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"Schatz, ich denke, du brauchst das nicht."

von Marc Krautwedel

Kapitel 11: Nadelya

Schatz-ich-denke-du-brauchst-das-nicht-1

Nadelya

stilisierter Fisch mit Perle als Auge stilisierter Fisch mit Perle als Auge

Hamburg – St. Petersburg

Es begab sich zu der Zeit der anfänglichen Perestroika. Ein eisiger Winter setzte der Bevölkerung in Russland zu. Märchen gibt es nur im Märchen – oder wenn wir uns mit gefilterter Wahrheit beruhigen, während uns die Zügel aus der Hand gleiten. In der Sache spielen weder Wodka noch Oligarchen eine Rolle. – Na? So ganz stimmt das auch nicht. Wo Verzweiflung einen verschlingt und Gier regiert, passt das Saufen ins Bild. Es bedarf keiner Menschlichkeit, den Kuchen unter sich aufzuteilen. – Dass ich es erleben würde, hätte ich nicht für möglich gehalten.

Die Menschen hungerten und froren. Hamburg ist Partnerstadt von Sankt Petersburg. Zu dieser Zeit war die Hansestadt bemüht, zu helfen. Als Einheit. In voller Breite von den Instanzen bis zum persönlichen Engagement. Die Bürger der Metropolregion, in der auch wir wohnten, sammelten und kauften. Sie taten es mit Bedacht und schafften ran und rüber, was ihren Schwestern und Brüdern nützte, um zu überleben. Sie packten Unmengen von Carepaketen – und es reichte nicht. Ich trat einen Schritt näher an das Thema heran und wurde Mitglied in einem deutsch-russischen Freundschaftsverein. Es gab noch einen anderen Grund, mich zu engagieren: Die meisten meiner damaligen Brieffreundschaften waren durch einen Klub vermittelt worden. Ich hatte zahlreiche Freundinnen, denen ich schon seit Jahren schrieb. Sie waren, ohne geografische oder sprachliche Vorlieben meinerseits, in der ganzen Welt verstreut. In Summe kostete es mit neunzig Brieffreundinnen vielleicht sogar weniger Zeit im Vergleich zu Social Media heute. Absonderlich, bei Leidenschaften und Freundschaften die Taktrate und Erfolgsquote zu messen. Da bin ich raus. Die handgeschriebenen Briefe waren lange auf dem Postweg unterwegs. Ich legte mir die Gedanken statt der Worte zurecht und verinnerlichte mein Gegenüber. Im Austausch erfuhren wir mehr voneinander, erzählten über unsere Leben und schickten Fotos.

Meine Brieffreundin in Sankt Petersburg war Nadelya. Sie entstammte einer Kiewer Familie. Zu Zarenzeiten hatten sie die Kontrolle über ein weites Streckennetz der Eisenbahn in Russland, dem Russischen Reich. Nach der Enteignung führten auch sie im Sozialismus ein bescheidenes Leben. Nadelya war zweiundachtzig und wohnte mit ihrer Enkeltochter Sonja zusammen. Wir schrieben uns regelmäßig, und in der Zeit der Not schickte ich viele Pakete.

Habe ich einmal einen Rhythmus erkannt, behalte ich ihn bei. Dumm gelaufen. Es geht mir nicht darum, präsent zu sein, sondern mit meinem Gegenüber einen Einklang zu finden, zu harmonieren. Dass es in der Folge zu Missverständnissen und meinerseits zum besorgten Raten kommt, ist vorbestimmt.

Ich erhielt keine Nachricht mehr von Nadelya, und die Sorge um sie stieg täglich. Mit Hintergedanken, aber direkt frei heraus, fragte ich meinen Mann: „Du hast doch überall gute Kontakte. Auch nach Russland?“

„Weltweit. Sicher. Wo denn?“

„Sankt Petersburg. Kennst du da jemanden?“

„Ich? Woher sollte ich? Aber ich kann mal im Büro fragen. Bestimmt gibt es jemanden, der jemanden kennt. Warum?“

„Was ist das für eine Frage? Wie unsensibel! Ich habe keine Post mehr von Nadelya bekommen. Es ist kalt, sie ist alt und ich mache mir Sorgen. Wir schreiben uns regelmäßig und sie ist seit sechs Wochen überfällig. Das weißt du doch.“

Mein Mann war sich in diesem Moment nur darüber im Klaren, dass er nicht richtig Lust verspürte, das Gespräch fortzuführen. Ein krankes, altes Mütterchen in Russland war nicht unbedingt das geeignete Bild, um ihm einen konfliktfreien Fernsehabend einzuläuten. Erst recht nicht, wenn er sein dickes, paniertes Kotelett mit Kartoffeln und Erbsen-Karottengemüse aß. Andersrum sah er sich selbst mit dem gefüllten, dampfenden Teller in einer miserablen Verhandlungsposition. „Schreib mir mal den Namen und die Anschrift auf. Ich kümmere mich darum.“

Wenn Herr Mayer sagte, er kümmerte sich, geschah es. – Solange es sich nicht um etwas Läppisches wie die Acrylverfugung von der Duschwanne handelte, war er zur Stelle. Um das Abdichten drückte er sich schon beim Einzug. Der Auszug schlappe dreißig Jahre später brachte ihn auch nicht dazu, es zu erledigen. Ganz anders verhielt er sich bei Tätigkeiten wie Baumfällen, Feuermachen oder dem Bestellen von unsinnigem Zeug. Das war mehr seine Sache. Das Reinigen der Dachrinne sah bei ihm gefährlich aus. An einer verstopften Toilette kam er nicht vorbei. Man hörte sein Fluchen bis in die nächste Ortschaft.

„Klar habe ich was falsch gemacht“, bestätigte die Unschuldige, um sein Mütchen zu kühlen, damit er mit der Toilettenspirale durch das Abflussrohr kurbelte.

Es dauerte bei Nadelya nur drei Tage. Mein Mann kam von der Arbeit, stellte seine Tasche hin und sagte: „Anna, es tut mir leid. Deine Freundin in Sankt Petersburg ist gestorben.“

Es kam nicht aus heiterem Himmel. Die Unruhe hatte sich in eine Ahnung gewandelt. Trotzdem hakte ich nach. „Bist du dir sicher? Hat jemand die Familie erreicht?“

„Unsere Kontaktleute sind aus der Innenstadt raus durch den Schnee gefahren und haben die Enkelin zu Hause angetroffen. Hier ist ein Brief von ihr. Sie haben ihn gefaxt.“

‚Auftrag ausgeführt.‘ Für ihn war das Thema erledigt.

Sie war alt und starb weniger an Not als an Jahren. Mein Ehemann lag falsch damit, dass er aus der Angelegenheit entlassen wäre. Es kam anders.

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