Nähe macht Ärger
Im Vorlauf dieses Urlaubs hatte ich keine Sekunde daran gedacht. Meine langjährige Brieffreundin ist Ärztin in Warschau. – Völlig verdrängt; nur den zukünftigen Familienanschluss im Kopf. – Danuta ist eine stolze Polin. Und sie ist konstant regimekonform. Etwas merkwürdig, denn die Regierungen hatten seit dem Beginn unserer Brieffreundschaft verschiedentlich und systemverändernd gewechselt. Jeden kleineren und größeren Zwist zwischen Polen und Deutschland trug Danuta stimmungsmäßig auch mir zu. Erst Jahre nach dieser Bahnfahrt ließ ich den Kontakt zu ihr langsam einschlafen. Nicht, um die Beziehung endgültig wie ein Gerinnsel zu veröden. Die brechenden Wellenberge einer aufgeladenen Gefühlspalette hatten Raum zum Auslaufen. Wir sahen sie beide in zugewandter Belanglosigkeit abebben.
Es ist nicht förderlich, alles zu jeder Zeit an den Strand zu spülen. Bei nicht ganz engen Kontakten ins Ausland nutze ich die Tischregel zur Vermeidung von Streit: „Keine Politik, keine Religion, keine Krankheiten.“ Beim Thema Politik prallen Lager, Realitäten, Überzeugungen und Lösungsansätze aufeinander. Da beharkt man sich wissend über Weltpolitik. Bei der Frage nach lokalen Stellflächen für Altglascontainer kocht die Suppe meist noch heißer auf.
Religion ist alles: Glaube, Gemeinschaft, Identität, und sie ist Vorwand und Rechtfertigung. Unachtsame Bemerkungen hinterlassen tiefe Wunden.
Krankheitsthemen sind eigentlich eine dankbare Zeitverschwendung. Jeder hat was und alle kennen sich aus. Es kommt nie zum echten Zoff. Ein Gespräch fährt nie richtig an die Wand. Weiter rollt der Zug aber auch nicht.