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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 18: Der Klang von Nichts

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Der Klang von Nichts

Zeichen für unendlich, die liegende Acht Zeichen für unendlich, die liegende Acht

Im Nirgendwo, an einer nicht im Fahrplan verzeichneten Haltestelle in Polen, blieb der Zug stehen. Ein typischer Dorfbahnhof wie auch bei uns zu Hause. Mit seinem Bahnhofsgebäude aus roten Ziegeln und Dachpfannen ruhte er da mutterseelenallein an der Strecke. Vom Dorf war nichts zu sehen. – Zumindest keine beleuchteten Gebäude, denn es war bereits stockdunkel. Nur das Mauerwerk an den Gebäudeecken zeigte Profil durch ein mäßiges Licht. Es war genau jene diffus gelbliche Beleuchtung, die ich erwartet hatte.

Auf östlichem Kurs fuhr ich durch die eigene Kindheit. Eine Stimmung von Licht, die auch in Schwarz-Weiß-Filmen ein Schreckensereignis ankündigt und untermauert. Alle sechs Zugbegleiterinnen schlurften mit Taschenlampen und stählernen Stangen draußen in dem aschgrauen Sand umher. Die Haltestelle war nicht mehr, als das Wort verspricht.

Wir schreckten beide von lauten metallischen Schlägen auf. Selbst Junior ist kein Freund von knallenden Überraschungen.

„Pog! Pog! Pog!“ – Immer wieder. Vertrauenserweckend klang das nicht. Den Klopftönen vermochte ich keine Hinweise auf den Zustand unseres Gefährts zu entnehmen. Ich war bis dahin ungeübt in der Klanganalyse von Rädern schienengebundener Fahrzeuge. Woher auch? Nicht einmal bei der betagten Bimmelbahn meiner Jugend: ‚Blumenpflücken während der Fahrt verboten!‘, fand so etwas statt.

Nach einigen Minuten stiegen wir unaufgefordert aus. Junior, um sich eine Zigarette zu gönnen. Ich hatte eine leichte Sorge um den Zug. Uns beide zog es raus aus der Stinkebude an die frische Luft. Mein Sohn steckte sich nach der ersten gleich die zweite Zigarette an. Ich beobachtete, wie die Zugbegleiterinnen mit den Eisenstangen an die Stahlräder des Zuges klopften. Sie langten ordentlich hin.

„Kaputt?“, fragte ich, genau mit diesem Wort, so ausgesprochen, unsere Zugbegleiterin. Sie schlug vor mir so hart gegen ein Rad, dass ihr Körper ins wallende Nachschwingen geriet. Sie lachte mich an – oder aus. In vielleicht Polnisch und mit beschwichtigenden Handbewegungen signalisierte sie mir, dass alles in Ordnung sei. Sie deutete mir an, schleunigst zurück in den Wagen zu steigen. Der Zug setzte sich wenig später mit uns in Bewegung.

Wir kamen in die polnische Hauptstadt. Der Zug hielt einige Minuten am Bahnhof – und es gab kaum Fahrgastbewegungen. Fahrten nach Russland und Belarus sind in geringerem Maße nachgefragt als Fahrten ab Berlin. – Oder sie fahren mit anderen Zügen.

Ich war noch nie in Warschau. Da selbst Krakau ein unbeschriebenes Feld im Kreuzworträtsel meiner Erinnerungen ist, würde ich zuerst dorthin reisen. – In die alte Königsstadt.

Was ich vom Zug aus sah, präsentierte sich als die beleuchtete, moderne Hauptstadt. Viel größer, als ich es mir bis dahin nicht bildhaft vorgestellt hatte.

Danuta wohnt hier.

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