∞ Schwiegertochter? – Alarm!
Herzen mit Schwung
Lüneburg
Es geht kaum besser: Urlaubsplanung ohne Druck in der Heimatstadt. Lüneburg ist mit seinen mittelalterlichen Backsteingiebeln selbst Ziel zahlloser Sehnsüchte. Im April auf der Straße zu sitzen und einen Abstecher nach Italien grob zu besprechen, hat etwas Luftig-Lässiges. Keinerlei Verpflichtungen oder Sorgen? Das ist Entspannung pur.
„Mum, ich werde Lisa heiraten“, sagte der Mann neben mir ohne Vorwarnung. Ich schreckte auf und sah ihn an. „Was?“, entwich es seiner Mutter. –Das bin dann wohl ich.
Der heiratswillige Kerl hatte ein Bein übers Knie gelegt und zupfte an der Schnürung seines Schuhs. Die Enden des Senkels waren nicht gleich lang. Er zupfte, verglich, zupfte … „Wie man’s macht: Einer zieht immer den anderen kürzer“, murmelte er mit beiden Fäden in der Hand.
Kürzer? Ich kam bei ihm in der Brutpflege nicht einmal bis zum letzten Loch, um darauf pfeifen zu können. Das ist typisch Junior. Er feiert selbst beim Binden von Schleifchen die für ihn endlose Zeit. Der hat also vor, zu heiraten. – Wie war das? Mein Sohn heiratet? Lisa ist nett. Sie kennen sich kaum.
Bei jedem Zupfen, mit dem er meine Geduld forderte, begriff ich deutlicher, was da auf mich zurollte.
In dem Lokal kannte ich die Belegschaft. So auch Sylvia, die sich mit strahlendem Gesicht auf uns zubewegte. Wir sind vertraut. Nicht mehr. Man sieht sich und spricht bei jedem Sehen über Belangloses. Und mit der Zeit kennt man einander gut genug, dass einiges nicht gesagt werden muss, um einander zu verstehen. Unaufgeregt. Keine Ansagen an alle. Ein Ohr für die Zwischentöne, ein Auge für den Eindruck vom Gesamtbefinden. Sie kam zu uns an den Tisch: „Hallo Anna. Ich bringe eure Cappuccinos.“ Sie war ungewohnt rücksichtsvoll mit dem Tablett. Normalerweise knallte sie es auf den Tisch, lud ab und klemmte es gleich wieder unter den Arm. Dieses Mal lief es in Zeitlupe ab. Meine Gedanken forderten mehr, als dass sie sich sortierten. „Hallo Sylvia. Danke. Wir haben gar nicht bestellt.“
„Ich hab’ euch gesehen und aus der hohlen Hand geraten. War nicht schwer um diese Zeit. Abends hängt’s bei dir vom Wetter ab“, sagte sie mit ihrem robusten Schmunzeln, bei dem die Lippen sich kaum bewegen und schmal wirken. Ihr Lachen hat andere Dimensionen. Das steckt nicht nur an. Es nimmt einen Stadtplatz in Beschlag.
„Rat’ noch mal, Sylvia! Du kommst nicht drauf: Er will heiraten.“ Ich nickte seitwärts in Richtung meines Sohnes.
Sie wandte sich zu Junior: „Glückwunsch. Nimm sie! Keine Zeit verlieren! Lisa liebt dich. Das reicht. Mehr musst du nicht wissen.“
Mein Sohn erkannte zunehmend die Momente, in denen er sich goldrichtig verhielt, wenn er schwieg. Er hatte seinen Schuh im Visier. Das Kind war beschäftigt und behielt den Ausdruck eines Bären. Null Mimik. Du weißt nie, ob sie nur spielen wollen. Und wenn, steht in den Sternen, für wen es glimpflich ausgeht. Es waren nicht wirklich die Schnürsenkel, die den Mann kümmerten, dem vieles am Hintern vorbeieilt.
Ich lenkte mich mit Kaffee ab. Eigentlich egal, in was für einer Darreichungsform er dampft. Das passt bei jedem Wetter. Stimmungsbarometer halten dann eine Weile die Luft an.
