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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 22: Ankunft Minsk

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Ankunft Minsk

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Belarus und Minsk

Dort oben im Zug an der belarussischen Grenze war ich weder beleidigt noch genervt. Wem nützte ich hier?

Das war eine berechtigte Frage. Die Aussichten waren so wenig rosig wie der Blick aus dem Fenster in die Stahlhalle. Was sollte ich im Zug, in Minsk und später in Italien? Es ist eine nette, aber naive Vorstellung, verschiedene Menschen mit einem Kaltstart in Trab zu setzen, wenn die Ziele völlig unterschiedlich sind. Sicher, wer den Weltfrieden fordert, punktet immer. Mehr jedenfalls als mein Ehemann, der mit der Kettensäge den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer zerlegt hatte. Der erfuhr schon im kleinsten Kreis nicht die volle Zustimmung. Alles erlebt – bis auf den Weltfrieden. Mir gegenüber saß ein gestandener Mann. Er versprühte eine Leichtigkeit, als wären wir auf dem Weg ins Spielzeugland.

Nicht, dass in nicht allzu ferner Zukunft bei mir eine Durchsage kommt: „Der kleine Mayer möchte aus dem Kinderparadies geholt werden, weil ihn die anderen Kinder ärgern.“ Es war mir manches nicht klar.

Stürzen er und Lisa sich bewusst oder naiv in das Abenteuer Beziehung? Vielleicht sehen sie es locker, lassen es drauf ankommen. – Und ich bin nicht nur altmodisch, sondern auch eine Spaßbremse.

Wir fuhren wieder, und die belarussischen Grenzbeamten waren im Zug. Ihre Uniformen und ihre Mimik zeigten nur Ablehnung. Sie kamen grimmig ins Abteil und sahen in Mutter und Sohn ein illustres Paar. Die starren Blicke glitten mehrfach in ungläubiges Beäugen ab. Diesen Eindruck unterstützte der jetzt dominante Geruch des Parfüms, das ich zuvor versprüht hatte, sicher. Der Uringestank war noch genauso präsent, aber nicht allein. Mir lag die Frage auf der Zunge, wie es zu dem Irrsinn in der Luft gekommen war.

Sie blieben schroff und durchsuchten unsere Koffer und Taschen. Pässe und Visa überprüften sie mit Augenmaß sogar auf Echtheit. – So lange, bis es gewissenhaft wirkte. Auch die Rückfahrkarten forderten sie zur Kontrolle. Warum? Sie kannten mich nicht. Ausnahmsweise hatte ich gerade nicht vor, in Belarus unterzutauchen.

Die vollmundigen Versprechungen meines Sohnes hatte ich im Kopf. Es war stickig heiß. Mit Gestank in der Nase und juckenden Augen fuhren wir durch die Nacht. Es war immer irgendetwas los. Zum Glück hatte sich nicht rumgesprochen, dass auch bei uns im Abteil eine Toilette war. Die offizielle Entledigungsstelle war spärlich und feinsinnigerweise gleich mit der Dusche kombiniert. Beide Einheiten fanden am Morgen regen Zuspruch. Das eine verkniff ich mir erfolglos und gab auf. Auf das andere verzichtete ich guten Gewissens mit Blick auf den Mehrwert an Hygiene.

Wir zogen durch die belarussischen Landschaften wie durch eine ferne Zeit. Eigentlich werde ich romantisch-nostalgisch bei etwas, das mich an meine Kindheit erinnert: Sandwege, wenig Bebauung, einsame Höfe. Hier war das Gefühl weg:

„Guck mal, die Felder. Schlimm, schlimm, schlimm.“

„Mutter, das ist ein anderes System. Die Bauern haben kaum was davon. Außerdem sieht es so aus, als würden sie noch mit Pferden pflügen.“

„Ich verstehe es ganz und gar nicht. Das Land lässt man so nicht liegen.“

„Ich weiß. Du und deine Verantwortung für das Land und den Boden. Die wussten nicht, dass du vorbeikommst. Sonst hätten sie es noch schnell angehübscht. – Mutter, da wächst vielleicht einfach nichts. Das geht uns nichts an. Halt dich raus, kommst nicht rein.“

„Sieh es dir doch an. Vorhin gut für Kartoffeln, hier ideal für Futterrüben. Von allein wächst da natürlich nichts.“

„Ach, ganz was Neues. Sprich bitte mit meinen zukünftigen Schwiegereltern darüber. Das Thema wird sie brennend interessieren. In vierzig Minuten sind wir in Minsk.“

