luxusmarke fuhren wir zu Saschas Arbeitsstätte. Das Gebäude war purer Brutalismus. Den Sichtbetonflächen wohnte aber keine andere Aussage inne, als dass sie nicht verkleidet waren. Empfang, Besprechungszimmer, Chefzimmer, Vizedirektor. – Die haben es dort mit Direktorentiteln. Das bieder eingerichtete Büro war, wie man sich so etwas vorstellt. – Wenn man Langeweile und Interesse an dem sinnlosen Gedanken hat. Allerdings gab es auch einen Großraum. Darin reihten sich zwanzig ziemlich unbenutzte ‚Workspaces‘ wie Boxen in einem Callcenter. Eine dieser schulterhohen, u-förmigen Zellen war Lisas Arbeitsplatz. Ich weiß nicht, wie der übliche Arbeitstag einer Juristin in einer belarussischen Handelsfirma ist. Mir erschien es zu wenig Tischfläche zu sein. Beschriebenes, unterschriebenes und in der Spitze behördlich bestempeltes Papier hatte gerade dort einen hohen Stellenwert. Das Prüfen, Ausarbeiten oder Vergleichen von Vertragsentwürfen war in den Boxen undenkbar.
Seit unserem Treffen in Lüneburg hatte Sascha mich in sein Herz geschlossen. Meinen Sohn betreffend sah er sich wie ein Ehevermittler mit einem glücklichen Händchen. Es war seine Idee, die beiden zusammenzubringen – und sie fruchtete. Er fühlte sich ihnen gegenüber wie ein väterlicher Freund. Das nehme ich ihm auch ab. – Zu mir war er wie ein Vertrauter. Er stellte mir seinen ersten Direktor vor, der von Statur und Bärtchen etwas vom Staatspräsidenten hatte. Dessen Auftreten war sehr zuvorkommend und höflich.
Bevor ich wusste, wie mir geschah, saßen wir wieder bei Sascha im Auto. Ab die Post im SUV durch Außenbezirke an den Rand der Stadt. Er drängte uns charmant dazu, eines seiner diversen Bauprojekte zu besichtigen. Auf dem Weg dahin sahen wir rechter Hand eine Plattenbausiedlung mit zahlreichen Hochhäusern.
„Dort wonnen meine Eeeltern“, sagte Lisa.
Wenige Kilometer später bog Sascha links ab und fuhr durch den Wald zu einem winzigen Dorf. An dessen Flanke war eine Neubausiedlung scheinbar hochpreisiger Einfamilienhäuser im zaghaften Entstehen. Ich vermutete den geplanten lokalen Luxus nur aufgrund des deutlichen Unterschiedes zu den älteren Häuschen. Ohne zu wissen, was ich verbrochen hatte, stiegen wir auf einer matschigen Wiese seitlich des Dorfes aus. Sascha präsentierte was auch immer mit aufgeregter, guter Laune und ausgebreiteten Armen. Ich kapierte nichts. Ein verblichenes Bauschild deutete ein Projekt von dreißig, vierzig oder fünfzig Häusern an. Drei von ihnen steckten im Rohbau – scheinbar fest. Wie viele Bauplätze es angeblich waren, erinnerte ich in dem Moment schon nicht mehr, als er es sagte.
Toll, gaanz toll. Und was soll ich hier als angehende Schwiegermutter und auf dem besten Weg, Oma zu spielen? „Sehr schön, Sascha. Wirklich sehr schön. So groß. Ich bin beeindruckt und beglückwünsche dich zu deinem wunderbaren Projekt.“ Irgendwann bekomme ich die fette Rechnung für die kleinen Lügen, die nur Rücksichtnahme sind.
„Das ist ein Traum. Hier entstehen exklusive Villen. Ohne Ausnahme Luxushäuser. Wir bauen sie günstig und verkaufen sie teuer. Das ist ein leichtes, ganz schnelles Geschäft.“ Sascha war aus dem Häuschen.
„Die außerordentliche Qualität erkennt man sofort“, sagte ich und suchte nach Worten. „Es sieht nett aus. Hier, hinterm Wald, gleich an der Schnellstraße, und man ist ruckzuck in der Stadt.“ Mehr war an Lobhuldigungen nicht drin. Worüber auch? Wir standen im Modder und glotzten auf eine ehemalige Baustelle mit ein paar Rohbauwänden. Selbst das Bauschild aus besseren Tagen verabschiedete sich.
„Dann sind wir uns einig. Du investierst hier. Wir sind Partner“, sagte Sascha. Der Mann, der seit Monaten mit Junior Verhandlungen über die Altlast in Sankt Petersburg führte. Die Firma, die ICH verkaufen wollte. Der Heiratsvermittler war dabei, mir in die leere Tasche zu fassen. Ganz spontan. – Obwohl, so spontan schien es nicht gewesen zu sein.
Junior war genauso in Unkenntnis der geplanten Verkaufsveranstaltung. Auch er wusste jetzt, dass mit Sascha überhaupt nichts zustande kommen würde. – Aber er nahm es locker: „Großartig! Wenn es eine sichere Geldanlage gibt, dann für Westler in Belarus. Das ist leichter, als Geld zu verbrennen. Das Grundbuch, sofern es hier so etwas gibt, wird zur Witzseite im Dreißig-Seelen-Dorf“, sprach er, und das junge Glück erfreute sich gemeinsam an seinem Humor.