Sylvia sah fragend zu mir. Ich wusste, es hatte nichts mit dem neuen Geschirr zu tun, das vor mir auf dem Tisch stand. Trotzdem verschaffte die Keramik mir Zeit, meine eigenen Tassen im Kopf zu sortieren. „Oh, ist das hübsch, Sylvia. Ihr bringt jetzt den Cappuccino mit Tablett? Dazu ein Glas Wasser. Und das Rosenmuster auf der Tasse passt so gut zur Stadt. Was ist denn in euch gefahren? Kaffeehauskultur? – Wie im Tamoselli in Salzburg? Wenn ihr auch noch eine Melange auf der Karte habt, überzieht ihr.“
„Keine Sorge. Bei uns ist es immer nur Geschäft. Du wirst merken, wo du bist.“ Sie ließ ihren Blick über die Stufengiebel der alten Häuser schweifen. „Ja, ne. Man muss mit der Zeit gehen. Bei Kaffee läuft sie rückwärts. Der Markt macht die Musik. Nicht, dass wir die sauteure italienische Luxusmaschine einmotten. Ich renne doch nicht mit Aufsatzfiltern und heißem Wasser an die Tische. Kann ich euch noch was bringen? – Anna? Erdbeerkuchen?“
„Sehr gern, Sylvia, vielen Dank. Was sagst du zu Juniors Absichten?“
„Sei froh. Anna. Wird langsam auch höchste Eisenbahn. Die denken wirklich, sie reifen im Alter. – Schönheit und Weisheit? Von wegen. Nichts da. Man bekommt nicht mehr. Nur die viele Wäsche.“ Sie hob ihren Kopf für einen flüchtigen, scharfen Blick: „Junior! Kuchen?“: „Junior! Kuchen?“
Der Herr an meinem Tisch schüttelte den Kopf. „Danke.“
Sylvia verschwand zurück in das Lokal. Ich sammelte mich beim Blick auf das ovale Tablett aus Metall.
Hach, ist das nett: Heute ist ein Herz auf dem Milchschaum. Schokopulver wurde einfach aus der Hüfte geschossen und in einem Rutsch drübergestreut. Durch ein Sieb? … Die Zauberei mit einem Stäbchen brauche ich nicht. Den Kaffee und die Milch zu verführen, damit ein Pfau zu erraten ist? … Das ist genauso meine Sache wie ein Friseur, der einen zu Tode berät. … So geht’s auch. So simpel, und es wabert doch gleich etwas Charme durch die Norddeutsche Tiefebene.
Mit einem schonenden Händchen für das Bild der Liebe führte ich die Tasse zum Mund. Kaffee hilft, wenn man ihn braucht. Die zweite Luft hat einen längeren Atem für das Wesentliche. Nach dem behutsamen Absetzen blieb das durch ein Sieb gepuderte Symbol erhalten. Coolness ist jetzt gefragt, Anna, sagte ich mir, bevor ein winziger Schreck zu einer fetten Befürchtung reifte.
„So ein Scheiß!“, stöhnte Junior. „Die Dinger sind nie gleich lang. Klettverschlüsse sind auch Mist. Wenn man haarende Hunde hat, geht’s da aber direkt vom Regen in die Traufe. Wie man es macht …“ Der Mann ohne Haustier beendete seine tiefgründigen Alltagsprobleme mit einem beherzten Ruck. Es folgten Knoten und Schleife und er sah seitlich zu mir auf. Die Mimik hatte er nicht verändert, aber sein Kinn war bewegungslos im Flatterhaften erstarrt.
„Mum, ohne Scheiß. Ich werde Lisa heiraten“, sagte Mayer Junior erneut. Die Schuhe saßen straff an den fürs Leben gerüsteten Füßen. Echte Lasten kannten sie, wenn überhaupt, aus dem Kino. Vertraut waren sie nur mit schnödem Gewicht – seinem eigenen.
Er schlürfte einen heftigen Zug vom Cappuccino. Auf sein Herz aus Schokopulver pfiff er – irgendwie. Er blies mit der Nase ungestüm aus und brachte es auf dem Schaum ins Schwanken. Loses Pulver zerstäubte sinnlos in meine Richtung. Mit dem ersten saugenden Schluck hatte der Heiratswillige das Herz komplett abgeräumt. Reste von Milchschaum retteten sich auf seiner Oberlippe, an den Mundwinkeln und der Nasenspitze. Junior behielt die Tasse in der Hand. Er sah über den Platz. Dabei wischte er sich den Mund durch langsames Zusammenstreifen von Daumen und Zeigefinger. Der Schaum an seiner Nase trocknete ab.
Meine Gedanken brauchten mehr Licht, um zu wachsen. Ich folgte seinem Blick. Da war nichts.
Wenn es wieder nicht gelingt, wie er es sich vorgestellt hatte – Schuhe – Ehe – Leben … Ich bin da. Der Himmelhund weiß es.
