∞ Nicht von der Stange
Minsk
Am ersten Abend – es war sommerlich mild – wollten wir nichts mehr unternehmen, was irgendwie Programm war. Wir waren da – aber noch nicht angekommen. Wenige hundert Meter waren es zur Hauptstraße, der Repräsentiermeile von Minsk. Für das Zentrum einer Millionenstadt war die Stadt grob leergefegt. Nicht viele Menschen waren unterwegs. Von denen lachte keiner. Niemand unterhielt sich mit Gesten oder auffälliger Mimik. Die Prachtstraße war breit wie eine Magistrale. Etliche Gebäude sahen auf alt getrimmt aus. Es war der typische sozialistische Nachkriegsklassizismus zum Vorzeigen von Stadt, Staat und Stärke.
Wir hatten Appetit, ohne es zu sagen. Mein Sohn konnte immer essen. Entsprechend sah er auch aus. Ich hatte mich auf der Zugfahrt zurückgehalten. Die Tour war stressig. Das hatte nichts mit der Mörderhitze im Zug zu tun. Nun war ich in Minsk, hatte den Blick frei nach vorne – und Hunger.
Lisa reagierte, ohne dass ich etwas gesagt hatte. Sie brachte uns direkt an der Prachtstraße, dem Prospekt Nesawissimosti, in ein Lokal. Der Gastraum lag im hinteren Gebäudeteil. Vom schwer vorstellbar breiten Gehweg gelangten wir in einen etwa dreißig Meter langen Tunnel. – Eigentlich ein Klassiker, trockenen Fußes in ein Hintergebäude zu gelangen.
Wir kamen in einen ungewöhnlich zugeschnittenen Raum, der keine Fenster hatte, dafür aber eine Galerie. Als wäre es ein kleineres Theater, waren Scheinwerfer angebracht. Die Illumination des fensterlosen Saales tauchte das Ambiente in eine spätabendliche Dämmerung.
Ich betrachtete mich kritisch in einer der zahlreichen Spiegelflächen mit bronzener Tönung. Das Ergebnis war einstimmig: Ich sehe gut aus. Dunkelheit steht mir.
Der Laden entsprach nicht dem, was ich als typisches Restaurant bezeichnen würde. Aber: andere Länder, andere Kneipen. Obwohl: An der Straße gab es völlig normale, auch international ausgerichtete Lokale. Pizzerien oder die bekannten Fast-Food-Ketten teilten sich die ausländischen Besucher. Leute aus gehobenem Staatsdienst und Bürger der neuen Elite hatten wenig Probleme mit den gesalzenen Preisen. Wir waren, wie mir schien, in einer traditionell belarussischen Gastronomie gelandet.
Sehr einfühlsam von Lisa. Fehlt noch, dass ich in einer Funktionärsburg sitze und dem frierenden Volk etwas vorkaue. Meine Logik ist wie mein Gefühl: anfechtbar. Klar nächtigten wir in einem Luxusschuppen, aber genauso eindeutig war draußen keiner unterernährt oder fror. – Bei dem Wetter sowieso nicht.
Junior wirkte kritischer als ich bei dem Gasthaus. Er drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen auf der Stelle. Ungläubig bewegte er den Kopf abwechselnd in unsere Richtungen, links und rechts von ihm. Ein müder Blick zu Lisa. Mir zeigte er ein mildes Lächeln, betrachtete mein ahnungsloses Gesicht und prustete los. Er hatte sich sofort wieder eingekriegt. Nun wandte er sich zu seiner Geliebten mit einer, wie ich fand, völlig sinnlosen Frage: „Lisa, Schatz, was bitte machen wir ausgerechnet hier?“
„Schaaatz, Essen hier ist sehr gut.“
„Das mag ja sein, aber denkst du wirklich, dass dies der richtige Ort ist, um einer Mutter – meiner Mutter – deiner zukünftigen Schwiegermutter deine geliebte Heimat und eure Kultur näherzubringen? Wer kommt auf so etwas?“
Ich verstand kein Wort von dem, was er nicht einmal andeutete. Gut, die Einrichtung und das Gesamtambiente waren eher im Stil eines Tanzlokales – Stunden vor dem Einlass. Es war früh am Abend. In Italien ist die Hauptspeisezeit auch später, wenn es draußen abkühlt. Okay, mediterrane Esskultur ist für Minsk vielleicht nicht das treffendste Argument. Aber es schien sich was zu rühren und das Lokal belebte sich. Zumindest das Servicepersonal bereitete sich für die Abendschicht vor. Zwei Frauen kamen durch den Gang und entschwanden an der kleinen Bühne vorbei zu den Personalräumen. Das vermutete ich.
