Nichtflieger
Ibiza
In Nachtzügen zu rollen, war nichts Neues für mich. Zweimal nutzten wir den Autoreisezug von Hamburg-Altona bis nach Lörrach. Mit dem Wagen war es ein Hüpfer in den Süden. Ich bin ein Fan von ausgeruhten Menschen am Steuer. Wir hatten es anders probiert. Eins bleibt im Trend: die Autobahn nachts zu befahren, weil sie freier ist. Es mag seinen Reiz haben. Ein Ehemann mit aufgerissenen Augen passt da nicht. Er verhalf dem Wort ‚Urlaub‘ wenig glaubhaft zu Glanz und Gloria. Mein Mayer hielt seine Kilometerleistung pro Tag für einen siegreichen Feldzug. Er fuhr gern Auto. Wie viele zu der Zeit. Ich bin nicht im Bilde, ob in der Ära von Elektromotoren, die Mann-zu-Maschine-Affäre das gleiche Feuer hat. Fehlt noch, dass Wasserstoffverbrenner die Elektrohäschen wieder zu Wölfen machen.
Die behaupten dann, irgendwie doch Recht gehabt zu haben, und zeigen mit dem Finger auf den Elektroschrott.
Ich bevorzugte, Proviant von zu Hause mitzunehmen. Etliche Schnittchen, Obst, eine Thermoskanne Kaffee und Kaltgetränke, die im Korb nicht lange kühl blieben. Ein gemächliches Gondeln war Gold wert – Stau oder nicht. Dort anzuhalten, wo es uns gefiel, war Urlaub pur. Pausen fanden sich, weil wir Zeit hatten. Landschaften waren keine Nebenprodukte in der Taktung der Notdurft von Mensch und Mayers Maschine. Das Kind tobte rum. Der Fahrer genauso. Oder er genoss den Moment im Gespräch, bevor es weiterging. Immer weiter. – Meist Richtung Süden.
Meine bisher längste Bahnfahrt führte in einem Rutsch von Spanien über Genf bis nach Hamburg. Die sechsundzwanzig Stunden im Zug vergingen wie im Flug. Der war zumindest geplant: Wir waren auf der Rückreise von einem Ibiza-Urlaub und saßen warm und trocken im Flughafen von Barcelona fest. Die spanischen Piloten streikten. Passende Züge nach Hamburg zu finden, gestaltete sich fummelig. Durchfragen war noch kein Anzeichen für Einsamkeit. Das Internet wartete auf seine Erfindung.
Streik, lange Zugfahrt? Verdammt egal. Wir waren jung und mein neunjähriger Sohn hatte sich auf dem Airport bestens amüsiert: Hauptsache unter Menschen. Sprachbarrieren kannte er nicht. Junior war es, der sprach und für Stimmung sorgte. Es braucht nicht viele Hebel, genervte Touristen für einen Moment zu entlasten. Im Zug war er schwer damit beschäftigt, Zuckerpäckchen zusammenzutragen. Ich fing mit einem Beutel an. Der Pappbecher mit bitter-pelzigem Kaffee in der Hand auf dem Schoß verlangte nach irgendeinem Süßstoff. Sämtliche Tierkreiszeichen waren jeweils in pastellener, rostbrauner Farbe auf die Zuckerbeutel gedruckt. Für das Kind waren die Sammelbilder dünn gesäte Schätze. Mit den beim ersten Hinsehen verknitternden Papierheftchen hantierte er behutsam und baute sie vor sich auf. Die Fahrzeit arbeitete gegen ihn, bis er alle Motive zusammengetragen und erschnorrt hatte. Wir hockten mit anderen Urlaubern aus Deutschland und den Niederlanden in einem Sechserabteil. Deren Flüge waren genauso gestrichen worden.
Die Ibiza-Reise war ein Kluburlaub. Dessen Kette trug den Namen eines vereinsamten Schiffbrüchigen. Da scheiden sich die Geister der Fantasie und Träume: Für den einen klingt das nach paradiesischer Insel mit Palmenstrand. Andere suchen Trinkwasser und das Kreiskrankenhaus. Auf dem Hinflug hatte mein Sohn erstmalig ein mulmiges Gefühl. – Nun, es war unser erster Flug.
„Kapitän Juan begrüßt sie an Bord.“
Bei allen Fluggästen schmerzten die Ohren, und der Druckausgleich blieb aus.
Sei unbesorgt, Juan, deine Mutter liebt dich. Du gibst dein Bestes. Fliegen ist nicht jedermanns Sache. Auch wenn kein Lüftchen über dem Flughafen weht.
Er benötigte zwei Anflüge und hatte drei sehenswerte Hüpfer beim Aufsetzen im Repertoire. Wir waren in Bescheidenheit neu geboren, als der Flieger stand. Juan hatte endlich seine Drachenfliegerlizenz.
Auf eine Robinsonade wäre bei dem Unterhaltungsprogramm im Klub keiner gekommen. Für Junior war es ideal: Sport, Spaß, Schauspiel und Wettbewerbe. Ein Pool lag in freier Form mit Brücke und Palmeninsel im Zentrum einer gebauten Landschaft. Rundumbetreuung für die Kinder, all inclusive: Putzmutterherz, was begehrst du mehr? Die Buffets hatten alles Erdenkliche in Massen zu bieten. Ich habe Fotos von Junior hinter Bergen von Erdbeer-Eis. Es gab keinen Schichtbetrieb in den Speisezeiten.
Mein Mann fand sofort Anschluss, und wir hatten sogar gemeinsame Bekanntschaften. Erholung pur – die Familie war beschäftigt. Nicht mehr – nicht weniger. Damit war es purer Luxus. Zu kostspielig war die Reise ohne Frage. Ich fragte dennoch: Juniors Vater ignorierte jegliche Bedenken, und mit der Buchungsbestätigung kam meine Kapitulation. Das „Nützt nichts. Durch da!“ – hatte Auswirkungen auf die Haushaltsführung, aber nicht auf die Stimmung.
Nach dem Aufstehen latschten wir in Espadrilles von unserem Ferienhaus in die zentrale Klubanlage. Der Weg dorthin war begleitet vom Zirpen der Grillen. Die erfrischende Luft trug leise wabernd die Vorboten der Mittagshitze. Jeden Tag wurden Rekorde gebrochen – so schien es.
Es roch, wie es aussah: Wir waren von Reichtum umgeben. Olivenbäume, Pinien und baumgroße, in Weiß und Rosa blühende Oleander. Letzteren sah man die Gleichartigkeit mit meinem Mickerling auf der Fensterbank nicht an. Er war entschuldigt. In Norddeutschland machten ihm winterliche Stimmungstiefs und Schildläuse zu schaffen.
Unser erster Abstecher von fünf Metern führte allmorgendlich in den Clubshop. Für meinen Mann gab es eine Tageszeitung, ich griff nach einer Illustrierten. Wenn es ein Klatsch- und Tratschblatt war, schoss beim Senior die Lesezeit in die Höhe. Blondschopf ‚Eisenherz‘ Mayer, sein Sohn, zog ein mit Enten oder Mäusen bebildertes Taschenbuch aus dem Drehständer.
Ich schnitt meinem blonden Nager mit der Zahnlücke aus Kostengründen eigenhändig die Haare. Früher nannte man die Frisur Pisspottschnitt. Später war alles Kantige angeblich Bauhausstil. Die Heldenfrisur liegt mir. Ich verpasste sie ihm über fünfzehn Jahre. Mit meiner Superkraft an Kreativität bin ich die einzige Person, die es ohne Topf hinbekommt.