Es war ein sanft von der Sonne geküsster, bis zu diesem Moment spannungsarmer Tag im April. Wir saßen in der Mitte von Lüneburg unter einem zwanzigjährigen Ahornbaum mit lichtgrünem Laub in einer Kneipe von Freunden. Sie betrieben das Lokal schon einige Jahre. Bei ihnen packte die gesamte Familie mit an. Sie wichen sich nur aus, wenn der Gegenverkehr im Laden es erforderte. An den Kindern sah ich, wie die Zeit verging. – Eben noch in der Karre, bei Wetterumschwung wurde genörgelt. Jetzt Frau Wirtin spielen, weil sie gerade über den Tisch gucken kann.
Meine eigene Familie ist winzig. Das ist keine Garantie für ein beschauliches Leben. Mit Junior und mir waren die Mayers komplett unter dem Baum. Der Anlass für unser Gespräch an jenem Tag war eine Geschäftsreise nach Pescara in Italien. Ende Mai plante Junior, mit dem Auto an die Adria zum jährlichen Treffen eines Verbandes zu fahren. Ich hatte mich eingeplant. Der Grund war so simpel wie voreilig entscheidend: „Italien? Keine Frage. Ich bin dabei.“
Mit seinem beiläufigen Auftischen der Absicht zu heiraten war ich raus. Lisa hatte eigentlich geplant, im Juli wieder nach Lüneburg zu kommen.
Komisch: Da schneite eine Entscheidung ins Haus. Sie band zwei Leben aneinander. Und was waren meine ersten praktischen Gedanken? Der Urlaub ist hin. Abhaken von Kleinkram auf dem Nebengleis. Vielleicht ist es ein Mittel, Zeit zu gewinnen. Es ging mir nicht ums Verreisen. Krümel, die herumliegen, sauge ich weg.
Die luftleeren Momente der Ungewissheit fordern Reserven. Wenn ich einen Aufenthalt im Krankenhaus wittere, lege ich mich doch nicht ins Bett. Ich putze die komplette Bude, falls ich ein paar Wochen weg sein würde.
Die Hotelbuchung und die Anmeldung für das Meeting waren seit acht Monaten bestätigt. Im Raum stand eine frühere Abfahrt mit ein bis zwei Zwischenstopps. Meine Lust hielt sich dennoch in Grenzen. Mit Junior ist man nicht frei. Die Stimmung war wie die Vorfreude auf eine Italienreise mit Klassentreffen der Parallelklasse. Es war an der Zeit, wieder bei einem dieser Meetings zu erscheinen. Die meisten Teilnehmer kannte ich besser als mein Sohn. – Kunststück: Zu vorherigen Veranstaltungen ließ er sich gern von mir vertreten. Ich hatte mich mehrfach breitschlagen lassen und New York, New Orleans und Dubai erkundet. Es gibt Schlimmeres. Seine Flugangst war der einzige Grund für die Arbeitsteilung. Pescara ist bequem mit dem Auto zu erreichen. Junior kam hin, ohne sich in die Hosen zu machen. Geplant war ein Halt in Verona, ein Stopp in Venedig und ein Ausflug in die Abruzzen. Das Vorprogramm war naheliegend, weil wir es am Wegesrand oder in der Nachbarschaft pflücken konnten. Eine Planänderung im Hause Mayer stand außer Frage. Juniors Entscheidung zur Ehe schien nicht leichtfertig rausgehauen zu sein. Das Thema Reisen war vom Tisch. Ich hatte eine andere Gewichtsklasse von offenen Punkten auf dem Zettel.
Sylvia kam mit dem Erdbeerkuchen angerauscht. „Anna, hier dein Kuchen. Sieh zu, dass er vom Hof kommt.“
Ich sah sie fragend an und drückte mit der Kuchengabel seitlich gegen den locker federnden Kuchenboden. „Was ist mit dem Kuchen? Ist der von vorgestern?“
„Der Kuchen ist in Ordnung. Der ist frisch. Ich spreche von deinem Sohn. Nicht lange darüber grübeln. Du hast ein eigenes Leben. Lerne es kennen. Du hast es dir verdient. Dann kannst du alles rauslassen.“
„Wenn du wüsstest, was in mir los ist. Ich könnte heulen.“
„Du? In der Öffentlichkeit? Dazu musst du erst einmal frei sein. Fang mit ihm an. Er will doch heiraten.“
„Sylvia, ER sitzt hier und hört alles. Ich habe auch Gefühle“, sagte mein Sohn.
