∞ Air de Toilette
Polen bis zur Grenze Belarus
Der Gedanke ließ mich nicht los: Meine Brieffreundschaft mit einer alten Frau in Sankt Petersburg war der Anfang. Es brachte uns viele Jahre später in einen schäbigen Zug. Der rollt ausgerechnet nach Minsk. Dort werde ich meine zukünftige Schwiegertochter abholen, um gemeinsam mit dem Paar durch Italien zu gondeln. Wer hätte das gedacht? Ich nicht.
Ich versuche, mich möglichst immer auf die Hauptaufgabe zu konzentrieren. Positive Nebeneffekte sauge ich dankbar auf. So erhielt ich mir die Hoffnung auf jede Verbesserung im Zug. Ganz oben auf der Liste standen: saubere Toiletten. – Ich hatte mich noch nicht getraut, nachzusehen.
Kühlung der Getränke – Luxus, aber wenn man schon eine Wunschliste hat … Frische Luft. – Es war heiß und stickig. Der ganze Waggon müffelte. Es war keine Liste zum Abarbeiten. Zumindest hat Junior einen Kühlschrank gefunden.
Mein Sohn klappte nur den Einzelsitz hoch. Sonst nichts. Mehr war nicht nötig. – Wie beschreibt man etwas Einfaches einfach, wenn es ein eigenes Wesen hat, das nur da ist, um zu wachsen?
Jeder kennt es, und an manchen Orten ist man mehr oder minder darauf vorbereitet. Bei einer Opernpremiere, auf dem ersten Rang sitzend, wäre die Überraschung riesig. Im Zug nach Minsk fügte sich dem Gesamtbild ein weiterer Baustein hinzu. Es stach heraus, aber reihte sich sinnig ein. Fraglose Präsenz braucht keine Erklärungen. Es passiert einfach, sobald Junior die Büchse der Pandora öffnet.
Mein Sohn lüpfte nur den Deckel. In der anderen Hand hielt der Nichtsahnende zwei Dosen Cola, um sie zum Kühlen einzustellen. Er sah mit spitzem Mund fragend eine Weile in den von oben zu befüllenden Stauraum. „Also irgendwie … sieht das nicht wie ein Kühlschrank aus. Noch nicht mal wie eine Kühlbox.“
„Ist doch egal. Lass es. Mach zu und setz dich wieder hin.“
„Komisch.“
Die Fenster waren fest verschlossen. Etwas frische Luft gab es allenfalls an den schmalen Fensterschlitzen auf der Gangseite außerhalb des Abteils. Es war heiß und stickig. Unser Kämmerchen war wie der gesamte Wagen von einem feuchten Geruch eingenommen. Abfallprodukte von Menschen und Bakterien dünsteten munter weiter aus. Unübersehbar übers Limit benutztes Polstermobiliar gab den kleinsten Wesen ein Heim. Auch verflüchtigten sich stetig kaltzart-duftende Erinnerungen an Jahrzehnte dort genossenes Kettenrauchen. Nun kam mit dem Anheben des Deckels ein nicht erwartetes Œuvre hinzu: Der beißende Gestank von Urin erfrischte unsere Sinne mit dem Vorschlaghammer.
Ein Schlag und du weißt, wo du bist. Die neue Geruchsnote geizte nicht mit Hinweisen zu ihrer Identität: Es war eindeutig, unverblümt ehrlich und selbstbewusst, wie dieser Duft sich sah. Es roch nach Ammoniak und einigen anderen Zersetzungsprodukten menschlicher Aktivität. Der Basisnote verhalfen verschiedene Kopfnoten zu mehr Tiefe, Kraft und Erinnerungswürdigkeit.
„Klapp den Deckel sofort wieder runter!“
„Das kann nicht sein“, sagte mein Sohn, wissend, dass es genauso war, wie es roch. „Ein Scheißhaus mitten im Abteil? Unter und neben den Polstersitzen? Spinnen die? Fünf Meter weiter ist die Toilette für den ganzen Wagen.“
„Würdest du bitte sofort den Deckel wieder zuklappen?“
„Boa, das stinkt ja bestialisch“, sagte er anerkennend.
„Du findest es auch noch beeindruckend. Mach endlich das gottverdammte Scheißding zu!“ Ich war nicht gereizt.
