Nicht drauf angelegt.
Die Leute, die mein Mann hatte bitten lassen, nach Nadelya zu sehen, behielten Kontakt. Sie fragten drei Monate später, ob er die Firma übernehmen wollte. Die Zusammenarbeit sei modern und voll von Impulsen. Das gegenseitige Erkennen auf den ersten Blick war für sie das Startsignal. Ein Glücksfall des Gleichklangs der Wellenlängen. Die Stadt wäre die Goldgrube der globalen Akteure. Und sie hätten die notwendigen Beziehungen für eine goldene Zukunft. – Nun ja, sie sagten genauso, dass ihre Gehälter nicht mehr gezahlt würden. Das war ein extrem fairer Zug. Dass dieser drohte, vor die Wand zu fahren, brachte etwas Druck und Zugzwang ins Paradies. Mein Mann hatte zuerst null Ambitionen. Allerdings war es zu Zeiten der Perestroika. Der Gedanke, in der Schwesterstadt von Hamburg ein Mini-Standbein zu haben, reizte ihn. – Da unterschied er sich nicht allzu sehr von anderen vor und nach ihm, die einen Fuß in die sich öffnende Tür stellten. Er erkundigte sich über die niedrigen Lohnkosten und die rechtlichen Grundlagen. Herr Mayer beurteilte politische Vorteile. Zumindest in Hamburg sah er die Chance, davon zu profitieren.
So kam es, dass er die Firma übernahm. Die Genehmigung der Stadt Sankt Petersburg erteilte der damalige zweite Bürgermeister: Wladimir Wladimirowitsch Putin. Dessen Signatur ist auf den Dokumenten gleich neben dem Stempel. Beim Blick in den Ordner mit dem hingehuschten Gekritzel lache ich nicht. Wie auch? Ich guck nicht in alte Akten. Die krallende, zugleich unscheinbar dünne Unterschrift eines Stadtdieners ist bestimmt normale Tinte. Der Akt der Unterzeichnung mit Putin war formal gesehen eine Gewerbeanmeldung. Gefeiert und zusammen getrunken hatten sie trotzdem. Mayer Senior sagte über sein Gegenüber, er sei „nicht so harmlos, wie er sich gibt“ und „mit Vorsicht zu genießen“.
Die Sankt Petersburger Repräsentanz von Mayer erwachte in gespielter Noblesse aus dem Dornröschenschlaf – und pennte weiter. Schick an neuer Adresse in der Tampowskayastraße stand das restaurierte Haus in bester Lage. Die Dollarsenke war sicher den Mietpreis wert, vorausgesetzt, man fing was damit an. Das Haus hatte eine Fassade in friedlichem Pastell mit weißem Dekor. Die gemieteten Räume waren topmodern mit Designmöbeln eingerichtet. Das Team von sieben Leuten – Frauen und Männer – blieb sechs Jahre erhalten. Sie waren garantiert arbeitsam. Kontaktpflege und Grundstückssuche waren ihre Hauptaufgaben. Ich war von Fantasien befreit, zu ergründen, wie Herr Mayer Senior sich das vorgestellt hatte. Sich den damals hohen Baupreisen zu unterwerfen, schloss er aus.
Es war zäh, so hörte ich den Leidtragenden zu Hause. – Ich nahm Anteil und wurde mit Informationen zugeschüttet, die keine der Aufschriften „Müll“, „Lager“ oder „Treibstoff“ trugen. Es ist zumindest nachlässig, seinen Partner mit Geschichten zu belatschern. Meinungen abzufordern, wenn das Spielfeld unbekannt und der Ball zu schnell war, hat nichts mit Zuspruch zu tun.
Alle Mitarbeiter waren Direktoren. Nicht eine/r hatte Ambitionen, die Karre zu schieben. Als Geschäft war es völliger Blödsinn. Die Ziele in Hamburg und vor Ort waren komplett verschieden. Den Betriebskosten stand kein Plus – ideell oder Kasse – gegenüber.
Die Betriebs- und Lizenzgesellschaft löste mein Mann später operativ auf. An mir lag es abschließend, die Lizenz für den Standort zu verwerten. Dazu knüpfte Junior Kontakte.
So auch nach Minsk. Der liebe Sascha, Lisas Chef, hatte über die gemeinsamen Geschäftspartner in Köln sein Interesse bekundet.
Die Brieffreundschaft zu Nadelya in Sankt Petersburg ist der zufällige Ausgangspunkt einer Reise. Dass ich sie mit einigen Grenzübergängen und zahllosen Grenzgängen verbinden würde, schlummerte unbemerkt in einem Netz aus Fäden der Vergangenheit. Sie führte mich zumindest bis in den Zug von Berlin nach Minsk.