„Umso besser. Heiratet! Lisa wird dich schon zu nehmen wissen. Dann weht ein anderer Wind. Um deine Gefühle mache ich mir keine Sorgen. Du bist ein Glückspilz.“ Sylvia klopfte ihm mit einem prächtigen Schlag auf das Schulterblatt und sah wieder zu mir. „Anna, ich muss los. Wir sind unterbesetzt. Urlaub in der Vorsaison, bevor Lüneburg von Touristen vollläuft und wir jede Hand brauchen.“
Sie wurde durchtrennt.
Seine Absichten waren meine Hoffnung. Es bestand endlich eine Chance, ihn loszuwerden. Natürlich liebe ich Junior. – Aber … Er weckt den Wunsch nach Fernbeziehung.
All die Jahre. Und nun kam ein Lichtblick. Ich hatte keine Gelegenheit verpasst, ihn abzuschütteln. – Er klebte nicht an mir. Das hätte ich zum Teil als Kompliment werten können. Es war anders: Sein Körper und sein Geist waren als träge Massen nicht von der Stelle zu bewegen.
Junior wuchs als zauberhaftes, umgängliches Kind auf. Ein Sonnenschein – bis zum Stimmbruch. Mit den Jahren war aus ihm ein Mayer erwachsen. Mit allen Hochs und Tiefs war er durch die Pubertät gebrettert. Vor Hormonen strotzend und von Gefühlen besiegt folgte er seiner Bestimmung, als Irrläufer. Keine Beziehung hielt dauerhaft genug, um ihn in die Pflicht zu zwingen. Vieles an ihm hatte sich seither nicht geändert. Für die Babyklappe war er mit 187 Zentimetern zu lang. Hunderttausend Gramm sind eine Hausnummer – auf dem besten Weg zum Straßenzug. – Eine Erscheinung wie sein Vater. Seniors Selbstleuchten war nötig. Wo ein Mayer auftaucht, ist für Sonnenlicht kein Durchkommen. Mir egal. Als Ernährungsberaterin springe ich nicht über Schatten. Der Zug war abgefahren.
Wenn Mütter über ihre ledigen Söhne sprechen, kommt die Wahrheit unverblümt ans Licht. Kein Wort zu viel:
„Ach, das ist ihr Sohn, der ihnen die schwere Topfpflanze durch die Stadt nach Hause getragen hatte. Das ist aber nett von ihm“, sagte die Dame, die im Blumengeschäft im Münchner Rathaus arbeitete. Junior, der erkannt worden war, stand vor dem Laden. Wir hatten uns zuvor auf einen Cappuccino am Dom getroffen.
„Den können Sie haben“, antwortete ich, mit dem Kopf auf meinen Sohn weisend, ohne mich ihm zuzuwenden.
„Danke, nein. Ich habe selbst so einen.“
Ich hätte ihn schon mit sechzehn in gute Hände gegeben, aber er verkaufte sich nicht unter Preis. Seinen Marktwert sah er gleichmütig. Ich hatte keine Ahnung, worauf er aus war. Exzentrische Sammlerinnen von Mängelexemplaren? Postfrisch war Junior garantiert nicht mehr. Eher ungestempelt, durch etliche Hände weitergereicht, doch nie eingeworfen. Er blieb nicht haften und ich hatte ihn beim Zusammenfegen morgens wieder am Schalter. Sein Einsatz war gefragt. Bisher zeigte die vergilbende Marke mit dem Motiv ‚Mayer Junior‘ kein ernsthaftes Interesse.
Meine Hoffnung auf Erlösung keimte auf. Dem Anschein nach hatte ich Glück und diese Beziehung würde halten.
Naheliegend war schon sein Vater ein Mayer und von sich als Geschenk für die Menschheit eingenommen.
Ich hatte alles: Zeit, Ideen, Wärme und Liebe. Was ist daraus erwachsen? Ein Mayer. Und was für einer. Junior ist eine Schippe Mayer drauf. Dass er etwas älter als Lisa ist, bereitete mir keine Sorgen. Eher sein fehlendes Talent, sich zu streiten und sich wieder zu versöhnen. Geht es ihm gegen den Strich, neigt Junior zum stummen Paukenschlag. Der Zuschauer hört ihn nicht, aber der feinfühlenden Violinistin bläst er das Instrument aus der Hand. – Ich bin aufseiten der Töne von zartbesaiteter Herkunft.