Das hätte er besser früher gesagt. Mit meiner Überpünktlichkeit hatte ich schon Mayer Senior genervt. Genauso seinen Sohn, sonstige Verwandte und Mitreisende auf Gruppenreisen. Aber auch nur Menschen, die sich zufällig neben mir in der Bahn, auf Fähren oder Flughafenterminals aufhielten. Von den Augen der Taxifahrer bei meinen Nachfragen über den Verkehr gar nicht zu sprechen. Wenn es in älteren Zügen vor dem Stehen hektisch klackert, bin meist ich es. Erfolglos versuche ich, den roten Türgriff zu früh umzulegen, und das Ding rastet nicht ein.

„Was? Nur noch vierzig Minuten? Warum hast du mir das nicht gesagt? Wir müssen uns allmählich fertig machen.“ Ich war nicht sortiert, aber zumindest auf Betriebstemperatur.

„Wir sind fertig. Das Zeugs ist in den Taschen. Jacken an und raus. Und steh bitte gleich nicht eine Viertelstunde im Gang rum. Du wirst es merken, wenn wir langsamer werden und über die Weichen klappern“, spulte Junior ohne jegliche menschliche Regung ab. Selbst sein: „Bitte“ klang wie eine Bandansage auf dem Bahnsteig.

Er lehnte sich wieder entspannt zurück. Gespielt, denn eigentlich war er aufgeregt, durch die Heimat seiner zukünftigen Frau zu fahren.

Junior hatte Minsk bereits als sein zweites Zuhause erklärt. Nur für sich. Es war eine Entscheidung für einen Menschen. Der Rest würde sich ergeben. Er liebte die Stadt, ohne sie zu kennen. In erwartungsfroher Unruhe sah mein Sohn aus dem Fenster. Mit den Augen nahm er die Witterung auf. Ähnlich benahm sich unser Dackel früher. Er hing im Auto mit der Nase an der Frischluftzufuhr. Er war ein Genussdackel und liebte es, wenn wir mit ihm durch Wolken neuer, fremder Reize fuhren. Noch aufgeregter war er – der Hund – nur beim Wiedereintritt in den Dunst vertrauter Gerüche der Heimat.

So sehr ich sein Eintauchen und den Einsatz irgendwie sogar bewunderte, empfand ich ihn als ziemlich dusselig. Junior kannte meine Meinung:

Kind, du schickst dich an, die Katze im Sack zu kaufen und damit gleich das ganze Gehege.

Als der Zug hielt, stand Lisa am Bahnsteig und umarmte mich. – Zuerst. „Hallo Anna“, sagte sie mit einem zittrig-sanften Stimmchen. „Danke, du bist gekommen. Ich bin sehr froh, ihr beide hier seid. Das ist mir seehr wichtig“, sagte sie mit Tränen in den Augen.

Meine Knie erweichten, als ich ihre herzliche Umarmung erwiderte. Dann küsste sie ihren Verlobten. „Zack.“ Und wieder war es um mich geschehen. Ich liebe das Sonntagabend-Herzkino. Dieser Augenblick war eine Schippe drauf.

Ich werde dafür sorgen, dass die Liebenden auch hier zusammenfinden. Das Böse lass ich scheitern und das Weite suchen.

Das Böse … Im Film erscheint es meist in Gestalt einer intriganten, älteren Person. Den zerstörerischen Nebendarsteller hatte ich noch nicht geortet. Moment: Bin etwa …? Ich würde es in keinem Fall sein. Zumindest jetzt nicht mehr – und jedenfalls vorerst nicht.

Frei von Selbstzweifeln gewann ich auf der Taxifahrt zum Hotel einen ersten Eindruck von der Stadt. Minsk war teilweise sehr modern und in der City blitzsauber. Hey, das ist mal eine Großstadt. Normalerweise sind die voll mit Menschen, und allerlei unachtsam Weggeworfenes flattert durch die Straßen. In Minsk war nicht einmal ein vereinsamter Zigarettenstummel im Rinnstein zu vermuten.