Ich übernahm: „Mein lieber Sascha, wie kommst du überhaupt darauf, dass ich hier investiere? Ich könnte es gar nicht. Womit?“
Er lachte. „Das ist es ja. Es ist unschlagbar günstig.“
„Du hast mich anscheinend nicht richtig verstanden. Ich habe kein Geld, das ich hier reinstecken könnte.“
Das Gespräch entwickelte sich etwas eigentümlich. Auf der einen Seite glänzte Saschas strahlende Ignoranz gegenüber monetären Tatsachenberichten. Und bei mir schlich sich die Frage ein: Wann nur und wodurch kam er – oder wer auch immer – überhaupt auf die Idee? Ich beendete die Argumentation meinerseits. Mit einem fragwürdigen Unterhaltungswert sprach Sascha noch Stunden später wieder von dem Projekt. Wie jemand, der unter freiem Himmel unbeirrt seine Tuba bläst. Ein richtig fetter Sommerregen, der gerade eingesetzt hatte, interessierte ihn nicht.
Nach der Ortsbesichtigung ging es zu Saschas trautem Heim. Dort erwartete uns seine Frau. Wir inspizierten im Rahmen einer groß angelegten Führung seinen belarussischen Wohnsitz samt Nebenhaus. Letzteres hatte eine Einliegerwohnung, Hobbyraum, Sauna und eine Tischtennisplatte. Zurück im Haupthaus rief er kurz wie ein Pfiff Richtung Obergeschoss. Seine Kinder kamen wie die Orgelpfeifen anständig die Treppe herunter, um mit uns zu essen.
Es gab Hühnersuppe. So eine Suppe hatte ich viele Jahre nicht mehr gesehen. – Eigentlich hatte ich so etwas noch nicht einmal geträumt. Glück gehabt. –
Man weiß das Glück erst zu schätzen, wenn das Unglück auf dem Esstisch steht.
Sie roch wie die Stärkung bei einer schweren Erkältung und sah aus wie die Krankheit selbst. Labbrig gekochte Haut zog sich in toten Fetzen fast handtellergroß durch die Schüssel. Klar war die Haut tot. Aber das zeigt man doch nicht so – so … abgebrüht. Die Fettaugen waren groß und erhaben wie Daumennägel.
Lisa, die kein Gramm Fett am Körper hatte, blickte auf die Suppe und sagte: „Hmm, lecker! Suuuppe. Die sieht aber gut aus.“ Sie schmiss sich weg vor Lachen.
In diesem Moment fiel mir auf, dass sie schon vorher sehr freizügig über ihren Arbeitgeber gesprochen hatte. Mit ihren kritischen, eher abfälligen Bemerkungen sparte sie nicht. – Auch in seiner Anwesenheit. Man merkte nicht, wer von beiden das dominante Beinkleid – ich bleibe Feministin – anhatte.
Wir löffelten etwas Brühe – außer Junior. Morgens das Gesundheitsfrühstück und nun in Augenkontakt mit Saschas Suppe, verzichtete er ganz. Seine Höflichkeit zwang ihn zu einer Lüge. Da mein Sohn es – alles – gern veranschaulicht, erwähnte er Magenprobleme. Sein eigener Trick. Mayer Senior wurde selbst davon überfahren: Erst kommt die Warnung mit dem Thema,
Bitte nein. Tut es nicht, hoffte ich. Gemeint waren die anderen Anwesenden. Wenn sich Sascha oder seine Frau nach seinen Problemen erkundigt hätten – Game Over! Junior wäre siegreich aus dem Ekelduell mit dem toten Huhn hervorgegangen. – Niemand fragte. Uff.
Beim Essen versuchte Sascha noch ein paar Mal, Grundstücke zu verkaufen. Erfolglos. Danach musizierten seine Kinder auf Klavier und Akkordeon. Es war übel – und wir applaudierten anerkennend. Zum gut gemeinten Abschluss griff Sascha selbst zur Gitarre. Er setzte sich aufs Sofa und holte den einen schmachtenden Blick aus der Schublade. Den hielt er lange und m dabei etwas auf der pastellgelben Zimmerdecke beobachtet oder gezählt haben. Endlich säuselte er ein belarussisches Volkslied von Liebe, Leid und Tränen der Heimat.
Ich war geplättet von dem Mist, den er selbst nicht fühlte. In tiefer Empfindung – für Höflichkeit – begleiteten mein Kopf und Oberkörper wiegend den Rhythmus. Den Refrain summte ich fast stimmlos, aber deutlich sichtbar und hingebungsvoll mit.
Kennst du einen, kennst du alle. Mein Herz schlug froh und dankbar höher – als er uns zurück ins Hotel brachte.
Nachts um halb eins saßen wir allein in der Hotelbar und schoben Kohldampf. Es war nicht der Heißhunger wegen eines leeren Magens. Den hatten wir auch. Die an Seelentrost armen Ereignisse des Tages hatten uns verzehrt. Die Suppe ohne Einlage, dafür mit Haut und Fettaugen in Unmengen, hatte uns geschafft. Wir konnten uns daran nicht sattsehen und wollten uns nicht satt essen. Wir spekulierten darauf, spät in der Bar neben Getränken auch eine Barkarte mit Speisen vorzufinden. Und siehe da, wir wurden fündig: „Dreimal Lasagne, bitte.“
Ich fasse zusammen:
Luxushotel in einer Stadt, die gesalzene Preise auf den Speisekarten hat. Hotelbar, nachts um halb eins. Lasagne bestellen. Das klingt nach einem notwendigen Kleinkredit. Tatsächlich waren es pro Teller neun Euro fünfzig. Wir hätten schon vorher im Hotel essen sollen