∞ Schwiegertochter? – Alarm!
Herzen mit Schwung
Lüneburg
Es geht kaum besser: Urlaubsplanung ohne Druck in der Heimatstadt. Lüneburg ist mit seinen mittelalterlichen Backsteingiebeln selbst Ziel zahlloser Sehnsüchte. Im April auf der Straße zu sitzen und einen Abstecher nach Italien grob zu besprechen, hat etwas Luftig-Lässiges. Keinerlei Verpflichtungen oder Sorgen? Das ist Entspannung pur.
„Mum, ich werde Lisa heiraten“, sagte der Mann neben mir ohne Vorwarnung. Ich schreckte auf und sah ihn an. „Was?“, entwich es seiner Mutter. –Das bin dann wohl ich.
Der heiratswillige Kerl hatte ein Bein übers Knie gelegt und zupfte an der Schnürung seines Schuhs. Die Enden des Senkels waren nicht gleich lang. Er zupfte, verglich, zupfte … „Wie man’s macht: Einer zieht immer den anderen kürzer“, murmelte er mit beiden Fäden in der Hand.
Kürzer? Ich kam bei ihm in der Brutpflege nicht einmal bis zum letzten Loch, um darauf pfeifen zu können. Das ist typisch Junior. Er feiert selbst beim Binden von Schleifchen die für ihn endlose Zeit. Der hat also vor, zu heiraten. – Wie war das? Mein Sohn heiratet? Lisa ist nett. Sie kennen sich kaum.
Bei jedem Zupfen, mit dem er meine Geduld forderte, begriff ich deutlicher, was da auf mich zurollte.
In dem Lokal kannte ich die Belegschaft. So auch Sylvia, die sich mit strahlendem Gesicht auf uns zubewegte. Wir sind vertraut. Nicht mehr. Man sieht sich und spricht bei jedem Sehen über Belangloses. Und mit der Zeit kennt man einander gut genug, dass einiges nicht gesagt werden muss, um einander zu verstehen. Unaufgeregt. Keine Ansagen an alle. Ein Ohr für die Zwischentöne, ein Auge für den Eindruck vom Gesamtbefinden. Sie kam zu uns an den Tisch: „Hallo Anna. Ich bringe eure Cappuccinos.“ Sie war ungewohnt rücksichtsvoll mit dem Tablett. Normalerweise knallte sie es auf den Tisch, lud ab und klemmte es gleich wieder unter den Arm. Dieses Mal lief es in Zeitlupe ab. Meine Gedanken forderten mehr, als dass sie sich sortierten. „Hallo Sylvia. Danke. Wir haben gar nicht bestellt.“
„Ich hab’ euch gesehen und aus der hohlen Hand geraten. War nicht schwer um diese Zeit. Abends hängt’s bei dir vom Wetter ab“, sagte sie mit ihrem robusten Schmunzeln, bei dem die Lippen sich kaum bewegen und schmal wirken. Ihr Lachen hat andere Dimensionen. Das steckt nicht nur an. Es nimmt einen Stadtplatz in Beschlag.
„Rat’ noch mal, Sylvia! Du kommst nicht drauf: Er will heiraten.“ Ich nickte seitwärts in Richtung meines Sohnes.
Sie wandte sich zu Junior: „Glückwunsch. Nimm sie! Keine Zeit verlieren! Lisa liebt dich. Das reicht. Mehr musst du nicht wissen.“
Mein Sohn erkannte zunehmend die Momente, in denen er sich goldrichtig verhielt, wenn er schwieg. Er hatte seinen Schuh im Visier. Das Kind war beschäftigt und behielt den Ausdruck eines Bären. Null Mimik. Du weißt nie, ob sie nur spielen wollen. Und wenn, steht in den Sternen, für wen es glimpflich ausgeht. Es waren nicht wirklich die Schnürsenkel, die den Mann kümmerten, dem vieles am Hintern vorbeieilt.
Ich lenkte mich mit Kaffee ab. Eigentlich egal, in was für einer Darreichungsform er dampft. Das passt bei jedem Wetter. Stimmungsbarometer halten dann eine Weile die Luft an.