„Ist doch vollkommen egal. Wenn die schon geöffnet haben, bleiben wir hier. Lisa, es ist nett. Dein zukünftiger Mann sucht sonst so lange nach einem anderen Lokal, bis sie alle geschlossen haben. Entschlussfreude und Kompromisse sind nicht seine Stärke. Viel Spaß damit.“ Ich präsentierte mein Goldstück nicht wie eine hoffnungsfrohe Schwiegermutter. Ich prangerte ihn an. – Wie eine Menschenhändlerin auf einem Markt vor einer geifernden Meute von Feministinnen mit Racheabsichten.
Das Bild gefiel mir: Junior hält für das ganze Geschlecht her: zerplatzte Träume, Machogetue, falsche Versprechungen.
Ich war gut drauf und hatte keinen Appetit, sondern einen Mordshunger. Das passiert selten bei mir. Eigentlich nur, wenn nach nervenaufreibenden Stunden oder Tagen das Gefühl der Entlastung kommt. Dann, in einer netten Umgebung mit zum Dahinschmelzen wärmender Aussicht, gibt es kein Halten. Der Kellner lässt die Speisekarte am besten gleich am Tisch. Aber die alte Regel gilt trotzdem: Dessert unbedingt sofort mitbestellen. Bevor sich der Wind dreht und der Magen säuerlich mahnt, was auf ihn zurollt. Schmerz, Befreiung, Wehmut, Aufbruch: Es kommt, wie es kommt. – Man steckt da nur mittendrin.
Junior war bei seiner Restaurantkritik noch immer beim Wertungspunkt ‚Ambiente‘: „Das ist nicht euer Ernst? Die eine unsensibel, die andere das unwissende Hausmütterchen“, sagte er.
Mir gefiel sein Ton nicht. Auch der wissende Unterton der Person, der ich das Lesen und Schreiben beigebracht hatte, war unpassend. Vokabeln abfragen? Schon vergessen? Und dass ich seine Mathe-Hausaufgaben in seiner Schrift hingemogelt hatte, damit er spielen konnte? – Das schmeiße ich nicht einmal rein in die Waagschale, die selbst unter der Last ächzt. Männer! Immer erst eine riesige Welle machen, bevor sie großzügig ihre famose Sicht der Dinge teilen.
„Schaaatz, das Essen hier ist wirklich sehr gut. Hier es gibt viele internationale Gähste. Kommen von ganze Welt.“
Lisa reagierte auf den Hinweis und den verzichtbaren Kommentar meines Sohnes mit unberührtem Elan. Es schien sie nicht zu interessieren. Sie änderte nicht ihre Gedanken, nur den Ausdruck. Das irritierte mich dann doch etwas. – Nicht etwa, dass sie ihre Meinung hatte. Mir gefiel, dass sie selbst bei einer Lappalie ihre Überzeugung vertrat. Wie abgeklärt sie es durchzog, hatte eine eigene Welt.
Toll. Zwei Sturköpfe duellieren sich und ich habe keine Ahnung, warum.
Junior hatte auch seine Meinung – und die Faxen dicke. Er kam kurz von Wolke Sieben und sprach Tacheles. Er erklärte seine Bedenken. Hinweise, die ich nicht in Erwägung gezogen hatte, zeigten sich deutlicher:
„Lisa. bitte. Willst du allen Ernstes behaupten, dass es eine kluge Idee ist, Anna nach der langen Zugfahrt in eine Nachtbar mit einer Pole-Dance-Stange zu schleppen? Soll Mutter hier devisenbringendes Essen kauen, während sich die Tänzerinnen an der Stange schon mal für die kulturinteressierten Geschäftsreisenden warm machen?“
„Gut Schatz, das für miich kein Problem. Daan wir gehen Pizzeria. Aber Essen hier ser gut, wirklich seeehr gut.“
Ich hatte mich schon gefragt, was die polierte Edelstahlstange im Zentrum des Ladens bedeutete. Keine Funktion ergab Sinn – bisher. Der Begriff Pole-Dance war mir nicht geläufig. Ich hatte im Fernsehen gesehen, unabhängig von der Bezeichnung, dass es an Beliebtheit gewann. Was Leute bei sich zu Hause veranstalten, ist deren Sache. Wenn Frauen Kurse besuchen, um sich sexy zu bewegen, ist das ihr Hobby oder Beruf.
