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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 20: Erhaben befremdet

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Erhaben befremdet

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

An der polnisch-belarussischen Grenze kamen wir auf einen teilweise überdachten Rangierbahnhof. Die marode aussehende, stählerne Halle, in die wir einfuhren, war viel länger als der Zug. Der Dunkelheit draußen begegnete der Funktionsbau mit industrieller Notbeleuchtung. Schon eigenartig: Da fährt man in einem geschlossenen Fahrzeug in einen ebenfalls wettergeschützten Raum – und ist schutzlos. Nicht, dass ich mich einer Gefahr ausgesetzt sah. Das Ambiente beförderte nicht meine Aufmerksamkeit in neue Sphären. Die verdammte Dünnhäutigkeit trat in der falschen Beleuchtung präsenter zutage. Die Geräuschkulisse war alles andere als das Knistern von Pergament. Es klapperte. Auf beiden Seiten von uns, in regelmäßigen Abständen aufgereiht, standen dicke, düstere Stahlpfeiler. – Erstarrte Kräne mit Auslegern wie Gabeln warteten auf ihren Einsatz.

Irgendetwas heben die gleich. Sicher nicht uns.

Doch so war es. Es quietschte und knallte, und der gesamte Zug stieg auf in die Höhe.

„Was machen die mit uns?“

„Das scheint das zu sein, was sie mit Spurwechsel meinen. Ist mir auch neu“, sagte der endlich einsichtige Nicht-Experte und hob seinen Becher, in dem mittlerweile Weißwein war. „Prost auf die Völkerverbindung. Bei Zügen klappt’s.“

„Was heißt Spurwechsel? Wieso heben die uns hoch?“

„Die Gleise haben in Belarus offensichtlich eine andere Breite als in Deutschland und Polen. Gut, das könnte man sicherlich entspannter machen. Die Leute an der Grenze umsteigen zu lassen, wäre zu einfach. Die heben lieber das ganze Biest hoch, karren die Räder mit der falschen Achslänge raus und schieben die neuen Langhanteln drunter.“

„Langhanteln?“, fragte ich und ahnte, was er meinte.

„Guck mal, da hinten rollen die alten Achsen weg. Niedlich. Sie treiben sie wie eine Horde Meerschweinchen. Ziemlich verrostet, die kleinen Nager. Das nenne ich Fortschritt.“

Meines Mannes Sprössling, den ich zur Welt gebracht hatte, nervt schon nüchtern, wenn er Oberwasser hat. Seine joviale Art in einer leichten Weinlaune ist mit Glück anfangs unterhaltsam. Als könne nichts und keiner ihm ein Härchen krümmen. Das kannte ich von ihm auch anders.

Es kommt auf uns zu. Bald heiratet er. Da sind genug Risiken im Spiel, ihm das prachtvolle Gefieder zu stutzen. „Ja, aber auf was für Gleisen fuhren wir rein und auf welchen geht es wieder raus? Wozu das Ganze, wenn der Zug auf beiden Breiten mit allen Rädern stehen kann?“

„Was weiß ich? Doppelgleise? Wie ein Paar Spaghetti auf jeder Seite. Auf der einen Nudel rein und der anderen raus.“

Mir war kalt ums Gemüt. Die Halle sah düster und klamm aus. Ich kauerte aufrecht. Schutzlos beleidigt in der Büchse ohne Räder, hielt uns die Hebeanlage in der Luft. Nicht die Tiefe von Sinnfragen über die Wahrnehmung der eigenen Existenz hatte mich ergriffen.

Hin zu Lisa, den Rest der Familie herzen und ihre Heimat wertschätzen. – Das ist einfach abzuarbeiten. Lisa mitnehmen, dann sehen wir weiter.

Von kaltem Stahl getragen, fragte ich mich, in was für eine Art Film ich geraten war. – Kündigte die Nachricht über die bevorstehende Hochzeit meines Sohnes das Happy End an? Oder galt es nur wieder, eine neue Achterbahn auf dem Rummel einzufahren?

In der Luft ratlos, radlos in der Blechdose zu sitzen, hatte einen eigentümlichen Beigeschmack. Ich war im richtigen Zug – aber im falschen Film. Unfreiwillig überschritt ich Grenzen. Meinen Status als Zuschauerin, die frei war, den Kinosaal zu verlassen, hatte ich längst verloren.

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