Sylvia sah fragend zu mir. Ich wusste, es hatte nichts mit dem neuen Geschirr zu tun, das vor mir auf dem Tisch stand. Trotzdem verschaffte die Keramik mir Zeit, meine eigenen Tassen im Kopf zu sortieren. „Oh, ist das hübsch, Sylvia. Ihr bringt jetzt den Cappuccino mit Tablett? Dazu ein Glas Wasser. Und das Rosenmuster auf der Tasse passt so gut zur Stadt. Was ist denn in euch gefahren? Kaffeehauskultur? – Wie im Tamoselli in Salzburg? Wenn ihr auch noch eine Melange auf der Karte habt, überzieht ihr.“
„Keine Sorge. Bei uns ist es immer nur Geschäft. Du wirst merken, wo du bist.“ Sie ließ ihren Blick über die Stufengiebel der alten Häuser schweifen. „Ja, ne. Man muss mit der Zeit gehen. Bei Kaffee läuft sie rückwärts. Der Markt macht die Musik. Nicht, dass wir die sauteure italienische Luxusmaschine einmotten. Ich renne doch nicht mit Aufsatzfiltern und heißem Wasser an die Tische. Kann ich euch noch was bringen? – Anna? Erdbeerkuchen?“
„Sehr gern, Sylvia, vielen Dank. Was sagst du zu Juniors Absichten?“
„Sei froh. Anna. Wird langsam auch höchste Eisenbahn. Die denken wirklich, sie reifen im Alter. – Schönheit und Weisheit? Von wegen. Nichts da. Man bekommt nicht mehr. Nur die viele Wäsche.“ Sie hob ihren Kopf für einen flüchtigen, scharfen Blick: „Junior! Kuchen?“: „Junior! Kuchen?“
Der Herr an meinem Tisch schüttelte den Kopf. „Danke.“
Sylvia verschwand zurück in das Lokal. Ich sammelte mich beim Blick auf das ovale Tablett aus Metall.
Hach, ist das nett: Heute ist ein Herz auf dem Milchschaum. Schokopulver wurde einfach aus der Hüfte geschossen und in einem Rutsch drübergestreut. Durch ein Sieb? … Die Zauberei mit einem Stäbchen brauche ich nicht. Den Kaffee und die Milch zu verführen, damit ein Pfau zu erraten ist? … Das ist genauso meine Sache wie ein Friseur, der einen zu Tode berät. … So geht’s auch. So simpel, und es wabert doch gleich etwas Charme durch die Norddeutsche Tiefebene.
Mit einem schonenden Händchen für das Bild der Liebe führte ich die Tasse zum Mund. Kaffee hilft, wenn man ihn braucht. Die zweite Luft hat einen längeren Atem für das Wesentliche. Nach dem behutsamen Absetzen blieb das durch ein Sieb gepuderte Symbol erhalten. Coolness ist jetzt gefragt, Anna, sagte ich mir, bevor ein winziger Schreck zu einer fetten Befürchtung reifte.
„So ein Scheiß!“, stöhnte Junior. „Die Dinger sind nie gleich lang. Klettverschlüsse sind auch Mist. Wenn man haarende Hunde hat, geht’s da aber direkt vom Regen in die Traufe. Wie man es macht …“ Der Mann ohne Haustier beendete seine tiefgründigen Alltagsprobleme mit einem beherzten Ruck. Es folgten Knoten und Schleife und er sah seitlich zu mir auf. Die Mimik hatte er nicht verändert, aber sein Kinn war bewegungslos im Flatterhaften erstarrt.
„Mum, ohne Scheiß. Ich werde Lisa heiraten“, sagte Mayer Junior erneut. Die Schuhe saßen straff an den fürs Leben gerüsteten Füßen. Echte Lasten kannten sie, wenn überhaupt, aus dem Kino. Vertraut waren sie nur mit schnödem Gewicht – seinem eigenen.
Er schlürfte einen heftigen Zug vom Cappuccino. Auf sein Herz aus Schokopulver pfiff er – irgendwie. Er blies mit der Nase ungestüm aus und brachte es auf dem Schaum ins Schwanken. Loses Pulver zerstäubte sinnlos in meine Richtung. Mit dem ersten saugenden Schluck hatte der Heiratswillige das Herz komplett abgeräumt. Reste von Milchschaum retteten sich auf seiner Oberlippe, an den Mundwinkeln und der Nasenspitze. Junior behielt die Tasse in der Hand. Er sah über den Platz. Dabei wischte er sich den Mund durch langsames Zusammenstreifen von Daumen und Zeigefinger. Der Schaum an seiner Nase trocknete ab.
Meine Gedanken brauchten mehr Licht, um zu wachsen. Ich folgte seinem Blick. Da war nichts.
Wenn es wieder nicht gelingt, wie er es sich vorgestellt hatte – Schuhe – Ehe – Leben … Ich bin da. Der Himmelhund weiß es.