Leider hatte mein Sohn recht. Lisas Idee war nicht besonders gut, zumindest nicht zu Ende gedacht. Es stand eine Familienzusammenführung ins Haus. Da braucht man einer Feministin nicht mehr vorzuführen, dass Männer einfache Geschöpfe unter sich haben.
Wir tigerten über die Straße in eine Pizzeria. Leer war’s. Generell hohe Preise bei niedrigem Lohnniveau versalzen die Suppe, die man sich nicht leisten kann. Der Abend im weitläufigen Laden war geeignet, runterzukommen. Zum emotionalen Warmwerden reichte es längst nicht. Mein Heißhunger war weg, bevor wir uns setzten. In Ruhe und ohne gymnastische Tanzeinlagen sprachen wir über die nahe und ferne Zukunft. Die direkt vor uns liegenden Wochen hatten genug unerkannte Chancen und Risiken im Aufgebot. Ich betrachtete den Moment, ohne ihn zu bewerten.
Da liegt sie, die Theorie über Einsicht und Ambitionen. – Immer erscheint sie glatt und sauber auf der frisch asphaltierten und gereinigten Straße eines wolkenlosen Frühlingstages – fern von der Realität. Die kurvenreiche Aschenpiste, auf der wir uns vergaloppierten, verlief im Nebel. Junior ritt viel zu überhastet.
Stück für Stück, dachte ich.
Dem nächsten Puzzleteil begegneten wir tags darauf am Fluss mit Lisas bester Freundin.
Die Sonne meinte es gut mit uns auf der Terrasse eines Eiscafés über dem Wasser. Swetlana war viel kürzer als die schlanke Lisa mit ihren eins fünfundsiebzig. Mit ihren stacheligen, brünetten Haaren auf dem kleinen, runden Köpfchen hatte sie etwas Kindliches im Gesicht. Doch sie war bereits Mutter und ihre sechsjährige Tochter saß mit am Tisch und aß Eis. Im Gegensatz zu Lisa sprach Swetlana kein Deutsch, aber ein perfektes Englisch. Wir plauderten über ihr Leben und ihre Pläne mit ihrem Kind, das sie allein großzog. Sie hatte einen guten Job und war in Stadt und Staat bestens vernetzt. Wir spazierten noch ein wenig, also etliche Stunden, durch Minsk. Bis dahin war ich überzeugt, Plätze zu lieben. Auch unterschiedliche Nutzungen kratzten nicht an meinem Wohlbefinden. – Ein ehemaliger Marktplatz oder ein alter Vorplatz für die Demonstration von geistlicher oder weltlicher Macht.
Die Aufmarschplätze und Leerräume in Minsk schafften es, dass mir das Herz fror. Auch wenn wir allein dort waren: Ich fühlte mich wie ein namenloser Teil einer wertlosen Menge Mensch.
Junior hatte ebenfalls starke Empfindungen. Ihm schwollen die Füße. Sie schienen sich nur nicht wohl unter seinem Körper zu fühlen.
Am Abend trafen wir einen von Lisas Brüdern zum Essen. Diesmal wieder in der Prachtstraße, aber in einem Lokal mit Ausrichtung auf amerikanische und mexikanische Küche. Im Restaurant saßen wir in einem der leicht erhöhten Sitzbereiche. Lisas Bruder war aufgeweckt – freundlich, unvoreingenommen und interessiert. Er sprach einnehmend und beobachtete aufmerksam.
Es gibt nichts zu meckern, erwischte ich mich dann doch. Angesichts der direkten Verwandtschaft spekulierte ich über Wesenszüge meiner geplanten Enkel.
Den Job im Bereich Computerreparatur und Programmierung übte er gern aus. Er plante zu studieren. Das Fach war noch nicht klar. Mit einundzwanzig standen ihm nicht alle, aber viele Möglichkeiten offen. Sein Zwillingsbruder war an dem Abend nicht dabei.