„Jupp, ein Scheißding ist es sicher. Siehst du? Erledigt. Jetzt krieg dich wieder ein. Ich lüfte mal kurz durch.“
„Wie denn? Die Scheiben sind festverglast. Da kannst du gar nichts öffnen. Vergiss es. Jetzt riecht es so, wie es aussieht. Das begleitet uns jetzt bis nach Minsk. Zwanzig Stunden.“
„Zweiundzwanzig Stunden, Mutter. Wir sind doch kaum gefahren.“ Junior riss die Tür vom Abteil auf und verklemmte sie. Er sprang raus und kippte die schmalen Klappfensterschlitze auf der Außenseite des Ganges.
Es dauerte endlos lange, bis sich der Duft verzog. Endlos, denn er schickte sich nicht an, uns zu verlassen. Nicht auf dieser Fahrt und niemals aus meinem Gedächtnis. Selbst als es sich mit den Stunden verdünnte, empfand ich ein chronisches Jucken. Wenn so was erst mal anfängt, gibt es arme Seelen, die sich reinsteigern. Ich zumindest stellte mir unser Schlafabteil voller Getier, zum Beispiel Wanzen, vor. Ihre Verwandten stören mich schon an meinen Rosen im Garten. Bei ihrem Blutdurst und ihren zahllosen klebrigen Ausscheidungen verging mir alles.
Ins Ausland zu fahren, erweitert den Horizont für andere Lebensweisen. Klar, Toilettengerüche gab es immer und bei gemeinschaftlich genutzten Anlagen sowieso. Aber selbst ein schwerer Rotwein hat irgendwann genug geatmet, und ich spüle die Essenzen mit der Flüssigkeit runter. Den Dekanter auszukratzen, macht wenig Sinn.
Meine Offenheit, mich spontan ins Abenteuer zu stürzen, gibt es bei der Hygiene nicht. Da bin ich gern auch einmal unwissend voreingenommen. Ein Fläschchen Desinfektionsmittel mit Sprühkopf war schon seit jeher Zeugnis meines Statuserhalts. – Lang, bevor das Händewaschen wegen Corona sein Comeback erlebte. Ich griff nach der Reisehandtasche, zog besagte Halbliterflasche heraus und sagte zu Junior: „Aufstehen!“ Er gehorchte und ich benetzte alle Oberflächen. „Jetzt kannst du dich wieder setzen.“
„Es stinkt immer noch wie Hulle. Ohne Querlüftung und richtigen Sog wird das hier nichts.“
Da saß er. Etwas selbstgefällig. Überzeugt, das Äußerste veranstaltet zu haben, was in seiner Macht lag. Er würde es mannhaft ertragen, vielleicht sogar belachen – denn es war nicht zu ändern. Sicher auch, weil von der Störgröße keine unmittelbare Gefahr ausging. Männer! Sie werkeln an irgendetwas und verlieren schnell die Lust. Nicht gelöste Aufgaben sind ein Freifahrtschein, weiter zu puzzeln. Sie sind Giganten der Anpassungsfähigkeit. Zumindest bei Verzicht auf etwas, das ihnen unwichtig erscheint. Nicht ich. Zum Glück bin ich eine Frau. Mir stank es. Alles.
Erneut griff ich in die Tasche. Wenn Gestank hier regiert, macht den Thron frei. Da mitzuhalten? Kinderspiel.
Ich holte mein Eau de Parfum heraus. Es gab keinen Grund, dem geruchlichen Gesamtambiente nicht noch eine voluminöse orientalische Note hinzuzufügen. Bergamotte, Jasmin und Sandelholz sind schwere Geschütze. Ich pumpte die Begleiter gegenseitiger menschlicher Rücksichtnahme in hauchfeinem Nebel gegen die unsichtbare Wand der Abartigkeit.
„Mutter, ist das dein Ernst? Erst riecht es nach Bahnhofstoilette, du holst die Keule raus, und jetzt stinkt es wie neben einem Baustellenklo mitten im Bordell. Sorry, ich vergaß es: Eine Brise Reinigungsmittel ist auch dabei. Davon kannst du ja kirre werden. Da passt nichts mehr.“
Er hatte nicht ganz Unrecht. Die Freund-Feind-Erkennung funktionierte bei den gegensätzlichen Gerüchen nicht. Sie beschnupperten sich. Und sie schaukelten sich hoch – wie in einem Wettstreit in pöbelndem Sprechgesang – nur, dass der Gestank die Musik spielte. Dann fanden sie einander, warben umeinander und holten das Beste aus sich heraus. Ein balzender Wettbewerb der Düfte und Herkunft. Sie steigerten sich hinein und übertönten sich, bis sie verschmolzen. Mir trieb es die Tränen in die Augen.