Es war ein sanft von der Sonne geküsster, bis zu diesem Moment spannungsarmer Tag im April.
Wir saßen in der Mitte von Lüneburg unter einem zwanzigjährigen Ahornbaum mit lichtgrünem Laub in einer Kneipe von Freunden. Sie betrieben das Lokal schon einige Jahre. Bei ihnen packte die gesamte Familie mit an. Sie wichen sich nur aus, wenn der Gegenverkehr im Laden es erforderte. An den Kindern sah ich, wie die Zeit verging. – Eben noch in der Karre, bei Wetterumschwung wurde genörgelt. Jetzt Frau Wirtin spielen, weil sie gerade über den Tisch gucken kann.
Meine eigene Familie ist winzig. Das ist keine Garantie für ein beschauliches Leben. Mit Junior und mir waren die Mayers komplett unter dem Baum. Der Anlass für unser Gespräch an jenem Tag war eine Geschäftsreise nach Pescara in Italien. Ende Mai plante Junior, mit dem Auto an die Adria zum jährlichen Treffen eines Verbandes zu fahren. Ich hatte mich eingeplant. Der Grund war so simpel wie voreilig entscheidend: „Italien? Keine Frage. Ich bin dabei.“
Mit seinem beiläufigen Auftischen der Absicht zu heiraten war ich raus. Lisa hatte eigentlich geplant, im Juli wieder nach Lüneburg zu kommen.
Komisch: Da schneite eine Entscheidung ins Haus. Sie band zwei Leben aneinander. Und was waren meine ersten praktischen Gedanken? Der Urlaub ist hin. Abhaken von Kleinkram auf dem Nebengleis. Vielleicht ist es ein Mittel, Zeit zu gewinnen. Es ging mir nicht ums Verreisen. Krümel, die herumliegen, sauge ich weg.
Die luftleeren Momente der Ungewissheit fordern Reserven. Wenn ich einen Aufenthalt im Krankenhaus wittere, lege ich mich doch nicht ins Bett. Ich putze die komplette Bude, falls ich ein paar Wochen weg sein würde.
Die Hotelbuchung und die Anmeldung für das Meeting waren seit acht Monaten bestätigt. Im Raum stand eine frühere Abfahrt mit ein bis zwei Zwischenstopps. Meine Lust hielt sich dennoch in Grenzen. Mit Junior ist man nicht frei. Die Stimmung war wie die Vorfreude auf eine Italienreise mit Klassentreffen der Parallelklasse. Es war an der Zeit, wieder bei einem dieser Meetings zu erscheinen. Die meisten Teilnehmer kannte ich besser als mein Sohn. – Kunststück: Zu vorherigen Veranstaltungen ließ er sich gern von mir vertreten. Ich hatte mich mehrfach breitschlagen lassen und New York, New Orleans und Dubai erkundet. Es gibt Schlimmeres. Seine Flugangst war der einzige Grund für die Arbeitsteilung. Pescara ist bequem mit dem Auto zu erreichen. Junior kam hin, ohne sich in die Hosen zu machen. Geplant war ein Halt in Verona, ein Stopp in Venedig und ein Ausflug in die Abruzzen. Das Vorprogramm war naheliegend, weil wir es am Wegesrand oder in der Nachbarschaft pflücken konnten. Eine Planänderung im Hause Mayer stand außer Frage. Juniors Entscheidung zur Ehe schien nicht leichtfertig rausgehauen zu sein. Das Thema Reisen war vom Tisch. Ich hatte eine andere Gewichtsklasse von offenen Punkten auf dem Zettel.
Sylvia kam mit dem Erdbeerkuchen angerauscht. „Anna, hier dein Kuchen. Sieh zu, dass er vom Hof kommt.“
Ich sah sie fragend an und drückte mit der Kuchengabel seitlich gegen den locker federnden Kuchenboden. „Was ist mit dem Kuchen? Ist der von vorgestern?“
„Der Kuchen ist in Ordnung. Der ist frisch. Ich spreche von deinem Sohn. Nicht lange darüber grübeln. Du hast ein eigenes Leben. Lerne es kennen. Du hast es dir verdient. Dann kannst du alles rauslassen.“
„Wenn du wüsstest, was in mir los ist. Ich könnte heulen.“
„Du? In der Öffentlichkeit? Dazu musst du erst einmal frei sein. Fang mit ihm an. Er will doch heiraten.“
„Sylvia, ER sitzt hier und hört alles. Ich habe auch Gefühle“, sagte mein Sohn.