Beim Hotel war Junior in die Vollen gegangen. Nach einer möglicherweise stressigen Zugfahrt hätte er einen erholsamen Rückzugsort für mich gesichert. Wie er im Vorweg bei all seinem schönfärbenden Salonwagengerede darauf kam … Ich hab keine Ahnung. Das Hotel Europa – eigentlich Europe – war erst im Vorjahr neu eröffnet worden. Es galt zu der Zeit als das beste Haus in Osteuropa. In feinster Lage und voll aufgemöbelt strahlte der Bau Reichtum aus. Weiße Putzfassade und vereinzelt den größeren Zimmern zugeordnete Balkone gaben Rhythmus und Ruhe. So, wie man sich ein gediegenes Luxushotel vorstellt. Das passte auch am Pariser Platz in Berlin. Draußen wie drinnen hatte es edelste Materialien. Die aufsehenerregende Hotelhalle war in einem dezenteren Dubai-Format gehalten. Es war, wie man sich prachtandeutende Eleganz nur wünscht, wenn man darauf steht.

Das Programm für die kommenden Tage war klar. Ich wusste von nichts. Mein Sohn hatte keinen Schimmer. Lisa hatte es im Kopf, sofern es überhaupt eins gab. Sicher hatten wir irgendwie darüber gesprochen, aber es schien geregelt.

Für mich war die Situation schwimmend gelagert.

Einerseits erweckte alles in dieser Stadt einen Eindruck von mehrsinniger Reibungslosigkeit. Fraglos glatt. Andererseits hatten wir keinen Plan. Ich kam mir wie ein Korken vor. Unfähig, in die Tiefe vorzustoßen, trieb ich ziellos auf der Wasseroberfläche und war ihr ausgeliefert. Irgendwie bewegte es sich etwas auf und ab, aber nicht voran.

Geglättete Wogen sind keine Garantie, dass die Strömung nicht alles fortreißt.

Unser Hotel war nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt. Genauso von sonstigen städtischen und staatlichen Einrichtungen. Die herausgeputzten Gebäude, die Infrastruktur und die Geschäfte entsprechen dem Geltungsdrang der Hauptstadt eines erfolgreich aufstrebenden Landes. Es war für mich mehr als sonderbar. Das Gefühl, dass mich gebaute Fassaden von der Wahrheit abweisen, war speziell. Ich kannte es in der Gegenwartskultur noch nicht. In Sankt Petersburg war ich zu früh dran. Verschiedene Systeme nutzen dieselben Mittel. Ein westlicher Sportartikelhersteller thront in Minsk in der Prachtmeile der Autokratie. Vielleicht sehe ich es zu eng, wenn die Hersteller auch sonst wo fertigen lassen. Dass unser Kinderfernsehen Animationsserien ausstrahlt, die nordkoreanische Firmen produzieren, halte ich für falsch.

Den Unterschied zwischen Urlaub und Reise fühlte ich allgegenwärtig. Ich kenne Überstunden in einem Job, der mich nicht ausfüllte, aber ständig beschäftigte. Es war ja nicht allein, dass wir nach Minsk gefahren waren, um meine zukünftige Schwiegertochter abzuholen. Ein kurzes „Hallo“ zu der angehenden erweiterten Verwandtschaft zu sagen, war es nicht. Davon, dass ich als unfreiwillige Begleiterin auf etwas dämlichen vorgezogenen Flitterwochen eingeplant war, ganz zu schweigen.

Das war Minsk, die Hauptstadt von Belarus, Lisas Heimat. Dort wohnten ihre Eltern, ihre Brüder und ihre Großmutter. Dort hatte Lisa die Schule besucht. Dort hatte sie ihr internationales Studium aufgenommen, das sie dann in Paris und Amsterdam fortgesetzt hatte.

In Minsk sind ihre Wurzeln. Diese aus Liebe für unbestimmte Zeit verkümmern lassen? Nur um mit meinem Sohn ein neues Leben aufzubauen? Funktioniert das überhaupt?

Ich fragte nicht, ob sie die Richtige für ihn oder er der Geeignete für sie wäre. Einmal völlig unabhängig davon, ob es erstrebenswert ist, in den Westen zu ziehen. Ich bin die Erste, die es versteht, den Wunsch zu haben, abzuhauen.

Als junge Frau hätte ich mir einen Fuß aus dem Fangeisen der Spießigkeit abgekaut, um meinem Freiheitsdrang in die USA zu folgen. – Das, obwohl ich Deutsche und Europäerin bin. Die Wurzeln hätte ich nie verleugnet, egal, wo ich hingezogen wäre.

Lisa schien mir aber – nur bezogen auf Heimat – eine engere Bindung zu haben als ich.

Es wird nicht leicht für sie. Ich bin kein Orakel. Auspendeln bringt nichts. Ob das gut ausgeht, kann keiner sagen.

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