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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 21: Radlos in Glückstadt

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Radlos in Glückstadt

Zeichnung einer Rose bei kleinen Texteinschüben Zeichnung einer Rose bei kleinen Texteinschüben

Metropolregion Hamburg

Ganz anders war der emotionale Bezug zu erzwungener Passivität bei einem Freund und Kollegen meines Mannes. Der trat morgens an einem Montag im Mai im Hamburger Umfeld aus seiner Haustür. In Anzug und hochpolierten englischen Maßschuhen bewegte er sich zügigen Schrittes zu seinem Angeberschlitten von Firmenwagen. Er war nicht in Eile, morgens um halb neun. Seinen Gang hatte er zwanzig Jahre zuvor geübt, um als Vertriebsmann umtriebig und anpackend zu wirken. Er parkte den Wagen gern auf der Straße vor dem Haus. Der freie Stellplatz im Carport neben dem Kaminholz war nicht ideal von der Straße einsehbar. Wenn er rückwärts einparkte, sah man natürlich Fabrikat und Modellreihe sofort. Es gab aber auch zwei kleinere Motorvarianten. Parkte er vorwärts ein, sagte einem das Typenschild auf der Kofferraumklappe alles über das Fahrzeug. Man sah es eben nur von hinten. Eindruck prägte es von vorne und von den Seiten. – Wie man es macht …

Na, der Wagen machte schon was her. Davon, dass sein Auto die Gemüter regte, war er überzeugt. Schließlich spürte er selbst beim Anblick des Blechs die Erregung wegen eines heißen Gefährts. Es war nicht das Lächeln, die Monatskarte für den Bus gefunden zu haben. Er teilte seine Begeisterung gern mit Nachbarn und vorbeifahrenden Personen.

Der Kumpel und Geschäftspartner von Mayer Senior hat eine charmante, mitunter ins Geschmacklose driftende Eigenart. Nur im Privaten und bei Terminen, die innig erblühten. Seine nasale, hanseatische Sprechweise weicht einem schnodderigen Schnack. Er hatte auch uns von seinem Wagen erzählt – exakt so, wie er es empfunden hatte:

„Da steigst du am Montagmorgen nach einem beschissenen Wochenende in den Zwölfzylinder und startest ihn, nachdem der Gurtbringer seinen Job gemacht hatte. Der fette Motor ist sofort da. Die Welt will dich sehen. Du lehnst dich zurück in den schmeichelnden Ledersitz, lässt die Arme locker am Sportlenkrad. Spiegel, Schulterblick. Du trittst genüsslich aufs Gaspedal. Die mächtige Maschine rauscht hoch und zieht richtig durch. – Und die Scheißkarre bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle. Leerlauf? Fehlanzeige. Ich also ausgestiegen und was sehe ich: Alle vier Räder mit den breiten Schlappen und den sauteuren Felgen vom Edeltuner waren geklaut. Die von Hand gewaschene Karre steht, auf Gasbetonblöcken sauber aufgebockt, vor meinem Haus. Mann, war ich angepisst.

Das ganze Wochenende war zum In-die-Tonne-treten. Erst hat mir ein Dreckstück von Reiher die kleinen Fische aus dem Koiteich weggefressen. Mein teuerstes Prachtstück war ihm zu groß. Das hat den Fisch nicht gerettet.

Was macht mein Sohn? Ihm ist am Sonntag warm, und er springt dem Luxusfisch mit Arschbombe in die Gräten. Der Koi ist vor Schreck draufgegangen. Das Tier war wie ein Hund. Er hatte mir aus der Hand gefressen.“

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