„Umso besser. Heiratet! Lisa wird dich schon zu nehmen wissen. Dann weht ein anderer Wind. Um deine Gefühle mache ich mir keine Sorgen. Du bist ein Glückspilz.“ Sylvia klopfte ihm mit einem prächtigen Schlag auf das Schulterblatt und sah wieder zu mir. „Anna, ich muss los. Wir sind unterbesetzt. Urlaub in der Vorsaison, bevor Lüneburg von Touristen vollläuft und wir jede Hand brauchen.“
Sie wurde durchtrennt.
Seine Absichten waren meine Hoffnung. Es bestand endlich eine Chance, ihn loszuwerden. Natürlich liebe ich Junior. – Aber … Er weckt den Wunsch nach Fernbeziehung.
All die Jahre. Und nun kam ein Lichtblick. Ich hatte keine Gelegenheit verpasst, ihn abzuschütteln. – Er klebte nicht an mir. Das hätte ich zum Teil als Kompliment werten können. Es war anders: Sein Körper und sein Geist waren als träge Massen nicht von der Stelle zu bewegen.
Junior wuchs als zauberhaftes, umgängliches Kind auf. Ein Sonnenschein – bis zum Stimmbruch. Mit den Jahren war aus ihm ein Mayer erwachsen. Mit allen Hochs und Tiefs war er durch die Pubertät gebrettert. Vor Hormonen strotzend und von Gefühlen besiegt folgte er seiner Bestimmung, als Irrläufer. Keine Beziehung hielt dauerhaft genug, um ihn in die Pflicht zu zwingen. Vieles an ihm hatte sich seither nicht geändert. Für die Babyklappe war er mit 187 Zentimetern zu lang. Hunderttausend Gramm sind eine Hausnummer – auf dem besten Weg zum Straßenzug. – Eine Erscheinung wie sein Vater. Seniors Selbstleuchten war nötig. Wo ein Mayer auftaucht, ist für Sonnenlicht kein Durchkommen. Mir egal. Als Ernährungsberaterin springe ich nicht über Schatten. Der Zug war abgefahren.
Wenn Mütter über ihre ledigen Söhne sprechen, kommt die Wahrheit unverblümt ans Licht. Kein Wort zu viel:
„Ach, das ist ihr Sohn, der ihnen die schwere Topfpflanze durch die Stadt nach Hause getragen hatte. Das ist aber nett von ihm“, sagte die Dame, die im Blumengeschäft im Münchner Rathaus arbeitete. Junior, der erkannt worden war, stand vor dem Laden. Wir hatten uns zuvor auf einen Cappuccino am Dom getroffen.
„Den können Sie haben“, antwortete ich, mit dem Kopf auf meinen Sohn weisend, ohne mich ihm zuzuwenden.
„Danke, nein. Ich habe selbst so einen.“
Ich hätte ihn schon mit sechzehn in gute Hände gegeben, aber er verkaufte sich nicht unter Preis. Seinen Marktwert sah er gleichmütig. Ich hatte keine Ahnung, worauf er aus war. Exzentrische Sammlerinnen von Mängelexemplaren? Postfrisch war Junior garantiert nicht mehr. Eher ungestempelt, durch etliche Hände weitergereicht, doch nie eingeworfen. Er blieb nicht haften und ich hatte ihn beim Zusammenfegen morgens wieder am Schalter. Sein Einsatz war gefragt. Bisher zeigte die vergilbende Marke mit dem Motiv ‚Mayer Junior‘ kein ernsthaftes Interesse.
Meine Hoffnung auf Erlösung keimte auf. Dem Anschein nach hatte ich Glück und diese Beziehung würde halten.
Naheliegend war schon sein Vater ein Mayer und von sich als Geschenk für die Menschheit eingenommen.
Ich hatte alles: Zeit, Ideen, Wärme und Liebe. Was ist daraus erwachsen? Ein Mayer. Und was für einer. Junior ist eine Schippe Mayer drauf. Dass er etwas älter als Lisa ist, bereitete mir keine Sorgen. Eher sein fehlendes Talent, sich zu streiten und sich wieder zu versöhnen. Geht es ihm gegen den Strich, neigt Junior zum stummen Paukenschlag. Der Zuschauer hört ihn nicht, aber der feinfühlenden Violinistin bläst er das Instrument aus der Hand. – Ich bin aufseiten der Töne von zartbesaiteter Herkunft.