Umweg mit Stadtrundfahrt
Amsterdam
Ich hielt Kontakt zu der Enkelin meiner verstorbenen Brieffreundin. Die Beziehung vertiefte sich merklich. Die Masse an Informationen über Sankt Petersburg, die ich inhaliert hatte, forderte ihren Abgleich. Eindrücke aus Büchern suchten die Originale.
Nach vortrefflicher Vorbereitung karrte mich meine Familie zum Flughafen Hamburg. Der Flieger wartete auf Anna wie die Stadt an der Neva.
Der Herr lacht, wenn Menschen Pläne schmieden. Es gab einen Streik. Wir standen unter der Anzeigetafel und sie strichen einen Flug nach dem anderen. So auch mein Direktflug.
Junior hatte eine Idee: „Du musst hier raus! Jetzt. Hier ist gleich alles dicht und nicht nur für heute. Sieh zu, dass du wegkommst.“ Er verfolgte den flatternden Untergang der Mobilität auf der Tafel: „Da geht einer nach Amsterdam. Nimm den!“ Er hatte es gesagt, und ich folgte den Anweisungen des Teenagers.
Auf dem Flughafen Schiphol regelte ich den Weiterflug. Der war allerdings erst am folgenden Morgen über Helsinki möglich. Trotzdem gab es Grund zur Freude. Mein Flug war der letzte, der an diesem fünfzehnten Mai rausging. In den darauffolgenden Tagen war die Streikfestung Hamburg dicht.
Ich sicherte mir ein Zimmer in einem Hotel direkt am Airport. Der Tag war noch unerfüllt. Ich fuhr mit einem Taxi in die City.
Amsterdam war bis dahin nur ein Tagesbesuch mit Familie für mich. Die Stadt etwas zu begreifen, mich ein wenig hineinzufühlen, war mein Anliegen. – Ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Ein Aufsaugen, Eintauchen oder gar Mitschwingen? Vorher wie diesmal fehlte mir die Zeit. Also fragte ich den Taxifahrer. Er zeigte sich von einer selten erlebten Freundlichkeit und chauffierte mich durch die Stadt. Was ich zu wissen hatte, um besser zu begreifen, erklärte er mir. Mindestens eine Stunde fuhr er durch die Stadtteile und erzählte. In der Innenstadt endete die Fahrt, die kein Sightseeing war. Die Rechnung für den Schnellkurs ‚Amsterdam im Taxi‘: „Zwanzig Gulden bitte.“ Damit käme man normalerweise gerade eine wortlose Viertelstunde weit. Er gab mir noch einen bestens gemeinten Rat: „Bleiben Sie im Zentrum und sprechen Sie kein Wort Deutsch.“
„Warum das denn nicht?“
„Gestern jährte sich die Bombardierung Rotterdams durch die Deutschen und heute die Kapitulation der Niederlande.“
Am nächsten Morgen hob ich mit Zwischenziel Helsinki Richtung Sankt Petersburg ab.