Es kam mir japanisch vor.
Nurimitsu. – Meine allerbeste Brieffreundin kam aus Japan. Sie arbeitete bei einer Bank und liebte den Fudschijama. Sie sendete keine Fotos von sich. Ich fragte sie nicht danach. Aber mich:
Vielleicht schämt sie sich für irgendetwas. Was Äußerliches, und sie braucht noch Zeit. Wenn es bei ihr anders ist …
Ich springe in jede neue Beziehung mit Einsatz und frischen Karten. Mein Vertrauen ist gewiss. Wie sollte ich sonst Nähe gewinnen? Ein Schlag ins Wasser ist mir lieber, als eine Chance auf Schönheit zu verpassen. Ärger kann es jederzeit geben und die Wogen glätten sich wieder.
Nurimitsu schickte allerdings viele Fotos von Ihrem Mann: – er bei der Arbeit am Schreibtisch sitzend, als hohes Tier in einer japanischen Bank. Er beim Wandern; er mit seinen Männerfreundschaften; er mit dem Rest der Familie – außer mit ihr. Er, unterwegs mit den Freunden in der Natur. Er als Gewinner inmitten von einem Meer Farben in Landschaftspanoramen.
Ich sandte Bilder von mir. Dabei erwähnte ich, dass ein Foto von ihr eine Freude für mich wäre. Was schickte sie zurück? Einblicke in das eher unspektakuläre Zentrum ihres Universums: Ihr Kerl in allen Lebenslagen.
Ihre Texte hatten den wärmenden Atem einer körperlichen Nähe und einer geistigen Tiefe. Ihre Fotos waren inhaltslos.
Wir schrieben uns vier Jahre und nutzten die Zeit. Ausnahmslos alles erzählten und teilten wir: Kultur, Gesellschaft, Hobbys und Leidenschaften. Wir waren wie Schwestern. Unsere Verbindung schwang im vertrauten Gleichklang. Wir bedurften keiner Zeit der Orientierung mehr, um die Sicht der anderen zu begreifen.
Aber – die Kulturen sind verschieden. Das ist ja der Vorteil der Unwissenheit. Sie ist wie eine Großbaustelle mit Kindergarten: Es gibt Arbeit. –
Möglich, dass ich ihr irgendeines meiner Gefühle zu viel oder zu direkt mitgeteilt hatte. – Die Art war für Japaner vielleicht zu hölzern, zu indiskret. Inneres und Wahrnehmungen herauszuposaunen, passte wohl nicht in die japanische Kultur. Ich schrieb es dennoch:
„… Ich empfinde große Nähe zu Dir. Du bist für mich wie eine kleine Schwester.“
Meine Offenheit schien irgendwo angeeckt zu sein. Nurimitsu hatte mir schon seit Monaten nicht mehr geschrieben.
Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Es kommen diese bescheuerten Gedanken, die man nicht loswird. – Nur weil sie nicht zurückschrieb, weil ein Rhythmus nicht eingehalten wurde. So etwas denke ich zu häufig übereilt. Bei ihr wartete ich darauf, dass sie sich fangen würde.
Nurimitsu ging es vermutlich gut. – Vermutlich?
Das ist so eine Sache mit fremden Vornamen. Ich hatte IHN zu meiner Lieblingsfreundin erklärt. ER schien aus unerfindlich kleinlichen Gründen eingeschnappt zu sein.
ER war auf all den langweiligen Fotos von Männern in Gesprächsrunden der Vorgesetzte. ER war es, der sich vor dem Fudschijama fotografieren ließ. Mein Sohn hatte es Jahre später in der Bildersuche online herausgefunden. Um einen unerkannt balzenden, beleidigten Banker brauchte ich mich nicht zu sorgen. Da gab es andere Menschen, denen ich meine Gedanken widmete.